{"id":59776,"date":"2020-03-31T14:59:23","date_gmt":"2020-03-31T12:59:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59776"},"modified":"2020-04-09T08:57:21","modified_gmt":"2020-04-09T06:57:21","slug":"maximale-massnahmen-auf-basis-minimaler-gewissheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59776","title":{"rendered":"Maximale Ma\u00dfnahmen auf Basis minimaler Gewissheit"},"content":{"rendered":"<p>T&auml;glich werden in der Coronakrise von den Medien scheinbar pr&auml;zise Zahlen zu den Infizierten und den Todesf&auml;llen verk&uuml;ndet. Daraus rechnet man dann den Zuwachs und die Sterblichkeitsrate aus. Wenig bekannt ist indes, dass all diese Zahlen nur mehr oder weniger grobe Sch&auml;tzwerte sind. Das ist vor allem deshalb hochproblematisch, da die Politik auf Basis genau dieser Sch&auml;tzwerte und den darauf aufbauenden Modellen weitreichende Ma&szlig;nahmen verabschiedet. Und dieses Problem geht weit &uuml;ber Deutschland hinaus. Weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene gibt es Institute oder Organisationen, die zur Zeit in der Lage sind, die relevantesten Daten zusammenzustellen, anhand derer die Politik die Weichen stellen muss. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59776-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59776-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200331_Maximale_Massnahmen_auf_Basis_minimaler_Gewissheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch das NachDenkSeiten-Interview mit dem Statistiker Gerd Bosbach: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59617\">Solchen Wissenschaftlern w&uuml;rde ich gerne Kamera oder Mikrofon entziehen<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><p><strong>Wie viele &bdquo;Infizierte&ldquo; haben wir eigentlich?<\/strong><\/p><p>Laut Robert Koch-Institut <a href=\"https:\/\/corona.rki.de\/\">hat<\/a> Deutschland zur Zeit (31. M&auml;rz, 10:00) 61.913 &bdquo;Covid-19-F&auml;lle&ldquo;. Die vielzitierte John Hopkins Universit&auml;t <a href=\"https:\/\/gisanddata.maps.arcgis.com\/apps\/opsdashboard\/index.html#\/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6\">meldet<\/a> zum gleichen Zeitpunkt 66.885 &bdquo;best&auml;tigte F&auml;lle&ldquo;. Beide Zahlen basieren auf den offiziellen Daten der Gesundheits&auml;mter. Diese Daten sind jedoch nicht f&uuml;r eine tiefergehende Bewertung geeignet.<\/p><p>Die Zahlen beschreiben nicht etwa die Infizierten, sondern vielmehr nur die Zahl der Infizierten, die gleichzeitig positiv auf das Virus getestet wurden. Um diese Zahl bewerten zu k&ouml;nnen, muss man sich die Frage stellen, wer in Deutschland denn &uuml;berhaupt getestet wird. Dazu muss man zwei Bedingungen erf&uuml;llen. Zum einen sollen, wie es der RKI-Pr&auml;sident Lothar Wieler <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/111346\/RKI-Aufenthalt-in-COVID-19-Risikogebiet-nicht-mehr-Kriterium-fuer-Test-auf-SARS-CoV-2\">formuliert<\/a>, &bdquo;nur Patienten getestet werden, die akute respiratorische Symptome zeigen&ldquo; und zus&auml;tzlich entweder Kontakt zu einem best&auml;tigten Covid-19-Fall hatten, in der Pflege oder einer Arztpraxis arbeiten oder einer Risikogruppe angeh&ouml;ren. Damit scheiden die meisten potentiellen Kandidaten bereits aus.