{"id":601,"date":"2005-06-07T14:22:40","date_gmt":"2005-06-07T12:22:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=601"},"modified":"2016-03-14T09:34:39","modified_gmt":"2016-03-14T08:34:39","slug":"mythos-zu-hohe-lohnnebenkosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=601","title":{"rendered":"Mythos: Zu hohe Lohnnebenkosten"},"content":{"rendered":"<p>Ver.di hat einmal nachgerechnet was eine Verringerung der Sozialversicherungsbeitr&auml;ge um 10 (!) Prozent br&auml;chte: Bei Kosten f&uuml;r eine Handwerkerstunde von 43 Euro spart der Arbeitgeber gerade mal 60 Cent.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Zu hohe Lohnnebenkosten sind schuld an der hohen Arbeitslosigkeit&ldquo;, &bdquo;die Massenarbeitslosigkeit ist entstanden, weil der Sozialstaat zu teuer ist&ldquo;, &bdquo;die Deutschen sind sich gegenseitig zu teuer geworden, deswegen k&ouml;nnen sie sich keinen Handwerker mehr leisten&ldquo;, &bdquo;die deutsche Krankheit sind die zu hohen Sozialkosten&ldquo;, solche oder &auml;hnlich S&auml;tze werden uns von den Sinns, den Miegels, den Dettlings, von den Sachverst&auml;ndigen und von Politikern t&auml;glich vorgebetet. Keiner dieser Vork&auml;mpfer f&uuml;r eine Senkung der Lohnnebenkosten und damit f&uuml;r eine Privatisierung der Sozialsysteme nennt dabei Fakten und sagt, dass z.B. bei der Volkswagen AG der Personalaufwand etwa 17% des Gesamtaufwendungen des Konzerns ausmacht und dieser teilt sich auf in 14% L&ouml;hne und Geh&auml;lter und 3% Sozialabgaben. Siehe <a href=\"?p=249\">Denkfehler 22: &ldquo;Die Lohnnebenkosten sind zu hoch&rdquo;<\/a>. <\/p><p>Keiner dieser Ayatholas schaut einmal in die Unternehmensstatistik der Deutschen Bundesbank, danach belief sich im Jahr 2001 der Personalaufwand (L&ouml;hne, Geh&auml;lter, soziale Abgaben und freiwillige soziale Aufwendungen) aller deutscher Unternehmen, also aller Kapitalgesellschaften, Personengesellschaften und Einzelunternehmen, auf 17,4 Prozent des Umsatzes dieser Unternehmen. Selbst wenn man einmal unterstellt, dass &ndash; maximal gerechnet &ndash; 20 Prozent der L&ouml;hne und Geh&auml;lter als Sozialbeitr&auml;ge gezahlt werden, dann entspricht das &ndash; hoch gegriffen &ndash; einer Umsatzquote von etwa 3,5 Prozent. (Die anderen rd. 20 Prozent Sozialabgaben zahlen ja die Arbeitnehmer selbst.) Gel&auml;nge es tats&auml;chlich, diesen Beitragsanteil der Unternehmen zu den Sozialabgaben von 20 Prozent auf 18 Prozent, also um zwei Prozentpunkte zu reduzieren, was schon eine stolze reformerische Leistung w&auml;re, dann schl&uuml;ge das mit 0,35 Prozentpunkten des Umsatzes bzw. der Kostenrechnung zu Buche, was also makro&ouml;konomisch kaum mehr messbar w&auml;re. Siehe <a href=\"?p=525\">Kritisches Tagebuch vom 19.04.2005<\/a>. <\/p><p>Keiner der Hohepriester f&uuml;r die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit durch Senkung der Lohnnebenkosten begr&uuml;ndet, warum etwa die Aufwertung des Dollars gegen&uuml;ber dem Euro um bis zu 30% die Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Wirtschaft offenbar weniger tangiert als dies der relativ kleine Kostenfaktor Sozialabgaben angeblich tut. <\/p><p>Keiner spricht dar&uuml;ber, dass die Sozialkosten vor allem auch deshalb &bdquo;unbezahlbar&ldquo; geworden sind, weil mit der deutschen Einheit