{"id":60505,"date":"2020-04-27T09:00:06","date_gmt":"2020-04-27T07:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60505"},"modified":"2026-01-27T12:02:03","modified_gmt":"2026-01-27T11:02:03","slug":"daniele-ganser-medien-decken-zu-selten-die-mechanismen-der-tiefenpolitik-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60505","title":{"rendered":"Daniele Ganser: \u201eMedien decken zu selten die Mechanismen der Tiefenpolitik auf\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich Tiefenpolitik? Sind die USA ein Imperium? Was war nochmal der Iran-Contra-Skandal? Der Schweizer Historiker <strong><a href=\"https:\/\/www.danieleganser.ch\/\">Daniele Ganser<\/a><\/strong> will mit seinem gerade erschienenen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ofv.ch\/sachbuch\/detail\/imperium-usa\/503131\/\">Imperium USA &ndash; die skrupellose Weltmacht<\/a>&ldquo; insbesondere j&uuml;ngere Leser zwischen 15-25 Jahren aufkl&auml;ren. In einem zweiteiligen Interview mit den NachDenkSeiten verdeutlicht der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35997\">Forscher<\/a>, dass er es versteht, auch das historisch Komplexe gut verst&auml;ndlich und nachvollziehbar zu erkl&auml;ren. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9092\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60505-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60505-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200427_Daniele_Ganser_Medien_decken_zu_selten_die_Mechanismen_der_Tiefenpolitik_auf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Ganser, warum haben Sie ein Buch verfasst, dass sich mit den USA auseinandersetzt?<\/strong><\/p><p>Wer sich f&uuml;r internationale Politik und Zeitgeschichte interessiert, kommt um die USA nicht herum. Die USA sind derzeit das m&auml;chtigste Land der Welt. Die USA haben mehr L&auml;nder bombardiert als irgendein anderes Land und waren in den letzten 70 Jahren direkt oder indirekt in viele Kriege involviert, darunter Syrien, Libyen, Afghanistan, Irak, Nicaragua und Vietnam. Die kriegerische Au&szlig;enpolitik der USA wollte ich systematisch ausleuchten, von den Indianerkriegen bis zu den verdeckten Operationen der CIA in Syrien.<\/p><p><strong>Im Titel Ihres Buches kommen zwei Zuschreibungen vor: &bdquo;Imperium&ldquo; und &bdquo;skrupellos&ldquo;. Woran machen Sie diese fest?<\/strong><\/p><p>Als Imperium bezeichnen Historiker wie ich das m&auml;chtigste Land einer gegebenen Epoche. Vor 2000 Jahren hatten wir das r&ouml;mische Imperium. Im 19. Jahrhundert war das britische Imperium dominant. Heute sind die USA das Imperium, auch wenn das nicht offen gesagt wird. Die USA haben die h&ouml;chsten Milit&auml;rausgaben, die meisten Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in fremden L&auml;ndern und die gr&ouml;&szlig;ten R&uuml;stungskonzerne. Im Buch untersuche ich konkrete Fallbeispiele, wie zum Beispiel den US-Angriff auf Vietnam 1964 oder den US-Angriff auf Irak 2003 und ich kann jeweils nachweisen, dass die &Ouml;ffentlichkeit angelogen wurde. Diese Kombination von L&uuml;ge und Gewalt ist skrupellos. Wiederholt hat die US-Regierung die eigene US-Bev&ouml;lkerung belogen, zum Beispiel auch bei Iran-Contra, wie ich im Buch darlege. Zudem haben verschiedene US-Pr&auml;sidenten, und zwar sowohl Demokraten wie Republikaner, in fremden L&auml;ndern Menschen get&ouml;tet, was klar dem UNO-Gewaltverbot widerspricht, das Angriffskriege untersagt.