{"id":60244,"date":"2020-04-16T10:21:25","date_gmt":"2020-04-16T08:21:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60244"},"modified":"2026-01-27T12:02:05","modified_gmt":"2026-01-27T11:02:05","slug":"mein-junge-kann-abitur-machen-und-er-wird-abitur-machen-verlassen-sie-sich-drauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60244","title":{"rendered":"\u201eMein Junge kann Abitur machen, und er wird Abitur machen. Verlassen Sie sich drauf!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kein Gymnasium in seiner Heimatstadt nahm ihn auf, &bdquo;weil man dort bef&uuml;rchtete, ich Kind armer Leute w&uuml;rde den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden&ldquo;. Es sind Einblicke wie diese, die die Arbeit des Journalisten <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47192\">Christian Baron<\/a><\/strong> so wertvoll machen. Baron hat mit seinem aktuellen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Ein-Mann-seiner-Klasse.html\">Ein Mann seiner Klasse<\/a>&ldquo; einen Bestseller verfasst, der unbequem ist. Ungesch&ouml;nt zeigt Baron unter anderem auf, dass die famili&auml;ren Hintergr&uuml;nde, wenn es um Bildung, um Aufstieg, um Karriere geht, einen gro&szlig;en Einfluss haben. Den ersten Teil des Gespr&auml;chs finden sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982\">unter diesem Link<\/a>. Im zweiten Teil des Interviews wird deutlich: Gl&uuml;ck oder Kontakte, die an einer entscheidenden Stelle weiterhelfen, darauf kommt es beim Bildungsaufstieg an. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_894\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60244-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60244-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200416_Mein_Junge_kann_Abitur_machen_und_er_wird_Abitur_machen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wie sieht es aus, wenn man aus der &bdquo;Unterschicht&ldquo; stammt und aufsteigen will?<\/strong><\/p><p>Bei mir fing das schon nach der Grundschule an. Kein Gymnasium in Kaiserslautern nahm mich auf, weil man dort bef&uuml;rchtete, ich Kind armer Leute w&uuml;rde den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden. Ich konnte dann auf einer Gesamtschule das Abitur machen. Als es um die Frage nach einem Studium ging, bremsten mich &ouml;konomische Fragen. Mein Onkel sch&auml;rfte mir damals ein: &bdquo;Studier was Richtiges, zum Beispiel Jura! Da verdienste Geld und kannst was f&uuml;r den Kleinen Mann tun!&ldquo; Ich hatte aber das Gl&uuml;ck, in der Schule einen p&auml;dagogisch und fachlich exzellenten Sozialkundelehrer zu haben, der mich f&uuml;r Politik und Soziologie begeisterte. Der Preis f&uuml;r ein Studium war aber hoch, das wusste ich damals schon. F&uuml;r einen Menschen mit meiner sozialen Herkunft hei&szlig;t das: am Ende mehr als zehntausend Euro Schulden, im Vergleich zu einer Berufsausbildung mehrere Jahre keine Rentenbeitr&auml;ge zahlen, keinerlei materielle Planungssicherheit haben, sich jahrelang den Kommilitonen unterlegen f&uuml;hlen. <\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich, dass Herkunft und die materiellen Bedingungen beim Zugang zum Gymnasium und zur Universit&auml;t noch immer eine nicht unwesentliche Rolle spielen? Erkennen politische Entscheidungstr&auml;ger einfach nicht, wie <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armut<\/a> sich auch auf Bildungswege auswirken kann?