{"id":60193,"date":"2020-04-14T10:12:37","date_gmt":"2020-04-14T08:12:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60193"},"modified":"2020-04-14T17:18:47","modified_gmt":"2020-04-14T15:18:47","slug":"ueber-die-auftragsarbeit-der-experten-von-der-leopoldina-durchwachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60193","title":{"rendered":"\u00dcber die Auftragsarbeit der \u201eExperten\u201c von der Leopoldina: Durchwachsen."},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten k&ouml;nnten &uuml;ber das am 13. April erschienene Papier der sogenannten &bdquo;Nationalen Akademie der Wissenschaften&ldquo; ziemlich gl&uuml;cklich sein, weil sich in diesem Papier einiges wiederfindet, das wir in den letzten drei Wochen er&ouml;rtert und empfohlen haben. Aber die Stellungnahme mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/uploads\/tx_leopublication\/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_%C3%BCberwinden_final.pdf\">Coronavirus-Pandemie &ndash; Die Krise nachhaltig &uuml;berwinden<\/a>&ldquo; enth&auml;lt leider auch einige Analysen und Empfehlungen, die nicht an die Unabh&auml;ngigkeit der sogenannten Experten bzw. eher an ihre ideologische Pr&auml;gung glauben lassen. Vermutlich ist das Papier eine Auftragsarbeit. Die Bundeskanzlerin hatte im Vorfeld der Ver&ouml;ffentlichung erkl&auml;rt, ein wichtiger Anhaltspunkt werde ein Gutachten der Akademie der Wissenschaften Leopoldina sein. Ungekl&auml;rt bleibt, warum der Auftrag an Leopoldina so sp&auml;t erfolgte und wo eigentlich die bisherigen &bdquo;Experten&ldquo; &ndash; von Drosten bis RKI &ndash; geblieben sind. Auch einschl&auml;gige Medien tun so, als h&auml;tte es diese gar nicht gegeben. Typisch daf&uuml;r ZDF Heute am 13. April um 19:00 Uhr. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60193-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60193-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200414-Stellungnahme-zu-Leopoldina-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Hier nun ein paar Anmerkungen zu dem &bdquo;Gutachten&ldquo;:<\/p><ol>\n<li><strong>In der Studie wird empfohlen, die Erhebung des Infektions- und Immunit&auml;tsstatus der Bev&ouml;lkerung substantiell zu verbessern, insbesondere durch repr&auml;sentative und regionale Erhebung des Infektions- und Immunit&auml;tsstatus.<\/strong> Diese Empfehlungen konnten Sie auf den NachDenkSeiten vor l&auml;ngerem schon lesen. Das gilt auch f&uuml;r die Empfehlung: &bdquo;Sterblichkeitsraten, die das Verh&auml;ltnis der an COVID-19 Verstorbenen zur Anzahl der Neuinfizierten quantifizieren, m&uuml;ssen auf der Basis aller Infizierten bzw. der Gesamtbev&ouml;lkerung berechnet werden und nicht nur auf der Basis der registrierten Erkrankten. Das individuelle Sterberisiko durch COVID-19 muss auch vor dem allgemeinen Hintergrund der Multikausalit&auml;t und Komplexit&auml;t von Todesf&auml;llen st&auml;rker als bislang beachtet werden. Die Anzahl von an COVID-19 Verstorbenen muss ins Verh&auml;ltnis gesetzt werden zu der Anzahl der in einem vergleichbaren Zeitraum in einer &auml;quivalenten Altersgruppe an anderen Erkrankungen Verstorbenen.&ldquo;<\/li>\n<li><strong>Es wird mit Recht empfohlen, die durch Corona bewirkten Risiken in Relation zu den Risiken anderer Erkrankungen zu setzen.