<\/p><p><strong>Wenn Sie von den USA sprechen, sollte man da vielleicht nicht erstmal differenzieren, da sonst die Gefahr besteht, sich auf die anti-amerikanische Schiene zu begeben. Das Land, die Leute, die Sprache: Es gibt vieles, was man an den USA durchaus toll finden kann. Was genau meinen Sie, wenn sie &bdquo;die USA&ldquo; sagen? Die US-amerikanische Politik? Die US-amerikanische Machtelite?<\/strong><\/p><p>Im Buch differenziere ich klar zwischen der US-Machtelite, welche f&uuml;r die vielen Kriege verantwortlich ist, und der US-Bev&ouml;lkerung, welche viel zu lange alles geglaubt hat, was das Wei&szlig;e Haus und das Pentagon sagten. Im R&uuml;ckblick kann man erkennen: Es gibt keinen Grund, dem US-Pr&auml;sidenten zu glauben, wenn er sagt, dieser oder jener Krieg sei notwendig. Viel zu oft wurde gelogen. Schon der Angriff der USA auf Mexiko 1846 beruhte auf L&uuml;gen, wie ich im Buch zeige. Damals schickte US-Pr&auml;sident James Polk die US-Armee &uuml;ber den Nueces Fluss, der die Grenze zu Texas markierte, um die Mexikaner zu provozieren. &raquo;Wir wurden losgeschickt, um einen Kampf zu provozieren, aber es war wesentlich, dass Mexiko ihn begann&laquo;, erkl&auml;rte damals der US-Offizier Ulysses Grant, der an den Kampfhandlungen teilnahm. <\/p><p><strong>Sie haben Ihr Buch speziell f&uuml;r die Gruppe der 15- bis 25-J&auml;hrigen geschrieben. Warum diese Altersklasse?<\/strong><\/p><p>Es stimmt, ich habe mein Buch so geschrieben, dass die 15- bis 25-J&auml;hrigen es lesen k&ouml;nnen. Es braucht also kein Vorwissen, um das Buch zu verstehen. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen auch alle Menschen bis ins hohe Alter mein Buch lesen. Aber f&uuml;r die Zukunft sind nat&uuml;rlich vor allem die Jungen entscheidend. Sie werden das 21. Jahrhundert gestalten. Viele der jungen Menschen fragen sich, warum es so viele Kriege gibt auf der Welt. Da m&ouml;chte ich an konkreten Beispielen zeigen, dass eine kleine Gruppe von Menschen immer wieder zu L&uuml;ge und Gewalt gegriffen hat, um mehr Geld und mehr Macht anzusammeln. <\/p><p><strong>Sie spannen in Ihrem Buch einen sehr weiten Bogen. Es geht los bei den Indianerkriegen von 1607, zieht sich &uuml;ber die Zeit der Sklaverei, den 1. und den 2. Weltkrieg, die verdeckte Kriegsf&uuml;hrung der 50er, 60er, 70er Jahre, bis der Leser schlie&szlig;lich beim 11. September und dem aktuellen Kampf um Eurasien angelangt ist.<\/strong><br>\n<strong>Muss man, um den Punkt, den Sie machen wollen, die USA und die US-amerikanische Politikausrichtung &uuml;ber einen so langen historischen Zeitraum erfassen?