{"id":60685,"date":"2020-05-04T09:10:45","date_gmt":"2020-05-04T07:10:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60685"},"modified":"2022-03-02T10:43:50","modified_gmt":"2022-03-02T09:43:50","slug":"coronavirus-epidemische-lage-von-nationaler-tragweite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60685","title":{"rendered":"Coronavirus: Epidemische Lage von nationaler Tragweite?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung und ihre Berater predigen gebetsm&uuml;hlenartig: &bdquo;Wir stehen erst am Anfang der Epidemie.&ldquo; Sie tun dies, obwohl seit Wochen ein anhaltender R&uuml;ckgang bei den gemeldeten Zahlen an Neuansteckungen erkennbar ist. Dieser begann wahrscheinlich bereits vor dem verh&auml;ngten Lockdown. F&uuml;r den fr&uuml;heren Vorsitzenden der Europ&auml;ischen Region des Internationalen Verbands der Epidemiologen, <strong>Ulrich Keil<\/strong>, zeigt sich hier ein saisontypisches Ph&auml;nomen. Nach epidemiologischen Studien klingen Coronaviruswellen im April ab. Im Interview mit den NachDenkSeiten meldet er Zweifel an, dass es mit SARS-CoV-2 diesmal ganz anders kommt. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9989\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-60685-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=60685-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200504_Coronavirus_Epidemische_Lage_von_nationaler_Tragweite_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Zur Person:<\/strong> Ulrich Keil, Jahrgang 1943, war Direktor des Instituts f&uuml;r Epidemiologie und Sozialmedizin der Universit&auml;t M&uuml;nster, arbeitete &uuml;ber Jahrzehnte als Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und fungierte bis 2002 als Vorsitzender der Europ&auml;ischen Region der International Epidemiological Association (IEA), des Weltverbands der Epidemiologen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Herr Keil, die mangelnde Aussagekraft der vom Robert Koch-Institut (RKI) t&auml;glich ver&ouml;ffentlichten Fallzahlen der positiv auf das SARS-CoV-2-Virus Getesteten ist auf den NachDenkSeiten wiederholt problematisiert worden (vgl. z. B <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59903\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60287\">hier<\/a>). Nun gehen diese Zahlen seit mehreren Wochen tendenziell nach unten und bewegen sich inzwischen stabil unter dem Niveau von 2.000. Am Samstag z&auml;hlte das RKI sogar erstmals unter 1.000 F&auml;lle, wobei die fraglichen Neuinfektionen mitunter schon vor zwei Wochen erfolgten. Wie interpretieren Sie als Epidemiologe diesen Verlauf?<\/strong><\/p><p>Die Entwicklung deckt sich mit den Verlaufsdaten, wie wir sie bereits von den bisher bekannten Coronaviren kennen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der Peak, also der H&ouml;hepunkt des Infektionsgeschehens, sich &uuml;ber die Monate Januar und  Februar erstreckt. Ende M&auml;rz gehen die Zahlen dann schon deutlich zur&uuml;ck und bis Ende April, Anfang Mai klingt die Ausbreitung des Virus ab. Es ist m&ouml;glich, dass ein genetisch leicht ver&auml;ndertes Coronavirus im n&auml;chsten Herbst oder Winter wieder kommt. Das erleben wir allj&auml;hrlich auch bei anderen Erregern der Grippe oder grippe&auml;hnlicher Erkrankungen. <\/p><p><strong>Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass diese Viren, also die bislang bekannten Corona- oder auch Influenzaerreger, irgendwann im Fr&uuml;hjahr einfach abtauchen?