{"id":60528,"date":"2020-04-27T15:43:57","date_gmt":"2020-04-27T13:43:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60528"},"modified":"2026-01-27T12:02:01","modified_gmt":"2026-01-27T11:02:01","slug":"thomas-freitag-da-haben-meiner-meinung-nach-alle-dreck-am-stecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60528","title":{"rendered":"Thomas Freitag: \u201eDa haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wie sollen da die aktuellen Standards in dieser Krise aufrechterhalten werden, wenn auf den Schultoiletten noch nicht einmal funktionierende Seifenspender vorhanden sind?&ldquo; Das sagt der Kabarettist <strong><a href=\"https:\/\/www.thomasfreitag.eu\/\">Thomas Freitag<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Freitag, der viele Jahrzehnte auf der B&uuml;hne stand und in der legend&auml;ren TV-Show Scheibenwischer auftrat, hat gerade mit seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/hinter-uns-die-zukunft\/\">&bdquo;Hinter uns die Zukunft&ldquo;<\/a>  eine beeindruckende Autobiographie vorgelegt. Im Interview erkl&auml;rt Freitag, der auch f&uuml;r seine Parodien von Helmut Kohl bekannt ist, was es mit dem Titel seines Buches auf sich hat und bezieht Stellung zum Thema <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60083\">Coronavirus<\/a>. &bdquo;Ich empfinde die getroffenen Ma&szlig;nahmen keineswegs als diktatorisch. Es ist <em>eine<\/em> M&ouml;glichkeit, die Krise zu bew&auml;ltigen&ldquo;, sagt Freitag. Wir teilen in der Redaktion der NachDenkSeiten nicht alle von Thomas Freitag hier vertretenen Positionen &ndash; wir ver&ouml;ffentlichen sie aber als interessanten Diskussionsbeitrag. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Freitag, &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/kommentare\/hinter-uns-die-zukunft\/\">Hinter uns die Zukunft<\/a>&ldquo; lautet der Titel Ihres Buches. Das klingt recht d&uuml;ster. Und dabei haben Sie Ihr Buch noch vor der Coronakrise verfasst. Liegt nun die Zukunft erst recht &bdquo;hinter uns&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Der Titel ist nat&uuml;rlich als Provokation gedacht. Das Buch beginnt mit einem Kapitel &uuml;ber meine Zivildienstzeit in einem ziemlich armen Altersheim. Als junger Mann erlebte ich die Endstation im Leben von Menschen, also meiner Mitmenschen. Auch wenn dieser Fakt mich in jungen Jahren nicht begreifbar ber&uuml;hren konnte, weil dieser Point of no return f&uuml;r mich damals au&szlig;erhalb meiner Vorstellungswelt lag. Trotzdem hatte es etwas Niederschmetterndes. Niederschmetternd auch deshalb, weil meine Spezies diese Endzeit ihres Lebens ausblendet, obwohl wir doch alle gleicherma&szlig;en betroffen sein werden. Die Ignoranz ist aktuell politisch, und erst recht jetzt, w&auml;hrend der Corona-Krise, f&auml;llt sie uns wieder auf die F&uuml;&szlig;e, weil wir doch klarer erkennen, welchen Wert heutzutage Menschen darstellen, die sich um Kranke und Alte k&uuml;mmern. Aber auch generell wollte ich mit diesem Titel zum Ausdruck bringen, dass die Visionen f&uuml;r eine bessere, gel&auml;uterte Zukunft &ndash; manifestiert im Grundgesetz von 1949 &ndash; nach der Katastrophe, in die uns das Hitlerregime gebracht hatte, sich nicht nur unzureichend erf&uuml;llt haben, sondern hochgradig gef&auml;hrdet sind. Wer h&auml;tte noch vor ein paar Jahren geglaubt, dass Nazis wie selbstverst&auml;ndlich heute wieder erneut im ehemaligen Reichstag, dem heutigen Bundestag, sitzen.