{"id":59903,"date":"2020-04-03T10:04:34","date_gmt":"2020-04-03T08:04:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59903"},"modified":"2022-03-02T11:09:50","modified_gmt":"2022-03-02T10:09:50","slug":"schluss-mit-irrefuehrung-wir-brauchen-harte-gesicherte-fakten-statt-nur-scheinbar-objektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59903","title":{"rendered":"Schluss mit Irref\u00fchrung: \u201eWir brauchen harte, gesicherte Fakten statt nur scheinbar objektive\u201c."},"content":{"rendered":"<p>Neue Ansage durch die Bundeskanzlerin: Bis mindestens 19. April bleibt der Shutdown der Gesellschaft bestehen. Erst wenn sich der Anstieg der Infiziertenzahlen deutlich verlangsamt hat, sollen Lockerungen denkbar sein. Die Zielvorgabe ist so schwammig, wie sie mit immer mehr Tests praktisch unerreichbar wird. &bdquo;Dann kann man noch Monate so weiter machen&ldquo;, meint Statistikprofessor <strong>Gerd Bosbach<\/strong>. Im Interview mit den NachDenkSeiten appelliert er an die Bundesregierung, endlich belastbare Daten zur Verbreitung des Corona-Virus in der Gesamtbev&ouml;lkerung zu liefern. Erst dann k&ouml;nne man sich ein Bild zur Gef&auml;hrlichkeit der Krankheit machen und die Ausgangs- und Kontaktbeschr&auml;nkungen auf ihre Sinnhaftigkeit pr&uuml;fen. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2400\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59903-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59903-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200403_Schluss_mit_Irrefuehrung_Wir_brauchen_harte_gesicherte_Fakten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Bosbach, in der Vorwoche ist an dieser Stelle ein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59617\">vielbeachtetes Interview mit Ihnen zu statistischen Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Krise erschienen<\/a>. Inzwischen ist manches passiert, so auch die Festlegung der Bundesregierung, dass bis mindestens 19. April nichts passiert. Der gesellschaftliche Shutdown samt Ausgangs- und Kontaktbeschr&auml;nkungen soll mindestens bis zu diesem Termin durchgehalten werden. Begr&uuml;ndet hat dies Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch einmal mehr mit den anhaltend steigenden Infektionszahlen und damit, dass die Datenlage noch keine Entspannung der Situation signalisiere. Warum &uuml;berzeugt Sie das nicht?<\/strong><\/p><p>Ich bin nach wie vor &uuml;berrascht, woher die politischen Entscheider die Sicherheit f&uuml;r die Richtigkeit ihres Vorgehens hernehmen, ohne die Zahl der Infizierten in der Bev&ouml;lkerung zu kennen. Was sie kennen und worauf sie offenbar ihre Ma&szlig;nahmen und das Festhalten an denselben st&uuml;tzen, ist die Zahl der positiv auf das Corona-Virus Getesteten. Das aber ist eine Gr&ouml;&szlig;e, die extrem von der Anzahl der durchgef&uuml;hrten Tests abh&auml;ngt. So eine Entscheidungsgrundlage schockiert mich. Ich stelle die Ma&szlig;nahmen und ihre Notwendigkeit nicht per se in Frage. Es muss aber nachvollziehbar sein, dass diese auf Grundlage harter, gesicherter Fakten getroffen werden und nicht nur auf scheinbar objektiver Fakten.<\/p><p><strong>Warum nur scheinbar objektiv?