{"id":60555,"date":"2020-04-28T11:30:20","date_gmt":"2020-04-28T09:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60555"},"modified":"2026-01-27T12:01:58","modified_gmt":"2026-01-27T11:01:58","slug":"daniele-ganser-leider-hat-ein-teil-der-reichen-in-den-usa-ein-interesse-an-kriegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60555","title":{"rendered":"Daniele Ganser: \u201eLeider hat ein Teil der Reichen in den USA ein Interesse an Kriegen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Gerade dann, wenn ein Politiker oder Journalist zu Krieg und Gewalt aufruft, w&uuml;rde ich das strikt ablehnen und kritisch nachforschen, denn gerade vor Kriegen wird viel gelogen, das ist ein wichtiges Fazit aus meiner Forschung.&ldquo; Das sagt der Schweizer Historiker <strong><a href=\"https:\/\/www.danieleganser.ch\/\">Daniele Ganser<\/a><\/strong> im zweiten Teil seines Interviews mit den NachDenkSeiten. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35997\">Im Interview erl&auml;utert Ganser<\/a>, warum er die USA f&uuml;r eine Oligarchie h&auml;lt, geht auf seine Forschungsarbeit zum 11. September ein und sagt, warum er davon ausgeht, dass in der Ukraine ein Putsch stattgefunden hat. Den ersten Teil des Gespr&auml;chs finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60505\">unter diesem Link<\/a>. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1514\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60555-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60555-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200428_Daniele_Ganser_Leider_hat_ein_Teil_der_Reichen_in_den_USA_ein_Interesse_an_Kriegen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37585\">Ganser<\/a>, wenn man Ihr Buch liest, blickt man sozusagen hinter die Kulissen der Macht. Sie zitieren den britischen Theaterautor Harold Pinter. Was hat er gesagt? <\/strong><\/p><p>Ja, den Briten Harold Pinter sch&auml;tze ich sehr, denn er hat es auf den Punkt gebracht. Pinter nannte die vielen Kriege der USA und den Angriff auf den Irak einen &raquo;Banditenakt&laquo;, als er 2005 in Oslo den Nobelpreis fu&#776;r Literatur erhielt. &raquo;In diesen La&#776;ndern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Au&szlig;enpolitik zuzuschreiben?&laquo;, fragte Pinter sein erlesenes Publikum, das ob der Klarheit der Worte des Preistra&#776;gers u&#776;berrascht und irritiert war. &raquo;Die Antwort lautet: Ja. Es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Au&szlig;enpolitik zuzuschreiben. Aber davon wei&szlig; man natu&#776;rlich nichts. Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand.&laquo; Keinem anderen Land der Welt ist es in der Zeit nach 1945 gelungen, seine Verbrechen so meisterhaft zu kaschieren wie den USA. &raquo;Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich daru&#776;ber gesprochen&laquo;, so Pinter. &raquo;Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich ku&#776;hl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter fu&#776;r das universelle Gute geba&#776;rdet&laquo;, erkla&#776;rte Pinter. &raquo;Ein gla&#776;nzender, sogar geistreicher, a&#776;u&szlig;erst erfolgreicher Hypnoseakt. Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die gro&#776;&szlig;te Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgu&#776;ltig, vera&#776;chtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever.&raquo; Pinter wusste also nicht nur, dass die US-Au&szlig;enpolitik skrupellos ist, er hat sich auch getraut, das &ouml;ffentlich zu sagen.