<\/strong><\/p><p>Die lange Perspektive hilft dem Leser zu verstehen, dass das US-Imperium selber aus dem europ&auml;ischen Kolonialismus hervorgegangen ist. Es waren ja ab 1500 zuerst die Spanier und die Portugiesen, welche sich Mittel- und S&uuml;damerika als Kolonien angeeignet haben und dabei &auml;u&szlig;erst brutal vorgegangen sind. Erst danach haben sich die Engl&auml;nder Nordamerika gesichert und 1607 die Kolonie Jamestown gegr&uuml;ndet, die Keimzelle der USA. Als dann die Briten in Nordamerika sich von London befreien wollten, waren es die Franzosen, welche sie dabei unterst&uuml;tzten und den USA sp&auml;ter auch die Freiheitsstatue schenkten, weil Paris sich freute, dass London einen Teil seines Kolonialreiches verloren hatte. Sp&auml;ter sehen wir dieses Spiel im Kapitel zum Vietnamkrieg nochmals, aber mit umgedrehten Rollen: Die USA bewaffnen die Vietnamesen, und diese f&uuml;gen den Franzosen in Indochina 1954 eine vernichtende Niederlage in Dien Bien Phu zu. Diesmal freut sich Washington, dass Paris seine Kolonie Indochina verliert. Auf den 330 Seiten meines Buches kann der Leser und die Leserin immer wieder solche Querverbindungen erkennen und dadurch die internationale Politik und Zeitgeschichte viel besser verstehen.<\/p><p><strong>Geht es auch darum, die jungen Menschen mit der Vergangenheit der US-amerikanischen Politik vertraut zu machen, so dass sie besser aktuelle Geschehnisse einordnen k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Denn bei vielen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern endet ja der Geschichtsunterricht beim Zweiten Weltkrieg. Das ist aber jetzt mehr als 70 Jahre her. Die aktuellen Ereignisse wie der Syrienkrieg, der Afghanistankrieg und der Libyenkrieg k&ouml;nnen nur verstanden werden, wenn man die Rolle des US-Imperiums in diesen Konflikten ausleuchtet.<\/p><p><strong>Was meinen Sie: Wissen junge Menschen heute, woher der Ausdruck milit&auml;risch-industrieller Komplex kam, was er bedeutet und welche Bedeutung er auch noch heute hat?<\/strong><\/p><p>Einige wissen es, viele aber nicht. Daher erkl&auml;re ich im Buch den Begriff milit&auml;risch-industrieller Komplex ausf&uuml;hrlich, weil dieser Begriff wichtig ist. Ich zeige, dass US-Pr&auml;sident Eisenhower 1961 in seiner Abschiedsrede explizit vor diesem Komplex warnte. Eisenhower wusste, dass es in den USA ein enges Geflecht gibt zwischen R&uuml;stungsindustrie, Geheimdiensten, Pentagon, Lobbys, Medien und Politik, und dass einige Akteure in diesem Netzwerk von Krieg profitieren und daher Kriege wollen.<\/p><p><strong>Was ist Ihr Eindruck: Gibt es generell in unserer Gesellschaft das Problem, dass oft nur auf den sichtbaren Teil der Politik geschaut, aber der nichtsichtbare Teil, die Tiefenpolitik, nicht erkannt wird?<\/strong><\/p><p>Ja, diesen Eindruck habe ich. Die verdeckten Operationen werden in der Regel in den Schulen und Universit&auml;ten nicht behandelt, und auch nicht in der Tagesschau oder der S&uuml;ddeutschen Zeitung. In der historischen Forschung spielen verdeckte Operationen eine gro&szlig;e Rolle. So kann ich im Buch aufzeigen, dass die CIA Mordanschl&auml;ge auf verschiedene Politiker durchf&uuml;hrte. Die Anschl&auml;ge auf Fidel Castro, den Pr&auml;sidenten von Kuba, verliefen ohne Erfolg. Aber im Kongo war die CIA an der Ermordung von Premierminister Patrice Lumumba 1961 beteiligt, wie ich im Buch zeige. <\/p><p><strong>Wie kann man nicht nur jungen Menschen erkl&auml;ren, dass es so etwas wie Tiefenpolitik gibt?