<\/strong><\/p><p>Die Zahl der positiv Getesteten umfasst eine kleine, nicht repr&auml;sentativ ausgew&auml;hlte Gruppe. Es sind dies Menschen, die starke Krankheitssymptome aufweisen, wegen Vorerkrankungen oder ihres hohen Alters ein erh&ouml;htes Risiko tragen, Kontaktpersonen im Umfeld von Infizierten sowie Personen, die nah am Patienten dran sind, wie &Auml;rzte und Pflegepersonal. Um es salopp zu sagen: Wenn sie in dieser Gruppe morgen doppelt so viele Menschen testen wie heute, werden sie morgen wahrscheinlich auch fast doppelt so viele Infizierte finden wie heute. Daraus l&auml;sst sich aber weder ermessen, wie sehr das Virus in der Gesamtbev&ouml;lkerung bereits verbreitet ist, noch in welchem Tempo es sich verbreitet.<\/p><p><strong>Hei&szlig;t das, mit eigentlich ziemlich schwammigen, fast schon fiktiven Zahlen werden knallharte, nie dagewesene Entscheidungen getroffen und dann noch so getan, als w&auml;re das der Weisheit letzter Schluss?<\/strong><\/p><p>Das ist mein Vorwurf. Ich habe Daten gesichtet aus Deutschland, &Ouml;sterreich und den USA, die abbilden, wie sich die H&auml;ufigkeit der Tests ver&auml;ndert hat. Im Falle &Ouml;sterreichs hat sich deren Anzahl innerhalb eines Zeitabschnitts verdoppelt, w&auml;hrend sich der Zuwachs der positiv Getesteten etwas mehr als verdoppelte. Ein &auml;hnliches Bild ergibt sich f&uuml;r die USA und Deutschland. <\/p><p><strong>Das Robert Koch-Institut (RKI) hat bis dato erst zwei Mal entsprechende Informationen ver&ouml;ffentlicht, in seinem &bdquo;t&auml;glichen Lagebericht&ldquo; vom 26. M&auml;rz <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Situationsberichte\/2020-04-01-de.pdf?__blob=publicationFile\">und ganz frisch in dem vom 1. April.<\/a> Demnach wurden in der 13. Kalenderwoche rund 355.000 Tests vorgenommen, w&auml;hrend es in der 11. Kalenderwoche nur etwas mehr als ein Drittel davon waren. Der Anteil der jeweils positiv Getesteten erh&ouml;hte sich im selben Zeitraum von 5,9 Prozent auf 8,7 Prozent. Wie bewerten Sie das?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst: Mit der Verdreifachung der Tests ergab sich auch etwas mehr als eine Verdreifachung der positiv Getesteten. Diese Verdreifachung wurde den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern als Verdreifachung der Infizierten vorgef&uuml;hrt. Dabei ist nur der etwas &uuml;berproportionale Anstieg als Tempo der &Uuml;bertragung interpretierbar. Und der wirkt weit weniger erschreckend. Wie viele aller Menschen in Deutschland an Covid-19 erkrankt sind oder vom Erreger befallen sind, das ist aus diesen Zahlen leider &uuml;berhaupt nicht ableitbar. <\/p><p><strong>Die Bundesregierung interpretiert die Zahlen offenbar ganz anders. Zun&auml;chst hatte die Ansage gelautet, dass man von einer Entspannung und &uuml;ber eine Lockerung der Ausgangsbeschr&auml;nkungen reden k&ouml;nne, sobald sich die Zahl der Erkrankten alle zehn Tage verdoppelt. Nun hat Merkel die Latte h&ouml;her geh&auml;ngt und gesagt, dass sich die Verdopplung in &bdquo;zw&ouml;lf, 13 oder 14 Tagen&ldquo; vollziehen muss. Haben Sie eine Erkl&auml;rung f&uuml;r den Sinneswandel?