{"id":59587,"date":"2020-03-25T10:00:43","date_gmt":"2020-03-25T09:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59587"},"modified":"2020-03-26T09:55:31","modified_gmt":"2020-03-26T08:55:31","slug":"auf-die-corona-infektionen-reagierte-russland-zuegig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59587","title":{"rendered":"Auf die Corona-Infektionen reagierte Russland z\u00fcgig"},"content":{"rendered":"<p>Deutsche Medien bezweifeln die offiziellen russischen Zahlen, legen aber keine eigenen Recherchen vor. W&auml;hrend das Virus auch genutzt wird, um Desinformation und Stimmungsmache zu betreiben, sind russische Hilfsg&uuml;ter in Italien eingetroffen. Derweil werden in Russland weitere Ma&szlig;nahmen gegen das Virus eingef&uuml;hrt. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1506\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59587-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59587-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200325_Auf_die_Corona_Infektionen_reagierte_Russland_zuegig_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Moskau wirkt in diesen Tagen sehr ruhig. Es gibt viel weniger Verkehr. Ein Gro&szlig;teil der B&uuml;roangestellten arbeitet jetzt von zuhause aus. Die Schulen sind geschlossen. Auch die U-Bahn ist erstaunlich leer. Immer h&auml;ufiger sieht man Menschen mit Masken. Versammlungen von mehr als 50 Personen sind untersagt. An diese Regel sollen sich auch die Moskauer Kinos und Restaurants halten. Die riesigen Einkaufszentren in Moskau sind noch ge&ouml;ffnet. Doch in diesen Zentren &ndash; wie auch in der U-Bahn &ndash; werden regelm&auml;&szlig;ig Desinfektionsma&szlig;nahmen durchgef&uuml;hrt. Fitness-Studios sind geschlossen. Die Nutzung von Wasserpfeifen in Restaurants und Bars wurde verboten.<\/p><p>Etwas Panik gab es vor einer Woche, als in Superm&auml;rkten pl&ouml;tzlich Regale mit Waren des t&auml;glichen Bedarfs leergekauft wurden. Besonders gefragt waren Buchweizen-Graupen und Klopapier. Es gibt jedoch keinerlei Versorgungsengp&auml;sse, einmal abgesehen von Atemschutzmasken. Die Kauf-Panik, die inzwischen wieder abgeklungen ist, h&auml;ngt damit zusammen, dass die Menschen eine st&auml;rkere Beschr&auml;nkung der Bewegungsfreiheit in der Stadt bef&uuml;rchtet hatten. <\/p><p><strong>Moskauer B&uuml;rgermeister: Alle &uuml;ber 65 bitte zuhause bleiben<\/strong><\/p><p>Am Montag forderte der Moskauer B&uuml;rgermeister alle Menschen &uuml;ber 65 Jahre auf, zuhause zu bleiben oder auf die Datscha zu fahren. Die alten Menschen bekommen von der Stadt 50 Euro f&uuml;r entstehende Mehraufwendungen. &Auml;ltere Menschen, die ihre Wohnungsbetriebskosten nicht bezahlen und deren Mobil-Telefone kein Guthaben mehr aufweisen, d&uuml;rfen auf Anweisung des B&uuml;rgermeisters nicht sanktioniert werden. Sozialdienste und Freiwillige sollen die Versorgung der alten Menschen &uuml;bernehmen, die gebeten werden, in ihren Wohnungen zu bleiben. <\/p><p>Dass Russland zu langsam auf die Corona-Krise reagiert hat, kann man nicht sagen. Es gab in Deutschland schon 3.300 Infizierte, als man am 13. M&auml;rz begann, Schulen zu schlie&szlig;en. Als der Moskauer B&uuml;rgermeister Sergej Sobjanin am 16. M&auml;rz anordnete, die Schulen der russischen Hauptstadt zu schlie&szlig;en, gab es nur 109 offiziell registrierte Corona-F&auml;lle. <\/p><p><a href=\"https:\/\/gisanddata.maps.arcgis.com\/apps\/opsdashboard\/index.html#\/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6\">Mit 495 Infizierten<\/a> und bisher einem Todesfall liegt Russland bei der Corona-Pandemie deutlich im unteren Bereich. &Uuml;ber die H&auml;lfte der in Russland Infizierten leben in Moskau. 93.000 Menschen stehen unter der Beobachtung der russischen Gesundheitsbeh&ouml;rde, weil sie aus &bdquo;Corona-L&auml;ndern&ldquo; eingereist sind oder Kontakt zu Infizierten hatten.