{"id":59817,"date":"2020-04-01T12:30:54","date_gmt":"2020-04-01T10:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59817"},"modified":"2020-11-26T16:26:43","modified_gmt":"2020-11-26T15:26:43","slug":"russland-will-die-corona-krise-klein-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59817","title":{"rendered":"Russland will die Corona-Krise kleinhalten"},"content":{"rendered":"<p>Schon in der H&auml;lfte der russischen Regionen leben die Einwohner im Quarant&auml;ne-Regime. Die meisten Infizierten gibt es in Moskau. W&auml;hrend Mechanismen zur Kontrolle der B&uuml;rger eingef&uuml;hrt werden, versucht Pr&auml;sident Wladimir Putin, Steuerschlupfl&ouml;cher zu stopfen. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9598\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59817-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59817-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"300401_Russland_will_die_Corona_Krise_klein_halten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Von Montag auf Dienstag stieg die Zahl derjenigen, die sich in Russland mit dem Corona-Virus infiziert haben, auf f&uuml;nfhundert neue F&auml;lle an. Das war eine gro&szlig;e Steigerung. Der Chefarzt des bekannten Moskauer Sklifasowski-Krankenhauses, Sergej Petrikow, <a href=\"https:\/\/russia.tv\/article\/show\/article_id\/79153\/brand_id\/60851\/type_id\/3\/\">erkl&auml;rte<\/a> die Steigerung gegen&uuml;ber dem Fernsehkanal Rossija 1 damit, dass die M&ouml;glichkeiten, das Virus festzustellen, &bdquo;gr&ouml;&szlig;er geworden sind&ldquo;. <\/p><p>Wenn sich die Lage in Moskau verschlimmern sollte, seien die Moskauer Krankenh&auml;user darauf vorbereitet. Es sei Platz geschaffen und es seien Intensivabteilungen vorbereitet worden. Ob eine Entwicklung wie in Italien in Russland m&ouml;glich sei, wurde der Chefarzt von der Fernsehmoderatorin gefragt. Dazu m&uuml;sse er die Zahlen aus ganz Russland sehen, meinte Petrikow.<\/p><p>Auff&auml;llig ist, dass nach Angaben der russischen Statistiker 33 Prozent der russischen Corona-Patienten zwischen 18 und 34 Jahre alt sind, also auch junge Leute in Gefahr sind.<\/p><p><strong>Vor allem ein Moskauer Problem<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte fast sagen, das Corona-Virus ist in Russland vor allem ein Moskauer Problem. Von den bis Dienstag registrierten 2.337 Infizierten leben allein 1.732 in Moskau und im <a href=\"https:\/\/koronavirustoday.ru\/\">Moskauer Gebiet<\/a>. Alle anderen russischen St&auml;dte haben weniger als 100 Infizierte. In der zweitgr&ouml;&szlig;ten Stadt Russlands, St. Petersburg, und im umliegenden Leningrader Gebiet sind insgesamt 112 Personen infiziert.<\/p><p><strong>Fast die H&auml;lfte der russischen Regionen unter Quarant&auml;ne<\/strong><\/p><p>In der H&auml;lfte der 82 russischen Regionen leben die Menschen seit Dienstag unter h&auml;uslicher Quarant&auml;ne. Vorreiter der Quarant&auml;ne-Ma&szlig;nahmen ist Moskau. Am <a href=\"https:\/\/www.sobyanin.ru\/koronavirus-ogranichenie-peredvizheniya-i-sospodderzhka-grazhdan\">vergangenen Sonntag verf&uuml;gte<\/a> der Moskauer B&uuml;rgermeister, Sergej Sobjanin, eine versch&auml;rfte Quarant&auml;ne f&uuml;r die Bewohner der Hauptstadt. Am Dienstag folgten diesem Beispiel 31 weitere russische Regionen. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200401-Am-Dienstag-in-einem-westlichen-Moskauer-Stadtbezirk-kaum-Menschen-auf-der-Strasse-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200401-Am-Dienstag-in-einem-westlichen-Moskauer-Stadtbezirk-kaum-Menschen-auf-der-Strasse-Foto-Ulrich-Heyden-.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Die Moskauer d&uuml;rfen ihre Wohnung jetzt nur verlassen, wenn sie auf die Arbeit oder einkaufen gehen. Mit dem Hund darf man sich nur 100 Meter vom Haus entfernen. Man darf Moskau verlassen. Man solle sich aber nicht &bdquo;ohne schwerwiegenden Grund in der Stadt bewegen&ldquo;, hei&szlig;t es in der Anordnung des B&uuml;rgermeisters, die zun&auml;chst bis zum 5. April gilt.<\/p><p>In der letzten Woche hatte der Verkehr in Moskau wegen der Aufrufe, zuhause zu bleiben, um zwei Drittel abgenommen. Seit Montag ist der Verkehr nun <a href=\"https:\/\/russian.rt.com\/russia\/foto\/733227-moskva-koronavirus-samoizolyaciya\">noch weniger geworden<\/a>.<\/p><p><strong>Pers&ouml;nliche Erfahrungen<\/strong><\/p><p>Was die Versorgung der Moskauer mit einfachen Mitteln zum Schutz vor dem Virus betrifft, sieht es nicht gut aus. Seit zehn Tagen sieht man in der Stadt vermehrt Menschen mit Atemschutzmasken. Aber diese Masken haben sich die Leute oft m&uuml;hsam ergattert. Viele haben sich ihre Maske &uuml;bers Internet bestellen m&uuml;ssen, wie ich in Gespr&auml;chen mit Passanten erfuhr. In meinem Wohnbezirk wurde ich nur bei einer Apotheke f&uuml;ndig, die noch eine einfache Maske f&uuml;r f&uuml;nf Euro auf Lager hatte. Eine andere Apotheke hatte einen gedruckten Aushang an die T&uuml;r geh&auml;ngt, dass man keine Masken und Desinfektionsmittel verkaufe. <\/p><p>Erstaunlich fand ich auch, dass in meinem Wohnbezirk im Westen Moskaus zwar die Kinderspielpl&auml;tze mit wei&szlig;-rotem Plastikband abgesperrt sind, an einem 25-st&ouml;ckigen Hochhaus-Neubau trotz Schneefalls aber eifrig weitergebaut wird.<\/p><p><strong>Komplette Kontrolle aller B&uuml;rger<\/strong><\/p><p>Um die Bewegungen in der Stadt maximal zu begrenzen, plant die Stadtverwaltung ein Ausweissystem. Die <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20200331\/1569407927.html\">Zeitung Kommersant berichtete<\/a> von der Pr&auml;sentation des geplanten Ausweissystems. Danach sollen die B&uuml;rger verpflichtet werden, &uuml;ber das elektronische Portal der Stadt QR-Codes f&uuml;r die Besuche von konkreten Orten zu bestellen. F&uuml;r Besuche des M&uuml;llcontainers, des Lebensmittelladens und des Freundes in einer anderen Stra&szlig;e braucht man bald einen Code auf seinem Handy. Wer von der Polizei auf der Stra&szlig;e ohne QR-Code angetroffen wird, muss Strafe bezahlen oder wird nach Hause gebracht. Die Duma beschloss am Dienstag Geld- und Freiheitsstrafen. Die Bewegung der Stadtbewohner soll auch &uuml;ber die Handys der B&uuml;rger kontrolliert werden. <\/p><p><strong>Trostpflaster<\/strong><\/p><p>Als Ausgleich f&uuml;r Entlassungen w&auml;hrend der Corona-Krise verspricht der Moskauer B&uuml;rgermeister, allen arbeitslos gewordenen Hauptst&auml;dtern umgerechnet 230 Euro im Monat zu zahlen. Die Auszahlung soll automatisch erfolgen, also ohne dass man einen Antrag stellen muss.  <\/p><p>Au&szlig;erdem bieten <a href=\"https:\/\/artsandculture.google.com\/exhibit\/vasily-kandinsky-counterpoint-composition-vi-composition-vii\/UgKCjKX9MXThIw\">die Moskauer Theater, Konzerts&auml;le, Museen<\/a> und Bildungseinrichtungen kostenlose Livestreams und Archivnutzung f&uuml;r alle Altersgruppen an.<\/p><p><strong>Starkes Tempo, aber mangelnde Vorsorge<\/strong><\/p><p>Russland wurde bisher von schweren Auswirkungen der Corona-Infektionen verschont. Bisher starben in Russland 17 Menschen an dem Virus. Die russische Regierung legte aber bei den Ma&szlig;nahmen zur Eind&auml;mmung ein starkes Tempo vor. Ab dem 1. M&auml;rz wurde bei Flugpassagieren aus Italien am Moskauer Flughafen Scheremetjewo die K&ouml;rpertemperatur gepr&uuml;ft. Am 5. M&auml;rz verh&auml;ngte der Moskauer B&uuml;rgermeister einen Erlass, nach dem alle Personen, die aus &bdquo;Corona-L&auml;ndern&ldquo; nach Moskau kommen, eine zweiw&ouml;chige h&auml;usliche Quarant&auml;ne einlegen m&uuml;ssen. Am 10. M&auml;rz wurden Veranstaltungen &uuml;ber 5.000 Personen verboten und der Bau eines neuen Infektionskrankenhauses mit 500 Betten beschlossen. Am 16. M&auml;rz lie&szlig; der B&uuml;rgermeister die Schulen schlie&szlig;en. Am 28. M&auml;rz ordnete Sobjanin die Schlie&szlig;ung von Restaurants, von Gro&szlig;handelsunternehmen sowie einzelnen Dienstleistungsbetrieben, wie Friseuren, an. <\/p><p>Allerdings zeigt sich auch, dass man besser h&auml;tte vorsorgen k&ouml;nnen. Der russische Ministerpr&auml;sident Michail Mischustin <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59587\">ordnete zwar am 23. M&auml;rz die Anschaffung von 5.700 Beatmungsmaschinen und anderem medizinischen Ger&auml;t zum Einsatz gegen das Coronavirus an<\/a>. Der Auftrag hat ein Gesamtvolumen von 90 Millionen Euro. Aber wie die Kreml-kritische Internetplattform <a href=\"http:\/\/newsru.com\">newsru.com<\/a> meinte, werden die ersten Beatmungsmaschinen von dem russischen Hersteller erst im Sommer ausgeliefert werden k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Wladimir Putin will den Kapitalabfluss stoppen<\/strong><\/p><p>Um die Kosten zu decken, die Russland durch die Corona-Krise und den stark gesunkenen &Ouml;lpreis entstehen, hat Wladimir Putin in seiner Fernsehansprache vom 25. M&auml;rz zwei Vorschl&auml;ge gemacht, die zu h&ouml;heren Steuereinnahmen des Staates f&uuml;hren sollen. <\/p><ol>\n<li>Wladimir Putin k&uuml;ndigte an, man werde die Doppelbesteuerungsabkommen mit den Offshore-Zonen Zypern, Malta und anderen L&auml;ndern k&uuml;ndigen, wenn diese L&auml;nder nicht bereit sein sollten, dass die Dividenden und Zinsertr&auml;ge russischer Unternehmen mit einer Steuer von 15 Prozent belegt werden.\n<p>Bisher k&ouml;nnen Firmen oder Personen, die in Russland Dividenden erwirtschaften, diese Dividenden &uuml;ber Vermittlerfirmen steuerfrei in Offshore-Zonen transferieren. Das Schema l&auml;uft nach einem Bericht des Magazins Forbes wie folgt: Die in Russland erworbenen Dividenden werden zun&auml;chst in ein Land &uuml;berwiesen, mit dem Russland ein Doppelbesteuerungsabkommen hat. Das sind die USA, Zypern, die Niederlande, Deutschland, &Ouml;sterreich, die Schweiz und einige andere L&auml;nder. In diese L&auml;nder k&ouml;nnen die in Russland erworbenen Dividenden an Vermittlerfirmen steuerfrei &uuml;berwiesen werden. Die Vermittlerfirma &uuml;berweist das Geld dann weiter in eine Offshore-Zone auf den britischen Jungferninseln, den Kaiman-Inseln oder den Seychellen.