<\/strong><\/p><p>Ich halte die Informationspolitik der Regierung und der sie beratenden Experten f&uuml;r mangelhaft und demokratiegef&auml;hrdend. Das geht damit los, dass der engstirnige Blick auf die angeblichen Infiziertenzahlen und das Hantieren mit den t&auml;glichen Steigerungen bei den Todeszahlen Angst verbreitet. Befeuert wird das dadurch, dass immer noch von Erkrankten und nicht korrekterweise von positiv Getesteten gesprochen wird. Eine Infektion l&ouml;st bekanntlich bei einer gro&szlig;en Mehrheit nur geringe oder gar keine Symptome aus, weshalb sie auch nicht getestet werden. Als Indikator f&uuml;r den Ausstieg aus den weitgehenden Kontakteinschr&auml;nkungen allein das Abflachen der Zahl der positiv Getesteten zu nehmen und das dann noch mit gro&szlig;er Beliebigkeit in Zeitintervallen von anfangs zehn und jetzt pl&ouml;tzlich 14 Tagen zu beziffern, ist &ndash; h&ouml;flich ausgedr&uuml;ckt &ndash; nicht faktenbasiert. <\/p><p><strong>Aber das wird sich Frau Merkel nicht selbst ausgedacht haben, sondern ist augenscheinlich die Marschrichtung ihrer Berater.<\/strong><\/p><p>Sehen Sie: Wenn die Tests immer mehr werden und die Zahl der positiv Getesteten auf demselben oder auch einem leicht erh&ouml;hten Niveau mitsteigt, kann das noch Monate so weitergehen. Wegen neuartiger Testauswertungsmethoden soll man demn&auml;chst vielleicht bis zu zehnmal mehr testen k&ouml;nnen als bisher. Kommt es so, werden die Fallzahlen explodieren, ohne dass dies ein valider Hinweis auf eine exponentielle Verbreitung des Erregers w&auml;re. Und warum ist man &uuml;berhaupt so pl&ouml;tzlich vom Zehn-Tages-Ziel abger&uuml;ckt? Ich habe die Zahlen seit Anfang M&auml;rz ausgewertet. Ab dem 29. M&auml;rz morgens bis heute morgen kommen die Steigerungsraten der positiv Getesteten der ersten Merkel&lsquo;schen Regel &ndash; Verdopplung in zehn Tagen &ndash; schon sehr nahe. Bei gleichbleibenden Steigerungsraten h&auml;tten wir bis zum 8. April mit 2,16 einen Faktor, der nur ganz knapp &uuml;ber der angestrebten Verdopplung liegt. Ist das der Grund, weshalb pl&ouml;tzlich von der Verdopplung in 14 Tagen die Rede ist? Schl&uuml;ssig und &uuml;berzeugend ist das nicht. <\/p><p><strong>Wie gesagt, das RKI hat erst zweimal die Zahl der Testungen publiziert. Woran k&ouml;nnte das in Ihren Augen liegen?<\/strong><\/p><p>Ich denke schon, dass das vor allem logistische Ursachen hat und die &Uuml;bermittlung aus den inzwischen weit &uuml;ber hundert Laboren nicht so einfach vonstatten geht. Allerdings werfe ich dem Robert Koch-Institut vor, dass es nicht von sich aus mit diesen Zahlen an die &Ouml;ffentlichkeit geht. Es reicht nicht, sie in irgendwelche Lageberichte einzubauen, die kaum einer liest. Publik wurden die Zahlen erst dank des Recherche-Eifers von Journalisten. Auch da frage ich mich: Warum geht man so vor? Schlie&szlig;lich wird ja zu jeder Gelegenheit betont, die Menschen m&ouml;gen nicht in Panik verfallen. Und trotzdem h&auml;lt man genau die Zahlen zur&uuml;ck, die zu einer Beruhigung beitragen k&ouml;nnten und setzt &ouml;ffentlich immer noch die Infiziertenzahl mit der wachsenden Zahl der positiv Getesteten gleich.  <\/p><p><strong>Um zu einer wirklich realistischen Einsch&auml;tzung der Lage zu kommen, br&auml;uchte es Erhebungen zum Stand der &bdquo;Durchseuchung&ldquo; der Bev&ouml;lkerung. Dann erst lie&szlig;en sich belastbare Aussagen zur H&auml;ufigkeit schwerer Erkrankungen und der Letalit&auml;t treffen. Warum ist in der Richtung bis heute nichts passiert?