{"id":60143,"date":"2020-04-13T13:00:05","date_gmt":"2020-04-13T11:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60143"},"modified":"2020-04-14T07:41:52","modified_gmt":"2020-04-14T05:41:52","slug":"ist-das-corona-virus-der-neue-schwarze-schwan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60143","title":{"rendered":"Ist das Corona-Virus der neue \u201eSchwarze Schwan\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Nassim Nicholas Talebs Bestseller aus dem Jahr 2007 ist heute aktueller denn je &ndash; ein Buch &uuml;ber die Macht h&ouml;chst unwahrscheinlicher Ereignisse. Weltweite Ausgangssperren, verwaiste Innenst&auml;dte, Produktionsstopps, tiefster Sturz des &Ouml;lpreises seit dem Zweiten Weltkrieg, mehr als sechs Millionen Erstantr&auml;ge auf Arbeitslosengeld innerhalb einer Woche, Hilfspakete in Billionenh&ouml;he, Corona-Bonds, Helikoptergeld, schwarze Montage und Donnerstage an den Aktienm&auml;rkten. Selbst erfahrene Experten bekennen: &bdquo;So etwas habe ich so noch nicht erlebt.&ldquo; &ndash; Wenn solch ein Szenario Wirklichkeit wird, dann ist klar: in der Welt geht derzeit nicht nur ein Virus um, sondern auch der &bdquo;Schwarze Schwan&ldquo;. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Begriff geht zur&uuml;ck auf das gleichnamige Buch des libanesisch-amerikanischen Autors Nassim Nicholas Taleb. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Ein Schwarzer Schwan ist demnach ein Ereignis, das weit au&szlig;erhalb der regul&auml;ren Erwartungen liegt und enorme Auswirkungen hat. Zudem neigt die menschliche Natur dazu, im Nachhinein nach Erkl&auml;rungen f&uuml;r das Unerwartete zu suchen, nicht jedoch im Voraus. Beispiele sind der 11. September, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Internets. F&uuml;r viele hat Taleb auch die Finanzkrise vorausgesagt &ndash; und dies nicht nur, weil sein Buch am Vorabend der Krise erschienen ist, sondern auch weil er darin die Modellfixierung der &Ouml;konomen, die f&uuml;r den Ausbruch der Krise mitverantwortlich war, auf die Schippe nimmt.<\/p><p><strong>Geschichte wiederholt sich<\/strong><\/p><p>Und nun wiederholt sich die Geschichte wieder: Die Wirtschaft bricht ein, die &Ouml;konomen reagieren verdutzt. &bdquo;Wir haben es hier mit etwas zu tun, was nat&uuml;rlich Finanzm&auml;rkte &uuml;berhaupt nicht einsch&auml;tzen k&ouml;nnen. Die Ursache der Krise liegt ja weit au&szlig;erhalb der Realwirtschaft und au&szlig;erhalb dessen, was Finanzm&auml;rkte irgendwie in ihren Modellen einpreisen k&ouml;nnen&ldquo;, sagte beispielsweise Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba, im Deutschlandfunk. Und in der &bdquo;Phoenix-Runde&ldquo; meinte Professor Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanz Zentrum: &bdquo;Wenn man sich dieses Jahr anschaut, dann haben die Profis erstmal alle daneben gelegen.&ldquo;<\/p><p>Was also sind die Modelle der &Ouml;konomen dann wert, wenn &bdquo;alle daneben&ldquo; liegen? Nichts. &bdquo;Sie sind komplett wertlos&ldquo;, meint Taleb, der selbst an der Wall Street als Finanzmathematiker und Fondsmanager gearbeitet hat und sich stets weigerte, Prognosen abzugeben. Heute ist Taleb Professor f&uuml;r Risikoanalyse an der Universit&auml;t von New York, sein Spezialgebiet ist der Umgang mit Ph&auml;nomenen wie Zufall, Unsicherheit und Nichtwissen. Den &Ouml;konomen h&auml;lt er vor, dass ihre Modelle statistische Ausrei&szlig;er systematisch ignorieren. Sie verwenden Daten aus der Vergangenheit und wollen damit die Zukunft voraussagen. Und dann kommt der Crash, der Schwarze Schwan, den keiner auf dem Zettel hatte. &bdquo;Gro&szlig;e Ereignisse haben keine Vorg&auml;nger&ldquo;, sagt Taleb.<\/p><p><strong>Mediokristan und Extremistan<\/strong><\/p><p>Was genau er damit meint, verdeutlicht er anhand der Welten von Mediokristan und Extremistan: W&auml;hlt man 100 Menschen zuf&auml;llig aus und misst deren K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e, so wird das Hinzutreten des gr&ouml;&szlig;ten Mannes der Welt, selbst wenn er drei Meter gro&szlig; w&auml;re, den gemessenen Durchschnitt kaum verzerren. Dies ist die Welt von Mediokristan. Die gr&ouml;&szlig;te Beobachtung mag hier zwar beeindruckend sein, f&uuml;r die Gesamtsumme bleibt sie aber bedeutungslos. Beispiele sind die K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e, das Gewicht oder die t&auml;gliche Kalorienaufnahme von Menschen.<\/p><p>Ganz anders Extremistan. Erfasst man beispielsweise das Verm&ouml;gen dieser 100 zuf&auml;llig ausgew&auml;hlten Menschen und f&uuml;gt nun zu der Stichprobe den reichsten Mann der Welt hinzu, dann wird der Durchschnitt explodieren. Das ist die Welt von Extremistan, in der die Schwarzen Schw&auml;ne lauern. &bdquo;In Extremistan ist niemand sicher&ldquo;, sagt Taleb. Dort kann ein einzelnes Ereignis alle anderen dominieren. Taleb meint nun, dass die Finanzm&auml;rkte den Gesetzen von Extremistan gehorchen, die Modelle der &Ouml;konomen aber die heile Welt von Mediokristan abbilden. &bdquo;Leute, die das Pech hatten, eine Ausbildung in der traditionellen Statistik durchzumachen, glauben, dass wir in Mediokristan leben.