{"id":5958,"date":"2010-06-22T07:27:46","date_gmt":"2010-06-22T05:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5958"},"modified":"2014-03-05T11:11:19","modified_gmt":"2014-03-05T10:11:19","slug":"aufgeblaehtes-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5958","title":{"rendered":"\u201eAufgebl\u00e4htes Wachstum\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Unsere gemeinsame Haltung ist: Wenn wir nicht zu einem nachhaltigen Wachstumspfad kommen, sondern wieder aufgebl&auml;htes Wachstum generieren, werden wir das durch eine n&auml;chste Krise bezahlen. Das ist unsere tiefe &Uuml;berzeugung.&ldquo; So fasst Angela Merkel das Ergebnis des Gespr&auml;chs er Bundesregierung mit der <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Mitschrift\/Pressekonferenzen\/2010\/06\/2010-06-21-bk-issing.html\">Expertengruppen &bdquo;Neue Finanzmarktarchitektur&ldquo; zusammen<\/a>. H&auml;tte es noch eines Belegs bedurft, dass Deutschland von dogmatischen &ouml;konomischen Irrlehren beherrscht wird, wie das Albrecht M&uuml;ller <a href=\"?p=5953\">gestern dargestellt hat<\/a>, dann wird er mit dem Pressestatement von Bundeskanzlerin Merkel, vom Leiter der &bdquo;Expertengruppe&ldquo; Otmar Issing und von Finanzminister Sch&auml;uble schwarz auf wei&szlig; nachgeliefert. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDa hatten wir 2009 einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von f&uuml;nf Prozent, da stieg die Wirtschaftsleistung im 1. Quartal gegen&uuml;ber dem Vorjahr gerade mal um 1,7 Prozent und das vor allem weil die deutschen Ausfuhren um 7,5 Prozent anstiegen und da spricht die Kanzlerin von &bdquo;aufgebl&auml;htem Wachstum&ldquo;. Was bl&auml;hte da denn auf?<\/p><p>Da sind die &ouml;ffentlichen Investitionen seit den 70er Jahren im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt r&uuml;ckl&auml;ufig und betragen in Deutschland gerade noch 1,5 Prozent des BIP (Durchschnitt Eurozone 2,5 %, Schweden 3,3%, Frankreich 3,2). Sie haben sich seit den 90er Jahre nahezu halbiert. Und dadurch soll Wachstum aufgebl&auml;ht worden sein?<\/p><p>Da erkl&auml;rt der Finanzminister nicht etwa die Finanzkrise sondern die zu hohe &ouml;ffentliche Verschuldung als &bdquo;eine der Hauptursache der Krise&ldquo; und sieht deshalb in der Begrenzung der Verschuldung einen &bdquo;wichtigen Anreiz f&uuml;r nachhaltiges Wachstum&ldquo;. Er will sich &bdquo;der internationalen Debatte&ldquo; selbstbewusst stellen. Das ist Selbstbewusstsein, das an Ignoranz grenzt, denn er wei&szlig;, dass er international mit dieser Umkehrung von Voraussetzung und Folge weitgehend allein steht (siehe den <a href=\"http:\/\/newsticker.sueddeutsche.de\/list\/id\/1002938\">Appell Obamas<\/a>). <\/p><p>Nach den viel zu klein angelegten Konjunkturprogrammen, die dennoch immerhin ein St&uuml;ck weit zur wirtschaftlichen Stabilisierung beigetragen haben, wird jetzt schon wieder auf eine &bdquo;Exit-Strategie&ldquo; gesetzt und wie in der Vergangenheit auf &bdquo;strukturelle Schw&auml;chen&ldquo; verwiesen, das hei&szlig;t auf &bdquo;Anreize f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung&ldquo;: &bdquo;Wir versuchen, unser System sozialer Hilfen daraufhin &uuml;berpr&uuml;fen, dass es Anreize f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung f&ouml;rdert&ldquo;, sagt Sch&auml;uble und meint damit die Streichung der &Uuml;bergangsgelder vom Alg I auf Hartz  IV, die Streichung des Elterngelds und der Heizungskostenpauschale f&uuml;r Hartz-IV-Empf&auml;nger. &bdquo;Anreize&ldquo; als zus&auml;tzlicher Druck auf Arbeitslose, auf die Annahme von Arbeit zu noch niedrigeren L&ouml;hnen und weiter verschlechterten Arbeitsbedingungen. <\/p><p>Das ist die Fortsetzung des bisherigen wirtschaftspolitischen Umverteilungs-Kurses, der ausschlie&szlig;lich auf Export setzt und egal ob die Bev&ouml;lkerung im Inland noch konsumieren und auf dem Binnenmarkt nachfragen kann. Die K&uuml;rzungen von 30 Milliarden im Sozialbereich bedeuten &ndash; nebenbei bemerkt  &ndash; ganz unmittelbar eine entsprechende Reduzierung der Kaufkraft und damit der Nachfrage im Inland. <\/p><p>Der &bdquo;Finanzarchitekt&ldquo; Otmar Issing sieht in der Exportorientierung und der dadurch verursachten &ouml;konomischen Ungleichgewichte nicht etwa ein Niederkonkurrieren unserer Nachbarn durch Lohndumping und Steuersenkungswahn: &bdquo;Wir sehen diese Ungleichgewichte nicht als Folge unterschiedliche Nachfrageentwicklungen in den einzelnen L&auml;ndern, sondern wir sehen dahinter tiefe strukturelle Unterschiede bzw. Schw&auml;chen.