{"id":60775,"date":"2020-05-06T16:03:23","date_gmt":"2020-05-06T14:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60775"},"modified":"2026-01-27T11:35:47","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:47","slug":"deutscher-und-russischer-sport-ein-deutliches-signal-fuer-mehr-miteinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60775","title":{"rendered":"Deutscher und russischer Sport: \u201eEin deutliches Signal f\u00fcr mehr miteinander\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auch durch massive Medienkampagnen haben die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47783\">deutsch-russischen Beziehungen<\/a> in den vergangenen Jahren gelitten. Der ehemalige deutsche Triathlet und Langstreckenschwimmer <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57624\">Marco Henrichs<\/a><\/strong> ist heute ein bekannter Schwimmtrainer. Denn er repr&auml;sentiert als erster deutscher Sportler und Trainer von Profiathleten eine Schwimmliga in der Wolgaregion in der Russischen F&ouml;deration. Er tritt seit geraumer Zeit f&uuml;r engere Beziehungen zwischen den beiden Staaten ein. Nun arbeitet Henrichs an einem Projekt, das den Sport beider Nationen in einem engeren Austausch langfristig zusammenf&uuml;hren will. Im NachDenkSeiten-Interview gew&auml;hrt <a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/marco.henrichs.18\">Henrichs<\/a> einen Einblick in seine Arbeit und erz&auml;hlt, was es mit dem Projekt auf sich hat. &bdquo;In erster Linie&ldquo;, sagt Henrichs, &bdquo;sollen dadurch Vorurteile abgebaut werden. Ich sehe hier aber auch eine sehr gro&szlig;e Chance, voneinander zu profitieren. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;width: 200px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200113-Bild-Marco-Henrichs_.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"200\"><\/div><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> Der geb&uuml;rtige Rheinl&auml;nder <strong>Marco Henrichs<\/strong> (Wohnhaft im Allg&auml;u) hat Erfahrung aus 24 Jahren Triathlon (u.a. vielfacher Ironman Finisher) und ist 2015 vom Triathlon zum Langstreckenschwimmen gewechselt. Er hat zudem die Schwimmtrainerausbildung in der Russischen F&ouml;deration absolviert und ist Repr&auml;sentant des Wolgast&uuml;tzpunktes bzw. der Wolgaliga. Weitere Informationen finden sich <a href=\"https:\/\/h2o-bloxx.com\/trainerteam\">unter diesem Link<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Herr <a href=\"https:\/\/www.h2o-bloxx.com\/\">Henrichs<\/a>, wie sieht es mit Austausch und Verbundenheit aus, wenn es um deutsche und russische Sportler geht?<\/strong><\/p><p>Der aktuelle Stand ist leider eher sehr schlecht. Die Vorurteile &uuml;ber den russischen Sport haben &ndash; auch zuletzt durch eine sehr verzerrte und negative Berichterstattung &uuml;ber Doping im russischen Sport &ndash; in Deutschland weiterhin stark zugenommen.<\/p><p><strong>Sie wollen nun eine Initiative starten, um daran etwas zu &auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung: Seit f&uuml;nf Jahren engagiere ich mich mittlerweile f&uuml;r die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung im Bereich Sport und Gesellschaft zwischen Deutschland und der Russischen F&ouml;deration. In erster Linie mit dem Ziel, f&uuml;r ein Mehr an Miteinander zu sensibilisieren. Ich habe einerseits bisher nat&uuml;rlich viele Menschen &uuml;ber TV-Berichte, Interviews etc. mit diesem wichtigen Thema erreicht. Andererseits jedoch leider ohne merkbare positive Ver&auml;nderungen. Jedoch bin ich als ehemaliger Sportler und heutiger Trainer ein sehr ergebnisorientierter Mensch. Ich sage selbst meinen Athletinnen und Athleten in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41696\">Russland<\/a> und Deutschland immer: &bdquo;Was z&auml;hlt, sind Ergebnisse.&ldquo;<\/p><p>Ich habe mir also die Frage gestellt, was ich tun kann, damit auch ein Miteinander zwischen dem deutschen Sport und dem Sport der Russischen F&ouml;deration wieder nachweislich gelebt wird. Also, dass Ergebnisse vorhanden sind. Mein Bestreben wurde also zunehmend gr&ouml;&szlig;er, auch sportpolitisch zu wirken. Und so habe ich mich auf gegenseitige Initiative hin mit Martin Hoffmann, dem gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Vorstand vom Deutsch-Russischen Forum, getroffen. Denn wir beide haben den gegenseitigen Wunsch, den Bereich Sport in den deutsch-russischen Beziehungen wieder mehr aufleben zu lassen. Dies gilt insbesondere f&uuml;r den kommunalen Bereich sowie die Themen Breitensport und Spitzensport.<\/p><p><strong>F&uuml;r alle, die das vielleicht nicht so genau wissen: Was ist denn das Deutsch-Russische Forum?<\/strong><\/p><p>Ich engagiere mich f&uuml;r das <a href=\"https:\/\/www.deutsch-russisches-forum.de\/\">Deutsch-Russische Forum<\/a>, weil es auf breiter Basis den Austausch der Zivilgesellschaften f&ouml;rdert. Als gemeinn&uuml;tziger Verein lebt das Forum von den Inhalten, die seine Mitglieder einbringen. Aus meiner Sicht ist das Netzwerk dieser Initiative beeindruckend, was die Kompetenz und das Know-how betrifft.