<\/p><p><strong>Dann bringen Sie die Zahl von 20-30 Millionen Toten ins Spiel. Was ist damit gemeint? <\/strong><\/p><p>In Deutschland hat der kluge und mutige Psychologe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56993\">Rainer Mausfeld<\/a>, der an der Universita&#776;t Kiel lehrte, immer wieder darauf hingewiesen, dass die Opfer der US-Kriege in den Leitmedien in Europa kaum erscheinen. Insgesamt seien die USA, nach offiziellen Angaben und Scha&#776;tzungen, seit dem Zweiten Weltkrieg &bdquo;durch Angriffe auf andere La&#776;nder fu&#776;r den Tod von 20 bis 30 Millionen Menschen verantwortlich&ldquo;, so <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55492\">Mausfeld<\/a>. Doch diese Zahlen seien kaum bekannt. &raquo;Es bedarf in der medialen Darstellung dieser Verbrechen einer betra&#776;chtlichen Fragmentierung und einer radikalen Rekontextualisierung als &rsaquo;Kampf fu&#776;r Demokratie und Menschenrechte&lsaquo;, damit Verbrechen dieser Gro&#776;&szlig;enordnung sowie ihre geschichtliche Kontinuita&#776;t fu&#776;r die O&#776;ffentlichkeit nahezu unsichtbar werden. Obwohl all dies ausfu&#776;hrlich dokumentiert ist, sind diese Verbrechen im o&#776;ffentlichen Bewusstsein so gut wie nicht pra&#776;sent&laquo;, erkla&#776;rt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58488\">Mausfeld<\/a> richtig.<\/p><p><strong>Warum bezeichnen Sie die USA als eine Oligarchie? <\/strong><\/p><p>Weil in den USA nur noch die Reichen regieren, die Superreichen bestimmen die Politik. Daher sind die USA keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie. Das erkannte auch der fru&#776;here amerikanische Pra&#776;sident Jimmy Carter. In einem Gespr&auml;ch mit der US-Fernsehjournalistin Oprah Winfrey erkl&auml;rte Carter 2015, dass in den USA die Superreichen die Fa&#776;den der Macht in der Hand halten. &raquo;Heute sind die USA eine Oligarchie. Politische Bestechung entscheidet daru&#776;ber, wer als Pra&#776;sidentschaftskandidat nominiert und zum Pra&#776;sidenten gewa&#776;hlt wird&laquo;, so Carter resigniert. &raquo;Und dasselbe gilt fu&#776;r die Gouverneure der Bundesstaaten, wie auch fu&#776;r die Senatoren und die Abgeordneten des Kongresses.&laquo; U&#776;ber finanzielle Zuwendungen bestimmen die Superreichen, wer Pra&#776;sident wird und wer in den Kongress einzieht. Alle US-Pra&#776;sidentschaftskandidaten mu&#776;ssen mindestens u&#776;ber 300 Millionen Dollar fu&#776;r den Wahlkampf verfu&#776;gen. Menschen aus der Unterschicht und Mittelschicht verf&uuml;gen nicht &uuml;ber ein solches Verm&ouml;gen. Wissenschaftliche Untersuchungen besta&#776;tigen diese Aussage von Carter. An der Universit&auml;t Princeton haben die Professoren Martin Gilens und Benjamin Page den Einfluss der W&auml;hler untersucht. Sie fanden heraus, dass die Entscheidungen der Politiker gar nicht mit den Wu&#776;nschen der Masse der Bevo&#776;lkerung u&#776;bereinstimmten und dass die Wu&#776;nsche der Unterschicht und Mittelschicht ignoriert werden.<\/p><p><strong>Welche Auswirkungen sehen Sie aus diesen Verh&auml;ltnissen? <\/strong><\/p><p>Die Reichen regieren die USA, nicht das Volk. Und leider hat ein Teil der Reichen in den USA ein Interesse an Kriegen. Das ist fatal f&uuml;r die Welt. Es w&auml;re transparenter, wenn man die USA als militante Oligarchie bezeichnen w&uuml;rde. Aber das geschieht nur selten. Denn die USA zeichnen sich weiterhin durch viele Merkmale aus, die fu&#776;r ein demokratisches System kennzeichnend sind, darunter regelma&#776;&szlig;ige Wahlen, Rede- und Versammlungsfreiheit und eine breite Wahlberechtigung. Aber wenn die Superreichen entscheiden und die Medien kontrollieren, ist das alles nur Show. Auf jeden Fall ist es f&uuml;r die US-B&uuml;rger schwierig, aus der Gewaltspirale auszusteigen. <\/p><p><strong>Am 11. September 2001 gab es eine gewaltige Z&auml;sur. Die Terroranschl&auml;ge von diesem Tag ziehen bis heute ihre Schatten. Sie haben die offizielle Version hinterfragt und daf&uuml;r sehr viel Kritik einstecken m&uuml;ssen. Trotzdem