{"id":6059,"date":"2010-07-01T08:37:32","date_gmt":"2010-07-01T06:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6059"},"modified":"2025-04-10T17:07:17","modified_gmt":"2025-04-10T15:07:17","slug":"die-meta-politik-show","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6059","title":{"rendered":"Die Meta-Politik-Show"},"content":{"rendered":"<p>Bei mir lief neben dem Schreibtisch gestern &uuml;ber 10 Stunden der Fernseher. Meine Beobachtungen sind also medial vermittelt. Es ging um die Wahl des Staatsoberhaupts. Eigentlich ein h&ouml;chst politische Angelegenheit. Doch es ging den ganzen Tag nicht um Politik. Es ging eher um eine Casting-Show. Es ging um Mehrheiten und es ging darum, ob die politischen Lager geschlossen abstimmen und ob die Linke Joachim Gauck unterst&uuml;tzen w&uuml;rde. &Uuml;ber Politik haben eigentlich nur die Vertreter der Linken gesprochen, wenn sie von den Reportern gefragt wurden, warum sie Gauck nicht w&auml;hlten. Dass Christian Wulff im dritten Wahlgang die absolute Mehrheit bekommen hat, verhindert wenigstens neue Legendenbildungen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>N&auml;mlich erstens die Legende, dass die Wahlm&auml;nner und Wahlfrauen der Linken einen m&ouml;glichen Kandidaten jenseits von CDU\/CSU und FDP verhindert h&auml;tten.<br>\nZweitens umgekehrt, dass Wulff nur durch das Wahlverhalten der Linken Bundespr&auml;sident geworden ist.<br>\nDrittens, die Legende, dass &ndash; h&auml;tten die Linken f&uuml;r Gauck gestimmt &ndash; ein rot-rot-gr&uuml;ner Bundespr&auml;sident h&auml;tte gew&auml;hlt werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Der Wahlausgang war &ndash; so spannend er auch im Fernsehen zu inszenieren versucht wurde &ndash;  eigentlich keine &Uuml;berraschung. Es war von Anfang an klar, dass am Ende Wulff zum Bundespr&auml;sidenten gew&auml;hlt w&uuml;rde. SPD und Gr&uuml;nen ist es mit ihrem Angebot Gauck &ndash; das von Unionisten und Liberalen eigentlich nicht abgelehnt werden konnte &ndash;  in den ersten beiden Wahlg&auml;ngen gelungen, die Unzufriedenheit der Wahlm&auml;nner und Wahlfrauen von CDU und FDP (sowohl mit dem Vorschlag des Kandidaten Wulff, aber auch mit der Politik der Regierung) per Stimmzettel sichtbar zu machen. Doch h&auml;tte es dazu dieser Aktion &uuml;berhaupt bedurft? Was haben SPD und Gr&uuml;ne dadurch politisch gewonnen? Hat Gauck irgendeine politische Botschaft dieser Parteien verk&ouml;rpert und in die &ouml;ffentliche Diskussion eingebracht?<\/p><p>Ist an diesem Tag auch nur in Andeutungen deutlich geworden, dass selbst innerhalb der schwarz-gelben Koalition Zweifel an der sozialen Ausgewogenheit des &bdquo;Sparpakets&ldquo; bestehen? Sind Fragen nach der Handlungsf&auml;higkeit der Regierung gegen&uuml;ber der Finanzwelt aufgeworfen worden? Ist &uuml;ber den deflation&auml;ren Sparkurs in Europa und der ganzen Welt auch nur in Andeutungen gesprochen worden.<\/p><p>Klar, weder Gauck noch Wulff boten daf&uuml;r einen Aufh&auml;nger, aber genau das war das Problem mit diesen beiden Kandidaten, die so gar nichts dar&uuml;ber vermitteln konnten, wie man aus der dramatischen Krisensituation wieder unter Wahrung des sozialen Friedens wieder herausfinden k&ouml;nnte.