<\/p><p>Die Disziplin der R&uuml;ckkehrer aus &bdquo;Corona-L&auml;ndern&ldquo; nach Russland bez&uuml;glich der vorgeschriebenen zwei Wochen langen Quarant&auml;ne ist offenbar nicht besonders hoch. Am Sonntag hatte die Leiterin der russischen Aufsichtsbeh&ouml;rde Rospotrebnadsor von der Regierung die Einf&uuml;hrung von Strafma&szlig;nahmen gegen Personen gefordert, welche die Quarant&auml;ne nicht einhalten. Daraufhin ordnete der russische Regierungschef Michail Mischustin an, dass bis Mittwoch solche Strafma&szlig;nahmen ausgearbeitet werden sollen. <\/p><p><strong>Deutsche Medien unzufrieden &uuml;ber die offiziellen Zahlen<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die ARD-Tagesschau ist die vergleichsweise niedrige Zahl von Corona-Infizierten in Russland Anlass f&uuml;r Misstrauen. Im Januar seien doch noch Arbeitsmigranten aus China nach Russland eingereist, schreibt Tagesschau.de unter Berufung auf eine &bdquo;Analyse der New York Times&ldquo;. Da werde doch etwas verschwiegen, vermutet Tagesschau.de. Doch eigene Recherchen in Moskauer Krankenh&auml;usern hat der &ouml;ffentlich-rechtliche Sender nicht gemacht. <\/p><p>Spiegel-Korrespondent Christian Esch meint, Wladimir Putin halte die Zahl der Infizierten k&uuml;nstlich niedrig, damit das Referendum &uuml;ber die russischen Verfassungs&auml;nderungen am 22. April wie geplant durchgef&uuml;hrt werden kann. Belege werden nicht genannt. Die geplante Verfassungs&auml;nderung bezeichnet der Spiegel-Korrespondent als &bdquo;stillen Staatsstreich&ldquo;, mit dem der Amtsinhaber seine Macht verl&auml;ngere. <\/p><p>Sicher kann man sich &auml;rgern, dass es in Russland noch keine Alternative zu Putin gibt. Aber was soll das Gerede von einem Staatsstreich, ohne auch nur einen einzigen konkreten Beweis daf&uuml;r zu nennen, dass in Russland die Verfassung gebrochen wird? Dass hier mit zweierlei Ma&szlig; gemessen wird, ist offensichtlich: In der Ukraine, wo es 2014 tats&auml;chlich einen Staatsstreich gab, will der Spiegel bis heute nicht eingestehen, dass ein gew&auml;hlter Pr&auml;sident mit Gewalt verjagt und die Verfassung gebrochen wurde. <\/p><p>Zustimmend zitiert der Spiegel-Korrespondent den russischen Oppositionspolitiker Aleksej Nawalny. Der hatte gesagt, Putin werde &ndash; um das Referendum durchzuf&uuml;hren &ndash; &bdquo;eine gro&szlig;e Zahl von Rentnern opfern, die sich anstecken und schwer erkranken&ldquo;. Putin sagte &uuml;brigens auch, wer nicht in die Wahllokale kommen kann, dem werde eine Wahlurne in die Wohnung gebracht. Das verschwieg der Spiegel nat&uuml;rlich. <\/p><p>Ob das Verfassungsreferendum am 22. April stattfinden kann, ist noch nicht sicher. Die &bdquo;Linke Front&ldquo; &ndash; eine der KPRF nahestehende Organisation unter F&uuml;hrung von Sergej Udalzow &ndash; fordert wegen des Corona-Virus eine Verschiebung des Referendums auf September. <\/p><p><strong>Der Tagesspiegel: Russland &bdquo;versch&auml;rft die Angst&ldquo;<\/strong><\/p><p>Schweres Gesch&uuml;tz fuhr am Sonnabend die Tagesspiegel-Redakteurin Claudia von Salzen auf. Sie behauptete, der Kreml nutze die Coronakrise aus, um &bdquo;die westlichen Gesellschaften von innen zu ersch&uuml;ttern&ldquo;. In dieser Krise versuchten &bdquo;russische Akteure, das Vertrauen der Menschen in das Gesundheitssystem zu besch&auml;digen und Panik und Angst zu versch&auml;rfen.&ldquo; Belege f&uuml;r russische W&uuml;hlt&auml;tigkeit wurden nicht genannt. <\/p><p>Vermutlich war es die russische Hilfe f&uuml;r Italien, welche die Scharfmacherin vom Tagesspiegel so erregt hatte. Am Sonnabend hatte der russische Pr&auml;sident mit dem italienischen Premierminister Guiseppe Conte telefoniert und die Bereitschaft bekr&auml;ftigt, operative Hilfe im Kampf gegen das Coronavirus zu leisten. <\/p><p>Das russische Verteidigungsministerium meldete, dass seit dem Wochenende vom Moskauer Milit&auml;rflughafen Tschkalowski bereits 14 Transportflugzeuge vom Typ Iljuschin-76 mit Atemger&auml;ten, Desinfektion-LKWs, sowie 100 &Auml;rzten und Virologen zu einem Milit&auml;rflughafen 30 Kilometer vor Rom geflogen sind. <\/p><p>Russischen Luftfahrt-Experten war aufgefallen, dass die russischen Transportflugzeuge nicht den direkten Weg &uuml;ber Polen nach Italien, sondern einen Umweg von 1.000 Kilometern &uuml;ber das Schwarze Meer flogen. Russische Zeitungen berichteten daraufhin, Polen habe seinen Luftraum f&uuml;r russische Milit&auml;rflugzeuge