<\/p><p><strong>Gerade die Arbeit der Altenpfleger und Altenpflegerinnen wurde sehr lange als Selbstverst&auml;ndlichkeit betrachtet ohne sonderliche Wertsch&auml;tzung vonseiten der Politik. Seit Corona spricht man pl&ouml;tzlich bei der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59319\">Kranken- und Altenpflege<\/a> von systemrelevanten Berufen. Was m&uuml;sste sich &auml;ndern, damit die Zust&auml;nde, die sowohl in den Altenheimen, aber auch in den Krankenh&auml;usern ja schon lange bekannt sind, zum Positiven ver&auml;ndert werden? <\/strong><\/p><p>Man m&uuml;sste diese Menschen in den Sozialberufen einfach nur besser bezahlen. Der Beruf muss attraktiv sein f&uuml;r einen Menschen, der sich f&uuml;r ihn entscheidet. Das hat etwas mit Wertsch&auml;tzung zu tun, die man diesen Berufen wieder entgegenbringen m&uuml;sste. Es l&auml;uft generell immer wieder darauf zur&uuml;ck, welche Priorit&auml;ten man an ein modernes Leben setzt. Leute, die sich nur &uuml;ber den neuesten SUV definieren, tun mir leid. Ich komme immer wieder auf das Lebensmodell in einem Gesellschaftssystem zur&uuml;ck, das ich f&uuml;r erstrebenswert halten w&uuml;rde. Die propagierte &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; ist durch die Globalisierung sehr besch&auml;digt worden. Wir m&uuml;ssen wieder zu der Erkenntnis gelangen, dass das Dasein von uns Menschen nicht in einen &Uuml;berlebenskampf m&uuml;nden darf, sondern in der lebenswerten Daseinserf&uuml;llung auf einer Erde, in der jeder seinen Platz hat. Wenn alleine nur 10 Prozent der Menschen so viel besitzen wie 60 Prozent der Bev&ouml;lkerung insgesamt, kann etwas nicht stimmen. Wir haben uns aber ein System geschaffen, das eben genau diesen Zustand bef&ouml;rdert. Gott sei Dank ist das Gl&uuml;cksgef&uuml;hl jener Erdenb&uuml;rger, die im Geld zu ersaufen scheinen, relativ zu dem eines Menschen, der wenig hat. Es ist also eine Systemfrage. Und da beim Geld der Spa&szlig; aufh&ouml;rt, wie es hei&szlig;t, wird der Kampf um die Besitzverh&auml;ltnisse mit harten und zuweilen auch kriminellen Bandagen gef&uuml;hrt. W&uuml;rde man allein das gesamte Verm&ouml;gen, dass in den Tresoren aller Schweizer Banken vor sich hinmodert, f&uuml;r die sich anbahnende Corona-Katastrophe in Afrika verwenden, w&auml;re mit einem Schlag diesem Kontinent elementar geholfen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Eigent&uuml;mer dieses Geldes dabei nicht verarmen w&uuml;rden. Es ist die mangelnde Demut vor dem Leben anderer, die diese Raffgier bef&ouml;rdert.  <\/p><p><strong>In Ihrem Leben als Kabarettist, Autor, Schauspieler haben Sie einiges erlebt. In Ihrem Buch blicken Sie zur&uuml;ck und erz&auml;hlen von Erlebnissen, Ereignissen und Beobachtungen aus der Vergangenheit und stellen dann Verkn&uuml;pfungen zu heute her. Man kann den Eindruck gewinnen, das Vergangene soll als eine Art Kontrastmittel dienen, um so manchen Irrsinn und Irrweg von heute deutlicher hervorzuheben, oder?<\/strong><\/p><p>So ist es. Ich glaube, dass unsere Demokratie nicht zwangsl&auml;ufig von den B&uuml;rgern dieses Landes an die Wand gefahren wird, sondern eher von der Ignoranz der sie tragenden Parteien und auch der sie begleitenden Medien. Das permanente Outsourcen von Aufgaben, die eigentlich dem Staat, also unserem Gemeinwesen obliegen, an einen Markt, der von der Rationalit&auml;t einer Wirtschaft getragen ist, die allein auf Gewinnmaximierung fixiert ist, entfernt die B&uuml;rger von ihrem Staat.   <\/p><p><strong>Was bedeutet es eigentlich in dieser &bdquo;Corona-Zeit&ldquo;, &uuml;ber &bdquo;heute&ldquo; zu reden? Wenn wir von &bdquo;heute&ldquo; reden, reden wir dann &uuml;ber die Globalisierung oder die &bdquo;Re-Nationalisierung&ldquo;? Reden wir von Demokratien oder reden wir &uuml;ber einen Begriff, der derzeit die Runde macht: von &bdquo;Gesundheitsdiktaturen&ldquo;? <\/strong><br>\n<strong>Wie nehmen Sie diese Zeit wahr?<\/strong><\/p><p>Ich empfinde die getroffenen Ma&szlig;nahmen keineswegs als diktatorisch. Es ist <strong>eine<\/strong> M&ouml;glichkeit, die Krise zu bew&auml;ltigen. Sie erfordert in ihrer Plausibilit&auml;t ein Mitdenken und Mitmachen der B&uuml;rger. Einem Patienten, der mit einer normalen Lungenentz&uuml;ndung im Krankenhaus liegt, also krank ist, empfiehlt man ja auch, im Bett zu bleiben und nicht einfach durch die Gegend zu spazieren und somit den Verlauf seiner Krankheit negativ zu beeinflussen. Ma&szlig;nahmen f&uuml;r ein ganzes Volk zu treffen, ist immer schwierig, und es werden dabei nat&uuml;rlich auch Fehler gemacht. Und es wird immer Uneinsichtige geben, die sich in ihrer Freiheit beeintr&auml;chtigt f&uuml;hlen.  <\/p><p><strong>&bdquo;Uneinsichtige&ldquo;? Ist es bei den massiven Eingriffen in die Grundrechte nicht normal, dass Menschen sich widersetzen und Ma&szlig;nahmen hinterfragen? Wenn man hier von &bdquo;Uneinsichtigen&ldquo; spricht, hei&szlig;t das, dass man selbst die eine, die einzig richtige Wahrheit kennt und alle anderen Ansichten falsch sind. Das wird der Komplexit&auml;t der Gesamtlage dann doch nicht gerecht, oder? <\/strong><\/p><p>Ja sicher. Da sind manche Anordnungen in ihrer Rationalit&auml;t nicht nachzuvollziehen. Wenn Autoh&auml;user wieder ge&ouml;ffnet werden k&ouml;nnen, aber keine Zoos oder Kitas. Hier scheint mir der Leitfaden bei vielen Politikern immer noch einem neoliberalen Wirtschaftsdenken geschuldet zu sein. Ebenso was die Schulen betrifft, viele &uuml;brigens mit katastrophalen hygienischen Bedingungen. Ein altes Thema. Wie sollen da die aktuellen Standards in dieser Krise aufrechterhalten werden, wenn auf den Schultoiletten noch nicht einmal funktionierende Seifenspender vorhanden sind? Abitur jetzt oder sp&auml;ter. Verk&uuml;rzung der Sommerferien. Dass die Bildungshoheit allein L&auml;ndersache ist, ist erst recht in solchen Krisenzeiten ein gro&szlig;es Hindernis und nicht nachzuvollziehen. Es ist kompliziert. Dennoch sollten wir der Politik, die sich ja auch permanent mit den medizinischen Fachleuten r&uuml;ckversichert, ein gewisses Vertrauen entgegenbringen. Aber hier von massiven Eingriffen in die Grundrechte zu sprechen, halte ich f&uuml;r etwas &uuml;bertrieben, wenn man das Ziel der derzeitigen Anordnungen betrachtet.<\/p><p><strong>Sie halten das wirklich f&uuml;r &bdquo;etwas &uuml;bertrieben&ldquo;? Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt,  dass ein generelles Versammlungsverbot, das die Stadt Gie&szlig;en angeordnet hat, <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/ratgeber\/recht\/urteile-eilantrag-versammlungsverbot-corona-krise100.html\">rechtswidrig ist<\/a>. Urteile wie dieses d&uuml;rfte es in der n&auml;chsten Zeit noch viele geben. Aus Angst vor dem Virus scheinen so manche B&uuml;rger alle Ma&szlig;nahmen zu akzeptieren. Ein Bewusstsein f&uuml;r die Gefahren, die sich aus einer beispiellosen Einschr&auml;nkung der Grundrechte ergeben, scheint nicht ansatzweise vorhanden. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger merkte erst in einem Interview an: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/In-Krisenzeiten-haben-die-Grundrechte-keinen-Ausschalter-4692548.html\">&bdquo;Grundrechte haben auch in Krisenzeiten keinen Ausschalter.&ldquo;<\/a> Macht Sie das nicht nachdenklich?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich macht mich das nachdenklich. Aber die Klarstellung des Bundesverfassungsgerichts sowie die Auslassungen von Frau Leutheusser-Schnarrenberger machen doch &uuml;beraus deutlich, dass unser Rechtsstaat funktioniert. Mich macht aber auch nachdenklich, dass Sie mir &uuml;berhaupt diese Frage stellen, ob mich das nachdenklich macht. Dennoch darf man hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Es geht hier um Gesundheit. Beispiellose Einschr&auml;nkungen der Grundrechte finden woanders statt und ich frage mich schon, wie so eine Debatte eigentlich auf jene wirkt, die seit Jahren jetzt schon aus politischen Gr&uuml;nden in t&uuml;rkischen Gef&auml;ngnissen sitzen, in Guantanamo oder die aus politischen Gr&uuml;nden in Russland unter Hausarrest gestellt werden. Massive Eingriffe finden derzeit dort statt, wo man keine Corona-Krise braucht, um die Grundrechte der Menschen zu beeintr&auml;chtigen. Was w&uuml;rde eigentlich passieren, wenn man einmal f&uuml;r vier Wochen bei uns das Internet abschalten w&uuml;rde (nat&uuml;rlich nicht in diesen Corona-Zeiten mit Ausgangssperren, wo es eine gro&szlig;e Hilfe darstellt, miteinander zu kommunizieren&hellip;) mit der Begr&uuml;ndung, dass der Missbrauch desselben zu solchen Verwerfungen in der Gesellschaft f&uuml;hrt, dass unsere demokratische Grundordnung dadurch eminent gef&auml;hrdet w&auml;re. Ginge man dann auf die Proteste jener ein, die sich in ihrer Freiheit eingegrenzt f&uuml;hlen w&uuml;rden? Oder k&auml;me es nicht doch auch gleichzeitig erst einmal zu einer tieferen Besinnung auf das, was unser Gemeinwesen lebenswert macht? Es w&uuml;rden n&auml;mlich nat&uuml;rlich genau dann auch jene protestieren, die sich mit dem Abschalten des Internets ihrer M&ouml;glichkeit beraubt sehen, mit Ihren Hetztiraden und Attacken gegen die Spielregeln einer gesunden Demokratie weiterhin t&auml;tig zu sein.  Diese W&uuml;hlarbeit betreiben sie nat&uuml;rlich feige, indem sie ihre Namen und Absender nicht preisgeben. Was richtet am Ende gr&ouml;&szlig;eren Schaden an? Ich pl&auml;diere f&uuml;r F&uuml;hrung im positiven Sinne.<\/p><p><strong>Was meinen Sie mit &bdquo;Missbrauch&ldquo;? Medien, ob nun das Internet oder so genannte Qualit&auml;tspublikationen waren schon immer auch Plattformen f&uuml;r Manipulation, Propaganda und Fake News. Die Brutkastenl&uuml;ge haben reputierte Medien rund um die Welt verbreitet. Die L&uuml;ge von den Massenvernichtungsmitteln im Irak genauso. Die Hetze, die seit l&auml;ngerem gegen Russland zu erleben ist, findet sich in Leitmedien. Licht und Schatten gibt es in allen Medien. Oder halten Sie das Internet tats&auml;chlich f&uuml;r problematischer als andere Medien?