{"id":5967,"date":"2010-06-23T08:38:22","date_gmt":"2010-06-23T06:38:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5967"},"modified":"2014-11-26T17:20:33","modified_gmt":"2014-11-26T16:20:33","slug":"privater-reichtum-oeffentliche-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5967","title":{"rendered":"Privater Reichtum \u2013 \u00f6ffentliche Armut"},"content":{"rendered":"<p>Nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Banken ist das Geldverm&ouml;gen der Deutschen im vergangenen Jahr um 239 Milliarden Euro gestiegen und erreichte <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geld-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2010-06-22.6439711400\">insgesamt 4,67 Billionen Euro<\/a>. Es w&auml;re interessant neben die &bdquo;Schuldenuhr&ldquo; eine &bdquo;Reichtumsuhr&ldquo; zu stellen, die den Zuwachs an Geldverm&ouml;gen in Deutschland in jeder Sekunde misst. Der Betrachter w&uuml;rde vermutlich staunen, dass die Reichtsumsuhr erheblich schneller laufen w&uuml;rde. Die Schulden der &ouml;ffentlichen Hand haben in den letzten 10 Jahren von 1.199 Milliarden Euro (1999) auf 1.657 Milliarden Euro (2009), also <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/statistik\/statistik_zeitreihen.php?lang=de&amp;open=&amp;func=row&amp;tr=BQ1720\">um 458 Milliarden zugenommen<\/a>. Das Geldverm&ouml;gen stieg im gleichen Zeitraum <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/bundesverband-deutscher-banken\/presse\/wirtschaftsgrafik\/wohlstand-in-deutschland-die-entwicklung-des-geldvermoegens\/files\/fileinnercontentproxy.2010-06-22.6908190587\">von 3.539 Milliarden Euro auf 4.672 Milliarden Euro<\/a>, also um 1.133 Milliarden Euro. Ein Anstieg des privaten Reichtums um zweieinhalbfache der &ouml;ffentlichen Schulden. Man k&ouml;nnte auch sagen, das Geldverm&ouml;gen der Kreditgeber ist fast um 1.133 Milliarden gestiegen, w&auml;hrend die Schuldenlast der Steuerzahler um 458 Milliarden gewachsen ist. Darin zeigt sich die ganze Perfidie, dass  die Bundesregierung mit ihrem &bdquo;Sparpaket&ldquo; das Geld nun gerade von denen holen will,  die in den letzten Jahren ihr einziges &bdquo;Verm&ouml;gen&ldquo;, n&auml;mlich ihre Arbeit verloren haben. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst die vollst&auml;ndige Meldung des Bankenverbandes:<\/p><blockquote><p>Das Geldverm&ouml;gen der Deutschen ist im vergangenen Jahr um 239 Mrd &euro; gestiegen und erreichte insgesamt 4,67 Billionen &euro;. 2008 war das Geldverm&ouml;gen noch in Folge der Finanzkrise gesunken. Vor allem das Aktienverm&ouml;gen war extrem kr&auml;ftig zur&uuml;ckgegangen und betrug Ende 2008 nur noch 169 Mrd &euro;. 2009 sind die Aktienbest&auml;nde (+ 12 Mrd &euro;) und vor allem die Investmentfondsanteile (+ 51 Mrd &euro;) der privaten Haushalte wieder etwas gestiegen. Beim Sparen und Vorsorgen setzen die Deutschen nach wie vor auf Sicherheit. Knapp 1,8 Billionen &euro; &ndash; und damit mehr als ein Drittel ihres Geldes &ndash; haben die Deutschen in Spar-, Sicht- und Terminanlagen angelegt oder als Bargeld zur Verf&uuml;gung. Die Geldanlagen bei Versicherungen (inkl. Pensionskassen, Pensionsfonds und berufsst&auml;ndische Versorgungswerke) betragen gut 1,3 Billionen &euro;. 364 Mrd &euro; sind in verzinslichen Wertpapieren angelegt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/100623_wie_sparen_die_deutschen.gif\" alt=\"Grafik: Wie sparen die Deutschen\" title=\"Wie sparen die Deutschen\"><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geld-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2010-06-22.6439711400\">Bankenverband<\/a><\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber die Verteilung des gesparten Geldverm&ouml;gens und wo der Anstieg von 239 Milliarden im vergangenen Jahr gelandet ist, sagt diese Statistik nat&uuml;rlich nichts aus.<br>\nUnbestreitbar ist, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen kaum Ersparnisse oder sogar eine negative Sparquote haben. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/16\/111\/1611158.pdf\">Kleine Anfrage der FDP aus dem Jahre 2008 [PDF &ndash; 194 KB]<\/a> kann man Folgendes entnehmen: <\/p><blockquote><p>Die aktuellen Daten (erhoben im Jahr 2003) zeigen, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen eine negative Sparquote haben. Mit steigendem Einkommen steigt die Sparquote kontinuierlich an. W&auml;hrend die Sparquote bei Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 900 Euro &ndash;11,8 Prozent betr&auml;gt, liegt sie bei Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 900 bis 1 300 Euro bei &ndash;0,5 Prozent. Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 1 300 bis 1 500 Euro, 1 500 bis 2 000 Euro, 2 000 bis 2 600 Euro haben Sparquoten von jeweils zwischen 0,5 Prozent und 4,4 Prozent. Bei Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 2 600 bis 3 600 Euro, 3 600 bis 5 000 Euro, 5 000 bis 18 000 Euro betragen die Sparquoten jeweils zwischen 9,0 Prozent und 21,8 Prozent.<\/p><\/blockquote><p>Das durchschnittliche verf&uuml;gbare Einkommen von Arbeitnehmern lag 2009 bei knapp <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Finanzierung\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbII16.pdf\">1.500 Euro pro Monat [PDF &ndash; 61 KB]<\/a>. Man kann also davon ausgehen, dass der Anteil der durchschnittlichen Einkommensbezieher an dem angesparten Geldverm&ouml;gen &auml;u&szlig;erst gering ist, selbst wenn man Geldanlagen bei der betrieblichen Altersversorgung mit einbezieht. <\/p><p>&Auml;hnlich sieht auch die Verteilung beim Gesamtverm&ouml;gen aus:<br>\n2007 besa&szlig; das reichste eine Prozent der Bundesb&uuml;rger 23% des gesamten Verm&ouml;gens in Deutschland. Die obersten 5% verf&uuml;gten gar &uuml;ber 46% und das reichste Zehntel kontrollierte 61,1%. F&uuml;r die Mehrheit bleibt nicht mehr viel &uuml;brig. Die unteren 70% kommen nicht einmal auf 9% vom Gesamtverm&ouml;gen. (Zitiert nach Ulrike Herrmann, Hurra wir d&uuml;rfen zahlen) <\/p><p>Soviel l&auml;sst sich aus den Geld- und Verm&ouml;gensverteilungsstatistiken entnehmen: Nicht die Verm&ouml;genden sind verarmt, sonder der Staat ist verarmt worden.<\/p><p>In der &ouml;ffentlichen Debatte oft &uuml;bersehen wird ein wichtiger Zusammenhang zwischen der steigenden &ouml;ffentlichen Verschuldung und dem steigenden privaten Geldverm&ouml;gen ausgeblendet. Die Steuersenkungen zugunsten der Verm&ouml;genden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zeigen ihre Wirkung. Der Staat verzichtet einerseits auf die Einnahme von Steuern aus sprudelnden Quellen und ist andererseits gezwungen, seine Unterfinanzierung &uuml;ber die Verschuldung wieder auszugleichen. Gleichzeitig profitieren die Verm&ouml;genden in zweifacher Hinsicht: Zum einen zahlen Spitzenverdiener und Verm&ouml;gende aufgrund der mehrfachen Senkung des Spitzensteuersatzes oder der Nichterhebung der Verm&ouml;gensteuer weniger Steuern. Zum zweiten sind sie die Gl&auml;ubiger der &ouml;ffentlichen Verschuldung und erhalten vom Staat daf&uuml;r gute Zinsen.<\/p><p>M&uuml;ssten nicht gerade diejenigen, die so oft auf die Schuldenuhr zeigen und das Schreckbild der Staatsverschuldung zur Begr&uuml;ndung f&uuml;r ihre Sparpolitik an die Wand malen, die Gruppen der Gesellschaft, die enorm hohe Ersparnisse haben, so besteuern, dass sie einen gr&ouml;&szlig;eren Teil der Schuldenlasten tragen? Statt dessen wurde genau f&uuml;r diese Gruppe in den vergangenen 10 Jahren  die Steuern massiv gesenkt. Mit dem &bdquo;Sparpaket&ldquo; holt nun der Staat das Geld, auf das er durch die Steuersenkungen verzichtet hat, gerade bei den kleinen Leuten, die nun wirklich den geringsten Verm&ouml;genszuwachs hatten und die sogar ihr einziges &bdquo;Verm&ouml;gen&ldquo;, n&auml;mlich ihre Arbeit verloren haben,  &uuml;ber die K&uuml;rzung des Sozialhaushalts wieder zur&uuml;ck. <\/p><p>Deutschland hat im europ&auml;ischen Vergleich eine der <a href=\"?p=2140\">niedrigsten Steuerquoten<\/a>. Die reale Steuerbelastung der Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen ist mit 21% die niedrigste im EU-Vergleich; in keinem anderen der 15 EU-Staaten au&szlig;er Deutschland ist zwischen 1995-2002 die reale Kapitalsteuerbelastung gesunken; die reale Steuerbelastung von Kapitalgesellschaften betrug 2003 nur rund 11%, f&uuml;r 2004 und 2005 lag die reale Ertragssteuer der Firmen bei 15%; die reale Besteuerung von Verm&ouml;gensbest&auml;nden in Deutschland ist in der EU mit Abstand am niedrigsten. Der Spitzensteuersatz wurde von 53 auf 42 % bzw. 45% gesenkt. Die &ldquo;gro&szlig;en Koalition&rdquo; hat dar&uuml;ber hinaus die Steuern aus <a href=\"?p=1638\">Zins- und Kapitalertr&auml;gen weiter abgesenkt<\/a>.