{"id":60621,"date":"2020-05-03T11:45:53","date_gmt":"2020-05-03T09:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60621"},"modified":"2026-01-27T11:35:48","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:48","slug":"armut-homeschooling-offenbart-die-risse-in-der-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60621","title":{"rendered":"Armut: Homeschooling offenbart die Risse in der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Warum Homeschooling meine Kinder gl&uuml;cklich macht&ldquo;, lautet die &Uuml;berschrift eines aktuellen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/leben\/2020-04\/homeschooling-corona-krise-kinder-schule-eltern\">Zeit-Artikels<\/a> (hinter einer Bezahlschranke). Passend zum Artikel von Autorin Carolina Rosaler befindet sich ein Bild unter der &Uuml;berschrift, das ein junges M&auml;dchen zeigt. Das Kind sitzt vor einem augenscheinlich edlen Laptop und streckt die Arme mit geballten F&auml;usten in die Luft. Mimik und Gestik vermitteln: Das ist die Pose einer Gewinnerin. Das Kind hatte offensichtlich ein Erfolgserlebnis an seinem Computer. Wie w&uuml;rde ein &bdquo;Homeschooling-Bild&ldquo; aussehen, das die S&ouml;hne von Hartz-IV-Empf&auml;nger Thomas Wasilewski zeigt? Mit Wasilewski haben die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60604]:\">ein Interview<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWasilewski hatte gerade erst beim Jobcenter M&ouml;nchengladbach einen Computer f&uuml;r seine Kinder beantragt &ndash; f&uuml;r die Schule, wie er im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten beschreibt. Auch f&uuml;r seine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931\">Kinder<\/a> gilt in Zeiten Corona: Lernen von zu Hause oder neudeutsch &bdquo;Homeschooling&ldquo;. Doch sowohl das Jobcenter als auch das Sozialgericht D&uuml;sseldorf haben ihm seinen Wunsch verwehrt. Tenor: Schulaufgaben gehen auch mit dem Smartphone. Ob das Handy alt oder einen kaputten Bildschirm hat, scheint egal. Die Gegen&uuml;berstellung der beiden Lebenswelten zeigt: Die soziale Spaltung in unserem Land ist tief.<br>\nBleiben wir noch einem Moment bei dem Foto, das die Zeit-Redaktion f&uuml;r ihren Artikel ausgew&auml;hlt hat. Das Kind sitzt nicht nur vor einem Laptop. Es sitzt an einem Tisch, der augenscheinlich aus massivem Holz besteht und eine beachtliche L&auml;nge aufweist. Auf dem Tisch liegt, direkt neben dem Laptop, ein Smartphone. Hinter dem Kind ist ein B&uuml;cherregal zu sehen, das augenscheinlich ebenfalls aus massivem Holz besteht und in Design und Farbe mit dem Tisch identisch ist. Auf dem Regal stehen zahlreiche B&uuml;cher. Wer sich nur ein kleinwenig versucht vorzustellen, wie bei einem Rundumblick die weiteren Wohnverh&auml;ltnisse aussehen d&uuml;rften, wird kaum davon ausgehen, dass das Bild den Ausschnitt aus dem Innern einer Sozialwohnung zeigt. In den Wohnverh&auml;ltnissen, in denen dieses Kind lebt, ist Platz (ignorieren wir mal, ob es sich bei dem Bild um eine reale authentische Aufnahme handelt oder ob, was vermutlich der Fall ist, das Bild Produkt einer zur Ver&ouml;ffentlichung gedachten inszenierten Wirklichkeit, Werbefotografie ist).<\/p><p>Platz zu haben, hei&szlig;t heutzutage sehr oft, &uuml;ber Geld zu verf&uuml;gen. Nur wer gen&uuml;gend finanzielle Mittel besitzt, kann sich vielerorts einen Wohnraum leisten, der die Wohnenden nicht einengt. Das Foto zeigt eindrucksvoll: So in etwa leben tats&auml;chlich Kinder in unserem Land. Kinder, deren Eltern nicht arm sind, die &uuml;ber ein gewisses Verm&ouml;gen verf&uuml;gen. Sie gehen oft in dieselbe Schule wie ein Kind aus einer Hartz-IV-Familie, sie haben dieselben Lehrer, sitzen im selben Klassenzimmer und lernen dieselben Wissensinhalte. Und doch trennen beide Welten voneinander. <\/p><p>Die Kinder von Thomas Wasilewski k&ouml;nnen beim Homeschooling keine Gl&uuml;cksgef&uuml;hle entwickeln. W&auml;hrend &uuml;berall die Rede vom digitalen Zeitalter ist, w&auml;hrend l&auml;ngst die &bdquo;digital natives&ldquo; ihre digitalen Erfahrungen bereits im Kindesalter machen, w&auml;hrend f&uuml;r viele Kinder das eigene Smartphone, das Tablet, der Laptop und Desktop-Computer Teil einer selbstverst&auml;ndlichen Realit&auml;t sind, k&ouml;nnen Kinder aus armen Familien an der Digitalisierung nicht teilhaben. <\/p><p>Homeschooling &uuml;ber einen Computer? Aufgaben ausdrucken, die die Lehrer stellen? Dazu bedarf es eines Computers, eines Druckers. Es liegt auf der Hand: F&uuml;r die 2 Euro und ein paar zerquetschte Cents, die der Gesetzgeber aus dem Hartz-IV-Satz f&uuml;r den &bdquo;<a href=\"https:\/\/taz.de\/Armut-in-der-Coronakrise\/!5677821\/\">Kauf und Reparatur von Festnetz- und Mobiltelefonen und anderen Kommunikationsmitteln<\/a>&ldquo; vorsieht, lassen sich die Kosten von mehreren hundert Euro, die f&uuml;r den Kauf eines Computers notwendig sind, nicht stemmen.