<\/strong><\/p><p>Da haben meiner Meinung nach alle Dreck am Stecken. Die digitale Revolution hat die herk&ouml;mmlichen Printmedien enorm unter Zugzwang gebracht. Sie sind Getriebene geworden. Das Internet hat die L&uuml;ge erleichtert. Ohne das Internet h&auml;tte sich der Oberl&uuml;gner Trump mit seiner Standardbehauptung &bdquo;alles fake&ldquo; meiner Meinung nach nicht in diese Position bringen k&ouml;nnen, in der er jetzt ist. Nat&uuml;rlich hat das Internet auch positive Auswirkungen, wenn es Kr&auml;fte b&uuml;ndelt, die sich gegen verordnete Repressionen stellen. Nehmen Sie die Demonstrationen in Hongkong oder die Fridays-for-future-Bewegung. Oder die au&szlig;erparlamentarische Opposition in Russland, Amerika oder sonstwo auf der Welt. Mit der Errungenschaft des Internets ist es wie mit allen positiven neuen Errungenschaften. Geht eine Grenze auf, kommen meist erst irgendwelche Lumpen, machen zwielichtige Gesch&auml;fte und versauen so den Ruf derer, die sp&auml;ter mit lauteren Absichten &uuml;ber die Grenze kommen. Die Erfindung der Kernkraft zur Energiegewinnung wurde missbraucht zum Bau der Atombombe. Nach der &Ouml;ffnung der Mauer kamen zuallererst die Gesch&auml;ftemacher, Versicherungsvertreter, Teppichh&auml;ndler und andere windige Typen in den Osten und haben so den ahnungslosen Ostkunden manchen Mist angedreht, den sie &uuml;berhaupt nicht brauchten. Hamsterk&auml;ufer leeren in der Corona-Krise egoistisch die Klopapierregale in den Superm&auml;rkten, um es dann anderweitig teuer zu verkaufen. Finanzspritzen des Staates f&uuml;r Menschen in der Corona-Krise werden von Gangstern unter Vort&auml;uschung falscher Fakten missbraucht und und und. <\/p><p>Das Internet hat aber auch die sogenannten Whistleblower wie Edward Snowden oder Julian Assange hervorgebracht. F&uuml;r mich sind das die neuen Helden, die Robin Hoods des digitalen Zeitalters. Es ist schwerer geworden, politische Verwerfungen unter der Decke zu halten. Dennoch beziehe ich meine Informationen nur bedingt aus den &bdquo;Meinungsseiten&ldquo; des Internets. Zu viele der dort aufgef&uuml;hrten &bdquo;Aufkl&auml;rungsartikel&ldquo; haben in ihrer apodiktischen Festlegung f&uuml;r mich immer den Beigeschmack einer Rechthaberei, die auf einen Pauschalverdacht gegen&uuml;ber einer sogenannten &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; abzielen. Ein Begriff, der sehr inflation&auml;r von den Anh&auml;ngern der AfD benutzt wird. Ich wusste und wei&szlig; aber auch ohne diese Plattformen, dass das Vorgehen der Amerikaner, angefangen vom Vietnam-Krieg, &uuml;ber den Sturz Mossadeghs in Persien, den Schah, Allende in Chile, die Hintergr&uuml;nde des Irak-Krieges und das Vordringen der Nato bis ins Baltikum usw. mehr oder weniger auf L&uuml;gen aufgebaut war. Ich wei&szlig; aber auch, dass der  Geheimdienstmann Wladimir Putin mit Hilfe von ein paar  dutzend Oligarchen, die sich dieses Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter den Nagel gerissen haben &ndash; sich mit mehr als fragw&uuml;rdigen Mitteln &ndash; nun schon seit Jahrzehnten an der Macht h&auml;lt, nicht zwingend in dem Bestreben, in Russland eine Demokratie aufzubauen, sondern seinen Minderwertigkeitskomplex doch eher milit&auml;risch kompensiert. Auch er hat seine Trolle, die weltweit mit Unwahrheiten agieren und dazu dienen, die westlichen Demokratien zu besch&auml;digen. Das Internet ist sicher eine Bereicherung f&uuml;r kontroverse Meinungen. Gleichwohl mir dieses Stammtischniveau der gegenseitigen Schuldzuweisungen &ndash; dieses Schwarz-wei&szlig;-Denken &ndash; bisweilen eher suspekt erscheint.