versicherungsfremde Leistungen in dreistelliger Milliardenh&ouml;he aus den Sozialkassen finanziert wurden. (Das DIW hat daf&uuml;r seit der Einigung einen Betrag von &uuml;ber 300 Milliarden Euro addiert.) <\/p><p>Keiner findet es der Erw&auml;hnung wert, dass die Lohnnebenkosten, genauer die Beitr&auml;ge f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme vor allem auch deshalb angestiegen sind, weil die Zahl der Beitragszahler durch Arbeitslosigkeit und die Leistungsf&auml;higkeit der Beitragspflichtigen (also die Beitragss&auml;tze) durch Lohnsenkungen (oder zu gering ansteigende L&ouml;hne), durch Billig- und Niedrigstlohn-Jobs gesunken ist. <\/p><p>Keiner stellt die Erw&auml;gung an, dass ja mit der Abschaffung der parit&auml;tischen Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, die Kosten der sozialen Sicherung ja nicht automatisch gesenkt w&uuml;rden, sondern k&uuml;nftig nur komplett aus dem Netto-Einkommen der Besch&auml;ftigten finanziert werden m&uuml;ssten und dadurch f&uuml;r die Binnennachfrage noch weiter geschw&auml;cht w&uuml;rde. Dass die Sozialkosten sogar eher steigen d&uuml;rften, wenn die davon entlastete Arbeitgeberseite kein (politisches und wirtschaftliches) Interesse mehr an Kostend&auml;mpfung h&auml;tte, bleibt v&ouml;llig au&szlig;er Betracht. <\/p><p>Fast alle aber halten wiederum eine Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer f&uuml;r einen m&ouml;glichen Weg, die Sozialkosten statt &uuml;ber Lohnnebenkosten aus dem allgemeinen Steueraufkommen zu finanzieren. &Uuml;bersehen wird dabei allerdings, dass die Mehrwertsteuer genauso wie die Lohnnebenkosten in die Kosten f&uuml;r eine Handwerkerstunde beim Verbraucher eingeht. Was die Arbeitgeber also bei den Lohnnebenkosten einsparen, muss gegebenenfalls bei einer Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer zu den Kosten einer Handwerkerstunde wieder als Steueranteil hinzugerechnet werden. <\/p><p>Was unsere heiligen Krieger gegen den Sozialstaat geflissentlich verschweigen, ist, dass sich an der Gesamtbelastung &uuml;berhaupt nichts &auml;ndert. Wenn man Sozialbeitr&auml;ge durch Steuern finanziert, verschiebt man nur etwas innerhalb dieser Abgabenquoten. Die Frage ist dann nur zu wessen Lasten oder zu wessen Gunsten man die Gesamtbelastung verschiebt. Bei einer st&auml;ndig weitergehenden Senkung der Unternehmensbesteuerung und der Spitzensteuers&auml;tze und bei einer Verschiebung der Steuerlast auf die indirekten Steuern ist ziemlich klar, auf wen die Belastung verschoben wird: Auf den Konsumenten und vor allem auf diejenigen, bei denen der gr&ouml;&szlig;te Teil des Einkommens in den Konsum geht &ndash; auf die kleinen Einkommensbezieher eben. <\/p><p>Das alles verbirgt sich hinter dem Mythos der Lohnnebenkosten, wenn er denn entzaubert w&uuml;rde. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.verdi.de\/politik\/wirtschaftspolitik_2\/wirtschaftspolitik_aktuell\/zu_hohe_lohnnebenkosten\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.verdi.de\/politik\/wirtschaftspolitik_2\/wirtschaftspolitik_aktuell\/zu_hohe_lohnnebenkosten\">ver.di<\/a> \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ver.di hat einmal nachgerechnet was eine Verringerung der Sozialversicherungsbeitr&auml;ge um 10 (!) 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