<\/strong><\/p><p>Eine endg&uuml;ltige Antwort auf diese Frage kann die Wissenschaft bis dato nicht geben, aber es gibt nat&uuml;rlich Erkl&auml;rungsans&auml;tze. Es wird angenommen, dass das Immunsystem der Menschen mit den h&ouml;heren Temperaturen und der intensivierten Sonneneinstrahlung gest&auml;rkt wird. Eine Rolle k&ouml;nnte auch die erh&ouml;hte UV-Strahlung spielen oder die Tatsache, dass man sich wieder vermehrt im Freien aufh&auml;lt. Die Verbreitung von Viren wird in abgeschlossenen R&auml;umen beg&uuml;nstigt.   Wahrscheinlich ist, dass die Erreger einfach auf mehr Widerstandskraft sto&szlig;en, weil sich eine Herdenimmunit&auml;t gebildet hat und sie deshalb weniger neue Infektionen ausl&ouml;sen k&ouml;nnen. Wie genau das abl&auml;uft, ist bislang nicht erwiesen, wogegen die Saisonalit&auml;t verschiedener Grippeerreger, darunter Coronaviren, sehr wohl erwiesen ist. Zu nennen ist hier vor allem die  Tecumseh-Studie, die schon in den 1960er Jahren durchgef&uuml;hrt wurde und die gezeigt hat, dass Coronaviren immer wieder kommen und gehen und an vielen Grippewellen beteiligt sind.  <\/p><p><strong>Es bleibt nur die Frage, ob sich auch SARS-CoV-2 als ein neues und bisher nicht bekanntes Corona-Virus daran h&auml;lt. Wie sch&auml;tzen Sie das ein?<\/strong><\/p><p>Ich vertrete seit langem die Position, dass f&uuml;r die diversen Atemwegserkrankungen im Laufe der saisonalen Grippe ein Cocktail verschiedener Erreger urs&auml;chlich ist. Dabei spielen dann Influenza A oder B, Parainfluenza oder eben auch Coronaviren eine Rolle. Allerdings unterliegt der Grad der Beteiligung einem steten Wandel. Auf das Konto von Influenza gehen einmal sehr viele und im n&auml;chsten Jahr wieder weniger Erkrankungen. Daf&uuml;r sto&szlig;en dann andere Erreger in diese L&uuml;cke. Und genau das erleben wir nach meinem Ermessen in diesem Jahr. W&auml;hrend Influenzainfektionen sich auf einem sehr niedrigen Level bewegen, ist es nun dieses neue Coronavirus, das sich in den Vordergrund gedr&auml;ngt hat. <\/p><p><strong>Womit aber noch nicht gesagt ist, dass es sich wie seine Verwandten im Fr&uuml;hling einfach aus dem Staub macht.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich ist dieses Virus neu, also eine Mutation von Vorg&auml;ngererregern. Aber auch das ist ja v&ouml;llig &uuml;blich und der Grund daf&uuml;r, dass wir gegen die Influenza jedes Jahr einen neuen Impfstoff entwickeln. Wenn dieser dann trotzdem l&auml;ngst nicht in allen F&auml;llen Wirkung zeigt, dann beweist das ja gerade, dass man es hier mit st&auml;ndigen Ver&auml;nderungen zu tun hat und au&szlig;erdem immer eine Reihe von Viren involviert ist. Die Herangehensweise des RKI und von Christian Drosten von der Berliner Charit&eacute; halte ich auch deshalb f&uuml;r verk&uuml;rzt. Virologen haben h&auml;ufig eine sehr monokausale Sichtweise, nach dem Motto: Ein Virus &ndash; eine Krankheit &ndash; eine Todesursache. <\/p><p><strong>Sie meinen also, &auml;hnlich wie das inzwischen eine Reihe anderer Experten postulieren, auch das neue Coronavirus ist nur Teil des saisonalen Grippegeschehens?<\/strong><\/p><p>Sehen Sie: Das Schillern solcher Viren kommt daher, dass sie sich ver&auml;ndern und damit  unberechenbar, unkontrollierbar und bedrohlich erscheinen. Aber das ist ein v&ouml;llig normales Ph&auml;nomen, das uns Menschen seit Jahrtausenden besch&auml;ftigt und wahrscheinlich der Grund daf&uuml;r ist, dass es uns noch gibt. Diese Erreger fordern unsere Immunabwehr immer wieder aufs Neue heraus. Allerdings ist dieses Coronavirus nicht gef&auml;hrlicher und t&ouml;dlicher als das, was wir von fr&uuml;heren st&auml;rkeren Influenzawellen kennen. <\/p><p>Der