{"id":60083,"date":"2020-04-09T08:51:53","date_gmt":"2020-04-09T06:51:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60083"},"modified":"2020-04-09T18:38:26","modified_gmt":"2020-04-09T16:38:26","slug":"der-lockdown-ist-auch-eine-klassenfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60083","title":{"rendered":"Der Lockdown ist auch eine Klassenfrage"},"content":{"rendered":"<p>Die Kritik der Meinungsmacher am Corona-Lockdown h&auml;lt sich in Grenzen. Das ist kein Wunder, geh&ouml;ren sie und ihr pers&ouml;nliches Umfeld doch meist einem wohlsituierten B&uuml;rgertum an, das vom Lockdown pers&ouml;nlich kaum getroffen ist. Es macht halt einen Unterschied, ob man die sonnigen Tage als Pension&auml;r oder &bdquo;Home-Office-Elite&ldquo; nutzt, um im Eigenheim im gr&uuml;nen Speckg&uuml;rtel mit den Kindern oder Enkeln im Garten zu spielen und sich selbst zu finden oder ob man als alleinziehende Niedrigl&ouml;hnerin in Zwangskurzzeit mit den Kindern bei gesperrten Spielpl&auml;tzen in der kleinen Zweizimmerwohnung im Plattenbau verbringen muss. F&uuml;r Millionen Deutsche ist der Lockdown eben kein verl&auml;ngerter Fr&uuml;hlingsurlaub daheim, sondern eine psychische und &ouml;konomische Trag&ouml;die und es w&auml;re w&uuml;nschenswert, dass diese Schicksale bei einer forcierten Exit-Debatte endlich eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5823\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60083-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60083-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200409_Der_Lockdown_ist_auch_eine_Klassenfrage_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als ich in dieser Woche durch die Stra&szlig;en zog, kam ich mir ein wenig vor wie im Auenland der Herr-der-Ringe-Trilogie. Wie fr&ouml;hliche Hobbits besch&auml;ftigten sich meine Nachbarn mit Gartenarbeit und spielten mit ihren Kindern. Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man vor allem in der Kontaktsperre meist nicht. Es geht w&auml;hrend des Lockdowns ein Riss durch dieses Land. Auf der Lockdown-Sonnenseite befinden sich &ndash; trotz Risikogruppenzugeh&ouml;rigkeit &ndash; diejenigen Pension&auml;re und Rentner, die man als &ouml;konomisch unabh&auml;ngig bezeichnen k&ouml;nnte, und all die Beamten und meist h&ouml;heren Angestellten, denen es verg&ouml;nnt ist, ihren momentan coronabedingt eher weniger aufregenden Job von daheim aus zu erledigen. Da wird sich dann auf Twitter, Facebook, Instagram und Co. &uuml;ber den Klopapiermangel aufgeregt, aber ansonsten nimmt man die Zwangspause eher als skurrilen Heimurlaub wahr. Und so lange das Wetter mitspielt und die Bau- und Gartenm&auml;rkte ge&ouml;ffnet sind, gibt es sicherlich Schlimmeres im Leben; die Pensionen, Renten und Geh&auml;lter dieser Gl&uuml;cklichen werden schlie&szlig;lich p&uuml;nktlich &uuml;berwiesen und man hat nun endlich die Zeit, sich um Dinge zu k&uuml;mmern, zu denen man im Arbeitsalltag nicht kommt und es ist ja immer spannend, wenn mal etwas Aufregendes passiert. Freilich jammert man dennoch; zwar auf hohem Niveau, aber auch das ist ja nichts Neues. Hauptsache das Bier und die Bratw&uuml;rste gehen nicht aus.<\/p><p>Ein wenig weiter unten auf der Corona-Lockdown-Leiter sieht die Lage schon nicht mehr ganz rosig aus.&nbsp;Wer als Selbstst&auml;ndiger oder Freiberufler durch die &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; gewaltige Umsatzeinbu&szlig;en verkraften muss und nicht wei&szlig;, ob und wie es weitergehen soll, wird den Lockdown mitnichten als verl&auml;ngerten Fr&uuml;hlingsurlaub, sondern vielmehr als massive, ja existenzielle Bedrohung wahrnehmen. Dies betrifft vor allem die rund vier Millionen Soloselbstst&auml;ndigen, also Freiberufler und Kleinstunternehmer, die keine Angestellten haben. Aber auch Selbstst&auml;ndige mit Angestellten, z.B. in der Gastronomie, im Einzelhandel oder im Tourismus sind durch den Lockdown oft wirtschaftlich bis ins Mark getroffen und f&uuml;r all diese Menschen ist die Exit-Debatte mehr als ein virologisches