{"id":59982,"date":"2020-04-06T09:46:41","date_gmt":"2020-04-06T07:46:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982"},"modified":"2026-01-27T12:02:09","modified_gmt":"2026-01-27T11:02:09","slug":"alles-was-von-menschen-geschaffen-wurde-kann-auch-von-menschen-veraendert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982","title":{"rendered":"\u201eAlles, was von Menschen geschaffen wurde, kann auch von Menschen ver\u00e4ndert werden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Mein Vater war ungelernter Hilfsarbeiter, er hat als M&ouml;belpacker geschuftet, um seine Familie mit Frau und vier Kindern durchzubringen&ldquo;, sagt der Journalist <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47192\">Christian Baron<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Baron, dem aus einfachen Verh&auml;ltnissen der Bildungsaufstieg gelungen ist, wei&szlig; wie schwierig dieser Aufstieg in unserer Gesellschaft ist. In einem zweiteiligen Interview verdeutlicht Baron, dass es ein Mythos sei zu glauben, jeder k&ouml;nne aus eigener Kraft alles erreichen &ndash; sofern er sich nur hart genug anstrenge. Im Interview, wie in seinem neuen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/christian-baron\/ein-mann-seiner-klasse.html\">Ein Mann seiner Klasse<\/a>&ldquo;,  gew&auml;hrt Baron einen Einblick in sein Leben, erkl&auml;rt, warum &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; hierzulande eine Illusion ist und zeigt, was die &bdquo;Sozialpolitik&ldquo; der Bundesregierung in den vergangenen Jahrzehnten angerichtet hat. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1116\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59982-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59982-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200406_Alles_was_von_Menschen_geschaffen_wurde_kann_auch_von_Menschen_veraendert_werden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Baron, Ihr neues Buch hei&szlig;t &bdquo;Ein Mann seiner Klasse&ldquo;. Darin sprechen Sie viel &uuml;ber Ihren Vater. Mit einem &bdquo;Mann seiner Klasse&ldquo; k&ouml;nnten, in gewisser Weise, aber auch Sie gemeint sein, oder?<\/strong><\/p><p>In vielen Gespr&auml;chen, die ich bislang zum Buch hatte, wurde vorausgesetzt, dass mit dem &bdquo;Mann seiner Klasse&ldquo; nur mein Vater gemeint sei. Das ist eine legitime Lesart, ich will und kann da gar keine einzig wahre Deutung vorgeben, es geht ja um Literatur. F&uuml;r mich ergibt sich aber aus dem Text, dass der Titel in mehrfacher Hinsicht mehrdeutig ist. Zum einen beim Begriff der Klasse, mit dem die soziologische Kategorie ebenso gemeint ist wie &bdquo;Klasse haben&ldquo; im Sinne eines Sozialverhaltens. Daraus folgt aus meiner Sicht, dass neben dem Vater auch andere M&auml;nner gemeint sind, die im Buch vorkommen. Und in Kombination mit dem Foto auf dem Cover, das meine Mutter zeigt, wird klar, dass es nicht nur ein Vater-Buch ist, sondern eines, das auch grundlegend etwas aussagen soll &uuml;ber unsere Klassengesellschaft.<\/p><p><strong>Wer sich die &ouml;ffentlichen Diskussionen der vergangenen Jahre vor Augen f&uuml;hrt, kann zu der Einsicht gelangen, dass es keine &bdquo;Klassen&ldquo; in Deutschland gibt. Der Begriff wirkt angestaubt, wie aus einer l&auml;ngst vergangenen Zeit, schlie&szlig;lich hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Diese Annahme w&auml;re aber ein ziemlicher Unsinn. Nat&uuml;rlich gibt es &bdquo;Klassen&ldquo;. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Zieht man die Trennung von Produktionsmitteln und die abh&auml;ngige Lohnarbeit als Kriterien heran, dann war die Arbeiterklasse in der Geschichte der Bundesrepublik nie gr&ouml;&szlig;er als heute. Der Kapitalismus ist eine Modernisierungsmaschine, die Innovation hervorbringt und den absoluten Wohlstand mehrt, aber ihre Fr&uuml;chte nicht dem Gemeinwohl zur Verf&uuml;gung stellt, sondern &ouml;konomische und politische Eliten systematisch privilegiert. Die oberen zwei Drittel der deutschen Haushaltseinkommen sind in den letzten beiden Jahrzehnten gewachsen, die unteren 40 Prozent, das sind 30 Millionen Menschen, haben Lohnstagnation oder sogar Verluste erlebt. Das Einkommen ist aber nicht der einzige Faktor f&uuml;r die Klassenlage. Auch der Grad an Ausbeutung ist wichtig. Dazu z&auml;hlt nicht nur die &uuml;bliche Ausbeutung durch Erwerbsarbeit, sondern auch die sekund&auml;re Ausbeutung. Beispielsweise belasten f&uuml;r Menschen in Gro&szlig;st&auml;dten die drastisch gestiegenen Mieten die Haushaltseinkommen enorm. Ein wichtiges Element der Klassengesellschaft ist auch das Bildungssystem. Weil Kinder schon nach der Grundschule in mehrere Schulformen aufgeteilt werden, also schon mit zehn Jahren entscheiden sollen, ob sie mal Abitur machen oder nicht, kann es keine Chancengleichheit geben.<\/p><p><strong>Was bedeutet es aus analytischer Sicht, wenn ein so wichtiger Begriff wie der der Klasse, vom Radar verschwindet?<\/strong><\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te L&uuml;ge des Kapitalismus ist leider auch eines seiner Erfolgsrezepte. Die Menschen haben sich einreden lassen, die &Ouml;konomie sei nicht dem Willen der Menschen, sondern den Naturgesetzen unterworfen. Das stimmt einfach nicht. Alles, was von Menschen  geschaffen wurde, kann auch vom Menschen ver&auml;ndert werden. Es ist nur eine Frage des politischen Willens. Die Eliten wollen nicht, dass sich etwas &auml;ndert. Stattdessen verbreiten sie noch immer den Mythos, jeder k&ouml;nne aus eigener Kraft alles erreichen, wenn er nur hart genug arbeite. Das hat historisch im Kapitalismus noch nie gestimmt, aber so falsch wie derzeit war es wohl seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. Die Leute akzeptieren fast jede Ungleichheit, wenn sie sie als Ergebnis eines Wettbewerbs sehen. Darum hat sich die Vorstellung durchgesetzt, es gebe nur noch eine Gesellschaft sozialer Schichten, und jeder k&ouml;nne die Schicht nach Belieben wechseln. In westlichen Gesellschaften hat sich dadurch die fatale Idee etabliert, dass Arme selbst f&uuml;r ihre Lage verantwortlich sind. Man sagt dann: Alleinerziehend? Du hast dich doch scheiden lassen! Zu wenig Lohn? Du arbeitest ja auch nicht in Vollzeit! Keine unbefristete Stelle? Du hast eben am Markt vorbeistudiert mit deiner Germanistik! Kaum einer geht mehr einen Schritt zur&uuml;ck und fragt: Was w&auml;ren denn die Alternativen gewesen? Hat man &uuml;berhaupt Zugang zu Bildung? Ist eine Arbeit in Vollzeit mit anderen wichtigen Dingen im Leben vereinbar, wie der Pflege eines kranken Angeh&ouml;rigen oder der Kinderbetreuung? Wieso zur H&ouml;lle bezahlen Staat und Kapitalisten eine Altenpflegerin so schlecht? L&auml;sst sich die K&uuml;rzung von Sozialleistungen wegen eines angeblichen Fehlverhaltens rechtfertigen oder nicht? Das Reden von Schichten hat dazu gef&uuml;hrt, dass uns die Solidarit&auml;t abhanden gekommen ist. Und die Gesellschaft hat das dialektische Denken dadurch ebenso vergessen wie das Handeln in Antagonismen. Die Interessen von Kapital und Arbeit sind nicht miteinander vereinbar. Das hat leider nur die Kapitalseite kapiert. <\/p><p><strong>Aus welcher Klasse stammt Ihre Familie?