renommierte Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis von der Stanford-University hat zun&auml;chst aufgrund der vorhandenen Daten die Letalit&auml;t f&uuml;r die US-Bev&ouml;lkerung auf Werte zwischen 0,05  bis 1,0 Prozent gesch&auml;tzt. In seiner k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Santa-Clara-Studie in Kalifornien kommt er in dieser bev&ouml;lkerungsbezogenen Untersuchung auf 0,1 Prozent. In  dieselbe Richtung weisen auch die Ergebnisse der Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck, der f&uuml;r den stark betroffenen Ort Gangelt eine Letalit&auml;t von 0,36 Prozent ermittelte. <\/p><p>Dagegen stehen diese extrem verzerrten Daten des RKI, der Weltgesundheitsorganisation und der Johns-Hopkins-Universit&auml;t, die prim&auml;r Hochrisikogruppen testen. Unser Pl&auml;doyer ist es deshalb, anhand von repr&auml;sentativen Zufallsstichproben in der Bev&ouml;lkerung zu ermitteln, wie viele Menschen tats&auml;chlich schon Kontakt mit diesem Coronavirus hatten. Ich gehe davon aus, dass man dann Letalit&auml;tsraten im Bereich von 0,1 Prozent erh&auml;lt, wie wir das von der saisonalen Grippe her kennen. <\/p><p><strong>Sie sagten soeben, &bdquo;unser&ldquo; Pl&auml;doyer. Wen meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Wir sind eine Gruppe von Experten, die die Schweinegrippe vor zehn Jahren aufgearbeitet hat. Dazu geh&ouml;ren unter anderem Mitglieder der AG Gesundheitswesen von Transparency International Deutschland e.V. Wir haben schon beim Fehlalarm der Schweinegrippe 2009\/2010 eindringlich auf die Notwendigkeit einer bev&ouml;lkerungsbezogenen Infektionsepidemiologie auf der Basis von regelm&auml;&szlig;igen Zufallsstichprobenuntersuchungen hingewiesen. Ein verl&auml;ssliches Bild gewinnen wir nur mit diesen institutionalisierten Zufallsstichprobenuntersuchungen, wie man das etwa vom Mikrozensus kennt. (Vgl. hierzu zwei Papiere aus dem European Journal of Epidemiology von 2011. <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10654-011-9575-4\">link.springer.com\/article\/10.1007\/s10654-011-9575-4<\/a> &amp; <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10654-011-9573-6\">link.springer.com\/article\/10.1007\/s10654-011-9573-6<\/a>) <\/p><p><strong>Was ist seinerzeit aus Ihrem Appell an die WHO geworden, eine bessere Infrastruktur f&uuml;r die Infektionsepidemiologie aufzubauen?<\/strong><\/p><p>Bedauerlicherweise hat sich in dieser Hinsicht bis heute nichts getan. Stattdessen flossen die Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und ein Jahrzehnt sp&auml;ter finden wir jetzt dieselbe desolate Datenlage vor, die schon damals zu groben Fehlentscheidungen gef&uuml;hrt hat. <\/p><p><strong>Das RKI hat ja inzwischen entsprechende Erhebungen angek&uuml;ndigt, wobei die Ergebnisse erst im Juni vorliegen sollen. Ist das nach Ihren Vorstellungen?<\/strong><\/p><p>Das kommt reichlich sp&auml;t, aber immerhin. Das, was das RKI vorhat, 15.000 Personen, die repr&auml;sentativ f&uuml;r die deutsche Bev&ouml;lkerung stehen, mit dem PCR-Test und mittels Serologie zu testen, ist der einzig gangbare Weg, aus dem Datensalat herauszukommen. Diese Zufallsstichprobenuntersuchungen m&uuml;ssen aber in Abst&auml;nden von zwei bis vier Wochen wiederholt werden, um das virologische Geschehen in der Bev&ouml;lkerung absch&auml;tzen zu k&ouml;nnen. Und entscheidend wird dann sein, diese Untersuchungen zu verstetigen, so dass wir bei allen k&uuml;nftigen Infektionswellen besser Bescheid wissen &uuml;ber die Gef&auml;hrlichkeit der Epidemie und Aussagen machen k&ouml;nnen &uuml;ber den Grad einer vorhandenen oder fehlenden Herdenimmunit&auml;t. Politiker k&ouml;nnen so evidenzbasierte Entscheidungen treffen. <\/p><p><strong>Nun h&ouml;rt man aber die Regierung sagen, dass der verordnete Lockdown die einzig richtige L&ouml;sung gewesen sei, was sich jetzt mit r&uuml;ckl&auml;ufigen Infektionszahlen bezahlt mache. Wollen Sie das so einfach in Abrede stellen?