<\/strong><\/p><p>Auch das ist mir schleierhaft. Wir wissen aus der Wahlforschung, dass sich schon bei 2.000 Teilnehmern recht zuverl&auml;ssige, also repr&auml;sentative einfache Ergebnisse &ndash; wie der Anteil der Infizierten oder der Anteil der wirklich Kranken &ndash; erzielen lassen. Mit 12.000 Teilnehmern k&ouml;nnte auch schon differenziert ausgewertet werden, zum Beispiel nach Alter und Geschlecht. Bei regelm&auml;&szlig;iger Wiederholung bek&auml;men wir auch die Entwicklung gut mit. Repr&auml;sentatives Testen ist keine gro&szlig;e Kunst, beim Mikrozensus macht das das Statistische Bundesamt jedes Jahr. Warum hat man das nicht l&auml;ngst gemacht? Begr&uuml;ndet wurde das bisher immer damit, dass zu wenige Tests verf&uuml;gbar w&auml;ren. Nun erfolgten laut RKI in der 13. Kalenderwoche 350.000 Tests. Wieso sollte es nicht m&ouml;glich sein, mehrere Tausend davon abzuzweigen, um endlich mit sauberen Daten zielgenau zu entscheiden?<\/p><p><strong>Der Virologe Hendrik Streeck von der Universit&auml;t Bonn hat gerade eine entsprechende Testreihe f&uuml;r den Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen gestartet, wo es bislang die meisten nachgewiesenen Corona-Infektionen gibt. Entspricht das Ihren Vorstellungen?<\/strong><\/p><p>Es ist gut und wichtig, dass das passiert. Aber warum muss Herr Streeck so etwas in Eigeninitiative machen, w&auml;hrend man beim RKI weiterhin die F&uuml;&szlig;e stillh&auml;lt? Herr Streeck hat am Dienstag im ZDF bei Markus Lanz sehr deutlich gesagt, dass ihn die Unt&auml;tigkeit der in der Corona-Krise federf&uuml;hrenden Beh&ouml;rde verwundert. <\/p><p><strong>Um so wichtiger, dass er selbst in Aktion tritt &hellip;<\/strong><\/p><p>Klar, wobei Heinsberg mit seiner starken Betroffenheit leider kein Standort ist, von dem sich auf ganz Deutschland hochrechnen l&auml;sst. Das gilt im &uuml;brigen auch f&uuml;r Andorra mit seiner speziellen geographischen Lage und seiner j&uuml;ngeren und reicheren Bev&ouml;lkerung. Dort soll jetzt die ganze Bev&ouml;lkerung getestet werden. Mehr verspreche ich mir von den Initiativen f&uuml;r Luxemburg und &Ouml;sterreich. Diese Daten k&ouml;nnten sehr wohl auf Deutschland &uuml;bertragbar sein. In diesem Fall m&uuml;ssten wir die Ergebnisse nur mit einer kleineren Stichprobe gegenpr&uuml;fen, die dann regelm&auml;&szlig;ig &ndash; etwa alle f&uuml;nf Tage &ndash; zu wiederholen w&auml;re. Sobald die Testkapazit&auml;ten wachsen, sind auch noch genauere Betrachtungen f&uuml;r Deutschland m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Sie gehen also auch davon aus, dass die Zahl der Infizierten deutlich h&ouml;her ist, als die RKI-Daten es ausweisen?<\/strong><\/p><p>Ja klar, es gibt eine riesige Dunkelziffer, was keiner ernsthaft in Zweifel zieht. Eben weil die Krankheit von vielen gar nicht bemerkt wird oder die Symptome nur schwach sind. Je h&ouml;her die Dunkelziffer ist, desto geringer fallen aber auch die Raten der Schwererkrankten und der Toten aus. In anderen L&auml;ndern gibt es entsprechende Hinweise auf das Ausma&szlig; der Verbreitung des Virus, etwa in S&uuml;dkorea oder Island. Wir haben auch Daten zum Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, die auf einen