<\/strong><\/p><p>In der Bildungspolitik zeigt sich f&uuml;r mich besonders deutlich, dass Kapitalismus und Demokratie auf Dauer nicht in Einklang zu bringen sind. Viele politische Entscheidungstr&auml;ger wissen sehr genau Bescheid dar&uuml;ber, wie sich Armut auf Lebenschancen auswirkt. In einer Klassengesellschaft sind die Wohlhabenden aber immer m&auml;chtiger als die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47244\">Armen<\/a>. Ein Beispiel: Im Jahr 2010 gab es in Hamburg eine Volksabstimmung. Ein breites B&uuml;ndnis von CDU bis Linkspartei wollte l&auml;ngeres gemeinsames Lernen durchsetzen. Also diese Perversion beenden, dass schon nach der Grundschule feststeht, ob ein Kind sp&auml;ter Abitur machen kann oder nicht. In den reichen Stadtteilen schlossen sich die feinen Leute zusammen und gingen brutal gegen diese Idee vor. Sie mobilisierten mit ihrem Geld und ihrem privilegierten Zugang zu Medien und Wirtschaft eine Bewegung dagegen, dass die Bevorzugung ihrer Kinder in Gefahr ger&auml;t. Am Ende schien es, als st&uuml;nde das Abendland vor dem Kollaps, wenn mehr soziale Gerechtigkeit ins Bildungssystem einz&ouml;ge. Und so gewannen die Reichen diesen Volksentscheid, weil in den armen Stadtteilen zu wenige Menschen sich an der Wahl beteiligten. Das ist ja auch ein Merkmal der Klassengesellschaft: Die Armen werden so klein gehalten, dass sie resignieren und sich nicht einmal mehr an solchen Wahlen beteiligen, die ihre Lebenslage wirklich verbessern k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wer Politikern zuh&ouml;rt, wenn es um das Thema Armut geht, h&ouml;rt oft: Bildung, Bildung, Bildung. Das hei&szlig;t: Arme m&uuml;ssten sich nur gen&uuml;gend Bildung aneignen, dann w&uuml;rden sie zumindest tendenziell sp&auml;ter besser dastehen. Greift diese Perspektive zu kurz?<\/strong><br>\n<strong>Anders gefragt: Wo m&uuml;sste eine Politik, die Menschen aus armen Verh&auml;ltnissen tats&auml;chlich Chancen geben m&ouml;chte, ansetzen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es naiv zu glauben, Bildung k&ouml;nne alles l&ouml;sen. Zumal da wieder die Frage in den Vordergrund r&uuml;ckt: Welche Bildung meint ihr denn &uuml;berhaupt? Krankenschwestern m&ouml;gen meist kein Abitur haben, aber sie sind hochgebildet, weil ihre Arbeit jenseits wirtschaftlicher Verwertbarkeit f&uuml;r diese Gesellschaft unsch&auml;tzbar wertvoll ist. In einem marktwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem wie unserem wird ihre Arbeit aber entwertet, also erh&auml;lt sie wenig Lohn, w&auml;hrend viele Immobilienmakler und Investmentbanker mit abgeschlossenem BWL-Studium so reich sind, dass sie sich mit Geldscheinen den Hintern abwischen k&ouml;nnten. Au&szlig;erdem leben und arbeiten immer mehr Akademiker inzwischen prek&auml;r. Die meisten von ihnen rettet nur der Umstand, dass ihre Eltern in besseren Zeiten studiert und den Kindern etwas zu vererben haben. Eine wirklich demokratische Gesellschaft m&uuml;sste sich am Ende drastisch umbauen: massiver Ausbau der Infrastruktur, Wohnen als Menschenrecht verankern, ein Ende des mehrgliedrigen Schulsystems, keine staatliche G&auml;ngelung mehr bei <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48212\">Sozialleistungen<\/a>, ein massiv h&ouml;herer Mindestlohn, Wieder-Vergesellschaftung von Bahn und Post, mehr Wirtschaftsdemokratie in den Betrieben wagen, keine Privatisierung &ouml;ffentlichen Eigentums, keine Kriege und Waffenexporte, damit Menschen in anderen Weltregionen nicht mehr massenhaft heimatlos gemacht werden. Das Geld f&uuml;r all das w&auml;re vor allem &uuml;ber eine Reichensteuer leicht zu beschaffen, wenn man bedenkt, dass 32 Billionen US-Dollar unter Duldung der EU-Staaten unversteuert in Offshore-Paradiesen herumliegen. Und dass es m&ouml;glich ist, sehr kurzfristig viel Geld bereitzustellen, haben wir 2008 in der Finanzkrise gesehen, und wir sehen es jetzt in der Coronakrise erneut.