{"id":60264,"date":"2020-04-17T09:03:50","date_gmt":"2020-04-17T07:03:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60264"},"modified":"2020-04-17T12:02:24","modified_gmt":"2020-04-17T10:02:24","slug":"auf-dem-hoehepunkt-der-indochina-solidaritaet-begann-gleichzeitig-auch-ihr-sinkflug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60264","title":{"rendered":"Auf dem H\u00f6hepunkt der Indochina-Solidarit\u00e4t begann gleichzeitig auch ihr Sinkflug"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 45 Jahren, am 17. April 1975, marschierten die Roten Khmer siegreich in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ein. Projektionen und Grobraster trugen mit dazu bei, eine einst vitale internationale Solidarit&auml;tsbewegung auszuh&ouml;hlen und schlie&szlig;lich unzeremoniell zu begraben. Ein kurzer R&uuml;ckblick von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Schafft zwei, drei, viele Vietnam!&rdquo; hatte der Arzt und langj&auml;hrige Weggef&auml;hrte Fidel Castros, Ernesto Che Guevara, der wachsenden antiimperialistischen Bewegung im Trikont k&uuml;hn anempfohlen, bevor er selbst im Sommer 1967 im bolivianischen Dschungel den Tod fand. In nahezu s&auml;mtlichen westlichen Metropolen skandierten derweil aufgew&uuml;hlte Gegner der US-amerikanischen Aggression gegen die V&ouml;lker Vietnams, Kambodschas und Laos&lsquo; den Schlachtruf &bdquo;Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!&rdquo; Nordvietnams Pr&auml;sident Ho Chi Minh, den seine Anh&auml;nger h&uuml;ben wie dr&uuml;ben liebevoll &bdquo;Onkel Ho&ldquo; nannten, galt als ideeller Gesamtheld des Befreiungskampfes gegen die Mordmaschinerie des selbsternannten H&uuml;ters von <em>freedom &amp; democracy<\/em>.<\/p><p>Auf dem H&ouml;hepunkt des Krieges (Mitte der 1960er Jahre) waren allein in Vietnam &uuml;ber eine halbe Million GIs stationiert. Hinzu kamen weitere Zehntausende US-amerikanische Soldaten, die einen &bdquo;geheimen Krieg&rdquo; in Laos f&uuml;hrten und das neutrale K&ouml;nigreich Kambodscha mit Fl&auml;chenbombardements verw&uuml;steten. Das von den einstigen franz&ouml;sischen Kolonialherren sogenannte Indochina diente einer Generation als Metapher f&uuml;r den gerechtfertigten Kampf Davids gegen Goliath. Da der Vietnamkrieg, der in Vietnam selbst trefflicher als &bdquo;der Amerikanische Krieg&ldquo; genannt wurde, &uuml;berdies der erste &bdquo;telegene Krieg&rdquo; war, dessen Gr&auml;uel einem weltweiten Publikum allabendlich auf der Mattscheibe pr&auml;sentiert wurden, war die Ver-Bildlichung des Krieges zugleich ein potenter Verb&uuml;ndeter seiner Gegner. Eine Lehre daraus: Fortan sollte Krieg m&ouml;glichst als &bdquo;klinisch-sanit&auml;rer&rdquo; Eingriff in Videoclip-Format erscheinen, um die Zahl von (potenziellen) Kriegsgegnern auf niedrigem Niveau zu halten. Noch tiefer ist seit dem 1975er Slogan &bdquo;1. Mai &ndash; Saigon ist frei&ldquo; eine Solidarit&auml;tsbewegung gesunken, die damals eine weltweit formidable politische Kraft repr&auml;sentierte. Projektionen und verk&uuml;rzte Wahrnehmungen sowie die jeweiligen Politiken der Herrschenden in Hanoi und Phnom Penh nach Kriegsende waren daf&uuml;r verantwortlich.