{"id":599,"date":"2005-06-03T14:53:21","date_gmt":"2005-06-03T12:53:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=599"},"modified":"2016-03-14T09:38:16","modified_gmt":"2016-03-14T08:38:16","slug":"die-verlierer-des-wirtschaftsliberalen-kurses-rachen-sich-an-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=599","title":{"rendered":"Die Verlierer des wirtschaftsliberalen Kurses r\u00e4chen sich an Europa"},"content":{"rendered":"<p>Sowohl in Frankreich als auch in den Niederlanden wird das Nein der Bev&ouml;lkerung zum europ&auml;ischen Verfassungsvertrag &uuml;berwiegend als Abstrafung der jeweiligen Regierungen interpretiert. Wenn man dieser Logik folgt, m&uuml;sste man sogar noch weiter gehen und sagen, die Ablehnung ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit allen gr&ouml;&szlig;eren Parteien sei es von links oder eher von rechts. In Frankreich warben schlie&szlig;lich die konservativen Regierungsparteien genauso f&uuml;r ein &bdquo;Oui&ldquo;, wie der gr&ouml;&szlig;ere Teil der Sozialisten. In den Niederlanden waren alle, bis auf einige populistischen Gruppierungen f&uuml;r ein &bdquo;Ja&ldquo;. K&ouml;nnte es vielleicht mit der Verdrossenheit der Verlierer einer wirtschaftsliberalen Politik, die ja in beiden L&auml;ndern von allen gr&ouml;&szlig;eren Parteien mit graduellen Unterschieden propagiert wird, zusammenh&auml;ngen, dass nun die Mehrheit an Europa Rache genommen hat?<br>\n<!--more--><br>\nWie schon nach dem franz&ouml;sischen &bdquo;Non&ldquo; wird nun auch nach dem noch deutlicheren &bdquo;Nee&ldquo; der Niederl&auml;nder jetzt Motivforschung getrieben. Die eher nationalistisch Gesinnten sehen das Hauptmotiv in der Angst vor der &bdquo;Entgrenzung&ldquo; Europas, bisher schon nach Osteuropa, vor allem aber in der weiteren Erweiterung um die T&uuml;rkei oder um Rum&auml;nien und um Bulgarien. Die &bdquo;Souver&auml;nisten&ldquo; oder Nationalstaatler sehen die Ursachen in der Sorge, dass der Nationalstaat oder die nationalen Interessen durch Europa &uuml;berlagert werden k&ouml;nnten. F&uuml;r die &bdquo;Grande Nation&ldquo; und f&uuml;r das &bdquo;kleine&ldquo; Holland m&ouml;gen das durchaus gewichtige emotionale Ablehnungsgr&uuml;nde gewesen sein.<br>\nAls Hauptgrund f&uuml;r das Nein der Franzosen und Niederl&auml;nder wird aber &uuml;berwiegend die Unzufriedenheit mit den jeweiligen Regierungen genannt. Diese Begr&uuml;ndung reicht jedoch nicht hin, denn in Frankreich traten nicht nur die Regierung und die Regierungsparteien sondern auch der &uuml;berwiegende Teil der Sozialisten f&uuml;r ein &bdquo;Oui&ldquo; ein und in den Niederlanden waren bis auf ein paar populistische Gruppierungen alle relevanten Parteien f&uuml;r ein &bdquo;Ja&ldquo;. Es ist eben ziemlich &auml;hnlich wie in Deutschland, die gr&ouml;&szlig;eren Parteien unterscheiden sich in ihrem wirtschaftsliberalen Kurs nur noch graduell und die angeblich notwendigen &bdquo;Reform&ldquo;-Vorschl&auml;ge gehen bei allen Parteien mehr oder weniger in Richtung Sozialabbau, st&auml;rkerem (finanzieller) Druck auf Arbeitslose, Arbeitszeitverl&auml;ngerung ohne Lohnausgleich, Unternehmenssteuersenkungen und Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates.<br>\n&Uuml;blicherweise w&auml;hlen die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, wenn sie die bestehende Regierung abstrafen wollen, die Opposition und wenn sie auch mit der nicht zufrieden sind, &uuml;ben sie Wahlenthaltung.<br>\nDieses Abstimmungsschema konnte bei den Volksabstimmungen nicht funktionieren. Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung konnte ihre Poitikverdrossenheit und ihre Unzufriedenheit gegen&uuml;ber allen relevanten Parteien nur gegen den europ&auml;ischen Verfassungsvertrag richten.<br>\nDieser Unmut l&auml;sst sich unabh&auml;ngig von den zugrundeliegenden unterschiedlichen Motiven durchaus auf einen Nenner bringen:<br>\nIn Frankreich und noch deutlicher in den Niederlanden haben &uuml;berwiegend die niedrigen Einkommensgruppen, die Arbeitslosen, die Menschen in prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen und die &auml;rmeren Rentner gegen den Vertrag gestimmt. Diese sogenannten &bdquo;Kleinen Leute&ldquo; f&uuml;hlen sich als Verlierer der in beiden L&auml;ndern mit unterschiedlicher Intensit&auml;t betriebenen neoliberal ausgerichteten &bdquo;Reform&ldquo;-Politik. Auch in den Niederlanden gab es Verschlechterungen bei der Rentenversicherung, bei der Arbeitslosenversicherung und f&uuml;r die Arbeitsunf&auml;higen.