<\/strong><\/p><p>Wissenschaftlich l&auml;sst sich das nicht belegen. Es sieht eher so aus, dass der Lockdown in einem Moment erfolgte, als das Virus schon auf dem R&uuml;ckzug war, n&auml;mlich am 18. M&auml;rz. Wenn jetzt jemand sagt, wir h&auml;tten die Herdenimmunit&auml;t wegen der drohenden Belastungen f&uuml;rs Gesundheitssystem nicht riskiert und deshalb den Lockdown-Weg gew&auml;hlt, dann ist derjenige in einer falschen Logik gefangen. Das Imperial College in London hat in seinen Modellen anfangs von 40 Millionen Toten weltweit gesprochen und f&uuml;r Deutschland 1,1 Millionen Intensivpatienten prognostiziert. <\/p><p>Dabei hat der dort tonangebende Neil Ferguson schon beim Schweinegrippe-Alarm  v&ouml;llig danebengelegen. Damals sagte er 30 Millionen Tote voraus und eine Angstkampagne brach los, der man mit einem schon eingelagerten Pandemieimpfstoff zu begegnen plante. Angesichts des harmlosen Verlaufs der Schweinegrippe kamen die in Deutschland eingelagerten Impfstoffdosen und das millionenfach eingelagerte Tamiflu gar nicht zum Einsatz. Weltweit starben nach WHO-Angaben insgesamt 18.000 Menschen, in Deutschland waren es laut RKI 258. <\/p><p>Genauso abwegig waren die Einsch&auml;tzungen zur Vogelgrippe 2005\/2006, aufgrund derer man sogar die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2006 abblasen wollte. Mein Kollege Ioannidis sprach zuletzt in einem Interview von &bdquo;astronomischen&ldquo; Fehleinsch&auml;tzungen, die sich als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen.(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=d6MZy-2fcBw\">youtube.com\/watch?v=d6MZy-2fcBw<\/a>) Wissenschaftler m&uuml;ssen daher fordern, dass politische Entscheidungen nicht auf Panikmache, sondern auf Evidenz basieren m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Sie sagten anfangs, Corona- und andere Grippeviren verfl&uuml;chtigten sich irgendwann wie von selbst. Bedeutet das also, dass es daf&uuml;r gar nicht unbedingt die sogenannte Herdenimmunit&auml;t, also eine m&ouml;glichst breite Durchseuchung der Bev&ouml;lkerung, braucht? Die Rede ist ja immer wieder von 60 Prozent an Immunisierten, die n&ouml;tig w&auml;ren, um die Ausbreitung des Virus aufzuhalten.<\/strong><\/p><p>Dieser Wert 60 Prozent schwirrt &uuml;berall herum, ist aber nicht &uuml;berpr&uuml;ft. Der beste Beweis ist ja die schwere Grippeepidemie von 2017\/18. Die Statistik z&auml;hlte damals rund 16 Millionen Erkrankte. Betroffen waren also blo&szlig; 20 Prozent der Bev&ouml;lkerung und trotzdem war die Grippe auf einmal weg. Und das RKI erkl&auml;rte die Grippesaison dann auch umgehend f&uuml;r beendet, als die Infektionszahlen deutlich zur&uuml;ckgingen. Aber heute ist alles anders. <\/p><p><strong>Jetzt gibt es aber die deutlich schwereren Krisenverl&auml;ufe mit ungleich mehr Toten in Italien, Spanien und den USA. Besteht f&uuml;r Sie auch da keine Veranlassung, Angst zu haben?