<\/p><p>Diese Kriterien sind aus politischer Sicht ja auch durchaus nachvollziehbar, schlie&szlig;lich sind die Testkapazit&auml;ten begrenzt und man muss Priorit&auml;ten setzen. Doch so verst&auml;ndlich die selektive Auswahl der Testpersonen ist, so unverst&auml;ndlich ist, dass die positiven Testergebnisse aus dieser streng limitierten Gruppe als belastbare Zahl der &bdquo;Infizierten&ldquo; missinterpretiert und die Bundesregierung und die Landesregierungen anhand dieser Zahl die Wirksamkeit der beschlossenen Ma&szlig;nahmen bewerten will. Daf&uuml;r ist diese Zahl schlichtweg ungeeignet:<\/p><ul>\n<li>Sie bildet nur einen Teil der gesamten Infizierten ab<\/li>\n<li>Sie ist nicht repr&auml;sentativ und die Testkriterien &auml;ndern sich stetig<\/li>\n<li>Sie h&auml;ngt ganz wesentlich von der Zahl der Tests ab, die deutlich zunimmt<\/li>\n<\/ul><p>Wenn das RKI also meldet, die Zahl der Covid-19-F&auml;lle habe gegen&uuml;ber dem Vortag um 4.615 zugenommen, so ist dies streng genommen eine mehr oder weniger zuverl&auml;ssige Sch&auml;tzung, die jedoch in jedem Fall deutlich unter der &bdquo;echten&ldquo; Zahl liegt. Doch wie weit? <\/p><p><strong>Wie hoch ist die Dunkelziffer?<\/strong><\/p><p>Um als Politiker oder als interessierter B&uuml;rger die Ma&szlig;nahmen der Politik bewerten zu k&ouml;nnen, ist es daher unerl&auml;sslich, zumindest eine grobe Ahnung davon zu bekommen, in welchem Ma&szlig; diese Zahl ungenau ist. Und genau hier geben weder RKI, noch ECDC oder gar die WHO eine pr&auml;zise Angabe. Im Gegenteil. In ihrem <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Steckbrief.html\">Steckbrief<\/a> sagen die RKI-Forscher selbst, dass &bdquo;die tats&auml;chliche Anzahl Erkrankter h&auml;ufig gesch&auml;tzt werden m&uuml;sse&ldquo; und verweisen auf zwei chinesische Studien, die den Anteil der erfassten Infizierten auf 5 % bzw. 9,2 % sch&auml;tzen. Eine derart hohe &bdquo;Untererfassung&ldquo; ist m&ouml;glich, da ein gro&szlig;er Teil der Infizierten &ndash; auch hierzu gibt es keine pr&auml;zisen Daten &ndash; symptomfrei bleibt und gar nicht mitbekommen kann, dass er an Covid-19 erkrankt ist oder war. Die RKI-Forscher schreiben dazu: &bdquo;Somit w&auml;re die Anzahl an Infizierten um einen Faktor 20 bzw. 11 gr&ouml;&szlig;er als angegeben&ldquo;. Basierend auf diesen Einsch&auml;tzungen des RKI l&auml;ge also die tats&auml;chliche Anzahl der Infizierten in Deutschland zwischen 681.043 und 1.238.260. Ist das realistisch? Das ist nicht seri&ouml;s zu sagen, da es keinen Vergleichswert gibt und weder die Kriterien noch die H&auml;ufigkeit der Tests in Deutschland mit den Daten aus China vergleichbar ist. Man kann anhand dieser Sch&auml;tzung lediglich ahnen, dass die tats&auml;chliche Zahl der Infizierten wesentlich h&ouml;her ist als die offiziellen Fallzahlen der Gesundheits&auml;mter.<\/p><p>Daraus ergibt sich jedoch ein ganzer Rattenschwanz an Folgen. Denn wenn die Zahl der Infizierten viel h&ouml;her als angegeben ist, ist auch die Sterbeziffer niedriger. Gleichzeitig ist dann auch die Quote der moderat und kritisch verlaufenden Krankheitsverl&auml;ufe deutlich geringer, da diese F&auml;lle im deutschen Gesundheitssystem in der Regel ja meist &ndash; aber auch nicht immer &ndash; erfasst werden. Und diese Gr&ouml;&szlig;e ist bei der Bewertung der Ma&szlig;nahmen elementar.