<\/strong> W&ouml;rtlich hei&szlig;t es auf Seite 8:<br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Bei der Betrachtung der station&auml;ren und intensivmedizinischen Behandlungskapazit&auml;ten f&uuml;r COVID-19 Patientinnen und Patienten m&uuml;ssen weitere Aspekte einbezogen werden. Hierzu geh&ouml;rt, dass anderweitig Erkrankte durch die im Zuge der COVID-19 verf&uuml;gten Ma&szlig;nahmen u.U. einer Gef&auml;hrdung ausgesetzt sind, wenn ihr Zugang zum Gesundheitssystem beeintr&auml;chtigt wird oder sie aufgrund von &Auml;ngsten vor einer Coronavirus-Infektion keine medizinische Versorgung aufsuchen (z.B. psychisch Erkrankte, Patientinnen und Patienten bei denen operativen Eingriffe anstehen, Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten, Pflegebed&uuml;rftige). Ebenso m&uuml;ssen gesamtgesellschaftliche Risiken bedacht werden, wie beispielsweise eine Zunahme h&auml;uslicher Gewalt und psychischer Erkrankungen durch existentielle Notlagen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>Es wird empfohlen, vielf&auml;ltige Perspektiven in den Abw&auml;gungsprozess einflie&szlig;en zu lassen, auch die nicht intendierten Nebenfolgen.<\/strong> W&ouml;rtlich:<br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Die aktuellen politischen Entscheidungen zur Bew&auml;ltigung der Krise m&uuml;ssen die Mehrdimensionalit&auml;t des Problems anerkennen, die Perspektiven von unterschiedlich Betroffenen und unterschiedlich Gef&auml;hrdeten ber&uuml;cksichtigen sowie die jeweiligen Abw&auml;gungsprozesse offenlegen und entsprechend kommunizieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Es werden Hilfs- und Unterst&uuml;tzungsangebote f&uuml;r Risikogruppen, die besonders unter den Folgen der derzeitigen Restriktionen leiden, wie Kinder in schwierigen Familienlagen oder Menschen, die h&auml;uslicher Gewalt ausgesetzt sind, vorgeschlagen. <\/p>\n<p>In den NachDenkSeiten konnten Sie diese Empfehlungen schon vor einiger Zeit lesen. Wir haben uns mehrmals gegen eine einseitige, eindimensionale Analyse und Therapie gewandt und mehr Abw&auml;gung empfohlen.<\/p>\n<p>Dazu noch ein paar weitere einschl&auml;gige Passagen aus dem Papier:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Die Grundrechtseingriffe m&uuml;ssen in Ma&szlig; und Umfang in einem angemessenen Verh&auml;ltnis zu Ziel und Zweck der Ma&szlig;nahmen stehen Hier geht es um ein angemessenes Verh&auml;ltnis zwischen der Schwere des grundrechtlichen Eingriffs und der Bedeutung der mit den Ma&szlig;nahmen verfolgten &ouml;ffentlichen Belange. Die Grundrechtseingriffe m&uuml;ssen in Ma&szlig; und Umfang in einem vern&uuml;nftigen Verh&auml;ltnis zu Ziel und Zweck der Ma&szlig;nahmen stehen. Hierbei m&uuml;ssen allerdings auch die nicht-intendierten Nebenfolgen der Grundrechtseingriffe ber&uuml;cksichtigt werden. Die zur Eind&auml;mmung der Pandemie ergriffenen drastischen Ma&szlig;nahmen bringen nicht nur f&uuml;r alle davon Betroffenen schwere Grundrechtseingriffe mit sich. Sie ziehen dar&uuml;ber hinaus sch&auml;dliche Folgen nach sich. So w&auml;re etwa eine vorbeugende Segregation einzelner Bev&ouml;lkerungsgruppen, beispielsweise &auml;lterer Menschen, allein zu deren eigenem Schutz als paternalistische Bevormundung abzulehnen. Die Risikobewertung muss unterschiedliche Ziele und Folgen ber&uuml;cksichtigen Die Ma&szlig;nahmen, die mit Blick auf die Pandemie den Schutz von Leben und Gesundheit bezwecken, ziehen an anderer Stelle gerade Einbu&szlig;en dieser Rechtsg&uuml;ter nach sich. Diese d&uuml;rfen bei der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeitspr&uuml;fung nicht ausgeblendet und einem Primat des seuchenpolizeilichen Imperativs geopfert, sondern m&uuml;ssen in eine Gesamtabw&auml;gung mit eingestellt werden. Entscheidend ist, dass diese Erweiterung der Perspektive &uuml;berhaupt vollzogen und so der Multidimensionalit&auml;t der Lage Rechnung getragen wird. Man k&ouml;nnte von einem Gebot der multidimensionalen Risikobewertung sprechen, die an die Stelle der monothematischen Ausrichtung allein auf das Ziel der Eind&auml;mmung der Pandemie tritt. Erst die Einbeziehung der nichtintendierten Nebenfolgen macht die ganze Komplexit&auml;t dieser Aufgabe der Abw&auml;gung kollidierender G&uuml;ter deutlich. Dabei