<\/strong><\/p><p>Es geht mir nicht darum, zu verharmlosen. Covid-19 ist eine f&uuml;r bestimmte Risikogruppen gef&auml;hrliche und mithin t&ouml;dliche Krankheit. Ich verlange aber, dass evidenzbasiert Wissenschaft betrieben wird, um auf dieser Grundlage angemessene politische Entscheidungen treffen zu k&ouml;nnen. Dazu geh&ouml;rt, dass man die Erkrankungs- und Todesziffern in den jeweiligen nationalen Kontext stellt und spezifische Einflussfaktoren pr&uuml;ft. <\/p><p>Im Falle Italiens und Spaniens ist an erster Stelle ein kaputtgespartes und schon f&uuml;r die normale Versorgung mangelhaft ausgestattetes Gesundheitssystem zu nennen. Daneben spielt auch die gegen&uuml;ber Deutschland drei Jahre h&ouml;here Lebenserwartung in diesen L&auml;ndern eine Rolle, die die Gruppe der Vulnerablen gr&ouml;&szlig;er macht. Italien ist nach Japan das Land mit der &auml;ltesten Bev&ouml;lkerung der Welt. Andere Faktoren wie nosokomiale Infektionen, Umweltfaktoren und Panikreaktionen sind ebenfalls zu ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p>Aber rechtfertigt die Versorgungskrise in Italien, dass man auch bei uns einen Lockdown verh&auml;ngt, wo die Versorgungskapazit&auml;ten f&uuml;r alle wesentlich besser sind und daher die &Auml;ngste vor dem Zusammenbruch der Versorgung nicht realistisch waren? Ich will in diesem Zusammenhang auch an die Hongkong-Grippe von 1968\/1969 erinnern. Das war ein echter Peak, weltweit starben zwischen einer und zwei Millionen Menschen. Die &Uuml;bersterblichkeit in der damaligen BRD wurde vom Bundesgesundheitsamt, dem Vorg&auml;nger des RKI, mit 40.000 beziffert. Niemand kam damals auf die Idee, einen nationalen beziehungsweise globalen Shutdown zu verh&auml;ngen. <\/p><p><strong>&Uuml;ber laut Johns-Hopkins-University mittlerweile 65.000 Tote allein in den USA k&ouml;nnen Sie aber doch nicht einfach hinwegsehen?<\/strong><\/p><p>Man muss auch diese Zahlen ins Verh&auml;ltnis setzen. In den USA wirken sich bei dieser akuten Krise die riesigen M&auml;ngel im Krankenversicherungssystem besonders negativ aus. Viele schwer Erkrankte kommen wegen der hohen zu erwartenden Kosten zu sp&auml;t oder gar nicht ins Krankenhaus. Nur ein Beispiel zur Einordnung: 2017\/18 wurden in den USA bei der saisonalen Grippe 80.000 Tote beklagt. Bei uns waren es 25.000, was bezogen auf einen standardisierten Bev&ouml;lkerungsnenner eine h&ouml;here Rate ergibt. <\/p><p>Das ist ja das Irref&uuml;hrende an den t&auml;glich neu erstellten Covid-19-Weltkarten der WHO. Hier fehlt der Bezug zu einem standardisierten Bev&ouml;lkerungsnenner in den dargestellten L&auml;ndern. Stattdessen werden uns &bdquo;confirmed cases&ldquo;, das hei&szlig;t nur Testpositive , pr&auml;sentiert, auf die dann die mangelhaft kodierten Coronatodesf&auml;lle bezogen werden. Dabei bleibt auch unklar, wer &bdquo;an&ldquo; Covid-19 oder &bdquo;mit&ldquo; dem Virus an einer anderen Todesursache verstorben ist. <\/p><p><strong>Sie halten sich bei Ihrer Prognose, dass das Virus &uuml;ber den Sommer verschwinden wird, an Erfahrungswerte aus der Vergangenheit. Warum spielt das in der Gedankenwelt von Herrn Drosten oder RKI-Chef Lothar Wieler offenbar keine Rolle?<\/strong><\/p><p>Das passt zu dem, was ich Geschichtsvergessenheit nenne. Der Hype um die Schweinegrippe wurde im Senat von Frankreich, im Europaparlament und im Europarat aufgearbeitet. Im Ergebnis blieb stehen, dass das Ganze ein Fehlalarm war, die Letalit&auml;t bei 0,1 Prozent lag, aber zur Vergeudung riesiger Ressourcen f&uuml;hrte. Nicht nur Deutschland hat seinerzeit Abermillionen Dosen des Grippe-Mittels Tamiflu eingelagert, das sich als nicht antiviral wirksam herausstellte. Eine Metaanalyse von 2012 kam zu dem Ergebnis, dass die Substanz das Fortdauern der Symptome um 21 Stunden verk&uuml;rzte. &Auml;ltere Menschen erkrankten nicht, weil sie offensichtlich bereits fr&uuml;her mit dem Erreger der Schweinegrippe, dem H1N1-Influenzavirus, in Kontakt gekommen waren und Immunit&auml;t besa&szlig;en.