<\/strong><\/p><p>Tiefenpolitik bedeutet, dass der Souver&auml;n, also das Volk, nicht in die relevanten politischen Entscheide der Exekutive eingebunden wird, und dass in vielen F&auml;llen nicht einmal die vom Volk gew&auml;hlten Vertreter, also das Parlament, welches die Exekutive &uuml;berwachen muss, die Details der Tiefenpolitik kennt und daher seiner Rolle als W&auml;chter nicht gerecht wird. Auch die Medien decken zu selten die Mechanismen der Tiefenpolitik auf. Im Kern handelt es sich bei der Tiefenpolitik oft um Handlungen der Exekutive, also des Wei&szlig;en Hauses, des Pentagons und der Geheimdienste, die von den W&auml;hlern nicht unterst&uuml;tzt werden oder sogar illegal sind. <\/p><p><strong>Nehmen wir als Beispiel mal den Iran-Contra-Skandal. Worum ging es dabei?<\/strong><\/p><p>Das war ein Skandal w&auml;hrend der Regierung von US-Pr&auml;sident Ronald Reagan. Zusammen mit seinem CIA-Direktor Bill Casey f&uuml;hrte Reagan ab 1981 einen geheimen Krieg gegen Nicaragua, indem er im Nachbarland Honduras gewaltt&auml;tige Rebellen, so genannte Contras, bewaffnete. Die CIA lieferte den Contras Waffen und trainierte sie. Dieser geheime Krieg war aber illegal und ein Versto&szlig; gegen das UNO-Gewaltverbot. Daher versuchten Reagan und Casey ihn geheimzuhalten. Und als das nicht ging, erkl&auml;rten sie, die Contras seien Freiheitsk&auml;mpfer, obschon diese sehr brutal vorgingen und auch Zivilisten ermordeten. Hier sehen wir also, wie der Tiefe Staat gegen das V&ouml;lkerrecht verst&ouml;&szlig;t.<\/p><p><strong>Und weiter?<\/strong><\/p><p>Als der US-Kongress, das Parlament, der Exekutive verbot, die Contras weiter mit Waffen und Geld zu versorgen, radikalisierte sich der Tiefe Staat. Das Wei&szlig;e Haus unter Reagan ignorierte den Kongress und verkaufte Waffen an den Iran. Das Geld aus dem Waffenhandel wurde auf Nummernkonten in der Schweiz zwischengelagert und danach an die Contras ausbezahlt. Das wurde 1986 aufgedeckt. Es war sehr brisant, weil Pr&auml;sident Ronald Reagan und Vizepr&auml;sident George Bush Senior mit dem geheimen Krieg gegen Nicaragua nicht nur gegen das internationale Recht versto&szlig;en hatten, sondern auch gegen die Gesetze der USA, weil der Kongress ja die Bewaffnung der Contras verboten hatte. Zudem war es auch illegal, Waffen an den Iran zu verkaufen, weil dieser schon damals unter einem sehr strengen US-Embargo stand. Aber der Tiefe Staat k&uuml;mmerte sich nicht um diese Verbote.<\/p><p><strong>Was ist dann passiert?<\/strong><\/p><p>Der Kongress setzte eine Kommission ein und konnte zeigen, dass hier von der US-Regierung schwere Verbrechen begangen wurden. Einige Personen wurden auch angeklagt, kamen aber alle wieder frei. Vizepr&auml;sident Bush, der direkt in den Iran-Contra-Skandal involviert gewesen war, wurde sogar zum Nachfolger von Pr&auml;sident Reagan gew&auml;hlt und zog ins Wei&szlig;e Haus ein.<\/p><p><strong>Welche Schl&uuml;sse ziehen Sie aus diesem Fall?<\/strong><\/p><p>Ich ziehe den gleichen Schluss wie damals Lawrence Walsh, der mutige und unabh&auml;ngige Ermittler und Ankl&auml;ger w&auml;hrend der Iran-Contra-Aff&auml;re. Er sagte damals richtig: &raquo;Ma&#776;chtige Ma&#776;nner mit ma&#776;chtigen Freunden ko&#776;nnen schwere Verbrechen begehen, wa&#776;hrend sie im Amt sind, und das Vertrauen der O&#776;ffentlichkeit schwer missbrauchen, und dies alles ohne jede Konsequenz.