<\/p><p><strong>Sterbeziffer &ndash; eine Variable, die man erst einmal vergessen sollte<\/strong><\/p><p>Eine weitere Zahl, die h&auml;ufig in der Debatte genannt wird, ist die Sterbeziffer &ndash; wahlweise auch als Mortalit&auml;t, Letalit&auml;t oder Fallsterberate angegeben. Diese Zahl schwankt dabei in einem gewaltigen Korridor zwischen 0,7% (China) und 11,4% (Italien) und ist vor dem Ende der Pandemie ohnehin als Indikator nicht sonderlich gut zu gebrauchen. Das liegt daran, dass sowohl Z&auml;hler als auch Nenner nicht genau bestimmbar sind. Der Nenner ist hier die Zahl der Infizierten, die &ndash; wie bereits erw&auml;hnt &ndash; erstmal eine Sch&auml;tzung ist. Der Z&auml;hler ist die Zahl der Sterbef&auml;lle und w&auml;hrend bei anderen Krankheiten die kausale Zuordnung eines Todesfalls vergleichsweise einfach ist, gestaltet sich das bei Covid-19 nicht ganz so einfach. Das Gros der Opfer geh&ouml;rt zur Risikogruppe der multimorbiden Hochbetagten und wenn eine Person aus dieser Gruppe stirbt, muss nach den g&auml;ngigen Definitionen des RKI oder auch der italienischen Beh&ouml;rden nur ein positiver Befund auf Sars-Cov-2 vorliegen und schon wird aus dem Sterbefall ein Covid-19-Toter. Die Kriterien, die beispielsweise als Vorbedingungen f&uuml;r die Tests gelten, wie das Vorliegen eines akuten respiratorischen Symptoms oder einer Pneumonie, gelten bei der Todesursachenbestimmung erstaunlicherweise nicht. RKI-Pr&auml;sident Wieler formulierte es folgenderma&szlig;en: &bdquo;Bei uns gilt als Corona-Todesfall jemand, bei dem eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen wurde.&ldquo; <\/p><p>Es sind jedoch nicht nur die &bdquo;offiziellen&ldquo; Stellen, die mit diesen Zahlen unsauber umgehen. Auch zahlreiche &bdquo;Kritiker&ldquo; ordnen diese Zahlen fragw&uuml;rdig ein und bewerten die Gefahr f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung anhand der statischen Zahlen. Auch das ist manipulativ, da die eigentliche Gefahr ja in der Dynamik liegt. Gerne wird von &bdquo;Kritikern&ldquo; auch vergessen, dass die Sterbeziffer keine medizinisch determinierte Konstante, sondern eine Variable ist, die sich aus zahlreichen Faktoren zusammensetzt. Dazu geh&ouml;ren im Falle Covid-19 Umweltfaktoren wie die Luftverschmutzung, soziale Faktoren wie der Anteil der Raucher, demografische Faktoren wie die Altersstruktur einer Gesellschaft und als wohl mit Abstand wichtigster Faktor die Leistungsf&auml;higkeit der Gesundheitssystems. <\/p><p>So lange jeder schwere Fall optimal klinisch behandelt werden kann, ist die Chance, die Krankheit zu &uuml;berleben, nat&uuml;rlich deutlich h&ouml;her. Dies erkl&auml;rt zum Teil die geringen Sterbeziffern, die momentan aus Deutschland, Japan und S&uuml;dkorea vermeldet werden. Sobald das medizinische System an seine Grenzen ger&auml;t und nicht mehr alle schweren F&auml;lle intensivmedizinisch und auch die moderat verlaufenden F&auml;lle nicht mehr optimal behandelt werden k&ouml;nnen, steigen aber auch automatisch die Sterbeziffern. Dies zeigen die hohen Zahlen aus Wuhan, der Lombardei und der Region Madrid. Egal welche Definition man nimmt &ndash; Letalit&auml;t, Mortalit&auml;t oder Fallsterberate sind bei Covid-19 eine Variable, deren Gr&ouml;&szlig;e ganz ma&szlig;geblich davon abh&auml;ngt, ob die medizinische Maximalversorgung gew&auml;hrleistet werden kann. Dies ist wiederum das Ergebnis von politischen Ma&szlig;nahmen, wie der Eind&auml;mmung der Neuinfizierungen, die der <a href=\"https:\/\/medium.com\/@maxbalbach\/coronavirus-warum-du-jetzt-handeln-musst-fb26b1ccb207\">&bdquo;Flatten-the-Curve-Strategie&ldquo;<\/a> zugrunde liegt. So kommt es zur seltsamen Situation, dass man mit einer viel zu hohen Sterbeziffer politische Ma&szlig;nahmen provoziert, die ihrerseits dazu