<\/p><p>Bereits am 17. April 1975, zwei Wochen vor dem endg&uuml;ltigen Debakel der USA in Vietnam und der panikartigen Flucht aus Saigon, marschierten im Nachbarland Kambodscha Truppen der Roten Khmer siegreich in Phnom Penh ein und proklamierten als neues Staatswesen das <em>Demokratische Kampuchea<\/em>. Die vormals schl&auml;frige Hauptstadt war w&auml;hrend der US-amerikanischen Fl&auml;chenbombardements zu einem ann&auml;hernd zwei Millionen Fl&uuml;chtlinge z&auml;hlenden Moloch angeschwollen, der in der Endphase des Krieges nur dank einer von der US-Armee aufrechterhaltenen Luftbr&uuml;cke mit Nahrungsmitteln versorgt wurde. Die Masse der dorthin Geflohenen waren Bauern, die panikartig ihre D&ouml;rfer und &Auml;cker verlassen hatten, um den Bomben- und Napalmeins&auml;tzen zu entkommen. <\/p><p>Kambodscha war &uuml;ber Jahrhunderte hinweg eine b&auml;uerlich-d&ouml;rfliche Gesellschaft, in der Gemeineigentum und kommunale Produktion ausgepr&auml;gter waren als feudaler Gro&szlig;grund- und individueller Landbesitz. Das Zentrum der Macht, der Stadtstaat (wie einst das Angkor-Imperium) beziehungsweise die Stadt, galt als Inbegriff tribut&auml;rer Schr&ouml;pfung und sie bot gleichzeitig Schutz gegen&uuml;ber &auml;u&szlig;eren Feinden. W&auml;hrend der franz&ouml;sischen Kolonialzeit (Ende des 19. Jahrhunderts bis 1953) waren die Zitadellen st&auml;dtischer Macht und Herrschaft neben den Franzosen mit vietnamesischen Administratoren besetzt, w&auml;hrend der Handel und das Gewerbe eine Dom&auml;ne der Chinesen waren. Im Verlauf der kambodschanischen Geschichte war f&uuml;r den &uuml;berwiegenden Teil der Khmer-Bev&ouml;lkerung die Stadt nicht nur der Hort interner Ausbeutung, sondern auch ein von in- wie ausl&auml;ndischen Eliten gepr&auml;gtes und ihnen letztlich fremdes Sozialsystem.<\/p><p>Die Formierung der Roten Khmer als oppositionelle Kraft gelang erst gegen Ende der 1960er Jahre. Die Regierung von Prinz Sihanouk hatte Bauernrevolten in der westlichen Provinz Battambang, der traditionellen Reiskammer des Landes, blutig niederschlagen lassen und damit Protest und Widerstand unter der Landbev&ouml;lkerung gegen erh&ouml;hte Ernteabgaben sowie Landenteignungen gesch&uuml;rt. Doch erst die Ausweitung des US-Aggressionskrieges auf das vormals neutrale Kambodscha schuf die Basis f&uuml;r ein B&uuml;ndnis, das Jahre zuvor undenkbar gewesen w&auml;re. Auf einmal sahen sich zwei politische Lager &ndash; hier die Sihanouk-Royalisten, dort die nationalistischen Roten Khmer &ndash; in einer Allianz vereint. Gemeinsames Ziel des in Peking geschmiedeten Zweckb&uuml;ndnisses: die Wiederherstellung der Souver&auml;nit&auml;t Kambodschas und der Kampf gegen die von Washington im Fr&uuml;hjahr 1970 installierte Clique um den sp&auml;teren Marschall Lon Nol.<\/p><p>Dabei war und blieb das Verh&auml;ltnis zwischen Kambodscha und dem gro&szlig;en Nachbar Vietnam weitaus angespannter und konflikttr&auml;chtiger, als es die internationale Indochina-Solidarit&auml;tsbewegung jemals wahrhaben wollte. Indochina war ein franz&ouml;sisches Kolonialkonstrukt: 1887 hatte Frankreich seine drei Protektorate in Vietnam &ndash; Cochinchina im S&uuml;den, Annam im zentralen und Tongking im n&ouml;rdlichen Landesteil &ndash; zusammen mit Kambodscha und Laos zu einer willk&uuml;rlichen, freilich seinen Interessen dienenden Verwaltungseinheit, zur Union Indochina, gemacht. Die unterstellte Einheit und Br&uuml;derlichkeit zwischen Kambodscha, Laos und Vietnam (von Letzterem als &bdquo;drei Finger einer Faust&ldquo;, n&auml;mlich der eigenen, gepriesen) war stets ein hierarchisches Beziehungsgeflecht mit Vietnam als F&uuml;hrungsmacht, der sich das bev&ouml;lkerungsm&auml;&szlig;ig kleinste, dazu noch Binnenland Laos beugte, Kambodscha hingegen immer wieder widersetzte.<\/p><p>Selbst die erste kommunistische Partei in der Region, die von Ho Chi Minh und seinen Mitstreitern 1930 gegr&uuml;ndete Kommunistische Partei Indochinas (KPI), behielt die Bezeichnung &bdquo;Indochina&rdquo; bis zu Beginn der 1950er Jahre bei, wobei die vietnamesische KP auch danach f&uuml;r sich politisch und organisatorisch die hegemoniale Stellung reklamierte. Als es Anfang 1973 zum Abschluss der Pariser Friedensverhandlungen kam, in dessen Verlauf sich das nordvietnamesische Politb&uuml;romitglied Le Duc Tho und Henry Kissinger &uuml;ber den Abzug der US-Truppen aus Vietnam verst&auml;ndigten, blieb der Abzug fremder &ndash; in diesem Fall vietnamesischer &ndash; Truppen aus Kambodscha explizit ausgeklammert. Diese Truppen agierten in Untergrundstellungen und waren Teil des Ho-Chi-Minh-Pfads, &uuml;ber den der Nachschub aus Nordvietnam f&uuml;r die s&uuml;dvietnamesische Befreiungsbewegung (FNL oder NLF) rollte.