zeigt schon die Mittelbarkeit der Auswirkungen, dass es bei den unerw&uuml;nschten Nebenfolgen unterschiedliche Grade der Zurechenbarkeit geben d&uuml;rfte, die ein breites Spektrum einnehmen k&ouml;nnen. Diese Differenzen m&uuml;ssten bei der Einsch&auml;tzung der unterschiedlichen Dringlichkeiten und Priorit&auml;ten f&uuml;r die staatlichen Entscheidungen ber&uuml;cksichtigt werden. Die schwierige Aufgabe der Gewichtung der einzelnen Aspekte, die in die Gesamtabw&auml;gung einzubeziehen sind, liegt prim&auml;r bei den zust&auml;ndigen staatlichen Institutionen. Ihnen kommt bei dieser &uuml;beraus komplexen Aufgabe ein weiter &ndash; allerdings nicht grenzenloser &ndash; Gestaltungsspielraum zu.<\/p>\n<p>Zielkonflikte m&uuml;ssen identifiziert und bei der Entscheidungsfindung abgewogen werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>Die Kritik an der Eindimensionalit&auml;t der bisherigen Expertenauswahl wird auf Seite 12 des Papiers treffend formuliert:<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Auf der erkenntnistheoretischen Ebene m&uuml;ssen die Grenzen der eigenen disziplin&auml;ren Perspektive beachtet werden. Hierzu geh&ouml;rt vor allem, zu reflektieren, dass jede Disziplin nur die Logik des jeweils von ihr wissenschaftlich beobachteten Bereichs der Gesellschaft (Recht, Wirtschaft, Familie, Gesundheitsbereich etc.) ber&uuml;cksichtigt. Aus all dem ergibt sich die Konsequenz, dass politische Entscheidungen, gerade die bevorstehenden zur Bew&auml;ltigung der Krise, die Mehrdimensionalit&auml;t des Problems anerkennen, die jeweiligen Abw&auml;gungsprozesse offenlegen und entsprechend kommunizieren m&uuml;ssen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>In dem vorgelegten Papier wird die Frage gestellt, ob es nicht mildere Ma&szlig;nahmen gleicher Effektivit&auml;t gibt.<\/strong> W&ouml;rtlich auf Seite 11: &bdquo;Die aktuellen politischen Ma&szlig;nahmen erfolgten aus nachvollziehbaren Gr&uuml;nden angesichts des gro&szlig;en Zeitdrucks recht pauschal. Wegen der Schwere und Dauer der Grundrechtsbeschr&auml;nkungen ist es nun geboten, &uuml;ber Alternativen und m&ouml;gliche Lockerungen nachzudenken, ohne das Schutzziel aus den Augen zu verlieren.&ldquo;\n<p>Die einseitige Ausrichtung und die einseitige Auswahl von Experten ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar. Jedenfalls klingen diese Formulierungen nach unn&ouml;tiger Freisprechung von Verantwortung f&uuml;r eine bessere und machbare Abw&auml;gung.<\/p><\/li>\n<li><strong>Auch auf die Versch&auml;rfung sozialer Ungleichheit durch die getroffenen Ma&szlig;nahmen weist die Studie hin. Deshalb wird schrittweise eine &Ouml;ffnung im Bildungsbereich empfohlen.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Wie man allerdings empfehlen kann, zuerst die Grundschulen und die Sekundarstufe I zu &ouml;ffnen und den Unterricht in h&ouml;heren Stufen des Bildungssystems sp&auml;ter erfolgen zu lassen, ist schwer zu verstehen<\/strong> &ndash; zumal wenige Zeilen danach mit Recht festgestellt wird, dass kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzma&szlig;nahmen halten k&ouml;nnen.<\/li>\n<li><strong>Zum Kapitel Versch&auml;rfung der sozialen Ungleichheit geh&ouml;ren auch die folgenden richtigen Erkenntnisse:<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Bei den psychischen Folgen und gravierenden &Uuml;berlastungen m&uuml;ssen sozio&ouml;konomische Aspekte und der Mangel an sozialer Einbettung dringend ber&uuml;cksichtigt werden. Zu den besonderen Risikogruppen geh&ouml;ren Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten ohne Sprachkenntnisse, alleinlebende &Auml;ltere, psychisch Erkrankte, Pflegef&auml;lle und Arbeitslose. In &auml;rmeren und eher bildungsfernen Schichten fehlen tendenziell materielle, psychische und soziale Ressourcen.