{"id":59927,"date":"2020-04-03T16:30:22","date_gmt":"2020-04-03T14:30:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59927"},"modified":"2020-04-05T09:10:32","modified_gmt":"2020-04-05T07:10:32","slug":"ukraine-erfuellt-eine-forderung-des-iwf-und-gibt-ihr-ackerland-zum-ausverkauf-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59927","title":{"rendered":"Ukraine erf\u00fcllt eine Forderung des IWF und gibt ihr Ackerland zum Ausverkauf frei"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in westlichen L&auml;ndern B&uuml;rger &uuml;ber den Entzug von demokratischen Rechten im Zuge der Corona-Krise klagen, geht es in der Ukraine um nicht weniger als den Verlust der letzten noch verbliebenen Errungenschaft, dem landwirtschaftlichen Boden, der sieben Millionen Kleinbauern und dem Staat geh&ouml;rt. Pr&auml;sident Wolodymir Selenski nutzte die Bestimmungen der Corona-Quarant&auml;ne, unter denen Demonstrationen verboten sind, um ein Bodengesetz in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, durchzupeitschen, das den Interessen der gro&szlig;en ukrainischen Agrar-Holdings entspricht und nach einem Referendum auch den Verkauf von landwirtschaftlicher Fl&auml;che an ausl&auml;ndische Banken erm&ouml;glicht. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\n259 von 450 Rada-Abgeordneten stimmten auf einer au&szlig;erordentlichen Sitzung des Parlaments in der Nacht auf Dienstag f&uuml;r das neue Bodengesetz. Selenski hatte auf die Verabschiedung des Gesetzes gedrungen. Er folgt damit einer Forderung des IWF, der die Zahlung der n&auml;chsten Kredite in H&ouml;he von acht Milliarden Euro von der Verabschiedung eines neuen Bodengesetzes abh&auml;ngig machte. In der Nacht auf Dienstag wurde die Abstimmung in einer au&szlig;erordentlichen Sitzung vollzogen, nachdem man ein Jahr lang &uuml;ber das Gesetz debattiert hatte. Die Bev&ouml;lkerung wurde in die Debatte nicht mit einbezogen. Proteste von verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen und auch von Nationalisten wurden &uuml;berh&ouml;rt. Selenski hatte die Verabschiedung des Bodengesetzes damit begr&uuml;ndet, dass der Ukraine der Staatsbankrott drohe, wenn der Kredit des IWF nicht kommt. <\/p><p><strong>Kleinbauern werden &uuml;bergangen<\/strong><\/p><p>Nach dem nun verabschiedeten Bodengesetz wird das 2001 eingef&uuml;hrte Moratorium &uuml;ber den Verkauf von landwirtschaftlichem Boden im Juni 2021 aufgehoben. Bis zum Jahr 2024 d&uuml;rfen nicht mehr als hundert Hektar an eine Person mit ukrainischer Staatsb&uuml;rgerschaft verkauft werden. Ab 2024 k&ouml;nnen dann an eine Person oder Firma 10.000 Hektar verkauft werden. <\/p><p>Der gr&ouml;&szlig;te Skandal an dem neuen Gesetz ist die schleichende Enteignung von sieben Millionen Kleinbauern. Dabei handelt es sich um ehemalige Arbeiter von Kolchosen, denen bei der Privatisierung der Kolchosen vier Hektar Land zugeteilt wurden. <\/p><p>Die Ukraine hat eine Fl&auml;che von mehr als 60 Millionen Hektar. 28 Million Hektar geh&ouml;ren den ehemaligen Kolchos-Arbeitern oder ihren Kindern. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Zehn Millionen Hektar geh&ouml;ren dem Staat. Bei diesen Zahlen sind die Krim und der Donbass mitgerechnet. <\/p><p>75 Prozent der ehemaligen Kolchos-Arbeiter haben ihre Fl&auml;chen an gro&szlig;e Agro-Holdings verpachtet. Nach dem neuen Bodengesetz haben die P&auml;chter &ndash; meist gro&szlig;e Agrarholdings, Beamte und auch Mafia-Strukturen &ndash; ein Vorrecht auf den Kauf des gepachteten Bodens. Wenn der P&auml;chter den Boden nicht kaufen will, kann er sein Recht auf den Kauf einem anderen Interessenten &uuml;bergeben. Der eigentliche Besitzer des Bodens hat dagegen kein Einspruchsrecht.<\/p><p>Die Agro-Holdings zahlen den Kleinbauern zurzeit j&auml;mmerlich geringe Pachtgeb&uuml;hren von nur 47 Dollar pro Hektar. In Polen betr&auml;gt die Pachtgeb&uuml;hr f&uuml;r einen Hektar 235 Euro.