geringen Prozentsatz an ernsthaften Erkrankungen schlie&szlig;en lassen. Warum kommt bei uns keiner auf die Idee, solche Erhebungen vorzunehmen? Dann w&uuml;sste man, ob die ergriffenen drastischen Ma&szlig;nahmen gerechtfertigt sind. Mein Pl&auml;doyer als Statistiker: Wir m&uuml;ssen die Fakten f&uuml;r derart folgenschwere Entscheidungen kennen, statt die Menschen mit unpassenden Zahlen, wie der Zahl der positiv Getesteten, in Angst und Schrecken zu versetzen. <\/p><p><strong>Ist das ein Angebot an die Bundesregierung, sich Ihrer Expertise zu bedienen?<\/strong><\/p><p>Bei statistischen Fragen berate ich Frau Merkel gerne. Man sagt, ich sei ein guter Didakt und das setze ich gerne im Sinne der Vernunft ein. <\/p><p><strong>War das das Schlusswort?<\/strong><\/p><p>Nein. Wir m&uuml;ssen auch auf die sozialen Folgen der Ma&szlig;nahmen zu sprechen kommen. Ein Beispiel: Demenzkranke Menschen in Heimen werden jetzt von maskierten Pflegern m&ouml;glichst k&ouml;rperlos betreut. Das wirft die Betroffenen v&ouml;llig aus der Bahn bis hin zur Gefahr, daran zu sterben. Solche H&auml;rten gibt es jetzt zuhauf. Menschen verlieren ihre Arbeit, versauern zu Hause, h&auml;usliche Gewalt und Kindesmissbrauch wachsen. Da sind die Existenzsorgen meines Italieners und meines Stammtheaters vergleichsweise harmlos. Wenn harte Ma&szlig;nahmen ergriffen werden, dann will ich vorher auch bitte harte Fakten sehen. Nicht dass wir sp&auml;ter sagen m&uuml;ssen, die meisten Opfer entstammen der Therapie, nicht der Krankheit.    <\/p><p><strong>Ist das auch ein Vorwurf an die Damen und Herren Journalisten im Land?<\/strong><\/p><p>Da w&uuml;nsche ich mir bedeutend mehr kritische Distanz zu dem, was an falschen und wirren Zahlen kursiert, auch von der Regierung und ihren Beratern. Noch viel zu oft werden alle Verstorbenen mit Corona-Nachweis unabh&auml;ngig von der Todesursache als Corona-Tote deklariert. Nach Zahlen der italienischen Gesundheitsbeh&ouml;rden vom 17. M&auml;rz litten bis dahin 99 Prozent der dort Verstorbenen an einer, zwei oder drei Vorerkrankungen. Das mittlere Alter der Corona-Toten in Deutschland mit 82 Jahren weist in die gleiche Richtung. <\/p><p>Sorgen bereitet mir auch ein Ph&auml;nomen, das ich als Altersrassismus bezeichne. Alte Menschen sind nicht h&auml;ufiger infiziert und somit als Risiko zu meiden, sondern alte Menschen sterben nach einer Infektion h&auml;ufiger. Alte auszugrenzen, n&uuml;tzt den Jungen gar nichts. Zumindest f&uuml;r die positiv Getesteten belegen auch das die Zahlen des RKI: 50 Prozent sind j&uuml;nger als 48 Jahre. Und f&uuml;r die gro&szlig;e Gruppe der Nichtgetesteten wird das noch deutlicher gelten, da Junge das Virus leichter wegstecken.<\/p><p><strong>Halten Sie es f&uuml;r wissenschaftlich haltbar, dass man die allgemeinen Sterbestatistiken in ein Verh&auml;ltnis zu den Opfern der Corona-Epidemie setzt?