&laquo; Damit hatte Walsh v&ouml;llig recht. Er klagte damals auch Verteidigungsminister Caspar Weinberger an, weil dieser direkt in den illegalen Waffenhandel mit dem Iran und den illegalen Krieg in Nicaragua verstrickt gewesen war und den Kongress u&#776;ber beides belogen hatte. Doch kurz bevor Pra&#776;sident Bush durch Pra&#776;sident Bill Clinton im Wei&szlig;en Haus abgelo&#776;st wurde, begnadigte Bush am 24. Dezember 1992 seinen Kollegen Weinberger und andere in die Iran-Contra-Affa&#776;re verstrickte hohe Beamte. &raquo;Damit ist die Vertuschung des Iran-Contra-Skandals, welche seit sechs Jahren andauert, abgeschlossen&laquo;, kritisierte Sonderermittler Walsh resigniert, da keiner der Ta&#776;ter ins Gefa&#776;ngnis musste. <\/p><p><strong>Im &ouml;ffentlichen Ged&auml;chtnis spielt die Iran-Contra-Aff&auml;re l&auml;ngst keine Rolle mehr. Wie sehen Sie es als Historiker, wenn solche F&auml;lle einfach aus dem Wissensbestand verschwinden?<\/strong><\/p><p>Alles was l&auml;nger her ist als ein Jahr, spielt im &ouml;ffentlichen Ged&auml;chtnis keine Rolle mehr. Auch der Angriff der NATO auf Serbien 1999 haben viele vergessen, nicht nur den Iran-Contra-Skandal von 1986. Mit meinem Buch versuche ich aufzuzeigen, zumindest f&uuml;r jene, welche sich daf&uuml;r interessieren, dass immer wieder Gewalt und L&uuml;ge eingesetzt wurden, um die Macht und den Reichtum einer kleinen Clique zu mehren. Und dabei ist man sprichw&ouml;rtlich &uuml;ber Leichen gegangen. Das Volk, das ja in einer Demokratie eigentlich die Macht haben sollte, wurde durch diese Clique einfach &uuml;bergangen und get&auml;uscht. <\/p><p><strong>Ist das Wissen um F&auml;lle dieser Art wichtig, um bestimmte Grundprinzipien der politischen Tiefenpolitik, mit denen wir es zu jeder Zeit auf die eine oder andere Art und Weise zu tun haben, besser identifizieren zu k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Man muss konkrete Beispiele der T&auml;uschung kennen, erst dann wird einem klar, dass gerade vor Kriegen sehr viel gelogen wird. Im Buch zeige ich viele Beispiele, darunter auch dieses: Nachdem der irakische Pr&auml;sident Saddam Hussein im August 1990 illegal in Kuwait einmarschierte, wurden die Iraker von US-Pr&auml;sident George Bush Senior kollektiv mit der &raquo;Brutkastenlu&#776;ge&laquo; da&#776;monisiert. <\/p><p>Am 10. Oktober 1990 erza&#776;hlte ein 15-ja&#776;hriges Ma&#776;dchen, das als Nayirah vorgestellt worden war, vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses unter Tra&#776;nen, dass sie wa&#776;hrend der irakischen Invasion von Kuwait in einem Spital in Kuwait gearbeitet und beobachtet habe, wie irakische Soldaten Sa&#776;uglinge aus den Brutka&#776;sten genommen ha&#776;tten, um sie auf den Boden zu werfen, wo diese starben. Das war gelogen, Nayirah hatte nie im Spital in Kuwait gearbeitet. Aber Pra&#776;sident George Bush Senior griff diese schockierende Geschichte auf, wiederholte sie im Fernsehen und behauptete, 312 Neugeborene seien auf diese Art gestorben. Erst nach dem Krieg stellte sich heraus, dass die Brutkastengeschichte eine infame Lu&#776;ge war und dass Nayirah in Wahrheit Nijirah al-Sabah hie&szlig; und die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war.