&ldquo; F&uuml;r ihn liegt also die Ursache der Ungleichgewichte darin, dass in den anderen L&auml;nder eben nicht gleichfalls die L&ouml;hne und die Steuern f&uuml;r die Unternehmen gesenkt worden sind. Die Frage, wer dann aber unsere sch&ouml;nen Produkte h&auml;tte noch abkaufen k&ouml;nnen und damit unsere Volkswirtschaft am laufen hielt, kommt in diesem in der Unternehmerlogik gefangenen Denken nicht vor.<\/p><p>Es sei &bdquo;die &ouml;konomische Vernunft, die dagegen spricht, die Defizite weiter zu erh&ouml;hen&ldquo; flankiert Otmar Issing das &bdquo;Sparpaket&ldquo; der Bundesregierung und stellt sich damit einmal mehr gegen die Vernunft der meisten internationalen &Ouml;konomen, die in der gegenw&auml;rtigen weltwirtschaftlichen Situation in staatlichen Sparprogrammen eine Gef&auml;hrdung der sich zaghaft erholenden Konjunktur sehen. <\/p><p>Nach Issings &bdquo;&ouml;konomischer Vernunft&ldquo; liegt die L&ouml;sung der &bdquo;gegenw&auml;rtigen Ungleichgewichte&ldquo; nicht darin, dass bei uns im Lande die Nachfrage steigt und erg&auml;nzend der Staat aktiv ins Wirtschaftsgeschehen eingreift und durch staatliche Nachfrage die Konjunktur stabilisiert und ankurbelt. Das w&uuml;rde nach Issings Auffassung nur &bdquo;das Vertrauen in die M&auml;rkte schw&auml;chen&ldquo;. Da ruft ein ertappter Casino-Spekulant &bdquo;haltet den Dieb&ldquo;. Issing tut gerade so, als habe nicht gerade das Vertrauen in die M&auml;rkte zur jetzigen Finanz- und Wirtschaftskatastrophe gef&uuml;hrt, sondern der durch die Banken- und Euro-Rettung Anstieg der &ouml;ffentlichen Verschuldung. <\/p><p>Issing wird ja nicht ohne Grund als &bdquo;Europas hoher Priester der monetaristischen Orthodoxie&ldquo; genannt. Seit Jahrzehnten ist Issing einer der radikalsten K&auml;mpfer f&uuml;r staatliche Einsparpolitiken und f&uuml;r die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung der staatlicher Stabilisierung labiler M&auml;rkte. Wenn er jetzt die Verschuldung der Staaten beklagt, so steht er vor dem Scherbenhaufen seines bornierten &ouml;konomischen Dogmas. <\/p><p>Seit den 90er Jahren hat ein Finanzminister nach dem anderen gespart und st&auml;ndig wurden neue Schulden aufgeh&auml;uft. Der Kern des &Uuml;bels liegt in der Leugnung der Tatsache, dass in einer Volkswirtschaft Sparabsicht und Sparerfolg zwei paar Schuhe sind. Seit mehreren Dekaden lebt Deutschland wegen einer falschen Wirtschaftspolitik  unter seinen Verh&auml;ltnissen. Das Ergebnis ist bekannt: Das Wachstum war vergleichsweise schwach, die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch, der private Konsum und die Binnennachfrage gering und die Sozialausgaben stiegen und die Verschuldung wuchs. <\/p><p>Die deutsche Politik bleibt weiter im Bann dieses Teufelskreises. Das ist eigentlich nichts Neues. <\/p><p>Das wirklich Erschreckende ist, dass es bei dem gestrigen Gespr&auml;ch offenbar vor allem um Wirtschafts- und Finanzpolitik und nur am Rande um das eigentliche Thema, n&auml;mlich der &bdquo;Neuen Finanzarchitektur&ldquo;ging. Dazu sollte eigentlich die Expertengruppe f&uuml;r die bevorstehenden Gipfeltreffen der G-8 und G-20-Staaten Ende Juni im kanadischen Toronto ihre Vorschl&auml;ge machen.<\/p><p>Es ist bezeichnend, dass dabei offenbar nicht die Regulierung des Bankensektors oder der Finanzm&auml;rkte im Vordergrund standen, sondern die &ouml;ffentliche Verschuldung und die Abwehr der internationalen Kritik an der ausschlie&szlig;lich auf Export orientierten deutschen Politik. <\/p><p>Von der Expertengruppe kam zu einer neuen Finanzmarktarchitektur offenbar nicht viel.