<\/p><p><strong>Haben Sie konkrete Beispiele, anhand derer Sie verdeutlichen k&ouml;nnen, dass die besten Bildungsangebote nichts nutzen, wenn Arme diese aufgrund vielfacher (materieller) Probleme nicht aufgreifen k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Mein Bruder hatte ausreichend gute Noten, um den &Uuml;bergang von der neunten in die zehnte Klasse zu gehen. Ein Lehrer &uuml;berredete ihn dann aber, nach dem Hauptschulabschluss abzugehen, weil er die Zehnte angeblich eh nicht schaffen w&uuml;rde. H&auml;tte mein Bruder studierte Eltern gehabt, dann w&auml;ren die mit ihrem akademischen Selbstvertrauen zu diesem Lehrer gegangen und h&auml;tten ihm eine verdiente Standpauke gehalten. Bei uns war es anders: Der Lehrer galt als Autorit&auml;t, also muckten wir nicht auf. Dieses devote Verhalten wird armen Menschen im Alltag einprogrammiert. Es ist also keine selbstverschuldete Unm&uuml;ndigkeit. Sehen Sie sich nur mal an, wie man mit den Leuten beim Jobcenter umgeht. Da wird man zum Bittsteller degradiert, so als lebten wir noch im Mittelalter. Da darf man sich nicht wundern, wenn arme Menschen den Antrieb verlieren, nicht mehr zur Wahl gehen, sich zur&uuml;ckziehen. Anstatt Bildung als einfachen Ausweg aus der Armut zu verkaufen, sollte die Politik lieber daf&uuml;r sorgen, dass kein Mensch mehr in Armut leben muss.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zu Ihrem Werdegang. Im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982\">ersten Teil des Interviews<\/a> haben Sie es angef&uuml;hrt: Es gab Menschen, die Ihnen die T&uuml;r ge&ouml;ffnet haben, zum Beispiel Ihre Tante. Was hat sie getan? <\/strong><\/p><p>Als ich zehn Jahre alt war, lag meine Mutter im Sterben. Ihre j&uuml;ngere Schwester, meine Tante Juli, versprach ihr auf dem Sterbebett, dass sie mich und meine drei Geschwister bei sich aufnehmen w&uuml;rde, damit wir nicht bei unserem Vater landen oder auf verschiedene Kinderheime verteilt werden. Das war meine Rettung. Meine Tante gab damals ihren Putzjob auf, sie war 29 Jahre alt und schwanger mit ihrem ersten eigenen Kind. Mir sind nachher beim Jugendamt, in der Schule, an der Uni und im Job einige Leute begegnet, die mir geholfen haben, aber dieser Frau verdanke ich letztlich alles. Uns haben zwar die materiellen Ressourcen gefehlt, um mit den anderen Kindern mitzuhalten, aber Tante Juli war beeindruckend couragiert. Einmal war ich mit ihr beim Jugendamt. Der Beamte traute mir nicht zu, dass ich einmal Abitur machen k&ouml;nne. Da br&uuml;llte sie den Mann an und sagte: &bdquo;Mein Junge kann Abitur machen, und er wird Abitur machen. Verlassen Sie sich drauf!&ldquo; Sp&auml;ter, als ich Fu&szlig;ballberichte f&uuml;rs Privatarchiv schrieb, da rief sie mal eben in der Sportredaktion der Lokalzeitung &bdquo;Rheinpfalz&ldquo; an und &uuml;berredete irgendwie einen Redakteur, mich mit einem Text zu beauftragen. Ohne diesen Mut meiner Tante w&uuml;rde ich heute ganz sicher nicht als Journalist arbeiten.<\/p><p><strong>Ist es Teil einer gro&szlig;en L&uuml;ge, zu behaupten, jeder kann den Aufstieg schaffen, er muss sich einfach nur gen&uuml;gend ins Zeug legen?<\/strong><\/p><p>Nicht in dem Sinne, dass irgendwelche grauen Herren in dunklen Hinterzimmern beschlossen haben, das Volk zu bel&uuml;gen. Ideologie funktioniert anders, sie ist systemisch. Das Reden vom f&uuml;r jedermann m&ouml;glichen Aufstieg ist eher ein sozialer Kitt, ein Versprechen, auf dem das System fu&szlig;t. Die Klassengesellschaft funktioniert deshalb so gut, weil so viele Menschen ernsthaft glauben, sie w&uuml;rden nicht in einer Klassengesellschaft leben. Zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders galt die Devise: Meinem Kind wird es mal besser gehen als mir, weil ich selbst daf&uuml;r sorgen kann. Dieses Versprechen ist seit l&auml;ngerer Zeit nicht mehr einl&ouml;sbar. Wir sind von einer Gesellschaft der Versprechen zu einer Gesellschaft der Drohungen geworden. Heute hei&szlig;t es nicht mehr: Strengt euch an, dann habt ihr es auch gut, sondern: Strengt euch an, sonst steigt ihr sozial ab und wir stellen euch an den Pranger!