gehen Sie in Ihrem neuen Buch nochmal auf 9\/11 ein. Bis heute sind Sie und Ihre Auseinandersetzung mit dem Terror in New York und Washington f&uuml;r Kritiker eine Art rotes Tuch, Sie werden als Verschw&ouml;rungstheoretiker bezeichnet. Wie gehen Sie damit um? <\/strong><\/p><p>Die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 waren in der Tat eine Z&auml;sur in der amerikanischen Geschichte. Sie geho&#776;ren zusammen mit der Ermordung von Pra&#776;sident Kennedy 1963  und dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 zu den Schlu&#776;sselereignissen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Alle drei Ereignisse haben die US-Bevo&#776;lkerung zutiefst vera&#776;ngstigt und schockiert, und immer hat der US-Pra&#776;sident sein Land danach in den Krieg gefu&#776;hrt. Im neuen Buch gehe ich auf diese Terroranschl&auml;ge ein, und erkl&auml;re, dass damals in New York nicht zwei, sondern drei Hochh&auml;user eingest&uuml;rzt sind. Das dritte Hochhaus WTC7 wurde aber nicht durch ein Flugzeug getroffen. Es st&uuml;rzte in rund 7 Sekunden ein, darunter mehr als 2 Sekunden im freien Fall. Wie ist das m&ouml;glich? Wie kann ein Stahlskelettgeb&auml;ude in den freien Fall &uuml;bergehen? Hier gibt es nur zwei m&ouml;gliche Ursachen: Feuer oder Sprengung. W&auml;hrend Jahren hat die US-Untersuchungsbeh&ouml;rde NIST behauptet, Feuer habe zum Einsturz von WTC7 gef&uuml;hrt. Doch nun hat die im M&auml;rz 2020 publizierte neue Studie von Leroy Hulsey von der Universit&auml;t Alaska gezeigt, dass Feuer den Einsturz von WTC7 nicht verursacht haben kann. Daher bleibt nur eine m&ouml;gliche Erkl&auml;rung: WTC7 wurde gesprengt. Das sage ich auch so in meinem neuen Buch. Dies bedeutet, dass wir &uuml;ber die Terroranschl&auml;ge vom 11. September nicht ehrlich informiert wurden und dass die Geschichte &uuml;ber diesen Tag neu geschrieben werden muss.<\/p><p><strong>Was sagen Sie Ihren Kritikern? <\/strong><\/p><p>Meinen Kritikern sage ich, dass ich die Studie der Universit&auml;t Alaska f&uuml;r ehrlich und glaubw&uuml;rdig halte, und dass ich daher der Meinung bin, dass WTC7 gesprengt wurde. Viele Menschen haben ja die ganzen Studien nicht gelesen. Ich schon. Ich habe schon vor Jahren den 600 Seiten dicken offiziellen Untersuchungsbericht von Kean und Hamilton aus dem Jahre 2004 gelesen. Schon damals war ich erstaunt, dass der Einsturz von WTC7 in diesem Bericht nicht einmal erw&auml;hnt wurde. Nat&uuml;rlich geht es nicht, dass in der offiziellen Untersuchung der Einsturz eines Hochhauses fehlt. Das ist nicht glaubw&uuml;rdig. Auch, dass die BBC am Tag der Anschl&auml;ge zu fr&uuml;h &uuml;ber den Einsturz von WTC7 berichtet hat &ndash; als das Geb&auml;ude noch stand &ndash; fand ich merkw&uuml;rdig.<\/p><p><strong>Bleiben wir noch beim 11. September. Im Untersuchungsbericht der 9\/11-Kommission wird deutlich gesagt, wer f&uuml;r die Anschl&auml;ge verantwortlich ist. Der Bericht ist das Fundament der &bdquo;offiziellen Wahrheit&ldquo;. Sie kritisieren diesen Bericht aber. Warum? <\/strong><\/p><p>Nun, der Einsturz von WTC7 fehlt im Bericht. Das reicht schon, um ihn in die Tonne zu werfen. Lee Hamilton, der zusammen mit Kean den Bericht herausgab, hatte schon den Vorsitz bei der Untersuchung der Iran-Contra-Affa&#776;re innegehabt und damals verhindert, dass der Kokainhandel der CIA ausgeleuchtet wurde. Nachdem der Bericht publiziert worden war, gab sich Hamilton 2006 gegenu&#776;ber dem Fernsehsender CBC News reum&uuml;tig und erkl&auml;rte, dass er &raquo;keine Minute lang glaube, dass wir alles richtig verstanden haben. Wir haben nur eine erste Skizze der ganzen Geschichte geschrieben.