<\/p><\/li>\n<li>Ein zweiter Vorschlag des russischen Pr&auml;sidenten wurde am Dienstag bereits in allen drei Lesungen von der Duma beschlossen: Wer ein Guthaben von &uuml;ber 11.000 Euro hat, muss sich darauf einstellen, dass die Zinsertr&auml;ge aus diesem Guthaben von nun an besteuert werden und zwar mit 13 Prozent.<\/li>\n<\/ol><p>Putin machte noch einen dritten Vorschlag: Die von den Unternehmen zu zahlenden Sozialversicherungsbeitr&auml;ge sollen von 30 auf 15 Prozent gesenkt werden. Das ist eine Einladung an die Unternehmen, alle Besch&auml;ftigten legal zu besch&auml;ftigen. Viele Unternehmen zahlen nur ein Mindestgehalt legal. Den Rest bekommt der Mitarbeiter steuerfrei im Briefumschlag.<\/p><p>Die neuen Regelungen f&uuml;r Unternehmer und Besserverdienende sollen auch nach der Corona-Krise Bestand haben, erkl&auml;rte der russische Pr&auml;sident. <\/p><p><strong>Russische Oppositionelle w&uuml;tend<\/strong><\/p><p>Linke russische Oppositionelle sind w&uuml;tend und frustriert. Sie k&ouml;nnen ihre Kritik auf eigenen Video-Kan&auml;len vortragen. Doch das hat keinen sp&uuml;rbaren Einfluss auf den Kreml. <\/p><p>Die Macht fahre in Bezug auf das Verfassungsreferendum einen Schlingerkurs und spiele nicht mit offenen Karten, kritisiert der Soziologe Boris Kagarlitsky. Erst habe der Kreml beim Verfassungsreferendum aufs Tempo gedr&uuml;ckt. Es sollte am 22. April stattfinden. Doch am 25. M&auml;rz sagte Putin das Referendum wegen der Corona-Krise ab. Nun sei v&ouml;llig offen, wie es in dieser Angelegenheit weitergeht.<\/p><p>Noch sch&auml;rfer ist die Kritik des Journalisten Maksim Schewtschenko, der behauptet, Putin versuche mit der Verfassungsreform einen &bdquo;Staatsstreich&ldquo; durchzuf&uuml;hren. Das Ziel von Putin sei es, sich zum ewigen Herrscher zu machen. M&ouml;gliche Demonstrationen gegen diesen &bdquo;Staatsstreich&ldquo; w&uuml;rden durch die Ma&szlig;nahmen gegen die Corona-Krise unterdr&uuml;ckt.<\/p><p>Wladimir Putin schaffe jetzt die &bdquo;pseudo-europ&auml;ische&ldquo; russische Demokratie ab und folge damit einem weltweiten Trend, in dem es immer mehr autorit&auml;r regierte Staaten wie China und Indien gibt. Die EU zeige in der Corona-Krise, dass die europ&auml;ischen Demokratien nicht zu einem gemeinsamen Handeln in der Lage sind. <\/p><p>Die linken Journalisten Maskim Schewtschenko und Konstantin Sjomin meinen, das internationale Kapital nutze die Corona-Krise, um von einem drohenden internationalen Finanz-Crash abzulenken. <\/p><p>Titelbild\/Bilder: Ulrich Heyden<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c1baef18626040f19a92bf056183d246\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon in der H&auml;lfte der russischen Regionen leben die Einwohner im Quarant&auml;ne-Regime. Die meisten Infizierten gibt es in Moskau. W&auml;hrend Mechanismen zur Kontrolle der B&uuml;rger eingef&uuml;hrt werden, versucht Pr&auml;sident Wladimir Putin, Steuerschlupfl&ouml;cher zu stopfen. 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