&ldquo;<\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>&bdquo;Je l&auml;nger der &bdquo;Shutdown&ldquo; jedoch dauert, umso weniger lassen sich gravierende &ouml;konomische Folgen vermeiden. Umso wahrscheinlicher werden dann zahlreiche Insolvenzen und eine h&ouml;here Arbeitslosigkeit. Verm&ouml;gensverluste treffen breite Schichten, soweit sie Ersparnisse insbesondere f&uuml;r die Altersversorgung gebildet haben. Viele Solo-Selbst&auml;ndige und kleine Familienunternehmen haben ihre Ums&auml;tze teilweise vollst&auml;ndig eingeb&uuml;&szlig;t. Viele Betroffene haben nur geringe R&uuml;cklagen. Der deutsche Sozialstaat sieht hier als Absicherung nur die Leistungen aus der Grundsicherung vor. Generell sollte nicht &uuml;bersehen werden, dass mit Blick auf die Coronavirus-Pandemie soziale Ungleichheiten eine gro&szlig;e Rolle spielen. So sind Kontakt- und Ansteckungsrisiken und noch mehr die psychischen und &ouml;konomischen Auswirkungen der Krise sozial sehr ungleich verteilt.&ldquo; (Seite 15)\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>Zu begr&uuml;&szlig;en ist, dass die Versorgung anderer Patienten wieder regul&auml;r aufgenommen werden soll.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Dann wird empfohlen, das &ouml;ffentliche Leben wieder schrittweise zu normalisieren und dann werden verschiedene Voraussetzungen genannt, unter anderem die bekannten Schutzma&szlig;nahmen wie Hygienema&szlig;nahmen, Distanzregeln und Mund-Nasen-Schutz diszipliniert einzuhalten.<\/strong>\n<p>Dabei f&auml;llt kein kritisches Wort &uuml;ber die Fehleinsch&auml;tzungen der Bundesregierung zum Mund-Nasenschutz. Und auch kein kritisches Wort dar&uuml;ber, dass man trotz der auch in dem Papier von Leopoldina festgestellten fr&uuml;hen Erkenntnis der Epidemie Dinge hat weiterlaufen lassen, die man sinnvollerweise beendet h&auml;tte: Karneval, Fasching, Fu&szlig;ballspiele, usw..<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Empfehlungen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik sind teilweise grotesk, teilweise nebens&auml;chlich, auf jeden Fall erkennbar von tiefsitzender neoliberaler Ideologie gepr&auml;gt.<\/strong> Wenn man sich die Liste der Mitglieder der Arbeitsgruppe auf Seite 18 des Papiers anschaut, dann erkennt man schnell, woher das kommt: Von einer auffallend einseitigen Besetzung dieser Arbeitsgruppe mit Professoren f&uuml;r National&ouml;konomie wie Lars Feld und Clemens Fuest, ausgewiesenen Anh&auml;ngern der Angebots&ouml;konomie und der neoliberalen Ideologie. Sie meinen, staatliche Beteiligungen sollten nur im &auml;u&szlig;ersten Notfall zur Stabilisierung von Unternehmen eingesetzt werden und schnell wieder r&uuml;ckabgewickelt werden. Sie empfehlen das Vorziehen der Teilentlastung des Solidarit&auml;tszuschlags oder seine v&ouml;llige Abschaffung. Ihre Empfehlungen f&uuml;r Investitionen in der Infrastruktur sind ausgesprochen d&uuml;rftig &ndash; im Gesundheitswesen, in der digitalen Infrastruktur und im Klimaschutz. Das ist ausgesprochen d&uuml;nn, denn &uuml;ber die genannten Bereiche f&uuml;r Investitionen hinaus g&auml;be es wichtige Felder f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen &ndash; zum Beispiel im Bereich Verkehr, Umwelt und Wohnungsbau.\n<p>Eurobonds kommen selbstverst&auml;ndlich nicht vor. Da ist alles auf Linie der Bundesregierung.<\/p>\n<p><strong>Warum in aller Welt hat die Leitung von Leopoldina nicht darauf geachtet, wenigstens einen Kritiker der herrschenden &ouml;konomischen Lehre in die Arbeitsgruppe aufzunehmen? Das ist ein schwerer Fehler und nur damit zu erkl&auml;ren, dass man dem Auftraggeber zu Diensten sein wollte.