<\/p><p><strong>Propaganda betreiben alle Seiten. Laut Medienberichten arbeiten alleine f&uuml;r das Pentagon etwa 27.000 Personen daran, <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2018\/27-000-menschen-arbeiten-im-pentagon-daran-die-offentliche-meinung-in-der-welt-zu-beeinflussen\/?doing_wp_cron=1587331226.8757801055908203125000\">die &ouml;ffentliche Meinung zu beeinflussen<\/a>. <\/strong><br>\n<strong>Und: Wenn wir von Minderwertigkeitskomplexen im Zusammenhang mit dem milit&auml;rischen Expansionsdrang sprechen, sollten wir nicht unerw&auml;hnt lassen, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37010\">wie gro&szlig; die Zahl der US-St&uuml;tzpunkte im Vergleich zu denen Russlands doch ist<\/a>.<\/strong><\/p><p>Da gebe ich Ihnen Recht. <\/p><p><strong>Als Kabarettist haben Sie sich immer wieder mit Politikern und den politischen Entscheidungen auseinandergesetzt. Heute hat man den Eindruck, viele B&uuml;rger, aber auch Medienvertreter sind so gebannt vom Blick auf das Virus, dass kritische politische Analysen, Betrachtungen eher die Seltenheit sind. Wie ist das bei Ihnen? Behalten Sie einen k&uuml;hlen Kopf und schauen dorthin, wo Sie es &uuml;ber so viele Jahre als Kabarettist getan haben: auf die Weichensteller in unserer Gesellschaft? <\/strong><\/p><p>Mit Verlaub: ich kann diese derzeitige Krise nicht alleine l&ouml;sen. Ich bin auf das politische Personal angewiesen, das mir zur Verf&uuml;gung steht. Da passiert nat&uuml;rlich dem einen oder anderen ein Patzer. Die Zeiten, wo ich mich an den Altvorderen wie Strau&szlig;, Brandt und Wehner gerieben habe, sind vorbei. Damals ging es um Richtungsk&auml;mpfe in der jungen Bundesrepublik und die standen in engem Zusammenhang mit den genannten Protagonisten. Heute ist es eine Systemfrage, die die politische Klasse zu verantworten hat. Da wird es f&uuml;r den Satiriker schon schwieriger. Die gro&szlig;en Koalitionen der letzten Jahre beweisen anschaulich die Austauschbarkeit bestimmter Parteien und Politiker. Das Soziale in der freien Marktwirtschaft zu betonen, ist ein m&uuml;hseliges Gesch&auml;ft geworden. Das macht es so langweilig und anstrengend f&uuml;r mich als Kabarettisten. Das hat Roger Willemsen in seinem Buch &bdquo;Das Hohe Haus&ldquo; eindr&uuml;cklich beschrieben. Ich bewahre mir den k&uuml;hlen Kopf durch die Draufsicht. Da kann ich Sie auch gerne mit der These verschrecken, dass ich mir Friedrich Merz durchaus als k&uuml;nftigen Kanzler dieses Landes vorstellen k&ouml;nnte. Nicht weil ich ihn mag oder er mich gro&szlig;artig &uuml;berzeugt. Sondern weil es dadurch vielleicht wieder m&ouml;glich w&auml;re, dass man sich in den anderen politischen Lagern wieder darauf besinnt, was man urspr&uuml;nglich einmal politisch gewollt hat. Das w&auml;re die Voraussetzung f&uuml;r eine Neuorientierung des W&auml;hlers. Die politische Alternative wieder in Anspruch nehmen zu k&ouml;nnen. Sicher eine gewagte These. Solange das Verhalten unliebsamer Politiker durch das System gedeckt wird, ist es m&uuml;hselig, sich st&auml;ndig an ihnen zu reiben.<\/p><p><strong>Bei Betrachtung der Verh&auml;ltnisse: Ist da die Frage nicht l&auml;ngst beantwortet? Denken wir nur an die Privatisierung unserer Krankenh&auml;user.<\/strong><\/p><p>So ist es. Ich habe zum Beispiel bei der Wiedervereinigung 1990 viel &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten nachgedacht, einen neuen Anfang dahingehend zu wagen, der von der Frage getragen sein w&uuml;rde: Was wollen wir eigentlich jetzt mit diesem geeinten neuen Deutschland leben? Also der Debatte &uuml;ber eine neue Verfassung. Mit welchen Visionen holen wir die Menschen in Deutschland ab? Es w&auml;re eine gro&szlig;e Chance zum Besseren gewesen. Stattdessen hat man den sogenannten &bdquo;neuen Bundesl&auml;ndern&ldquo; ein altbekanntes wohlgef&auml;lliges System &uuml;bergest&uuml;lpt, mit den Konsequenzen, die wir heute alle zu sp&uuml;ren bekommen. Das finde ich &auml;u&szlig;erst bedauerlich, weil es von wenig Weitblick der politischen Klasse zeugt. Zur&uuml;ck bleibt ein fahles Unterordnen gegen&uuml;ber den Zw&auml;ngen einer globalisierten Wirtschaftsordnung, bei der man sehr wohl die Frage stellen darf: Was dient hier wem? Die Wirtschaft dem Menschen oder umgekehrt.