<\/p><p><strong>Sie haben sp&auml;ter studiert. Wie lief es auf der Universit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Es hat lange gedauert, bis ich mich zu dem Schritt entschlie&szlig;en konnte, an eine Uni zu gehen. Ich hatte keine Eltern mehr, dem Jugendamt oder dem Staat wollte ich nicht mehr &bdquo;auf der Tasche liegen&ldquo;. Warum sollte ich das Recht haben, zu studieren? Was passiert, wenn ich &uuml;berfordert bin und nach einem Abbruch des Studiums gro&szlig;e L&uuml;cken im Lebenslauf habe? Wie geht das &uuml;berhaupt: studieren? Wie finanziere ich mich? Am Ende habe ich den Rat meines Onkels f&uuml;r ein prestigetr&auml;chtiges Fach nicht befolgt, denn ich dachte: Wenn ich schon all das auf mich nehme, dann will ich zumindest F&auml;cher studieren, denen ich mich mit Leidenschaft widmen kann. Also entschied ich mich f&uuml;r Politik, Soziologe und Germanistik. Ich hatte dann gro&szlig;en Stress im Studium, weil ich mir kulturelles Kapital aneignen musste, das meine Kommilitonen bereits mitgebracht hatten &ndash; und das unter einem &ouml;konomischen Druck, den die anderen ebenfalls nicht nachvollziehen konnten. Deshalb galt ich manchem aus meinem Umfeld damals als anstrengend, streberhaft, verkrampft. Da h&ouml;rte ich oft den Spruch: &bdquo;Mach dich mal locker!&ldquo; Das tat damals sehr weh, aber ich w&uuml;rde es heute niemandem mehr vorwerfen, denn diese Leute wussten es ja nicht besser. Niemand kann etwas f&uuml;r seine soziale Herkunft. Die anderen haben sich die &bdquo;legitime Kultur&ldquo; von klein auf unbewusst angeeignet und diesen Aneignungsprozess sp&auml;ter vergessen. So wie es einen Unterschied macht, ob man eine Fremdsprache als Kind lernt oder als Erwachsener &ndash; letzterem wird man immer anmerken, dass es nicht die Muttersprache ist, w&auml;hrend das Kind vergisst, wie schwer das Lernen dieser Sprache eigentlich ist.<\/p><p><strong>&bdquo;Mach dich mal locker&ldquo;. Dieser Spruch erinnert mich an die Studien des franz&ouml;sischen Soziologen Pierre Bourdieu, der umfangreiche Studien zur sozialen Herkunft durchgef&uuml;hrt hat. In seinen Werken beschreibt er, dass den Aufsteigern aus den unteren Klassen oft die Leichtigkeit fehlt, die beispielsweise Vertreter des B&uuml;rgertums an den Tag legen k&ouml;nnen. Bourdieu sagte sinngem&auml;&szlig;, dass sich Menschen aus den unteren Klassen klein machen m&uuml;ssen, um durch die enge Pforte, die zum B&uuml;rgertum f&uuml;hrt, durchzukommen. Und wenn sie oben angekommen sind, merkt man ihnen die Strapazen des Aufstiegs an. K&ouml;nnen Sie das best&auml;tigen?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r meinen Job kann ich das best&auml;tigen. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass es in Deutschland kaum Journalisten gibt, deren Eltern nicht studiert haben. Was Bourdieu beschreibt, macht sich in einem solchen Umfeld f&uuml;r jemand wie mich besonders bemerkbar. In Redaktionskonferenzen habe ich oft das Gef&uuml;hl, fehl am Platze zu sein und dass den anderen der Raum mehr geh&ouml;rt als mir. Wo sie doch immer so klug und selbstbewusst &uuml;ber Politik und Wirtschaft und Kultur sprechen. Es kommt mir manchmal so vor, als h&auml;tten die Kollegen ein letztes Geheimnis, zu dem mir der Zugang fehlt. Und ich Idiot hab keine Ahnung, welches Geheimnis das ist, was dazu f&uuml;hrt, dass ich mich in solchen Konferenzen erst recht nur selten zu Wort melde, denn ich warte immer nur darauf, dass jemand entdeckt, wie bl&ouml;d und unf&auml;hig ich in Wahrheit bin. Das ist dieses Hochstapler-Syndrom, das nur Menschen kennen, die in sogenannten bildungsfernen Verh&auml;ltnissen aufgewachsen sind.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie es nachvollziehen, dass Menschen, wenn Sie sehen, wie viel Kraft notwendig ist, um diesen Weg, den Sie beschritten haben, zu gehen, kapitulieren, sich sozusagen ihrem &bdquo;Schicksal&ldquo; f&uuml;gen?