<\/p><p>Sicher wird in den an der Oberfl&auml;che schwimmenden Medien nunmehr kolportiert werden, dass Merkel und die Regierungskoalition geschw&auml;cht worden seien, dass Wulff im ersten Wahlgang 44 Stimmen weniger bekommen hat, als die Schwarz-Gelben an Wahlm&auml;nnern und Wahlfrauen in die Bundesversammlung entsandten. Aber was hilft eine Schw&auml;chung der  Regierung, wenn keine inhaltliche Auseinandersetzung dar&uuml;ber stattfindet, worin diese Schw&auml;che besteht. <\/p><p>Diese politische Schw&auml;che ist auch den ganzen Wahltag &uuml;ber nicht thematisiert worden. Bestenfalls dadurch, dass Merkel es nicht schaffte &bdquo;ihre&ldquo; Leute auf Linie zu bringen. Nun eignet sich das Fernsehen nicht gerade dazu, analytische Betrachtungen &uuml;ber politische Schw&auml;chen anzustellen &ndash; und w&uuml;rden auch noch so viele Politikwissenschaftler vor die Mikrophone geholt. Da werden vor allem Biografien der Kandidaten bebildert und Interview-Versatzst&uuml;cke gesendet, die mit keinem Wort hinterfragt wurden. Niemand hat den individualistischen Freiheitsbegriff Gaucks genauer betrachtet. Und was eigentlich Wulff &bdquo;Vers&ouml;hnen&ldquo; will und wof&uuml;r er &bdquo;Mut&ldquo; machen will, das blieb genauso im Vagen. Luc Jochimsen konnte gerade noch mit drei S&auml;tzen die soziale Dimension ihres Gesellschaftsbilds skizzieren und damit ihre Gegenkandidatur begr&uuml;nden.  <\/p><p>Der ganze Wahltag wurde inszeniert, wie eine Casting-Show bei der der beliebteste Kandidat gefunden werden sollte. Das Public Viewing auf der Reichstagswiese und die st&auml;ndigen &bdquo;Fan&ldquo;-Interviews passten so richtig ins Bild.<\/p><p>Die SPD und die Gr&uuml;nen haben erreicht, was sie mit der Nominierung Gaucks erreichen wollten: Sie haben die Regierungskoalition und gleichzeitig die Linke ein wenig vorgef&uuml;hrt. Sie haben Merkel &bdquo;einen eingeschenkt&ldquo; und der Linken das Etikett angeheftet, dass sie durch die Nichtwahl des ehemaligen Stasi-Beauftragten Gaucks noch mit dem SED-Regime verhaftet sei. Solche taktischen Machtspiele werden dann Politik genannt. <\/p><p>Schon die Nominierung des Kandidaten Gauck durch SPD und Gr&uuml;nen, aber noch mehr die Erpressungsversuche gegen&uuml;ber der Linken &ndash; erst im Laufe des Wahltags &ndash; haben gezeigt, dass diese beiden Parteien noch immer nicht im F&uuml;nf-Parteien-System angekommen sind. SPD und Gr&uuml;ne meinen offenbar nach wie vor, dass man durch Ausgrenzung bei gleichzeitiger Forderung nach einem politischen Kotau die Linke entweder auf die eigene Linie bringen oder aber eliminieren k&ouml;nne. Sozialdemokraten und Gr&uuml;nde  haben immer noch nicht begriffen, dass sie sich damit selbst schw&auml;chen und einer noch schw&auml;cheren Regierung das &Uuml;berleben sichern. Denn Schwarz-Gelb hat schon l&auml;ngst erkannt, dass die Spaltung des linken Lagers ihre beste Lebensversicherung ist.<\/p><p>Letztlich kann das &bdquo;linke&ldquo; Lager eigentlich nur froh sein, dass Gauck nicht Bundespr&auml;sident geworden ist. SPD, Gr&uuml;ne und Linke h&auml;tten sich sonst n&auml;mlich die gesamte Amtsperiode dessen erzliberalen Parolen vorhalten lassen m&uuml;ssen und h&auml;tten nicht nur gegen die Bundesregierung opponieren, sondern sich auch noch vom Bundespr&auml;sidenten die Leviten lesen lassen m&uuml;ssen und sich dagegen noch nicht einmal wehren k&ouml;nnen &ndash; weil es ja &bdquo;ihr&ldquo; Bundespr&auml;sident ist und man gegen den Bundespr&auml;sidenten &bdquo;aus Respekt vor dem Amt&ldquo; ohnehin nichts sagen darf.<\/p><p>Das &bdquo;Amt&ldquo; des Bundespr&auml;sidenten wurde jedenfalls nicht gest&auml;rkt, dass die ersten beiden Wahlg&auml;nge aus dem schwarz-gelben Lager als Denkzettel an ganz andere Adressen missbraucht wurden. Mit der Wahl Wulffs muss man sich dar&uuml;ber hinaus sogar fragen, ob nicht der Anfang vom Ende dieses Amtes begonnen hat.