<\/strong><\/p><p>Wir sind Teil der Arbeiterklasse, zu der alle geh&ouml;ren, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu sehr ungleichen Bedingungen an Eigent&uuml;mer der Produktionsmittel zu verkaufen, also an Unternehmer. Mein Vater war ungelernter Hilfsarbeiter, er hat als M&ouml;belpacker geschuftet, um seine Familie mit Frau und vier Kindern durchzubringen. Weil er zu wenig Geld verdient hat, lebten wir in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55423\">Armut<\/a>. Das hat meinen Vater stark frustriert, weil er die Ideologie der Leistungsgesellschaft verinnerlicht hatte. Er war zu stolz, um erg&auml;nzende Sozialhilfe zu beantragen. Es sagt viel aus &uuml;ber eine Gesellschaft, wenn ein soziales Recht so stigmatisiert ist, dass Leute lieber hungern, als es in Anspruch zu nehmen. Mein Vater dachte ernsthaft, wer sich nur genug anstrenge, dem werde es schon irgendwann von allein wieder gut gehen. Er hat seinen Zorn leider nicht an das kapitalistische System und seine Repr&auml;sentanten gerichtet, sondern wurde zum S&auml;ufer. Und er hat meine Mutter und uns Kinder verpr&uuml;gelt.<\/p><p><strong>Ihr Buch ist voller Beispiele, die einen guten Eindruck vermitteln, wie es sein kann, wenn man in so einem Milieu, wie Sie es beschreiben, sozialisiert wird. W&uuml;rden Sie ein, zwei Beispiele geben, um uns die Welt Ihrer Kindheit, Ihrer Jugend vor Augen zu f&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Mein Vater vermittelte uns Kindern ein M&auml;nnlichkeitsbild, &uuml;ber das linksliberale Akademiker gern die Nase r&uuml;mpfen. F&uuml;r mich aber war es ein Ideal. Ich wollte ein &bdquo;richtiger Mann&ldquo; sein. Ich verehrte die starken H&auml;nde meines Vaters und wollte sp&auml;ter einmal wie er mit einer &bdquo;M&auml;nnerarbeit&ldquo; mein Geld verdienen. Ich mochte seine T&auml;towierungen und trug Klebetattoos auf meinen Ober&auml;rmchen. Ich bestaunte seinen Bizeps und stolzierte wie er mit freiem Oberk&ouml;rper durch die Gegend. Ich trank Milch aus dem Schoppenglas und bezeichnete sie als &bdquo;Wei&szlig;bier&ldquo;. Ich sah die Filme von Jean-Claude van Damme und spielte mit meinem Bruder die Kampfszenen nach. Eine andere Sache war, dass ich jenseits der Versuche meiner Mutter, mich zum Lesen zu bringen, nie mit bildungsb&uuml;rgerlichen Werten in Ber&uuml;hrung kam. F&uuml;r uns war der Fernseher das Fenster in die Welt dort drau&szlig;en, weshalb dieses Ger&auml;t f&uuml;r mich bis heute ein magisches ist. Auch so eine Vorliebe, mit der man sich unter gepudert aufgewachsenen Mittelklassekids keine Freunde macht.<\/p><p><strong>Ein weiteres Beispiel?<\/strong><\/p><p>Wir entsprachen in vielem ganz und gar nicht den Klischees, die es &uuml;ber &bdquo;die Unterschicht&ldquo; gibt. Meine Mutter wollte immer Lyrikerin werden, sie schrieb politisch engagierte und wirklich sch&ouml;ne Gedichte. Mein Vater wiederum hatte kein Problem damit, dass ich mich gern als Frau verkleidete. Und meine Tante, bei der ich nach dem fr&uuml;hen Tod meiner Mutter aufgewachsen bin und die ebenfalls keinen bildungsb&uuml;rgerlichen Weg eingeschlagen hat, hat gro&szlig;e Wut auf die Politik, aber sie k&auml;me wie fast alle in meiner Familie niemals auf die Idee, eine rassistische und neoliberale Partei wie der AfD zu w&auml;hlen.  <\/p><p><strong>Nun sind Familienkonstellationen in allen Schichten vielf&auml;ltig. Sie erz&auml;hlen von den Verh&auml;ltnissen in <em>Ihrer<\/em> Familie. In anderen Familien, die in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56488\">Armut<\/a> leben, mag es ganz anders sein. Allerdings d&uuml;rfte es eben doch grundlegende &Uuml;berschneidungen geben. Stimmen Sie dem zu?<\/strong><\/p><p>Klar, Alkoholismus und m&auml;nnliche Gewalt sind klassen&uuml;bergreifende Ph&auml;nomene. Unabh&auml;ngig davon geht es f&uuml;r arme Menschen oft um das nackte &Uuml;berleben. Ganz wichtig ist es zu verstehen, dass Armut kein Ph&auml;nomen ist, das sich auf den globalen S&uuml;den beschr&auml;nkt. Nach Zahlen der UNICEF von 2017 sind elf Prozent der spanischen Kinder unter zehn Jahren unterern&auml;hrt. In den Schulen der &auml;rmeren Stadtteile in Deutschland bringen die Lehrer Brot und Milch in die Schule mit, weil viele Kinder morgens blass und mit leerem Magen ankommen. Das ist kein Naturereignis, sondern das beabsichtigte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48967\">Ergebnis der Sozialpolitik<\/a> der vergangenen Jahrzehnte.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t es, in einer Familie der Unterschicht aufzuwachsen?  Wo d&uuml;rften die &Uuml;berschneidungen liegen?<\/strong><\/p><p>Bei mir hat sich die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136\">Armut<\/a> von klein auf materiell bemerkbar gemacht. Dass wir manchmal zu wenig zu essen hatten. Dass wir in einer dunklen Wohnung sa&szlig;en, weil die Stromrechnung nicht zu bezahlen war. Dass wir keine Heizung und nur einfach verglaste Fenster hatten und deshalb der Schimmel in der Wohnung bl&uuml;hte. Dass wir als Kinder nicht an Klassenfahrten teilnehmen konnten. Dazu kommt die soziale Abwertung, die f&uuml;r Kinder schon in der Grundschule schmerzhaft zu sp&uuml;ren ist, wenn sie sich mit den Mitsch&uuml;lern vergleichen m&uuml;ssen. F&uuml;r die Leute waren wir &bdquo;Unterschicht&ldquo;, &bdquo;Asoziale&ldquo;, &bdquo;Barackler&ldquo; &ndash; und das, obwohl mein Vater ja immer gearbeitet hat, also ein richtiger Proletarier war. <\/p><p><strong>Was bedeutet das nun f&uuml;r das Individuum?<\/strong><\/p><p>Neun Prozent aller Erwerbst&auml;tigen in Deutschland leben heute unterhalb der Armutsgrenze. Sie schuften sich kaputt und m&uuml;ssen trotzdem Hartz 4 beziehen. Das ist eine Dem&uuml;tigung, die auch den Kindern nachhaltig jeden Antrieb nehmen kann, jeden Glauben daran, einen Ausweg zu finden. Au&szlig;erdem ist die Art von Herzensbildung, die man oft in materiell armen Familien mitbekommt, im sp&auml;teren Leben als Bildung wertlos. Das f&auml;ngt beim Sprechen im Dialekt an und geht bis hin zu F&auml;higkeiten wie die intuitiv richtige, aber aus bildungsb&uuml;rgerlicher Sicht nicht erw&uuml;nschte Kindererziehung, wenn man seine Spr&ouml;sslinge etwa fernsehen l&auml;sst oder als Vater oder Mutter sein Kind lieber zu Hause betreut, anstatt es in eine Kita zu geben und selbst einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Deshalb ist es unendlich wichtig, dass Kinder sehr fr&uuml;h Anerkennung und Hoffnung bekommen, damit sie Bildungshunger entwickeln k&ouml;nnen. Das zeigt, wie leicht es sich privilegiert Aufgewachsene machen, wenn sie sagen, es gebe doch &uuml;berall Leihb&uuml;chereien und das Internet, jeder k&ouml;nne sich informieren und bilden. Man ist immer abh&auml;ngig von seinem sozialen Umfeld und der Hilfe durch andere.<\/p><p><strong>Sie sind, wenn man so will, ein &bdquo;Klassenaufsteiger&ldquo;. Ihnen ist der Bildungsaufstieg gelungen. Sie sind Journalist, nun auch Beststeller-Autor. Da k&ouml;nnte man leicht sagen: Aufstieg ist in unserer Gesellschaft m&ouml;glich, alles ist gut. Aber so einfach ist es nicht, oder?