&laquo; Der Druck auf die Untersuchungskommission sei derart gro&szlig; gewesen, &raquo;dass es wirklich erstaunlich wa&#776;re, wenn wir alles richtig verstanden ha&#776;tten&laquo;, so Hamilton, ohne sich dafu&#776;r zu entschuldigen, dass die Kommission den Einsturz von WTC7 einfach ignoriert hatte. <\/p><p><strong>Was kritisieren Sie weiter? <\/strong><\/p><p>Dass der Bericht auf Folter basiert. Ein solches Vorgehen ist in der historischen Forschung nicht zula&#776;ssig. Jeder Folterknecht kann ein Buch schreiben und darin irgendetwas behaupten, mit dem Verweis, seine Folteropfer ha&#776;tten das besta&#776;tigt. Viele Menschen haben vergessen, wie das damals lief. Im Krieg gegen Afghanistan, den die USA unmittelbar nach dem Terroranschlag am 7. Oktober 2001 begannen, hatten US-Milita&#776;rs verschiedene Muslime festgenommen, die sie auf den US-Milita&#776;rstu&#776;tzpunkt Guantanamo auf Kuba flogen, wo diese gefoltert wurden. Zusta&#776;ndig fu&#776;r die Folter auf Guantanamo war der Geheimdienst CIA, der Schlafentzug und Waterboarding einsetzte. Beim Waterboarding wird beim Folteropfer der Eindruck des drohenden Ertrinkens hervorgerufen. Die CIA lieferte mehr als 100 Verho&#776;rberichte aus Guantanamo an Kean und Hamilton, die selbst zwar nicht an der Folter beteiligt waren, aber darauf ihren Bericht aufbauten. Mehr als ein Viertel aller Fu&szlig;noten in ihrem Abschlussbericht verweisen auf &raquo;Berichte der Geheimdienste&laquo;. Auch der Kronzeuge der USA, der Pakistaner Chalid Scheich Mohammed, wurde gefoltert. Es ist aber bekannt, dass Folter nicht der Wahrheitsfindung dient. Folteropfer erkla&#776;rten spa&#776;ter, sie ha&#776;tten nur ausgesagt, damit sie nicht weiter gefoltert wu&#776;rden. Auf dem Umschlag des Kean-Hamilton-Buches ha&#776;tte man darauf hinweisen mu&#776;ssen, dass der offizielle 9\/11-Bericht auf Folter beruht. Das hat man aber nicht getan. Als Historiker ist es meine Pflicht, auf solche Unstimmigkeiten hinzuweisen.<\/p><p><strong>Da Ihr Buch f&uuml;r die Altersgruppe 15- bis 25-J&auml;hrige geschrieben ist: Was sagen Sie einem jungen Menschen, der im Geschichtsunterricht gelernt hat, dass der 11. September aufgekl&auml;rt und die Schuldigen eindeutig identifiziert sind? <\/strong><\/p><p>Er solle doch den Lehrer fragen, wie WTC7 eingest&uuml;rzt ist, ob es Feuer oder Sprengung war. Diese einfache Frage haben tats&auml;chlich schon verschiedene junge Menschen in schriftlichen Arbeiten behandelt und mir danach ihre Texte geschickt. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin offen ist, kann daraus f&uuml;r die jungen Menschen ein spannendes Forschungsprojekt resultieren. Ich kann den jungen Menschen nicht sagen, was sie glauben sollen. Aber ich kann sie auf die verschiedenen Studien hinweisen, diese m&uuml;ssen sie dann selber lesen und bewerten. <\/p><p><strong>Nach dem 11. September kam der globale Krieg gegen den Terror, der ja &ndash; irgendwie &ndash; noch immer stattfindet.<\/strong><\/p><p>Ja, der so genannte Krieg gegen den Terror l&auml;uft noch immer. Geschockt durch den Terroranschlag verabschiedete der US-Kongress am 14. September 2001 mit gro&szlig;er Mehrheit eine &raquo;Genehmigung zum Einsatz milita&#776;rischer Gewalt gegen Terroristen&laquo; (Authorization for Use of Military Force Against Terrorists, AUMF) und gab dem Pra&#776;sidenten die Erlaubnis, alle &raquo;notwendige und angemessene Gewalt&laquo; gegen jeden einzusetzen, der nach seinem Ermessen die Angriffe am 11. September 2001 &raquo;geplant, autorisiert, durchgefu&#776;hrt oder unterstu&#776;tzt&laquo; oder solchen Personen oder Gruppen geholfen hat. Das Gesetz gab dem Pra&#776;sidenten einen Blankoscheck, um endlose Kriege in ganz verschiedenen La&#776;ndern zu fu&#776;hren. Das AUMF-Gesetz wurde damals im Senat mit 98 zu null Stimmen durchgewunken. Im Repra&#776;sentantenhaus stimmten 420 Abgeordnete mit