<\/p><p><strong>Der Begriff Immunit&auml;t wird in der laufenden Diskussion so gebraucht, dass man spezifische Antik&ouml;rper gegen diesen spezifischen Erreger aufbauen muss. Wie kommt es dann, dass &uuml;ber 80 Prozent der Infizierten die &bdquo;Krankheit&ldquo; symptomlos oder nur mit milden Symptomen durchmachen?<\/strong><\/p><p>Immunit&auml;t bildet sich nicht nur mittels Antik&ouml;rpern. Es gibt auch eine sogenannte Zellimmunit&auml;t und viele andere Mechanismen, wie sich der K&ouml;rper gegen Eindringlinge zur Wehr setzt. Indem wir von Geburt an mit immer neuen, weil st&auml;ndig mutierten Grippeviren in Kontakt kommen, entwickelt der K&ouml;rper so eine Art Abwehrged&auml;chtnis. Wenn wir in der Vergangenheit ein bestimmtes Coronavirus erfolgreich bek&auml;mpft haben, gelingt uns das bei neueren Varianten wiederum leichter und besser. Ob wir erkranken, ist vor allem auch sozial determiniert. Der ber&uuml;hmte Sozialmediziner Rudolf Virchow hat schon vor weit &uuml;ber hundert Jahren erkannt, dass die Lebenserwartung stark abh&auml;ngig ist von der sozialen Stellung. Frische Luft und Bewegung sind ebenfalls immens wichtig zur St&auml;rkung der Abwehrkr&auml;fte. Deshalb ist es ja so unsinnig, die Schulen geschlossen zu halten, Kinder nicht im Freien spielen zu lassen und alte Menschen in Heimen zu isolieren. <\/p><p><strong>Sie halten die Kontaktsperren f&uuml;r kontraproduktiv?<\/strong><\/p><p>Ja. Es gibt ja klare Hinweise, dass Kinder kaum an Covid-19 erkranken und zur Ausbildung der Herdenimmunit&auml;t beitragen k&ouml;nnen. Ich finde, dass es gen&uuml;gt, Menschen mit Vorerkrankungen, gebrechliche und immungeschw&auml;chte Personen &uuml;ber m&ouml;gliche Gefahren aufzukl&auml;ren und dar&uuml;ber zu informieren, wie sie sich davor sch&uuml;tzen k&ouml;nnen. Hygieneregeln wie das richtige H&auml;ndewaschen sind das A und O. Sachliche Aufkl&auml;rung, worauf gerade die schwedische Regierung gesetzt hat, ist der weitaus bessere Ratgeber als Angst und Panik.  <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Universit&auml;t M&uuml;nster<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1f13aa48d0c049848c8685d942afcddd\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung und ihre Berater predigen gebetsm&uuml;hlenartig: &bdquo;Wir stehen erst am Anfang der Epidemie.&ldquo; Sie tun dies, obwohl seit Wochen ein anhaltender R&uuml;ckgang bei den gemeldeten Zahlen an Neuansteckungen erkennbar ist. Dieser begann wahrscheinlich bereits vor dem verh&auml;ngten Lockdown. F&uuml;r den fr&uuml;heren Vorsitzenden der Europ&auml;ischen Region des Internationalen Verbands der Epidemiologen, <strong>Ulrich Keil<\/strong>, zeigt sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60685\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":60686,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,149,209],"tags":[577,2857,2855,2453,1222,2856,564,1556,2834],"class_list":["post-60685","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-interviews","tag-italien","tag-lockdown","tag-morbiditaet","tag-mortalitaet","tag-pandemie","tag-robert-koch-institut","tag-spanien","tag-usa","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/200504-Wurzbacher_Keil-01.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60685"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60685\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81407,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60685\/revisions\/81407"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}