f&uuml;hren, dass die Sterbeziffer massiv sinkt. Sollte die Politik also alles richtig machen, wird die Sterbeziffer am Ende so niedrig sein, dass sich diejenigen im Recht f&uuml;hlen, die von Anfang an der Meinung waren, Covid-19 sei ein besserer Husten. H&auml;tte die Politik jedoch auf diese Fraktion geh&ouml;rt und keine Ma&szlig;nahmen ergriffen, w&auml;re die Sterbeziffer am Ende so hoch, dass die Fraktion der Mahner sich postum im Recht f&uuml;hlen kann. Eine vertrackte Situation, die sich jedoch schnell l&ouml;sen l&auml;sst, wenn man die Sterbeziffer endlich als dynamische Variable und nicht als &bdquo;gottgegebene&ldquo; Konstante begreift oder diese Gr&ouml;&szlig;e am besten erst einmal ganz vergisst. <\/p><p><strong>Flatten the curve &hellip; sch&ouml;n gesagt, aber von welcher Kurve ist hier die Rede?<\/strong><\/p><p>Alleine schon aufgrund der massiven Sch&auml;den, die ein Lockdown anrichtet, ist es jedoch nicht damit getan, aufs Geratewohl an Stellschrauben zu drehen, ohne die Folgen m&ouml;glichst genau beziffern zu k&ouml;nnen. Und dies ist auch die Achillesferse des &bdquo;Flatten-the-curve-Modells&ldquo;, das au&szlig;er Schweden[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] mittlerweile alle L&auml;nder der Welt verfolgen. Kern dieses Modells ist es, die Zahl der Infektionen so zu steuern, dass die Zahl der schweren Krankheitsverl&auml;ufe zu keinem Zeitpunkt die Kapazit&auml;ten des jeweiligen Gesundheitssystems &uuml;berschreitet. Das ist jedoch eine echte Herkulesaufgabe &ndash; vor allem dann, wenn man keine verl&auml;sslichen Daten hat.<\/p><p>Um die Zahl der intensivmedizinisch betreuten F&auml;lle zu steuern, m&uuml;sste man erst einmal wissen, wie hoch der Anteil der Patienten ist, die station&auml;r oder sogar intensivmedizinisch betreut werden m&uuml;ssen. Und hier tappen RKI, ECDC und WHO weitestgehend im Dunkeln. Zun&auml;chst w&auml;re es wichtig, erst einmal zu wissen, wie hoch der Anteil der Infizierten ist, der station&auml;r behandelt werden muss. Da wir die Zahl der Infizierten nicht kennen, scheitert dieses Vorhaben bereits an dieser Stelle. Was man jedoch tun kann, ist Sch&auml;tzungen auf Basis von Sch&auml;tzungen vorzunehmen. So nennt die ECDC in diesem Zusammenhang eine &bdquo;Krankenhausquote&ldquo; von durchschnittlich 30%, wobei das Intervall der Einzelwerte aus den europ&auml;ischen Staaten von 11% bis 41% reicht. Auf die deutschen Zahlen bezogen, k&ouml;nnten wir also zum heutigen Stichtag bei 6.810 bis 25.384 (11% bzw. 41% von 61.913) Corona-Patienten in den Krankenh&auml;usern rechnen. Aktuell sind es lt. RKI &uuml;brigens &bdquo;nur&ldquo; 4.904 F&auml;lle. Diese Zahlen und Quoten beziehen sich jedoch auf die Zahl der positiv Getesteten und nicht auf die Zahl der Infizierten und beinhaltet auch nicht die Untererfassung. Dennoch ist die Untererfassung ja Fakt. Dies l&auml;sst nur den Schluss zu, dass die &bdquo;echte&ldquo; Quote schwerer F&auml;lle, die station&auml;r behandelt werden m&uuml;ssen, in Deutschland gem&auml;&szlig; der vom RKI genannten Untererfassungsquote vielmehr bei 0,4% bis 0,7% liegen d&uuml;rfte. Das w&uuml;rde jedoch voraussetzen, dass die deutschen Fallzahlen einer genau so hohen Dunkelziffer gegen&uuml;berstehen w&uuml;rden wie die chinesischen. Eine Annahme, die man weder logisch noch seri&ouml;s belegen kann. Wir tappen also einmal mehr im Dunkel. Aber wie wollen wir die station&auml;ren F&auml;lle anhand der Neuinfektionen steuern, wenn wir beide Gr&ouml;&szlig;en nicht kennen?