Ja. Erst viele Jahre sp&auml;ter erkannten einige der Parlamentarier, dass sie mit diesem Gesetz dem Pr&auml;sidenten viel zu viel Macht gegeben hatten. Bob Barr, der fu&#776;r Georgia von 1995 bis 2003 im Repra&#776;sentantenhaus sa&szlig;, hatte fu&#776;r das AUMF-Gesetz gestimmt und bereute das spa&#776;ter. Die Pra&#776;sidenten Bush, Obama und Trump wu&#776;rden das Gesetz als Erma&#776;chtigung fu&#776;r Ma&szlig;nahmen zitieren, die &raquo;von der U&#776;berwachung amerikanischer Bu&#776;rger ohne Untersuchungsbefehl bis hin zu Angriffen mit Marschflugko&#776;rpern auf Luftstu&#776;tzpunkte der syrischen Regierung sowie Ma&szlig;nahmen gegen ISIS im gesamten Nahen Osten reichen&laquo;, kritisierte Barr. Der Kongress habe mit diesem Gesetz zu viel Macht an das Wei&szlig;e Haus abgegeben. Natu&#776;rlich kann der Kongress das AUMF-Gesetz wieder aufheben, aber bisher gab es dafu&#776;r keine Mehrheit. &raquo;Machtbefugnisse, die der Kongress einmal an den Pra&#776;sidenten abgetreten hat, sind &ndash; wenn u&#776;berhaupt &ndash; sehr schwer wieder zuru&#776;ckzuerobern&laquo;, warnte Barr nachdenklich im Jahr 2019.<\/p><p><strong>Machen wir einen Sprung ins Jahr 2014, Stichwort: Krise in der Ukraine. Sie werfen den US-Strategen einen Putsch vor. Warum? <\/strong><\/p><p>Ja, meiner Ansicht nach war das ein Putsch der USA. Die USA installierten 2014 Arsenij Jazenjuk als neuen Ministerpra&#776;sidenten und Petro Poroschenko als neuen Pra&#776;sidenten in der Ukraine. &raquo;Es war ein vom Westen gesponserter Putsch, es gibt kaum Zweifel daran&laquo;, erkla&#776;rt auch der gut informierte fru&#776;here CIA-Offizier Ray McGovern. Im US-Au&szlig;enministerium hatte Victoria Nuland die Fa&#776;den gezogen, zusammen mit Geoffrey Pyatt, dem US-Botschafter in der Ukraine. Die Telefongespra&#776;che zwischen Nuland und Botschafter Pyatt, in denen sie vor dem Putsch die Zusammenstellung der neuen Regierung besprachen, wurden abgeho&#776;rt und erregten Aufsehen, weil Nuland mit dem Ausdruck &raquo;Fuck the EU&laquo; die Europa&#776;ische Union beleidigt hatte. Die gestu&#776;rzten Politiker in der Ukraine verstanden, dass das US-Imperium fu&#776;r den Putsch in Kiew verantwortlich war. &raquo;Die Amerikaner forcierten erkennbar die konfrontative Entwicklung&laquo;, erla&#776;uterte der gestu&#776;rzte Ministerpra&#776;sident Nikolai Asarow. Die Anfu&#776;hrer der Demonstration auf dem Maidan seien in der US-Botschaft ein und aus gegangen und von dort befehligt worden. <\/p><p><strong>Als Historiker haben Sie in gewisser Weise einen Vorteil: Wenn Sie sich mit einem Sachverhalt auseinandersetzen, dann sind in der Regel bereits mehrere Jahre vergangen, Sie k&ouml;nnen sich in Ruhe vorhandene Daten raussuchen, erfassen, analysieren. <\/strong><br>\n<strong>F&uuml;r kritische B&uuml;rger und Mediennutzer ist es wichtig, m&ouml;glichst rasch eventuelle Falschmeldungen oder gar Propaganda zu durchschauen.  Geschichtsschreibung beginnt im Grunde genommen ja schon durch die Medien. Haben Sie einen Rat: Wie sollten Mediennutzer mit Informationen zu aktuellen politischen Ereignissen umgehen? <\/strong><\/p><p>Ich halte mich an den Grundsatz: Alles pr&uuml;fen, das Beste behalten. Im Moment haben wir ja die Corona-Pandemie. Die ganze Welt spricht dar&uuml;ber, weil durch den Lockdown auch Milliarden Menschen betroffen sind. Wir k&ouml;nnen Corona ruhig als konkretes Beispiel nehmen, an dem jeder seine Recherchetechniken &uuml;ben und &uuml;berpr&uuml;fen kann.