<\/p><p><strong>Beim Lesen Ihres Buches kann man zu dem Eindruck gelangen, Ihre Arbeit als Historiker konzentriert sich sehr stark darauf, das historisch Verdeckte, das, was mehr oder weniger unter der Oberfl&auml;che der Geschichtsschreibung liegt, sichtbar zu machen. W&uuml;rden Sie dem zustimmen? Und: Wenn Sie den Begriff &bdquo;verdecken&ldquo; mit der US-amerikanischen Politik in Verbindung bringen, woran denken Sie dann?<\/strong><\/p><p>Das stimmt schon, ich werfe Licht auf L&uuml;gen und Gewalt und hoffe, damit jene Menschen zu unterst&uuml;tzen, welche der Friedensbewegung angeh&ouml;ren und einen Ausweg aus der Gewaltspirale suchen. Ich befasse mich ja schon viele Jahre mit der internationalen Politik, und dabei ist mir aufgefallen, dass die verdeckten Operationen der USA im deutschsprachigen Raum viel zu wenig Beachtung finden, obschon sie f&uuml;r das Verst&auml;ndnis der Zeitgeschichte sehr wichtig sind. Nehmen Sie zum Beispiel die Invasion von Afghanistan im Dezember 1979 durch die Sowjetunion, die ich im Buch auch anspreche. Das war illegal. Moskau hat damals ganz klar gegen das UNO-Gewaltverbot versto&szlig;en. Wenig bekannt ist aber, was sp&auml;ter US-Geostratege Zbigniew Brzezinski, der unter US-Pra&#776;sident Jimmy Carter als Nationaler Sicherheitsberater diente, zum Ausbruch dieses Krieges sagte. &raquo;Gema&#776;&szlig; der  offiziellen Version der Geschichte hat die CIA-Hilfe fu&#776;r die Mudschaheddin 1980 begonnen, also nachdem die Sowjetunion am 24. Dezember 1979 in Afghanistan einmarschierte&laquo;, erkla&#776;rt Brzezinski. &raquo;Aber die Wahrheit, streng gehu&#776;tet bis heute, ist total anders. Schon am 3. Juli 1979 unterschrieb Pra&#776;sident Carter eine geheime Anweisung, um die Mudschaheddin zu unterstu&#776;tzen. Am gleichen Tag habe ich dem Pra&#776;sidenten schriftlich mitgeteilt, dies wu&#776;rde eine sowjetische Invasion provozieren.&laquo; Die franzo&#776;sische Zeitung Observateur fragte daraufhin: &raquo;Bereuen Sie es, islamistische Terroristen unterstu&#776;tzt zu haben?&laquo; Die Frage war gut, denn viele Menschen glauben, die USA wu&#776;rden niemals Terroristen aufru&#776;sten. Doch Brzezinski antwortete: &raquo;Das war eine ausgezeichnete Idee. Was ist wichtiger fu&#776;r die Geschichte der Welt? Die Taliban oder der Zusammensturz des sowjetischen Imperiums? Einige aufgescheuchte Muslime oder die Befreiung von Zentraleuropa und das Ende des Kalten Krieges?&laquo;<\/p><p><em>Lesetipp: Ganser, Daniele: <a href=\"https:\/\/www.ofv.ch\/sachbuch\/detail\/imperium-usa\/503131\/\">Imperium USA -Die skrupellose Weltmacht<\/a>. Orell F&uuml;ssli. 24. April 2020. 392 Seiten. 25 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich Tiefenpolitik? Sind die USA ein Imperium? Was war nochmal der Iran-Contra-Skandal? Der Schweizer Historiker <strong><a href=\"https:\/\/www.danieleganser.ch\/\">Daniele Ganser<\/a><\/strong> will mit seinem gerade erschienenen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ofv.ch\/sachbuch\/detail\/imperium-usa\/503131\/\">Imperium USA &ndash; die skrupellose Weltmacht<\/a>&ldquo; insbesondere j&uuml;ngere Leser zwischen 15-25 Jahren aufkl&auml;ren. 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