<br>\nDie meisten Menschen sind auch dort mit ihrer &ouml;konomischen und pers&ouml;nlichen Situation unzufrieden. Da nun Links wie Rechts f&uuml;r die Verfassung pl&auml;dierte, gab es keine Alternative und die Mehrheit konnte nur allen politischen Lagern eine Abfuhr erteilen. Der Verfassungsvertrag bot offenbar keine oder zu wenig Hoffnung auf eine Verbesserung der sozialen Situation. Im Gegenteil: In Frankreich musste Europa oder Br&uuml;ssel oftmals ganz offen als S&uuml;ndenbock f&uuml;r unpopul&auml;re Entscheidungen herhalten und auch in den Niederlanden hatten die Menschen eher den Eindruck, als seien die sozialen Verschlechterungen und die Sorgen um die Zukunft jedenfalls auch den Zw&auml;ngen durch die Europ&auml;ische Union geschuldet.<br>\nIst dieser Eindruck der Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger etwa falsch? Brachten die bisherigen Vertr&auml;ge &uuml;ber eine europ&auml;ische Integration nicht einen Liberalisierungsschub nach dem andern? Die Teuerung durch die Einf&uuml;hrung des Euro mag vielleicht nur eine &bdquo;gef&uuml;hlte Teuerung&ldquo; sein, aber sind mit dem Euro nicht auch etwa die w&auml;hrungspolitischen Instrumentarien der einzelnen L&auml;nder (z.B. Auf- oder Abwertung der eigenen W&auml;hrung) zur Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit der nationalen Volkswirtschaften verloren gegangen, und blieben jetzt eben nur noch die innenpolitischen Instrumentarien, wie Unternehmenssteuersenkungen, Sozialabbau und Lohnsenkungen? Hat das mit dem Euro etablierte Zentralbankensystem sich bisher au&szlig;er um einen nach au&szlig;en &bdquo;starken&ldquo; Euro und um die Bek&auml;mpfung der Inflation auch nur ein einziges Mal erkennbar um Wachstum, die Binnennachfrage oder um Arbeitspl&auml;tze gek&uuml;mmert? Hat Maastricht mit seinem Stabilit&auml;tspakt die Regierungen nicht massiv an einer staatlich induzierten Wachstums- und Investitionspolitik gehindert? Ist die Osterweiterung (z.B. die Dienstleistungsrichtlinie) nicht auch ganz bewusst in einer Weise vorangetrieben worden, dass die Billiglohn- und Niedrigsteuerl&auml;nder gezielt als Drohpotential zur Erh&ouml;hung des innerstaatlichen &bdquo;Reform&ldquo;-Drucks eingesetzt werden konnten? Die Menschen m&ouml;gen zwar diese &ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge nicht im einzelnen zu durchschauen, aber ihnen reicht, was bei Ihnen ankommt &ndash; und das waren f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit eben keine Verbesserungen.<br>\nMuss man sich deshalb wundern, dass die Menschen die EU-Erweiterung nicht mehr als einen Weg zu einem friedlicheren und &ouml;konomisch und politisch st&auml;rkeren Europa betrachten, sondern inzwischen als Bedrohung f&uuml;r ihren Arbeitsplatz und f&uuml;r ihr Einkommen erleben? <\/p><p>Da mag der Verfassungsvertrag durchaus auch Verbesserungen gegen&uuml;ber den bisherigen Vertr&auml;gen beinhalten, das reichte der Mehrheit aber offenbar nicht. In ihrer Verdrossenheit gegen&uuml;ber der jeweiligen Regierung &ndash; ja gegen&uuml;ber der (europ&auml;isch gewollten) Reform-Politik ganz allgemein &ndash; nahmen die Menschen Rache an Europa &ndash; obwohl sie eigentlich gar nicht antieurop&auml;isch sind. <\/p><p>Sollten unsere Europapolitiker nicht endlich auch einmal dar&uuml;ber nachdenken, kann man f&uuml;r die politische Zukunft des Vereinten Europas nur schwarz oder noch schlimmer vielleicht sogar braun sehen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sowohl in Frankreich als auch in den Niederlanden wird das Nein der Bev&ouml;lkerung zum europ&auml;ischen Verfassungsvertrag &uuml;berwiegend als Abstrafung der jeweiligen Regierungen interpretiert. Wenn man dieser Logik folgt, m&uuml;sste man sogar noch weiter gehen und sagen, die Ablehnung ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit allen gr&ouml;&szlig;eren Parteien sei es von links oder eher von rechts. 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