<\/strong><\/p><p>70 Prozent der Akademikerkinder in Deutschland studieren, 20 Prozent der Nicht-Akademikerkinder &ndash; und da sind die &ouml;konomisch oft noch gut abgesicherten Facharbeiterkinder schon mitgerechnet. Wer da noch sagt: &bdquo;Wer sich nur genug anstrengt, der schafft es auch&ldquo;, der geht davon aus, dass Menschen aus armen Haushalten von Natur aus fauler und d&uuml;mmer seien als Menschen aus Akademiker-Haushalten. Will wirklich jemand so argumentieren? Dass ich sozial aufgestiegen bin, lag nicht an meiner Leistung oder meiner Begabung, sondern nur daran, dass es Menschen gab, die mir T&uuml;ren ge&ouml;ffnet haben. Von ganz allein w&auml;re mir der Weg zu Abitur, Studium und Journalismus niemals gelungen, da h&auml;tte ich der kl&uuml;gste kleine Junge der Welt sein k&ouml;nnen. Das ist eine echte Kr&auml;nkung f&uuml;rs Ego, weil unser Selbstwertgef&uuml;hl im Kapitalismus immer darauf beruht, dass wir unsere Erfolge auf eigene Leistung zur&uuml;ckf&uuml;hren. In meinem Buch zeichne ich nach, dass es in meinem Fall Leute gab wie meine Mutter, meine Lehrerinnen, meine Tanten oder das Jugendamt, die fr&uuml;hzeitig in mir ein bildungshungriges Kind gesehen haben, das es zu f&ouml;rdern gilt.<\/p><p><em>Lesetipp: Baron, Christian: <a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/christian-baron\/ein-mann-seiner-klasse.html\">Ein Mann seiner Klasse<\/a>. Claassen. Hardcover. 288 Seiten. 20 Euro. Erschienen: 31.Januar 2020.<\/em><\/p><p>Titelbild: Hans Scherhaufer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Mein Vater war ungelernter Hilfsarbeiter, er hat als M&ouml;belpacker geschuftet, um seine Familie mit Frau und vier Kindern durchzubringen&ldquo;, sagt der Journalist <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47192\">Christian Baron<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Baron, dem aus einfachen Verh&auml;ltnissen der Bildungsaufstieg gelungen ist, wei&szlig; wie schwierig dieser Aufstieg in unserer Gesellschaft ist. In einem zweiteiligen Interview verdeutlicht Baron, dass es ein Mythos<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":59985,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,206,165,209,132],"tags":[881,2865,442,1759,909,2252,2225,288,408,389,827,218,687,425],"class_list":["post-59982","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-chancengerechtigkeit","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-baron-christian","tag-eigenverantwortung","tag-entsolidarisierung","tag-kapitalismus","tag-klassenkampf","tag-leistungsgerechtigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-soziale-herkunft","tag-sozialrassismus","tag-stigmatisierung","tag-teilhabe","tag-ungleichheit","tag-unterschicht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Baron_Christian_c_Hans_Scherhaufer_HSR_9807.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59982","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=59982"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59982\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81414,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59982\/revisions\/81414"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/59985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=59982"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=59982"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=59982"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}