<\/p><p>Christian Wulff ist geradezu das Gegenst&uuml;ck von Horst K&ouml;hler. Der zur&uuml;ckgetretene Bundespr&auml;sident verstand sich als schwarz-gelber Pr&auml;sident, der sich in die aktuelle Politik einzumischen versuchte und schlie&szlig;lich den &bdquo;Respekt&ldquo; vermisste, dass im Kabinett niemand auf ihn h&ouml;rte.<\/p><p>Wulff d&uuml;rfte das Gegenteil von K&ouml;hler sein, ihm geht es weder um die Einmischung in die  operative Politik und auch nicht &ndash; wie er von sich sagt &ndash;  um die Vers&ouml;hnung zwischen Politik und B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern sondern um die Vers&ouml;hnung mit der herrschenden Politik. <\/p><p>Er ist von seiner ganzen politischen Biografie und seinem Naturell nicht der Mahner, der  &uuml;ber das aktuelle Tagesgeschehen hinaus Orientierung f&uuml;r die Politik und die Bev&ouml;lkerung anbieten k&ouml;nnte. Welchen Anspruch er an seine Amtsf&uuml;hrung hat, welche Botschaft er vermitteln k&ouml;nnte, bleibt v&ouml;llig im Vagen. Wie in Niedersachsen d&uuml;rfte er im Lande herum reisen und f&uuml;r gute Laune sorgen.<\/p><p>Wulff ist nett, strebsam und vor allem durchschnittlich. Selbst das Attribut h&ouml;flich muss man ihm seit gestern absprechen. Es geh&ouml;rt sich einfach nicht, in salbungsvollen Worten nur seinem Gegenkandidaten zu danken und jeglichen Respekt gegen&uuml;ber seiner weiteren Herausforderin Luc Jochimsen vermissen zu lassen. <\/p><p>Seine <a href=\"http:\/\/newsticker.sueddeutsche.de\/list\/id\/1008337\">kurze Rede<\/a> nach seiner Wahl &ndash; auf die er sich lange und gut h&auml;tte vorbereiten k&ouml;nnen &ndash; war belanglos, ja geradezu grotesk: Da redete er von Abstimmung in freier und geheimer Wahl und von Gewissensentscheidung und den ganzen Wahltag &uuml;ber konnte man aus aller Munde erfahren, dass das Gegenteil eingefordert wurde, n&auml;mlich Parteir&auml;son und Parteidisziplin. <\/p><p>Belanglos war sie, weil ihm etwa zum Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland nur Plattit&uuml;den eingefallen sind: er m&ouml;chte in seinem Amt &bdquo;zur inneren Zusammenarbeit, zur inneren Einheit unseres Land und zu einem noch besseren gegenseitigen Verst&auml;ndnis&ldquo; beitragen. Gerade so, als ob Zusammenarbeit oder besseres gegenseitiges Verst&auml;ndnis noch die Probleme w&auml;ren.<br>\nWelcher Ansto&szlig; geht von folgendem Satz aus: &bdquo;Parallelgesellschaften in unserem Land verhindern wir am ehesten dadurch, dass wir aufeinander zugehen und nicht aneinander vorbeileben&ldquo;? Das waren die  Worte des neuen Amtstr&auml;gers, dessen Amt vor allem vom Wort lebt. <\/p><p>Ich bef&uuml;rchte, dass das Amt des Bundespr&auml;sidenten von Christian Wulff im Wortsinne &bdquo;bekleidet&ldquo; wird. Will sagen: Er wird die herrschende Politik freundlich l&auml;chelnd mit   Verst&auml;ndnis heischenden Worten begleiten, er wir Jugendlichkeit ausstrahlen, mit einer h&uuml;bschen jungen Frau mit zeitgeistigem Tatoo und Kinderlachen in der Ecke des Amtszimmers. Die Regenbogenpresse wird sch&ouml;ne Geschichten und Bilder vom &bdquo;Hofe&ldquo; abdrucken und Deutschland wird endlich wieder seine &bdquo;Royals&ldquo;, also so etwas wie Prinz Daniel und Prinzessin Victoria von Schweden haben. Der Glanz im Schloss Bellevue wird das zunehmende Elend in den H&uuml;tten &uuml;berstrahlen, so ist zu bef&uuml;rchten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei mir lief neben dem Schreibtisch gestern &uuml;ber 10 Stunden der Fernseher. Meine Beobachtungen sind also medial vermittelt. Es ging um die Wahl des Staatsoberhaupts. Eigentlich ein h&ouml;chst politische Angelegenheit. Doch es ging den ganzen Tag nicht um Politik. Es ging eher um eine Casting-Show. 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