{"id":60108,"date":"2020-04-12T10:00:15","date_gmt":"2020-04-12T08:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60108"},"modified":"2020-04-13T09:22:07","modified_gmt":"2020-04-13T07:22:07","slug":"wie-der-krieg-des-imperiums-hikmatullah-den-gluecklichen-reich-machte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60108","title":{"rendered":"Wie der Krieg des Imperiums Hikmatullah \u201eden Gl\u00fccklichen\u201c reich machte"},"content":{"rendered":"<p>In Afghanistan ist weiterhin vieles nicht gut. Doch gerade in diesen Tagen lohnt sich ein Blick in &auml;ltere Berichte und Recherchen. Diese offenbaren n&auml;mlich nur allzu deutlich, was am Hindukusch alles schiefgelaufen ist. Ein gutes Beispiel hierf&uuml;r ist etwa die amerikanische Kriegsindustrie, die dazu gef&uuml;hrt hat, dass viele Hampelm&auml;nner pl&ouml;tzlich zu Million&auml;ren wurden, w&auml;hrend die absolute Mehrheit der Afghanen am Hungertuch nagte. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVor rund einem Monat unterzeichnete die US-Regierung mit den afghanischen Taliban einen Abzugsdeal im Golfemirat Katar. Seitdem steht ein vollst&auml;ndiger Abzug der US-Truppen tats&auml;chlich im Raum. Wie die Situation nach einer m&ouml;glichen Wiederwahl Trumps oder mit einem Pr&auml;sident Joe Biden aussehen wird, ist unklar. Doch gegenw&auml;rtig wird am Hindukusch abgebaut. Troops are coming home. Nach der Unterzeichnung des Abkommens verk&uuml;ndete das US-Milit&auml;r in Afghanistan, <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2020\/03\/begins-troop-withdrawal-afghanistan-official-200309162847760.html\">innerhalb von 135 Tagen<\/a> das Truppenkontingent auf insgesamt 8.600 Soldaten verringern zu wollen.<\/p><p>Dies ist vor allem beachtenswert, wenn man in Betracht zieht, was einst im Land los war. Als die USA und ihre Verb&uuml;ndeten Ende 2001 in Afghanistan einmarschierten, errichteten sie eine gigantische Kriegsindustrie, die alle m&ouml;glichen Sektoren einschloss. Milliarden von Dollar wurden in verschiedensten Formen ins Land gepumpt. Man verteilte das Geld an korrupte Warlords, Politiker und Drogenbarone oder an NGOs, vermeintliche Menschen- und Frauenrechtler oder anderweitige Akteure, die angereist waren, um vom Krieg &ndash; oder wie es damals hie&szlig;: von der &bdquo;Demokratie&ldquo; &ndash; zu profitieren. W&auml;hrenddessen wurde der pl&ouml;tzliche Geldfluss von vielen kriegsm&uuml;den Afghanen f&auml;lschlicherweise als gesunder Wirtschaftsaufschwung betrachtet. In gewissen Kreisen galt schnell Folgendes: Wer in diesen Tagen kein Geld macht, ist dumm &ndash; vor allem wenn er der englischen Sprache m&auml;chtig ist. Schnell entwickelte sich eine Raubtiermentalit&auml;t, und das meiste Geld lag nat&uuml;rlich beim US-Milit&auml;r.<\/p><p>In vielen Regionen entwickelten sich regelrecht kleine St&auml;dte, die sich um die Milit&auml;rbasen entwickelten und die von den Amerikanern betrieben wurden. Es gab Krankenh&auml;user, Freizeitzentren und Fastfoodrestaurants. Hinzu kamen Duschen mit Warmwasser, Klimaanlagen und Internetcaf&eacute;s. Der Energieverbrauch war enorm, und dementsprechend war man auf zahlreiche G&uuml;ter und Rohstoffe angewiesen.