<\/p><p><strong>Hat Humor auch in einer ernsten Zeit ihren Platz?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Immer dann, wenn der Mensch in seiner Anma&szlig;ung &ndash; alles regeln zu k&ouml;nnen &ndash; die absurdesten Verrenkungen macht und scheitert. Dann entbehrt es nicht einer gewissen Komik.<\/p><p><strong>Wie k&ouml;nnte eine kleine kabarettistische Einlage aussehen?<\/strong><\/p><p>Es hei&szlig;t: Deutsche Hamsteridioten kaufen Unmengen von Klopapier und Dosen mit Fertigbohnen. Hat eine gewisse Logik, wenn ich mir das Motto von Helmut Kohl zu eigen mache: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Ich habe im Tagesspiegel-Check gelesen: Die amerikanische Hamsteridioten dagegen kaufen Gl&uuml;hbirnen aus Angst vor Stromausfall. Daran kann man mal wieder sehen, wie &uuml;berlegen uns das Volk von Donald Trump ist.<\/p><p><strong>Um zum Abschluss unseres Interviews nochmal an den Anfang anzukn&uuml;pfen: Wenn hinter uns die Zukunft liegt und Sie nun nach vorne blicken, was sehen Sie dann?<\/strong><\/p><p>Vielleicht gibt es ein Umdenken. Aber wenn erst einmal das Gegenmittel gegen Corona gefunden ist, wird es bald kein Halten mehr geben. Denn wie uns die Geschichte lehrt, lernt der Mensch nicht aus seinen Fehlern. Ich sehe also nach wie vor viel kabarettistische Arbeit vor uns wider den Schwachsinn. Oder um mit Dieter Hildebrandt zu sprechen: Was bleibt mir &uuml;brig.<\/p><p><em>Lesetipp: Freitag, Thomas: Hinter uns die Zukunft. Mehr als eine Autobiographie. Westend Verlag. 304 Seiten. Hardcover. 24 Euro.<\/em><\/p><p>Foto: Pepijn Vlasman<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wie sollen da die aktuellen Standards in dieser Krise aufrechterhalten werden, wenn auf den Schultoiletten noch nicht einmal funktionierende Seifenspender vorhanden sind?&ldquo; Das sagt der Kabarettist <strong><a href=\"https:\/\/www.thomasfreitag.eu\/\">Thomas Freitag<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Freitag, der viele Jahrzehnte auf der B&uuml;hne stand und in der legend&auml;ren TV-Show Scheibenwischer auftrat, hat gerade mit seinem Buch <a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60528\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":60535,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,149,209,41,132,161],"tags":[1112,369,2857,233,528,1113,291],"class_list":["post-60528","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-gesundheitspolitik","category-interviews","category-medienanalyse","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-buergerrechte","tag-kabarett","tag-lockdown","tag-marktliberalismus","tag-soziale-marktwirtschaft","tag-soziale-medien","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Thomas-Freitag_c_Pepijn-Vlasman.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60528"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81410,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60528\/revisions\/81410"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}