gesperrt, weil man offenbar davon ausgehe, dass diese Flugzeuge Milit&auml;rger&auml;t transportieren. Die Botschaft Polens in Moskau nannte den Vorwurf &bdquo;Desinformation&ldquo;. Moskau habe die &Uuml;berfl&uuml;ge nicht beantragt. <\/p><p><strong>Putin besucht neues Gro&szlig;krankenhaus vor Moskau<\/strong><\/p><p>In den USA war es der russische Botschafter Anatoli Antonow, der von Desinformation sprach. Antonow rief die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch auf, keine falschen Informationen &uuml;ber den Kampf gegen den Coronavirus in Russland zu verbreiten. <\/p><p>Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Kenneth Roth, hatte auf Twitter geschrieben, dass &bdquo;reiche Russen&ldquo; Maschinen zur k&uuml;nstlichen Beatmung der Lunge aufkaufen w&uuml;rden. Diese Maschinen fehlten dann f&uuml;r die einfachen Russen. <\/p><p>Der russische Botschafter in den USA forderte Human Rights Watch auf, &uuml;ber die Lungenbeatmungsger&auml;te in dem neuen Gro&szlig;krankenhaus Nr. 40 &bdquo;Kommunarka&ldquo; s&uuml;dlich von Moskau zu berichten. Am Dienstag besuchte Wladimir Putin das neue Krankenhaus, wo Corona-Patienten behandelt werden. Putin lobte das Krankenhauspersonal. Die Mediziner arbeiteten auf einem &bdquo;Kampfposten&ldquo;. <\/p><p>Der russische Ministerpr&auml;sident Michail Mischustin ordnete am Montag die Anschaffung von 5.700 Beatmungsmaschinen und anderem medizinischen Ger&auml;t zum Einsatz gegen das Coronavirus an. Die Ger&auml;te werden von zwei Tochterunternehmen des Staatskonzerns Rostech produziert. Das russische Fernsehen zeigte die modernen Produktionsanlagen. Der Auftrag hat ein Gesamtvolumen von 90 Millionen Euro. <\/p><p>Letzte Woche hatte Regierungschef Mischustin verk&uuml;ndet, dass Russland einen Krisenfond in H&ouml;he von 3,6 Milliarden Euro einrichten wird. Mit dem Geld sollen die Wirtschaft und die B&uuml;rger in der Coronakrise unterst&uuml;tzt werden. Der Premier erkl&auml;rte, in K&uuml;rze werde ein Online-Warnsystem f&uuml;r die B&uuml;rger eingerichtet. <\/p><p>Auch in Russland wurden in den letzten zehn Jahren Krankenh&auml;user geschlossen und zusammengelegt. Sollte die Corona-Epidemie in Russland gr&ouml;&szlig;ere Ausma&szlig;e annehmen, w&auml;re es n&ouml;tig, Betten freizumachen, <a href=\"https:\/\/novayagazeta.ru\/articles\/2020\/03\/21\/84427-s-samogo-nachala-prinimalis-neadekvatnye-resheniya\">meinte ein Arzt aus St. Petersburg<\/a> gegen&uuml;ber der Novaja Gaseta. Zwanzig Prozent der Kranken w&uuml;rden station&auml;r wegen Grippe-Viren behandelt. Das sei nicht richtig. Diese Personen k&ouml;nnten ihre Krankheit auch zuhause auskurieren.<\/p><p><strong>Sinken des Wirtschaftswachstums erwartet<\/strong><\/p><p>Experten erwarten wegen der drei Krisen, mit denen Russland zu k&auml;mpfen hat &ndash; Corona-Krise, &Ouml;lpreis-Verfall und Kurssturz des Rubel um zwanzig Prozent &ndash; einen R&uuml;ckgang des russischen Wirtschaftswachstums um drei Prozent. <\/p><p>Besonders schwierig kann es f&uuml;r die 18 Millionen Russen werden, die in Kleinbetrieben arbeiten. Die Regierung hat bisher f&uuml;r Unternehmen nur Erleichterungen im Bereich Steuern und Kredite versprochen. Russlands Finanzreserven sind nicht unbegrenzt. Durch die Abwertung des Rubel um etwa 20 Prozent in Folge des &Ouml;lpreisverfalls k&ouml;nnte der Nationale Wohlstandsfond, aus dem man in Krisenf&auml;llen bisher das Geld nahm, schnell abschmelzen. Auf der anderen Seite wird die russische Arbeitskraft durch den Kurs-Sturz des Rubel billiger. Das k&ouml;nnte Unternehmer animieren, mehr in Russland zu produzieren.<\/p><p>Titelbild: Olga_Shu \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b9e3829644904a188b5074f0d642e88b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Medien bezweifeln die offiziellen russischen Zahlen, legen aber keine eigenen Recherchen vor. W&auml;hrend das Virus auch genutzt wird, um Desinformation und Stimmungsmache zu betreiben, sind russische Hilfsg&uuml;ter in Italien eingetroffen. Derweil werden in Russland weitere Ma&szlig;nahmen gegen das Virus eingef&uuml;hrt. 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