<br>\nEs ging in dem Gespr&auml;ch &ndash; laut Kanzlerin &ndash;  vielmehr um die Vorschl&auml;ge der Bundesregierung zum Thema Bankenabgabe und zur Finanztransaktionssteuer. Dazu h&auml;tten die Experten der Regierung &bdquo;bestimmte Restriktionen genannt, auf die man achten m&uuml;sste, wenn man so etwas &uuml;berhaupt (!) in Betracht zieht&ldquo;, sagte Merkel. <\/p><p>Die Begeisterung der Experten f&uuml;r die Vorschl&auml;ge der Bundesregierung schien sich also sehr in Grenzen zu halten und alles was dazu angeraten wurde, ist, dass man &bdquo;gemeinsam vorgehen&ldquo; m&uuml;sse. Es ist das Schieben der Probleml&ouml;sungen auf die lange  Bank der internationalen Ebene und damit das Verschieben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. <\/p><p>Zur Finanztransaktionssteuer hat sich Issing gar nicht ge&auml;u&szlig;ert und bei der Bankenabgabe mahnt er eine Orientierung an der Risikostruktur von Bankaktivit&auml;ten an.<br>\nIhm schweben Wandelschuldverschreibungen vor, die nicht in einen Sicherungsfonds gehen, sondern unmittelbar an die Banken zur&uuml;ckgeleitet werden sollen. Die Dinge seien noch im Einzelnen zu kl&auml;ren, meinte Issing. <\/p><p>Derart schwammig sind also die Vorschl&auml;ge zur k&uuml;nftigen &bdquo;Finanzmarktarchitektur&ldquo; fast zwei Jahre nach dem Ausbruch der tiefgreifendsten Finanzkrise seit 80 Jahren. Es geht  um  Verschleppen und Hinhalten und zwischenzeitlich um die Schuldverlagerung auf die &ouml;ffentliche Finanz- und Wirtschaftspolitik. <\/p><p>Anderes war von Otmar Issing auch nie zu erwarten. Nach einer Karriere bei der deutschen Bundesbank wechselte er zur Europ&auml;ischen Zentralbank (EZB) und wurde einer der Hauptarchitekten des Euro. Issing sitzt im Aufsichtsgremium der deutschen Friedrich August von Hayek Stiftung, die eine neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung f&ouml;rdert. 2003 wurde Issing neben Margaret Thatcher der International Price der Friedrich Hayek Stiftung verliehen. Des Weiteren ist Issing Pr&auml;sident des &bdquo;Center for Financial Studies&ldquo; an der Universit&auml;t Frankfurt, das von der Gesellschaft f&uuml;r Kapitalmarktforschung getragen wird, die aus &uuml;ber 80 Banken, Versicherungen, Beraterfirmen und Wirtschaftsverb&auml;nden besteht. Issing schied im Juni 2006 aus der EZB aus und war vier Monate sp&auml;ter als Berater der Investmentbank Goldman Sachs t&auml;tig. F&uuml;r gew&ouml;hnlich untersagt die EZB eine solche T&auml;tigkeit innerhalb der ersten 12 Monaten nach dem Ausscheiden. Im Fall Issings wurde eine Ausnahme gemacht, da diese T&auml;tigkeit nichts mit dem Tagesgesch&auml;ft des Finanzdienstleisters zu tun habe. Finanzexperte Klaus C. Engelen bezeichnet Issings Ernennung zur Larosi&egrave;re-Kommission als &bdquo;strategisches Coup&ldquo; f&uuml;r Goldman Sachs, da Issings Rolle als Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Finanzkrise, der Wall-Street Gigant <a href=\"?p=3842\">in den wichtigsten neuen Expertengremien Europas sitze<\/a>.<\/p><p>Und dementsprechend sehen die Ratschl&auml;ge der Expertengruppe &bdquo;Neue Finanzarchitektur&ldquo; auch aus. Die &bdquo;Experten&ldquo; aus der Bankenlobby haben sich wieder einmal durchgesetzt und die Politik tanzt nach ihrer Pfeife.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Unsere gemeinsame Haltung ist: Wenn wir nicht zu einem nachhaltigen Wachstumspfad kommen, sondern wieder aufgebl&auml;htes Wachstum generieren, werden wir das durch eine n&auml;chste Krise bezahlen. Das ist unsere tiefe &Uuml;berzeugung.&ldquo; So fasst Angela Merkel das Ergebnis des Gespr&auml;chs er Bundesregierung mit der <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Mitschrift\/Pressekonferenzen\/2010\/06\/2010-06-21-bk-issing.html\">Expertengruppen &bdquo;Neue Finanzmarktarchitektur&ldquo; zusammen<\/a>. 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