Planspiel, bei dem so &bdquo;profane&ldquo; Dinge wie die R&uuml;ckkehr zu einem geordneten wirtschaftlichen Leben eine untergeordnete Rolle spielen. <\/p><p>&Auml;hnlich geht es den mehr als zwei Millionen Menschen, die bislang von rund einer halben Million Unternehmen in die Kurzarbeit geschickt wurden und nun auf Teile ihres Lohns verzichten m&uuml;ssen. Sicher, wer vor der Krise einen guten Lohn hatte, R&uuml;cklagen bilden konnte und &uuml;berschaubare finanzielle Belastungen hat, wird auch diese Zeit &uuml;berbr&uuml;cken k&ouml;nnen. Aber wie viele Menschen k&ouml;nnen das in Zeiten von explodierenden Mieten und stagnierenden L&ouml;hnen? Auch hier sind es vor allem diejenigen, die auch ohne Krise zumindest in sozio&ouml;konomischer Sicht nicht auf der Sonnenseite unseres Wirtschaftssystems stehen. Und bei sehr vielen Menschen reicht ein Lohnverzicht in H&ouml;he von einem Drittel nun einmal leider aus, dass die regelm&auml;&szlig;igen Ausgaben die regelm&auml;&szlig;igen Einnahmen &uuml;bersteigen und wohin das ohne ausreichende Reserven f&uuml;hrt, d&uuml;rfte bekannt sein. Da kann das Wetter noch sch&ouml;n sei &ndash; wem die Zahlungsunf&auml;higkeit droht, wird sich eher w&uuml;nschen, dass es st&uuml;rmt und regnet, Hauptsache das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang und der volle Lohn kommt wieder aufs Konto.<\/p><p>Auch in puncto Lebensqualit&auml;t sieht es hier &ndash; am unteren Ende der Corona-Lockdown-Leiter &ndash; g&auml;nzlich anders aus als im Speckg&uuml;rtel. Wer keinen Garten hat, um mit den Kindern zu spielen, und stattdessen in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit dem Nachwuchs eingesperrt ist, dem f&auml;llt bereits nach wenigen Tagen die Decke auf dem Kopf. Was tun? Die Spielpl&auml;tze sind verboten, die typischen st&auml;dtischen Freizeitaktivit&auml;ten f&uuml;r Kinder geschlossen oder untersagt. Und da die Kitas und Schulen ja auch dicht sind, m&uuml;ssen die Kleinen nun den ganzen Tag besch&auml;ftigt werden. Zu Oma und Opa soll man sie ja nicht geben &ndash; Risikogruppe. Das Konto leer, die Nerven &uuml;berspannt, soziale Kontakte untersagt &ndash; eine toxische Mischung, die nicht selten sogar zu famili&auml;rer Gewalt f&uuml;hrt. <\/p><p>Doch seltsamerweise spielen all diese Schicksale bei der Debatte um einen m&ouml;glichst schnellen Exit und einer sinnvollen Lockerung der &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; nur sehr selten eine Rolle. Man sieht halt nicht nur die im Lichte; die im Lichte sind es auch, die Leitartikel schreiben und in den Talkshows und Kommentarformaten Meinungen machen. Diese Leitartikel stammen freilich nicht von den &bdquo;freien&ldquo; Journalisten, die ansonsten ihre Br&ouml;tchen mit Veranstaltungs- oder Sportberichten verdienen, und die dank Lockdown nun ihre Miete nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen. Auch Sorglosigkeit ist ein Privileg, das man sich leisten k&ouml;nnen muss und wenn man selbst unbesorgt auf den obersten Stufen der Corona-Lockdown-Leiter steht, ist es nat&uuml;rlich einfach, die &bdquo;guten&ldquo; Ratschl&auml;ge der Virologen als alternativlos zu verkaufen und den Rest des Landes auf weitere Wochen oder gar Monate der Einschr&auml;nkung einzuschw&ouml;ren &ndash; der Preis, den man selbst daf&uuml;r zu zahlen hat, ist ja vergleichsweise gering. So what? Vielleicht sollten diese Leitartikler einmal eine Woche mit einer alleinerziehenden Mutter aus der Plattenbausiedlung tauschen. Vielleicht k&auml;men sie dann bei ihrer sorgf&auml;ltigen Abw&auml;gung ja zu anderen Antworten?<\/p><p>Titelbild: Maria Sbytova\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/d61c8eb01d654a0d921d390210e476ee\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kritik der Meinungsmacher am Corona-Lockdown h&auml;lt sich in Grenzen. Das ist kein Wunder, geh&ouml;ren sie und ihr pers&ouml;nliches Umfeld doch meist einem wohlsituierten B&uuml;rgertum an, das vom Lockdown pers&ouml;nlich kaum getroffen ist. 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