<\/strong><\/p><p>Bei mir selbst war es an mehreren Stellen im Leben sehr knapp. Als ich w&auml;hrend meines Studiums den sich anh&auml;ufenden Schuldenberg sah, mir das Lernen schwer fiel und dann auch noch die unverkrampften &Uuml;berflieger aus den MINT-F&auml;chern, den Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften sah, da wollte ich nach Kaiserslautern zur&uuml;ckkehren und mich meinem Schicksal als Arbeiterkind f&uuml;gen. Dabei ertappe ich mich manchmal noch heute, wenn mir die Arbeitslosigkeit droht in diesem ja doch sehr prek&auml;ren Feld des Journalismus. Ich habe keine R&uuml;cklagen und kein zu erwartendes Erbe, da hadert man automatisch immer wieder mit seinen Lebensentscheidungen. Auf meine ersten Bewerbungsversuche f&uuml;r journalistische Volontariate erhielt ich nach meinem Studienabschluss nur Absagen. In meinem Lebenslauf fehlten teure Auslandsaufenthalte und unbezahlte Praktika, was in diesem Job unverzichtbar ist. Es hat einen zweiten Anlauf in meinen sp&auml;ten Zwanzigern gebraucht.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rden Sie einem jungen Menschen sagen, der aus der Armut ausbrechen will, bereit ist, sich Bildungskapital anzueignen, sich an den &bdquo;Aufstieg&ldquo; ranzumachen? Wie sollte er es angehen, worauf muss er achten? Was sind Fallstricke? <\/strong><\/p><p>Da gibt es keinen ratgeberliteraturtauglichen Weg. In einem politischen System, in dem Menschen wie ich die Ausnahme bleiben sollen, wird der Zufall immer die entscheidende Rolle spielen m&uuml;ssen. Aber es gibt nat&uuml;rlich trotzdem Wege, durchzukommen. Vor allem muss man mit offenen Augen durch die T&uuml;rsteher-Institutionen gehen: Wo gibt es Lehrer, denen ich mich anvertrauen kann? Welcher Sozialarbeiter kann mir helfen? Gibt es in der Verwandtschaft irgendwo Leute, mit denen ich ins Theater gehen oder &uuml;ber Politik und Literatur diskutieren kann? Habe ich gerade zuf&auml;llig f&uuml;r einige Monate einen guten Sachbearbeiter beim Jobcenter? Im System tummeln sich viele Menschen, die ihre Ermessensspielr&auml;ume stark ausreizen, weil sie wirklich was bewegen wollen. Was noch fehlt, sind ausreichend Initiativen, in denen sich Arbeiterkinder zusammenschlie&szlig;en. Manches gibt es aber, zum Beispiel &bdquo;arbeiterkind.de&ldquo;, die Unterst&uuml;tzung bieten f&uuml;r Menschen, die als Erste in ihrer Familie ein Gymnasium besuchen oder studieren. Auch Gewerkschaften sind wichtig, weil sie einem das Gef&uuml;hl vermitteln, nicht allein zu sein mit seinen existenziellen Sorgen und im besten Fall echte Interessenvertreter sein k&ouml;nnen. Es geht also nur &uuml;ber den zwischenmenschlichen Weg, denn da gilt noch immer der alte Slogan von &bdquo;Ton Steine Scherben&ldquo;: &bdquo;Allein machen sie dich ein.&ldquo;<\/p><p><em>Lesetipp: Baron, Christian: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Ein-Mann-seiner-Klasse.html\">Ein Mann seiner Klasse<\/a>. Claassen. Hardcover. 288 Seiten. 20 Euro. Erschienen: 31.Januar 2020.<\/em><\/p><p>Titelbild: Privat<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Gymnasium in seiner Heimatstadt nahm ihn auf, &bdquo;weil man dort bef&uuml;rchtete, ich Kind armer Leute w&uuml;rde den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden&ldquo;. Es sind Einblicke wie diese, die die Arbeit des Journalisten <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47192\">Christian Baron<\/a><\/strong> so wertvoll machen. Baron hat mit seinem aktuellen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Ein-Mann-seiner-Klasse.html\">Ein Mann seiner Klasse<\/a>&ldquo; einen Bestseller verfasst, der unbequem ist.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60244\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":60245,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,151,206,209,132],"tags":[881,2865,757,2252,408,389,827,425,291],"class_list":["post-60244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-baron-christian","tag-bourdieu-pierre","tag-klassenkampf","tag-soziale-herkunft","tag-sozialrassismus","tag-stigmatisierung","tag-unterschicht","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Christian_Zimmer_1998.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60244"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81412,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60244\/revisions\/81412"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}