<\/p><p>Doch gleichzeitig herrschte weiterhin Krieg. Die USA hatten den Feind, sprich, die Taliban, nur aus den St&auml;dten vertrieben oder in Foltergef&auml;ngnisse in Bagram oder Guantanamo verfrachtet. In den l&auml;ndlichen Regionen &ndash; oft Schaupl&auml;tze westlicher Kriegsverbrechen &ndash;  gedieh Extremismus und Militanz. Der Aufstand wuchs und US-Soldaten wurden zum Ziel. Um den Schaden in den eigenen Reihen zu minimieren, begann das Pentagon mit dem Auslagern von zahlreichen T&auml;tigkeiten. Im Fokus standen vor allem logistische Auftr&auml;ge, etwa Waffen- und Rohstofftransporte. Genau an dieser Stelle kamen M&auml;nner wie Hikmatullah &bdquo;der Gl&uuml;ckliche&ldquo; ins Spiel. Derartige Auftr&auml;ge wurden n&auml;mlich nicht von Amerikanern ausgef&uuml;hrt, sondern von lokalen Afghanen, die im Laufe der Zeit gute Beziehungen zu den Soldaten entwickelt hatten. Oft kam das mittels einer T&auml;tigkeit auf einer US-Basis zustande. In vielen F&auml;llen wurde aus einem anfangs f&uuml;r afghanische Verh&auml;ltnisse gut bezahlten Brotjob eine privilegierte Dolmetschert&auml;tigkeit. Junge Afghanen wie Hikmatullah gingen pl&ouml;tzlich mit US-Spezialeinheiten auf &bdquo;Terroristenjagd&ldquo; &ndash; dank ihrer Englischkenntnisse. Hik, wie Hikmatullah von seinen amerikanischen Kollegen genannt wurde, war einer von ihnen. Arm, vaterlos und gerade mal vollj&auml;hrig. Als &auml;ltester Sohn war er gezwungen, seine gesamte Familie zu ern&auml;hren. In Afghanistan gab es nichts &ndash; nur die Kriegsindustrie, und in der gab es vielleicht nicht f&uuml;r jeden, aber zumindest f&uuml;r viele etwas.<\/p><p>Doch Hikmatullah wollte mehr. Er wusste, dass das gro&szlig;e Geld woanders lag. Dies war auch der Grund f&uuml;r die Gr&uuml;ndung seiner Transportfirma. Mit seinen Lastern wollte er Auftr&auml;ge f&uuml;r das US-Milit&auml;r durchf&uuml;hren. In Afghanistan und Pakistan ist die Transportmafia ein eigener, massiver Wirtschaftszweig. Federf&uuml;hrend sind vor allem m&auml;chtige M&auml;nner. Warlords und Drogenbarone. Die meisten Auftr&auml;ge wurden ihnen zugeschanzt. Hik passte nicht in diese Kategorie. Er galt als ambitionierter junger Mann, der gute Beziehungen zu den Special Forces pflegte. Dank ihnen bekam er seine Auftr&auml;ge und wurde so innerhalb k&uuml;rzester Zeit zum Million&auml;r. In seiner Heimatstadt Kandahar wurde Hikmatullah irgendwann nur &bdquo;Shadmand&ldquo;, &bdquo;der Gl&uuml;ckliche, bezeichnet. Er lebte in Saus und Braus, doch er war auch gro&szlig;z&uuml;gig und verteilte Geld an die Armen.<\/p><p>2014 lebte und arbeitete Hikmatullah in einem Kabuler Haus, das einst dem ber&uuml;hmten afghanischen Pops&auml;nger Ahmad Zahir geh&ouml;rte, <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2016\/03\/07\/the-man-who-made-millions-off-the-afghan-war\">wie in dieser empfehlenswerten Reportage im New Yorker beschrieben wird.<\/a> Doch bereits zum damaligen Zeitpunkt hatte der junge Unternehmer ein Problem. Ein Gro&szlig;teil seines Verm&ouml;gens in Dubai und Kabul &ndash; mehr als 150 Millionen Dollar &ndash; wurde auf Druck der US-Regierung eingefroren. Der Grund: &Uuml;ber Hikmatullahs Transportfirma ging amerikanisches Geld an die Taliban.<\/p><p>Wie ist das m&ouml;glich? Ganz einfach: Zahlreiche Transportrouten werden bis heute von den Taliban (und anderweitigen Gangs und Gruppierungen) kontrolliert. Wer passieren will, muss schmieren. Nat&uuml;rlich hat dies wohl auch der mittlerweile eher ungl&uuml;ckliche Hik getan, auch wenn er die Anschuldigungen vehement zur&uuml;ckweist und von m&auml;chtigen Konkurrenten spricht, die ihn als Gefahr f&uuml;r ihr Gesch&auml;ft betrachteten und ihn deshalb anschw&auml;rzten. Seit einigen Jahren k&auml;mpft Hikmatullah, der weiterhin zwischen Kabul und Dubai verweilt, mit seinen US-Anw&auml;lten um die R&uuml;ckzahlung seiner Millionen. Unterst&uuml;tzt wird er dabei auch von einigen Freunden, die er seit seinen Zeiten bei den Special Forces kennt. Sie sind davon &uuml;berzeugt, dass der Afghane nichts falsch gemacht hat.