&nbsp;Spannend ist ja erstens, wie verschiedene Staaten unterschiedlich auf die Herausforderung reagieren. Schweden reagiert ganz anders als Italien. Der&nbsp;Vergleich&nbsp;der L&auml;nder ist spannend. Zweitens ist der Vergleich der Medienmarken spannend: Wenn man die verschiedenen Medienmarken anschaut, f&auml;llt einem sofort auf, dass Der Spiegel und KenFM ganz unterschiedlich &uuml;ber Corona berichten. Auch zwischen den NachDenkSeiten, Telepolis, Rubikon, der ARD und der Neuen Z&uuml;rcher Zeitung gibt es gro&szlig;e Unterschiede. Ich kann jedem nur raten, neben dem L&auml;ndervergleich auch einen Vergleich der Medienmarken zu machen. Drittens sollte man die Aussagen der &Auml;rzte&nbsp;vergleichen. Alle sind sich einig, es gibt dieses Virus. Wie gef&auml;hrlich es aber ist, also wie viele Menschen es t&ouml;tet, da &auml;u&szlig;ern sich die &Auml;rzte ganz unterschiedlich. Klar ist&nbsp;schon jetzt, dass nicht alle Infizierten schwer erkranken. Einige haben das Virus, merken es aber gar nicht.&nbsp;Sucharit Bhakdi, Facharzt f&uuml;r Mikrobiologie, sagt zum Beispiel, die Krankheit Covid19 sei nicht gef&auml;hrlicher als eine Grippe, man h&auml;tte daher die Schulen nicht schlie&szlig;en d&uuml;rfen, sondern man h&auml;tte die Risikogruppen sch&uuml;tzen m&uuml;ssen, weil f&uuml;r diese wirklich eine Gefahr besteht. Der Virologe Christian&nbsp;Drosten hingegen sagt, die Krankheit Covid19 sei sehr gef&auml;hrlich, daher habe man unbedingt die Schulen schlie&szlig;en m&uuml;ssen. Es gibt also eine Debatte unter den Experten. Als Historiker wei&szlig; ich wenig &uuml;ber Viren. Aber ich kann die Debatte unter den Experten beobachten, das finde ich spannend. Denn&nbsp;nat&uuml;rlich ist schon heute klar, dass es sich bei Corona um ein historisches Ereignis handelt, das sehr viele Menschen betrifft und das Jahr 2020 pr&auml;gt.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich kann ich jedem raten, die Forschung in gro&szlig;er Ruhe anzugehen. Aufregung hilft nicht, sondern schadet. Gerade dann, wenn ein Politiker oder Journalist zu Krieg und Gewalt aufruft, w&uuml;rde ich das strikt ablehnen und kritisch nachforschen, denn gerade vor Kriegen wird viel gelogen, das ist ein wichtiges Fazit aus meiner Forschung. Ich betone auch in meinem neuen Buch immer wieder, dass wir alle zur Menschheitsfamilie geh&ouml;ren, und dass es Zeit ist, aus der Kriegspropaganda auszusteigen, die so viel Leid erzeugt hat.<\/p><p><em>Lesetipp: Ganser, Daniele: <a href=\"https:\/\/www.ofv.ch\/sachbuch\/detail\/imperium-usa\/503131\/\">Imperium USA &ndash; Die skrupellose Weltmacht<\/a>. Orell F&uuml;ssli. 24. April 2020. 392 Seiten. 25 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Gerade dann, wenn ein Politiker oder Journalist zu Krieg und Gewalt aufruft, w&uuml;rde ich das strikt ablehnen und kritisch nachforschen, denn gerade vor Kriegen wird viel gelogen, das ist ein wichtiges Fazit aus meiner Forschung.&ldquo; Das sagt der Schweizer Historiker <strong><a href=\"https:\/\/www.danieleganser.ch\/\">Daniele Ganser<\/a><\/strong> im zweiten Teil seines Interviews mit den NachDenkSeiten. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35997\">Im Interview erl&auml;utert<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60555\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":60506,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,209,11],"tags":[1194,927,1205,2175,1564,2104,304,1337,663,1418,260,1556],"class_list":["post-60555","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-1194","tag-folter","tag-ganser-daniele","tag-interventionspolitik","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsopfer","tag-kriegsverbrechen","tag-oligarchen","tag-putsch","tag-regime-change","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/161121_daniele_ganser.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60555"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81409,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60555\/revisions\/81409"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}