<\/p><p>Bei einer 2017 vom Institut f&uuml;r Agrarwirtschaft durchgef&uuml;hrten Befragung waren nur zehn Prozent der Kleinbauern bereit, ihre Fl&auml;chen zu verkaufen. Der Grund ist einfach. Der Boden sichert das &Uuml;berleben seiner Besitzer gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. <\/p><p>Wegen der faktischen Macht der P&auml;chter sei absehbar, dass es beim Verkauf der B&ouml;den keine Auktionen geben werde, meint das ukrainische Internetportal Strana.ua. Und mit der Bezahlung des gekauften Bodens w&uuml;rden sich die neuen Land-Barone Zeit lassen. <\/p><p><strong>Vom Diener zum Verr&auml;ter des Volkes<\/strong><\/p><p>Wieviele Abgeordnete der Partei &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; f&uuml;r das Bodengesetz stimmen w&uuml;rden, war nicht klar. Denn Selenski hat in den letzten Monaten in seiner Partei an Unterst&uuml;tzung verloren. <\/p><p>226 Stimmen waren f&uuml;r die Verabschiedung des Gesetzes n&ouml;tig. Doch nur 206 Abgeordnete von &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; stimmten f&uuml;r das Gesetz. Zwei stimmten dagegen. 35 &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; blieben der Abstimmung fern. <\/p><p>Doch der geschw&auml;chten Selenski-Partei kamen Abgeordnete prowestlicher Fraktionen und Abgeordnetengruppen zu Hilfe, 23 Abgeordnete der Partei &bdquo;Europ&auml;ische Solidarit&auml;t&ldquo; von Ex-Pr&auml;sident Petro Poroschenko, 13 Abgeordnete der Partei &bdquo;Golos&ldquo; des Rocks&auml;ngers Swjatoslaw Wakartschuk, zw&ouml;lf Parlamentarier von der Abgeordnetengruppe &bdquo;Vertrauen&ldquo; und f&uuml;nf fraktionslose Abgeordnete. <\/p><p>Gegen das Gesetz stimmten die &bdquo;Oppositionsplattform &ndash; f&uuml;r das Leben&ldquo; und die Partei &bdquo;Vaterland&ldquo; von Julia Timoschenko. Beide Parteien wollen das neue Bodengesetz vor dem Verfassungsgericht anfechten. Die Oppositionsplattform erkl&auml;rte, die Gesch&auml;ftsordnung des Parlaments sei verletzt worden. An der Debatte des Gesetzes h&auml;tten sich mindestens 226 Abgeordnete von insgesamt 450 beteiligen m&uuml;ssen. Es seien aber nur 126 Abgeordnete im Plenarsaal gewesen. Au&szlig;erdem sei nicht zul&auml;ssig gewesen, dass das Gesetz w&auml;hrend einer au&szlig;erordentlichen Sitzung verabschiedet wurde.<\/p><p><strong>Igor Kolomoiski bekommt nichts zur&uuml;ck<\/strong><\/p><p>Der IWF hatte f&uuml;r die Auszahlungen eines neuen Kredites noch eine weitere Bedingung gestellt. Der W&auml;hrungsfonds forderte ein Gesetz zur Bankensanierung, welches es dem Oligarchen und Selenski-F&ouml;rderer Igor Kolomoiski unm&ouml;glich macht, seine 2016 verstaatlichte Priwat-Bank zur&uuml;ckzubekommen. Auch dieses Gesetz wurde von der Rada verabschiedet. <\/p><p>Die Verstaatlichung der Priwat-Bank hatte der damalige Pr&auml;sident Petro Poroschenko betrieben, der in Kolomoiski einen wirtschaftlichen und politischen Konkurrenten sah. Die Verstaatlichung der Priwat-Bank wurde damit begr&uuml;ndet, dass Kolomoiski zusammen mit einem Gesch&auml;ftspartner f&uuml;nf Milliarden Dollar der Priwat-Bank an selbst gegr&uuml;ndete Scheinfirmen in Steueroasen &uuml;berwiesen habe. <\/p><p>Ob Selenski seinen Durchmarsch im ukrainischen Parlament politisch &uuml;berlebt, ist nicht sicher. Denn seine W&auml;hler hat Selenski, der im Wahlkampf als K&auml;mpfer gegen Korruption und Oligarchen auftrat, verraten. Nach dem Ende der Quarant&auml;ne-Zeit k&ouml;nnte es zu au&szlig;erparlamentarischen Protesten kommen. Bei so einer Entwicklung w&uuml;rde die Regierungspartei &bdquo;Diener des Volkes&ldquo; weiter an Zusammenhalt verlieren, womit Parlaments-Neuwahlen m&ouml;glich w&uuml;rden. <\/p><p>Ulrich Heyden, Moskau<\/p><p>Titelbild: Artem Grebenyuk\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/ukrainian\/features-russian-50388919\">bbc.com\/ukrainian\/features-russian-50388919<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d91d64151f3c44b8b8cd6002a2729160\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in westlichen L&auml;ndern B&uuml;rger &uuml;ber den Entzug von demokratischen Rechten im Zuge der Corona-Krise klagen, geht es in der Ukraine um nicht weniger als den Verlust der letzten noch verbliebenen Errungenschaft, dem landwirtschaftlichen Boden, der sieben Millionen Kleinbauern und dem Staat geh&ouml;rt. 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