&ldquo;<\/p><p>Taleb wendet die Metapher des Schwarzen Schwans aber nicht nur auf die Finanzm&auml;rkte an, sondern auf alle Ereignisse, die Regeln radikal ver&auml;ndern. &bdquo;Eine kleine Zahl Schwarzer Schw&auml;ne erkl&auml;rt so ziemlich alles in unserer Welt, vom Erfolg von Ideen und Religionen &uuml;ber die Dynamik geschichtlicher Ereignisse bis zu Elementen unseres pers&ouml;nlichen Lebens.&ldquo;<\/p><p><strong>Parallelen zur Coronakrise<\/strong><\/p><p>Und vieles von dem, was Taleb schreibt, ist auch auf die heutige Situation in der Corona-Krise anwendbar. So hatte er bei Ausbruch des Libanon-Krieges (f&uuml;r Taleb ein Schwarzer Schwan, der aus dem Nichts aufgetaucht war) beobachtet, dass sich die Erwachsenen um ihn herum sicher waren, dass der Konflikt &bdquo;schon in ein paar Tagen&ldquo; vorbei sein w&uuml;rde. Der Krieg dauerte schlie&szlig;lich 15 Jahre. &bdquo;Die Dynamik des Libanonkonflikts war offensichtlich nicht vorhersehbar gewesen, aber fast alle, denen die Sache wichtig war, schienen &uuml;berzeugt zu sein, dass sie wissen, was vor sich geht.&ldquo;<\/p><p>&Auml;hnlich k&ouml;nnte es heute auch all jenen gehen, die in der Coronakrise an eine baldige R&uuml;ckkehr zur Normalit&auml;t glauben. Und dabei stellt das Coronavirus noch das geringste Problem dar. Denn dieses gehorcht Naturgesetzen und f&auml;llt damit in die Welt von Mediokristan. Dort sind die Auswirkungen halbwegs absch&auml;tzbar. Beim &bdquo;Shutdown&ldquo; des &ouml;ffentlichen Lebens jedoch sind sie es nicht. Soziale Ph&auml;nomene fallen in die Welt von Extremistan, sie sind wilden Zuf&auml;llen unterworfen.<\/p><p>Prophetisch kommen heute auch Talebs Ausf&uuml;hrungen zur Globalisierung daher: &bdquo;Die Globalisierung k&ouml;nnte den Anschein von Effizienz erwecken, doch die dabei wirkende Leverage und Interaktion zwischen den Teilen werden dazu f&uuml;hren, dass kleine Risse an einer Stelle sich durch das ganze System ausbreiten.&ldquo;<\/p><p><strong>Kein Schwarzer Schwan<\/strong><\/p><p>Taleb macht aber auch klar: Wer oder was ein Schwarzer Schwan ist, kann nicht allgemeing&uuml;ltig definiert werden. Vielmehr h&auml;ngt es vom Wissen und den Erwartungen ab. F&uuml;r die New Yorker waren die Anschl&auml;ge vom 11. September ein Schwarzer Schwan, nicht aber f&uuml;r die Attent&auml;ter. F&uuml;r modellgl&auml;ubige &Ouml;konomen war die Finanzkrise ein Schwarzer Schwan, nicht aber f&uuml;r Taleb. F&uuml;r ihn war die Krise lediglich &bdquo;das Ergebnis von Fragilit&auml;t von Systemen, die blind gegen&uuml;ber Schwarzen Schw&auml;nen sind&ldquo;.<\/p><p>Inzwischen hat sich Taleb auch zur Corona-Pandemie ge&auml;u&szlig;ert. In einem Gastbeitrag f&uuml;r die &bdquo;Neue Z&uuml;rcher Zeitung&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] schreibt er: &bdquo;Manche bezeichnen die Pandemie &hellip; als Schwarzen Schwan &ndash; also ein v&ouml;llig unerwartetes Ereignis, auf das nicht vorbereitet zu sein entschuldbar ist. Damit spielen sie auf das Buch &acute;Der schwarze Schwan&acute; an. H&auml;tten sie das Buch wirklich gelesen, dann w&uuml;ssten sie, dass eine globale Pandemie dort klar und deutlich als <em>wei&szlig;er<\/em> Schwan figuriert &ndash; als ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird. Solche Pandemien sind unvermeidlich, sie resultieren aus der Struktur der modernen Welt; und ihre wirtschaftlichen Folgen werden noch gravierender infolge der zunehmenden Verflechtung und der &uuml;bertriebenen Optimierung.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: Lubos Chlubny\/shuttestock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/731b6f747b6d44c7b446279ec62cdd93\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Der Begriff geht urspr&uuml;nglich auf die Entdeckung schwarzer Schw&auml;ne Ende des 17. Jahrhunderts in Westaustralien zur&uuml;ck, was f&uuml;r die Briten, die aus Europa nur wei&szlig;e Schw&auml;ne kannten, seinerzeit ein sensationelles Ereignis war.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kein-schwarzer-schwan-nassim-taleb-ueber-die-corona-pandemie-ld.1548877\">nzz.ch\/feuilleton\/kein-schwarzer-schwan-nassim-taleb-ueber-die-corona-pandemie-ld.1548877<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nassim Nicholas Talebs Bestseller aus dem Jahr 2007 ist heute aktueller denn je &ndash; ein Buch &uuml;ber die Macht h&ouml;chst unwahrscheinlicher Ereignisse. 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