<\/strong><\/p><\/li>\n<li><strong>In das Kapitel Freundlichkeiten f&uuml;r die Auftraggeber geh&ouml;rt auch, dass der Green Deal von Frau von der Leyen, der Freundin unserer Bundeskanzlerin, positiv erw&auml;hnt wird.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die Krise sei die Stunde der Nationalstaaten, wird im Papier festgestellt. Das ist vermutlich eine richtige Feststellung. Auch der Hinweis auf die Wiederbelebung &auml;lterer stereotyper Feindbilder ist richtig und angebracht.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Dann wird empfohlen, an einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung festzuhalten. Von einer freiheitlichen Marktordnung ist ausdr&uuml;cklich die Rede. Andere Probleme haben diese Experten wohl nicht.<\/strong> Denn wer will denn davon weg? Konkret wird im Papier verlangt, dass sich der Staat aus Unternehmen zur&uuml;ckziehen muss, sofern krisenbedingte Beteiligungen stattfanden. Und dann m&uuml;sse die Staatsverschuldung abgebaut werden. O. k. Aber dann hei&szlig;t es weiter: An der Schuldenbremse ist im Rahmen ihres derzeit geltenden Regelwerkes festzuhalten. &ndash; Das ist einfach toll. Denn die Schuldenbremse ist das Symbol einer ideologisch bedingten Entmachtung des Parlaments und der Parlamente in L&auml;ndern und Kommunen.<\/li>\n<li><strong>In diesen Zusammenhang geh&ouml;rt &uuml;brigens dann auch noch die bei Politik und Medien selbst in der Corona-Krise immer wieder fallengelassene Behauptung, wir h&auml;tten uns jetzt die Neuverschuldung nur leisten k&ouml;nnen, weil wir vorher die Schuldenbremse hatten.<\/strong> Hier wird au&szlig;er Acht gelassen, dass die jetzt verteilten und zu verteilenden Hunderte von Milliarden eine v&ouml;llig andere Dimension haben und die bisherige Sparpolitik nun wirklich nicht oder minimal relevant war f&uuml;r den Bewegungsspielraum, den man sich jetzt g&ouml;nnt.<\/li>\n<li><strong>Der von den &Ouml;konomen in der Arbeitsgruppe wesentlich bestimmte Teil enth&auml;lt einige Seltsamkeiten mehr:<\/strong>\n<ul>\n<li>Da ist vom &bdquo;Exportland&ldquo; Deutschland die Rede. Dieser Begriff impliziert die Behauptung, Export&uuml;bersch&uuml;sse seien etwas genuin Notwendiges. Und diese Formulierung schlie&szlig;t die notwendige Erkenntnis aus, dass auf mittlere Sicht Export&uuml;bersch&uuml;sse und -defizite sich in einer Gemeinschaft von Nationen ausgleichen sollten. Was also die europ&auml;ische Zusammenarbeit und die Entwicklung in Europa wirklich gef&auml;hrdet, n&auml;mlich der deutsche Export&uuml;berschusswahn, soll offensichtlich weiter gepflegt werden.<\/li>\n<li>Die Autoren des Papiers behaupten, die aktuelle Krise verst&auml;rke eine oft generelle Globalisierungskritik. Sind das die Sorgen der Autoren? Offensichtlich ja. Sie kommen nicht auf die Idee, aus der Pandemie und der damit verbundenen starken Abh&auml;ngigkeit von den Weltm&auml;rkten ein weiteres Argument f&uuml;r eine st&auml;rkere Regionalisierung der Wirtschaftst&auml;tigkeit abzuleiten.<\/li>\n<li>Sie kommen in diesem Zusammenhang selbstverst&auml;ndlich auch nicht auf die Idee, k&uuml;nftig darauf zu zielen, Verkehr zu vermeiden, soweit es irgend geht. Das ist seltsam, denn ansonsten wird gerade auf den einschl&auml;gigen Seiten viel von Klimawandel und Nachhaltigkeit geschrieben. &ndash; Auf diesen Seiten merkt man &uuml;brigens besonders deutlich, dass die Autoren des Gutachtens aus verschiedenen Ecken der gesellschaftspolitischen Debatte kommen. Aber die etwas umfassender denkenden Sozialwissenschaftler und Mediziner konnten sich offensichtlich nicht gegen die dogmatischen &Ouml;konomen durchsetzen.