<\/p><p>Das Ziel, die Neuinfektionen ausreichend einzud&auml;mmen, dass die schweren Verlaufsf&auml;lle die Kapazit&auml;ten des Gesundheitssystems nicht sprengen und zu Verh&auml;ltnissen f&uuml;hren, die wir zur Zeit in der Lombardei und im Elsass anschauen m&uuml;ssen, ist richtig und wichtig. Wenn man aber kein einziges der Parameter kennt, kann man auch nicht wissen, welche Stellschraube man in welchem Ma&szlig; bet&auml;tigen muss. Man trifft mit minimaler Gewissheit Entscheidungen, die maximale Auswirkungen haben k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Gibt es keine pr&auml;ziseren Daten?<\/strong><\/p><p>Dabei g&auml;be es durchaus Mittel und Wege, sich im Nebel ein wenig Sicht zu verschaffen. Mit dem Kreuzfahrtschiff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/COVID-19-Pandemie#Diamond_Princess\">Diamond Princess<\/a> gibt es immerhin eine Datenquelle, die zur Bewertung durchaus brauchbar ist. Die 3.600 Passagiere und Crewmitglieder wurden l&uuml;ckenlos getestet und am Ende der Quarant&auml;ne lag die Zahl der Infizierten bei 706, von denen 32 einen kritischen Verlauf hatten und sechs verstarben. Hier lag die Quote der intensivmedizinisch zu betreuenden Patienten also bei 4,5% und die Morbidit&auml;t bei 0,9%, wobei man jedoch ber&uuml;cksichtigen muss, dass die Passagiere des Kreuzfahrtschiffs sicherlich einen h&ouml;heren Altersschnitt als die Gesamtbev&ouml;lkerung aufweisen. Als N&auml;herungswert sind diese Daten jedoch hilfreich, da man sie ja anhand der nationalen demografischen Daten anpassen kann.<\/p><p>Das zweite n&uuml;tzliche Sample sind die Testdaten aus Island. Kein anderes Land hat &ndash; in Relation zur Bev&ouml;lkerungszahl &ndash; so viele Tests durchgef&uuml;hrt. Das Besondere an den isl&auml;ndischen Tests ist, dass grob die H&auml;lfte der fast 10.000 Tests von staatlichen Labors nach einem &auml;hnlichen Kriterienkatalog wie in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.government.is\/news\/article\/2020\/03\/15\/Large-scale-testing-of-general-population-in-Iceland-underway\/\">vorgenommen wurde<\/a>. Die andere H&auml;lfte jedoch wurde von der Biotech-Firma deCode Genetics durchgef&uuml;hrt, bei der sich jeder Isl&auml;nder kostenlos und ohne Vorgaben von Kriterien testen lassen kann. Die Ergebnisse von deCode Genetics zeigen zweierlei &ndash; zum Einen war der Anteil der positiv Getesteten mit einem Prozent extrem gering. Sars-CoV-2 ist also nicht &bdquo;ubiquit&auml;r&ldquo; und taucht immer auf, wenn man nur genug misst, wie einige &bdquo;Kritiker&ldquo; behaupten. Ein viel interessanteres Ergebnis ist jedoch, dass die H&auml;lfte der von deCode positiv Getesteten komplett symptomfrei war. Zugegeben &ndash; die Stichprobengr&ouml;&szlig;e ist sehr gering und man sollte vorsichtig mit Schl&uuml;ssen sein. Aber wenn die H&auml;lfte aller Infizierten komplett symptomfrei sein sollte, d&uuml;rfte die Dunkelziffer noch gr&ouml;&szlig;er sein, als man bislang angenommen hat. Die mangelnde Gr&ouml;&szlig;e der Stichprobe gibt jedoch keine belastbare Auskunft auf diese Frage. Auch Island kann also den Nebel nicht lichten.