<br>\nDazu bedarf es keiner h&ouml;heren Mathematik. Der Fall der Familie Wasilewski zeigt einmal mehr, was in unserer Gesellschaft seit langem bekannt ist, aber von der Bundesregierung mit einer Hartn&auml;ckigkeit, die ihresgleichen sucht, ignoriert wird: Schon Kinder bleiben in unserer Gesellschaft auf der Strecke, weil die staatlichen Hilfen nicht ausreichen. <\/p><p>Wer Erwachsenen zuh&ouml;rt, die aus armen Familien kommen, die &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armutserfahrungen<\/a> gemacht haben, gewinnt einen Eindruck davon, wie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59982\">pr&auml;gend<\/a> das Leben in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60244\">Armut<\/a> sein kann. Der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136\">permanente Mangel<\/a> an Materiellem, ja, selbst an den einfachsten Gegenst&auml;nden, die Teil jedes normalen Haushaltes sind, vermittelt den Kindern fr&uuml;h, dass sie &bdquo;anders&ldquo; als ihre Freunde und Kameraden aus finanziell besser gestellten Familien sind. Dort, wo ihre Mitsch&uuml;ler materiell aus dem Vollen sch&ouml;pfen k&ouml;nnen, bleibt ihnen oft nur die Scham vor der eigenen Armut.<\/p><p>Wie stark die Wechselwirkungen zwischen der Lebenswirklichkeit der eigenen Familie, des Milieus, in dem man aufw&auml;chst, und den Individuen sind, hat die Gesellschaftswissenschaft l&auml;ngst bewiesen. Wer in armen Verh&auml;ltnissen aufw&auml;chst, bildet den so genannten &bdquo;Notwendigkeitshabitus&ldquo; aus, wie ihn der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu erkannt hat. Das Denken, die Wahrnehmung der sozialen Welt, ist so stark von Entbehrung gepr&auml;gt, dass die gesamte sich entwickelnde Pers&ouml;nlichkeit durch den Mangel an Ressourcen und folglich eben auch an M&ouml;glichkeiten gekennzeichnet wird. <\/p><p>Da die 10-15 Euro f&uuml;r den Spiegel im Bad, der l&auml;ngst zerbrochen und nur notd&uuml;rftig an der Wand festgemacht ist, nicht vorhanden sind, wird er eben zusammengeklebt. Das Klebeband leiht man sich notfalls von einem Nachbar und blickt von nun an bei der Morgentoilette in einen Spiegel, in dem das eigene Spiegelbild durch einen Klebebandstreifen geteilt wird. Das &Auml;u&szlig;ere kann sich so auf das Innere auswirken. <\/p><p>Was soll aus Kindern werden, die nicht einmal &uuml;ber einen Computer verf&uuml;gen, um sich in einer Zeit, wo Homeschooling angesagt ist, ihre Schulaufgaben ausdrucken zu k&ouml;nnen?<br>\nWas ist von dem Jobcenter in M&ouml;nchengladbach oder dem Sozialgericht in D&uuml;sseldorf zu halten, die meinen, die Kinder ben&ouml;tigten keinen Computer? Was ist von politischen Weichenstellern wie dem nordrhein-westf&auml;lischen Minister f&uuml;r Soziales Karl-Josef Laumann oder Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zu halten, die den Bittbrief der Familie Wasilewski ignorieren? Was von einer Gesellschaft, von W&auml;hlern, die sehr wohl wissen, wie kl&auml;glich die Hartz-IV-S&auml;tze f&uuml;r Kinder sind ? <\/p><p>Wer an dieser Stelle meint, ein bisschen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46867\">Armut<\/a> k&ouml;nne positiv pr&auml;gend sein, weil doch gerade auch negative Lebenserfahrungen zu einer &bdquo;reifen&ldquo; Pers&ouml;nlichkeit beitragen w&uuml;rden, m&ouml;ge Folgendes bedenken: Wenn von Armut in Familien die Rede ist, dann geht es oftmals nicht um eine, um zwei Erfahrungen. Es geht nicht darum, dass die Familienmitglieder <em>mal<\/em> den G&uuml;rtel enger schnallen m&uuml;ssen. Es geht darum, dass die &Auml;rmsten die Entbehrung als Dauerzustand erfahren, aus dem es f&uuml;r sie kaum ein Entrinnen gibt. <\/p><p>Die dauerhafte Erfahrung von Armut ist nicht erbauend, sie f&uuml;hrt in aller Regel nicht zu gest&auml;rkten Pers&ouml;nlichkeiten, die es im Leben weit bringen. Sie zerbricht Menschen. Nur wenige, sei es, weil sie eine extreme K&auml;mpfernatur in sich tragen, sei es, weil sie an entscheidenden Stellen Gl&uuml;ck haben, schaffen es, sich aus der Armut zu befreien.<br>\nDen Kindern der Familie Wasilewski w&uuml;nscht man trotz der Ignoranz von Beh&ouml;rden und Politikern, die rasch helfen k&ouml;nnten, wenn sie denn wollten, sich nicht von ihren Lebensverh&auml;ltnissen unterkriegen zu lassen. Die Armut in unserem Land ist real. Die Situation der Familie Wasilewski zeigt ein weiteres Mal auf, was um uns herum in vielen Familien der Dauerzustand ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Warum Homeschooling meine Kinder gl&uuml;cklich macht&ldquo;, lautet die &Uuml;berschrift eines aktuellen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/leben\/2020-04\/homeschooling-corona-krise-kinder-schule-eltern\">Zeit-Artikels<\/a> (hinter einer Bezahlschranke). 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