<\/li>\n<li>Zur &Uuml;berh&ouml;hung der marktwirtschaftlichen L&ouml;sungen passt auch nicht folgende Passage: &bdquo;Auf der Ausgabenseite liegen vor allem staatliche Investitionen sowie der Abbau klima- und umweltsch&auml;dlicher Subventionen auf der Hand. Dabei sollten strukturpolitische Zielsetzungen, etwa im Hinblick auf die &ouml;ffentliche Daseinsvorsorge und den Schutz von Gemeinschaftsg&uuml;tern speziell in den Bereichen Gesundheits-, Klima- und &Ouml;kosystemschutz, vorrangig ber&uuml;cksichtigt werden.&ldquo;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Der notwendige Widerspruch zur Analyse und Therapie der &Ouml;konomen, die den neoliberalen Geist in die Leopoldina-Arbeitsgruppe eingebracht haben, ist auf Seite 8 unten ziemlich eindrucksvoll formuliert:<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Die Erfahrung gemeinsamer Bedrohung hat in der ersten Phase der Krise in der Gesellschaft zu einer raschen&#8239;Ausweitung solidarischen Verhaltens gef&uuml;hrt.&#8239;Dazu geh&ouml;rt die Zunahme spontanen, d.h. nicht-institutionalisierten und kaum organisierten zivilgesellschaftlichen Engagements, sei es in Gestalt konkreter Hilfeleistungen&#8239;f&uuml;r andere (etwa auf nachbarschaftlicher Basis), sei es als gemeinwohlorientierte Aktionen (zum Beispiel Spenden), sei es in anderen Formen. Man steht zusammen und stellt&#8239;Egoismen und Partikularinteressen&#8239;zur&uuml;ck.&#8239;Das verbindet sich mit der Hoffnung, man k&ouml;nne manches davon&#8239;f&uuml;r die Zukunft bewahren&#8239;und&#8239;damit langfristig&#8239;die&#8239;freiwillige Gemeinwohlorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft st&auml;rken.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>Es ist schade, dass jene Arbeitsgruppenmitglieder, die diesen Absatz formuliert haben, die Formulierungen der &Ouml;konomen &uuml;ber die &bdquo;freiheitliche Marktwirtschaft&ldquo; und die Forderung nach R&uuml;ckkehr zur Schuldengrenze nicht in Zweifel gezogen haben. So steht beides und vieles andere nebeneinander. Naja, und wonach wird sich Angela Merkel und die Mehrheit der Ministerpr&auml;sidenten wohl richten?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten k&ouml;nnten &uuml;ber das am 13. April erschienene Papier der sogenannten &bdquo;Nationalen Akademie der Wissenschaften&ldquo; ziemlich gl&uuml;cklich sein, weil sich in diesem Papier einiges wiederfindet, das wir in den letzten drei Wochen er&ouml;rtert und empfohlen haben. Aber die Stellungnahme mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/uploads\/tx_leopublication\/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_%C3%BCberwinden_final.pdf\">Coronavirus-Pandemie &ndash; Die Krise nachhaltig &uuml;berwinden<\/a>&ldquo; enth&auml;lt leider auch einige Analysen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60193\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":60194,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,165,129,30],"tags":[2419,423,1112,1302,1183,2472,1903,2276,499,2052,2849,2857,233,2855,2453,835,1222,2264,392,1771,2834,2852],"class_list":["post-60193","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-altruismus","tag-austeritaetspolitik","tag-buergerrechte","tag-daseinsvorsorge","tag-exklusion","tag-expertokratie","tag-gemeinwohl","tag-globalisierung","tag-handelsbilanz","tag-investitionen","tag-kmu","tag-lockdown","tag-marktliberalismus","tag-morbiditaet","tag-mortalitaet","tag-nationalismus","tag-pandemie","tag-regionalisierte-wirtschaft","tag-schuldenbremse","tag-selbststaendige","tag-virenerkrankung","tag-wirtschaftsdepression"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/200414-Leopoldina.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60193"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60203,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60193\/revisions\/60203"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60194"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60193"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}