<\/p><p><strong>Dringender Handlungsbedarf<\/strong><\/p><p>Es ist erstaunlich, mit welchem Gleichmut einige Virologen und Epidemiologen diese Wissensl&uuml;cken sehen. F&uuml;r ihren Fachbereich ist die ganze Debatte sicherlich auch interessant und die momentanen Zeiten die spannendsten, die sich ein Fachbereich vorstellen kann. Gleichzeitig kollabiert jedoch die Wirtschaft. Millionen Menschen bangen um ihren Job und ihre Existenz &hellip; weltweit werden es vielleicht sogar Milliarden Menschen sein. Hier geht es nicht mehr &bdquo;nur&ldquo; um Covid-19, sondern um die Pandemie oder pr&auml;ziser gesagt, die Folgen der politischen Reaktionen auf die Pandemie. Sicher will zur Zeit niemand mit den Staats- und Regierungschefs tauschen und ohne belastbare Daten zwischen kommenden Opfern der Krankheit und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten der Krankheitseind&auml;mmung abw&auml;gen. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Aus Unsicherheit muss Sicherheit werden, der Nebel muss sich lichten, die Regierungen m&uuml;ssen so schnell wie m&ouml;glich die Daten erheben lassen, die n&ouml;tig sind, um Entscheidungen zu treffen und dabei den Schaden zu minimieren. Nun sind nicht nur die Virologen und Epidemiologen, sondern vor allem die Statistiker gefragt. <\/p><p>Titelbild: Kutana Pannawa\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dazu schrieb uns unsere Leserin Andrea Seliger:<\/p>\n<blockquote><p>\n&ldquo;Hallo Herr Berger,<br>\ndie Formulierung &ldquo;Und dies ist auch die Achillesferse des &bdquo;Flatten-the-curve-Modells&ldquo;, das au&szlig;er Schweden mittlerweile alle L&auml;nder der Welt verfolgen. &rdquo; ist nicht korrekt. Schweden verfolgt sehr wohl ein &ldquo;Flatten the Curve&rdquo;-Modell. Das Modell wird bei jeder Pressekonferenz der Gesundheitsbeh&ouml;rde (t&auml;glich 14 Uhr von SVT live &uuml;bertragen) vorgef&uuml;hrt.<br>\nSchweden setzt allerdings eher auf freiwillige Ma&szlig;nahmen, bei denen man davon ausgeht, dass man sie l&auml;nger durchh&auml;lt und dass sie von der Bev&ouml;lkerung auch akzeptiert werden. Ja, sie sind milde, wenn man sie mit den Nachbarl&auml;ndern vergleicht. Ja,  langfristig hofft man (d.h. die Gesundheitsbeh&ouml;rde, Folkh&auml;lsomyndigheten), dass es eine &ldquo;Herdenimmunit&auml;t&rdquo; gibt. Aber deshalb wird trotzdem etwas gegen die Ausbreitung getan. Man  kann finden, dass die schwedische Strategie nicht ausreicht, um die Kurve abzuflachen. Aber sie ist sehr wohl ein Ziel.<\/p>\n<p>Ich verweise hier auf <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Herdenimmunitaet-Der-umstrittene-schwedische-Sonderweg-4686504.html\">meinen &auml;lteren Artikel bei Telepolis<\/a> sowie auf meine laufende aktuelle Berichterstattung dazu auf <a href=\"http:\/\/www.polarkreisportal.de\">polarkreisportal.de<\/a>&rdquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Anmerkung Jens Berger:<\/strong> Frau Seliger hat Recht. Ich hatte mich hierbei leider auf die Berichterstattung von <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/corona-krise-schweden-verfolgt-sonderweg-im-kampf-gegen-die-pandemie-a-be9a5aef-8f7e-4d68-9448-58681f1d92f1\">SPIEGEL<\/a> und S&uuml;ddeutscher Zeitung verlassen, was nie eine gute Idee ist.<\/em><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/61b7126d4b044f88bc606c89798d7b39\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T&auml;glich werden in der Coronakrise von den Medien scheinbar pr&auml;zise Zahlen zu den Infizierten und den Todesf&auml;llen verk&uuml;ndet. Daraus rechnet man dann den Zuwachs und die Sterblichkeitsrate aus. Wenig bekannt ist indes, dass all diese Zahlen nur mehr oder weniger grobe Sch&auml;tzwerte sind. 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