<\/p><p>Wom&ouml;glich haben sie damit sogar in gewisser Weise recht. Hikmatullah Shadmand ist n&auml;mlich in erster Linie als Produkt eines Systems zu betrachten, was von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Die Amerikaner &uuml;berfielen ohne jegliche rechtliche Basis Afghanistan &ndash; und sie hatten keinen Plan f&uuml;r das Land. Fast zwei Jahrzehnte Krieg und der j&uuml;ngste Deal mit den Taliban machen dies mehr als nur deutlich. Bereits fr&uuml;h bemerkte man, dass man nicht alles machen k&ouml;nne. Deshalb wurde in vielen Bereichen die &bdquo;Drecksarbeit&ldquo; verlagert und von Afghanen ausgef&uuml;hrt. Hikmatullah war einer von ihnen. Er war einer von vielen, sprich, kein Einzelfall. Sobald derartige Profite und Summen im Raum stehen, ist korruptes Handeln der n&auml;chste Schritt. Dass Hikmatullah Taliban, Gangster und anderweitige Akteure h&ouml;chstwahrscheinlich geschmiert hat, um gewisse Routen problemlos passieren zu k&ouml;nnen, sollte niemanden &uuml;berraschen &ndash; vor allem nicht die Amerikaner.<\/p><p>Es waren in erster Linie n&auml;mlich nicht Afghanen, die vom Krieg profitieren, sondern heimische US-Waffenfirmen, die eng mit dem milit&auml;risch-industriellen Komplex verbunden sind. Doch auch in der Heimat gab es den ein oder anderen verr&uuml;ckten Fall, der bekannt wurde. Eine Empfehlung f&uuml;r all jene, die in diesen Tagen gelangweilt Zuhause verweilen, ist der Film &bdquo;War Dogs&ldquo;, der von zwei jungen Amerikanern handelt, die ins Waffengesch&auml;ft einsteigen, sich auf zweit- oder drittrangige Pentagon-Auftr&auml;ge fokussieren (auch hier spielt Outsourcing eine wichtige Rolle) und dadurch zu Million&auml;ren werden. Die beiden M&auml;nner fliegen allerdings auf, nachdem sie dem Pentagon chinesische AK-47-Munition, ebenfalls f&uuml;r den Afghanistan-Krieg, unterjubeln wollten. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, n&auml;mlich <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.com\/politics\/politics-news\/the-stoner-arms-dealers-how-two-american-kids-became-big-time-weapons-traders-176604\/\">auf folgender Recherche des US-Magazins Rolling Stone<\/a>. Eine wichtige Rolle spielte auch der <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Politik\/Der-Schweizer-Waffenhandler-aus-Wohlen-BE\">Schweizer Waffenmogul Heinrich Thomet<\/a>, auf dem einer der Protagonisten beruht. Im Gro&szlig;en und Ganzen: Eine verr&uuml;ckte Story, die dank der Kriegspolitik des Imperiums leider zum Alltag geworden ist.<\/p><p>Titelbild: Teguh Jati Prasetyo\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Afghanistan ist weiterhin vieles nicht gut. Doch gerade in diesen Tagen lohnt sich ein Blick in &auml;ltere Berichte und Recherchen. Diese offenbaren n&auml;mlich nur allzu deutlich, was am Hindukusch alles schiefgelaufen ist. Ein gutes Beispiel hierf&uuml;r ist etwa die amerikanische Kriegsindustrie, die dazu gef&uuml;hrt hat, dass viele Hampelm&auml;nner pl&ouml;tzlich zu Million&auml;ren wurden, w&auml;hrend die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60108\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":60104,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,171,132],"tags":[351,2058,2627,2664,687,1556],"class_list":["post-60108","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-afghanistan","tag-militaerisch-industrieller-komplex","tag-transportwirtschaft","tag-truppenabzug","tag-ungleichheit","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/shutterstock_1090303379.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60108","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60108"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60108\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60181,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60108\/revisions\/60181"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60104"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}