<\/strong><\/p><p>Ich h&auml;nge nicht der zum Beispiel vom Lungenarzt Wolfgang Wodarg vertretenen These an, Covid-19 w&auml;re eine &uuml;bliche Erscheinung der saisonalen Grippesaison. Daf&uuml;r fehlt mir auch das medizinfachliche Knowhow. Trotzdem nehme ich als Statistiker Daten zur Kenntnis, die das Geschehen in ein anderes Licht setzen. Die Webseite EuroMomo, die die Sterbezahlen f&uuml;r 24 europ&auml;ische Staaten im Wochentakt aufschl&uuml;sselt, zeigt bis zum 29. M&auml;rz &ndash; abgesehen von Italien und Spanien &ndash; keine Ausschl&auml;ge &uuml;ber die Vergleichszahlen der Vorjahre hinaus. F&uuml;r Deutschland sind <a href=\"https:\/\/www.euromomo.eu\/\">sogar eher weniger Tote registriert<\/a>. Wenn ich das sehe, auch mit der Einschr&auml;nkung, dass das vorl&auml;ufige Zahlen sind und der Winter noch nicht vorbei ist, wirkt diese Statistik eher entspannend auf mich. Ich erinnere auch noch einmal an die im Schnitt 2.500 Toten t&auml;glich in normalen Jahren, wobei es im Winter immer mehr sind. Da sind insgesamt gut Tausend Corona-Tote in gut drei Wochen sehr bedauerlich, aber kein Grund zur Panik. Das hei&szlig;t nicht, dass man deshalb in Leichtsinn verfallen darf. Prozesse haben ihre T&uuml;cken, auch ein R&uuml;ckgang kann nur eine Phase sein. <\/p><p><strong>Kommen Sie jetzt zum Schlusswort?<\/strong><\/p><p>Weitreichende Entscheidungen bed&uuml;rfen gesicherter Grundlagen. Genau das ist bisher vernachl&auml;ssigt worden. Die wiederholte Gleichsetzung der Zahl positiv Getesteter mit der Zahl der Infizierten vernebelt den Blick, die Z&auml;hlweise bei Corona-Toten ebenfalls. Statt wichtige Zahlen anhand einer repr&auml;sentativen Stichprobe zu erheben, werden Daten aus einer v&ouml;llig verzerrten Teststatistik &uuml;bernommen. Der Ma&szlig;stab der Regierung, ab wann eine Abschw&auml;chung der Ma&szlig;nahmen geboten ist, basiert auf einer Scheinzahl von Infizierten, die aber nichts mit der Realit&auml;t gemein hat. Und den Zeitraum der Verdopplung der Zahlen von zehn Tagen auf 12, 13 oder 14 zu ver&auml;ndern, wirkt willk&uuml;rlich. Das kann der Demokratie Schaden zuf&uuml;gen und ihre Gegner von rechts st&auml;rken.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Zur Person:<\/strong> <strong>Gerd Bosbach<\/strong>, Jahrgang 1953, ist emeritierter Professor f&uuml;r Statistik, Mathematik und empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Standort Remagen. Er ist als diplomierter Mathematiker und promovierter Statistiker zugleich einer der profiliertesten Kritiker der interessengeleiteten Nutzung von Statistik. Einblicke in Methoden und Geheimnisse der amtlichen Statistik sowie den &ndash; mitunter missbr&auml;uchlichen &ndash; Umgang der Politik und anderer interessierter Kreise erhielt er u.a. w&auml;hrend seiner T&auml;tigkeit im Statistischen Bundesamt. Von Bosbach und dem Politologen Jens J&uuml;rgen Korff erschienen 2011 &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden&ldquo; und 2017 &bdquo;Die Zahlentrickser: Das M&auml;rchen von den aussterbenden Deutschen und andere Statistikl&uuml;gen&ldquo;. Gemeinsam mit Korff betreibt Bosbach die Webseite &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.luegen-mit-zahlen.de\">luegen-mit-zahlen.de<\/a>).<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9aa1a9044d28460c9df44ed01549c95e\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Ansage durch die Bundeskanzlerin: Bis mindestens 19. April bleibt der Shutdown der Gesellschaft bestehen. Erst wenn sich der Anstieg der Infiziertenzahlen deutlich verlangsamt hat, sollen Lockerungen denkbar sein. 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