<\/p><p>Bereits zwei Jahre nach ihrem Sieg (1977\/78) waren die Roten Khmer in t&ouml;dliche Grenzkonflikte mit Vietnam verstrickt &ndash; ein Verm&auml;chtnis der Geschichte. Gegen&uuml;ber Vietnam existierten seit langem Furcht und Angst, weil es bereits im 17. Jahrhundert Teile Kambodschas (<em>Kampuchea Krom<\/em>, die &bdquo;Niederlande&ldquo; Kambodschas im heute s&uuml;dvietnamesischen Mekong-Delta) annektiert hatte und sein Grenzverlauf mit Kambodscha im Westen strittig blieb. Gesch&uuml;rt wurde dieser Konflikt, um damit von internen Problemen abzulenken und den latenten Hass gegen das hegemoniale Vietnam zu instrumentalisieren. Provokation und Paranoia begleiteten Propagandatiraden, die Bef&uuml;rworter des einst antiimperialistischen Befreiungskampfes erschaudern mussten. W&auml;hrend Radio Hanoi in jener Zeit wiederholt kambodschanische Soldaten und die Bev&ouml;lkerung offen zum Sturz des Pol Pot-Regimes aufrief, seine Regierung als &bdquo;reaktion&auml;r&rdquo;, seine Politik als &bdquo;brutale und infantile b&auml;uerliche Gleichmacherei&rdquo; und seine F&uuml;hrung als &bdquo;S&ouml;ldner der chinesischen Machthaber&rdquo; anprangerte, rief Pol Pot im Gegenzug zum Mord an Vietnamesen auf: &bdquo;Jeder von uns muss 30 Vietnamesen t&ouml;ten. Bisher haben wir es geschafft. Wir brauchen nur zwei Millionen Soldaten, um 50 Millionen Vietnamesen umzubringen.&rdquo;<\/p><p>Der Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kambodscha zum Jahreswechsel 1978\/79 und die darauffolgende einmonatige chinesische &bdquo;Strafaktion&ldquo; gegen Vietnam von Mitte Februar bis Mitte M&auml;rz 1979 markierten die tiefe Kluft zwischen den Antagonisten. Gleichzeitig zerbrach infolge dieses t&ouml;dlichen Zwists die einst machtvolle internationale Solidarit&auml;tsbewegung. &Uuml;brig blieben eine Zeitlang lediglich kleine und vergleichsweise unbedeutende Gruppierungen, die auf unterschiedliche Weise apologetisch f&uuml;r diese oder jene Seite Position ergriffen, bis auch sie zu Beginn der 1980er Jahre verstummten.<\/p><p>Titelbild: pzAxe\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen &amp; Literaturhinweise<\/strong><\/p><ul>\n<li>Walter Aschmoneit\/Rainer Werning (Hg.): <em>Kampuchea &ndash; Lesebuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik<\/em>. M&uuml;nster: SZD-Verlag, 1981<\/li>\n<li>David P. Chandler: <em>A History Of Cambodia<\/em>. Boulder, CO: Westview Press, 2008 (4th Edition) <\/li>\n<li>Ben Kiernan: <em>How Pol Pot Came to Power: Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia<\/em>, 1930-1975. New Haven &amp; London: Yale University Press, 2004 (2nd revised edition)<\/li>\n<li>William Shawcross: <em>Schattenkrieg: Kissinger, Nixon und die Zerst&ouml;rung Kambodschas<\/em>. Berlin: Ullstein Verlag, 1982<\/li>\n<\/ul><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/803134d161b64428aafbed94a6dcef17\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 45 Jahren, am 17. April 1975, marschierten die Roten Khmer siegreich in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ein. Projektionen und Grobraster trugen mit dazu bei, eine einst vitale internationale Solidarit&auml;tsbewegung auszuh&ouml;hlen und schlie&szlig;lich unzeremoniell zu begraben. 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