<\/p><p>Die Statistik &uuml;ber den Anstieg des Geldverm&ouml;gens m&uuml;sste Anlass sein, auch und gerade die Wohlhabenden in diesem Land zum Abbau der Schulden heranzuziehen.<br>\nDazu g&auml;be es zahlreiche Hebel:<\/p><ul>\n<li>Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer<\/li>\n<li>Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer, die in der Zeit der Regierung Kohl abgeschafft worden ist.<\/li>\n<li>Wiedereinf&uuml;hrung der Gewerbekapitalsteuer, die ebenfalls in der Regierungszeit von Helmut Kohl abgeschafft wurde.<\/li>\n<li>Erh&ouml;hung der K&ouml;rperschaftssteuer<\/li>\n<li>Streichung der Steuerfreiheit f&uuml;r Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen.<\/li>\n<li>Aufhebung der Steuerfreiheit im Bereich der Finanzdienstleistungen.<\/li>\n<li>Wirksame Erbschaftsbesteuerung statt der weiteren Lockerung.<\/li>\n<li>Wiedereinf&uuml;hrung der B&ouml;rsensatzsteuer<\/li>\n<li>Angleichung der Steuers&auml;tze f&uuml;r Zins- und Verm&ouml;genseink&uuml;nfte an die Steuers&auml;tze der Einkommensteuer.<\/li>\n<\/ul><p>Im &Uuml;brigen:<br>\nGerade heute wurde &uuml;ber die Nachrichten verbreitet, dass der Bund 20 Milliarden weniger Schulden machen muss als im Bundeshaushalt f&uuml;r 2010 veranschlagt wurde.<br>\nAls Grund f&uuml;r die g&uuml;nstigere Entwicklung im Bundeshaushalt wird vor allem die konjunkturelle Erholung genannt. Dadurch seien die Steuereinnahmen gestiegen und gleichzeitig m&uuml;ssten geringere Zusch&uuml;sse an die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit geleistet werden.<br>\nDas ist ein weiterer Beleg daf&uuml;r, dass die effektivste Sparpolitik eine aktive Wirtschaftspolitik ist. Bei einem mageren Wachstum von 1,7 % konnte der Haushalt schon fast doppelt so hoch entlastet werden, wie durch das gesamte &bdquo;Sparpaket&ldquo; eingespart werden sollen.<br>\nStatt die gesamte politische Energie und die &ouml;ffentliche Debatte darauf zu beschr&auml;nken, wie Geld bei den &Auml;rmsten der Armen eingespart werden kann, w&auml;re viel mehr gewonnen, wenn sich die Bundesregierung endlich um eine aktive Konjunktur- und  Besch&auml;ftigungspolitik k&uuml;mmern w&uuml;rde. Aber das Gegenteil geschieht. Siehe den gestrigen Beitrag <a href=\"?p=5958\">&bdquo;Aufgebl&auml;htes Wachstum&ldquo;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Banken ist das Geldverm&ouml;gen der Deutschen im vergangenen Jahr um 239 Milliarden Euro gestiegen und erreichte <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geld-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2010-06-22.6439711400\">insgesamt 4,67 Billionen Euro<\/a>. Es w&auml;re interessant neben die &bdquo;Schuldenuhr&ldquo; eine &bdquo;Reichtumsuhr&ldquo; zu stellen, die den Zuwachs an Geldverm&ouml;gen in Deutschland in jeder Sekunde misst. Der Betrachter w&uuml;rde vermutlich staunen, dass die Reichtsumsuhr<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5967\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,137,132,30],"tags":[413,667,325,278,520,291],"class_list":["post-5967","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-schlanker-staat","tag-sparpaket","tag-staatsschulden","tag-steuersenkungen","tag-vermoegensteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5967","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5967"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20973,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5967\/revisions\/20973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5967"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5967"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}