<\/p><p>Ich sehe f&uuml;r die Themen Breitensport und dessen regionale Verankerung das Forum als besondere Chance, denn hier unterst&uuml;tzt man seit vielen Jahren erfolgreich die St&auml;dtepartnerarbeit und die kommunale Kooperation. Das Programm des Forums ist vielf&auml;ltig und bietet so eine Reihe von Ankn&uuml;pfungspunkten, um den Sport st&auml;rker in den Focus zu bringen. Hier stehen wir aber erst am Anfang, bedingt durch die derzeitigen Einschr&auml;nkungen durch Covid-19 in Russland und Deutschland, die sich auch auf die Projektarbeit beider L&auml;nder auswirken.<\/p><p><strong>Wie kam es, dass Sie Mitglied geworden sind?<\/strong><\/p><p>Man wird im Forum durch den Vorstand angenommen, also kooptiert. Dabei steht wie gesagt derzeit der Sportbereich noch nicht im Fokus. Ich w&uuml;rde mich freuen, gerade hier meine Expertise und Erfahrung im deutschen und russischen Sport f&uuml;r diese Initiative einbringen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Nochmal zu Ihrem Vorhaben. Was genau planen Sie, was soll am Ende stehen?<\/strong><\/p><p>Seit einigen Wochen stelle ich ein Team von Repr&auml;sentanten, Ideengebern oder Impulsgebern auf &bdquo;beiden Seiten&ldquo; zusammen. Mit dabei sind Spitzenfunktion&auml;re aus Sportverb&auml;nden, ehemalige Olympioniken, Bundestagsabgeordnete mit Russlanderfahrungen und auch mit Sportvergangenheit, die parteiunabh&auml;ngig wirken sollen. Aber auch der wirtschaftliche sowie der sportwissenschaftliche Aspekt flie&szlig;t hier durch F&uuml;hrungspositionen verschiedener Organisationen von beiden Seiten mit ein.<\/p><p>Zun&auml;chst soll ein deutliches Signal f&uuml;r mehr Miteinander gezeigt werden. Der erste Schritt wird vermutlich Ende dieses Jahres eine erste Konferenz sein. Hier sollen gegenseitige M&ouml;glichkeiten ausgelotet werden, wo &uuml;berall ein Miteinander m&ouml;glich ist und wo bisher die Probleme liegen. Sei es beispielsweise organisatorischer Natur, die Sprachbarriere oder ob Vorst&ouml;&szlig;e schlichtweg boykottiert wurden.<\/p><p>Die Ziele dieser Art Allianz sind verschieden. Es soll beispielsweise zuk&uuml;nftig ein Wissensaustausch sowie Erfahrungsaustausch unter Trainern oder Sportwissenschaftlern stattfinden. Oder, dass russische Spitzenathleten in Deutschland trainieren k&ouml;nnen und umgekehrt, um auch auf der Athletenebene voneinander zu profitieren. Auch die wirtschaftlichen Interessen sollen f&uuml;r beide Seiten nicht unangetastet sein. Der Breitensport soll ebenfalls langfristig in Betracht kommen.<\/p><p><strong>Dieses Projekt scheint Ihnen am Herzen zu liegen. Warum?<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r gibt es viele Gr&uuml;nde. In erster Linie sollen dadurch Vorurteile abgebaut werden. Ich sehe hier aber auch eine sehr gro&szlig;e Chance, voneinander zu profitieren. Wenn eine Athletin oder ein Athlet beispielsweise sein Leben lang nur bei einem Trainer bleibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Potential verschenkt wird. Kommen jedoch verschiedene Impulse oder Ideen hinzu, bringt das beide Seiten nach vorne.<\/p><p>Hierzu ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Als ehemaliger Triathlet und Langstreckenschwimmer in Deutschland dachte ich immer, das, was wir Deutschen machen, ist immer das Beste vom Besten. In vielen Bereichen sind wir auch eine sehr starke Sportnation. Dann habe ich jedoch in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47748\">Russland<\/a> ein teilweise anderes Arbeiten am Beckenrand als Trainer kennengelernt und vor allem viel dazugelernt. Mit diesem Wissen und der Erfahrung auf beiden Seiten k&ouml;nnen Athletinnen und Athleten beider L&auml;nder jedenfalls schneller zum Erfolg gef&uuml;hrt werden.<\/p><p>Diese pers&ouml;nliche Erfahrung gilt insgesamt auch f&uuml;r die verschiedenen Bereiche und Ebenen beider Sportnationen und wird sich ebenfalls auf den deutschen und russischen Sport positiv auswirken.<\/p><p><strong>Der Kalte Krieg ist schon lange zu Ende. Warum gibt es nicht l&auml;ngst einen engeren Austausch zwischen deutschen und russischen Sportlern?<\/strong><\/p><p>Sport sollte Nationen und Menschen verbinden. Jedoch hat man auch den russischen Sport in der medialen Darstellung in Deutschland missbraucht, um einen &bdquo;Kalten Krieg im Sport&ldquo; zu sch&uuml;ren.<\/p><p>Ich hatte Anfang des Jahres ein Treffen mit dem Cheftrainer der russischen Triathlon-Nationalmannschaft im Olympischen Komitee in Moskau. Igor Sysoev und ich hatten uns von Trainer zu Trainer &uuml;ber unterschiedliche Themen und beil&auml;ufig auch &uuml;ber das Thema Dopingvorw&uuml;rfe in Russland unterhalten. Denn man muss ganz klar sagen, dass die Athletinnen und Athleten bei Wettk&auml;mpfen und im Training die Generalverurteilungen und auch Ausgrenzungen sp&uuml;ren und auch einen Nachteil dadurch erleiden. Er war als Trainer sichtlich angespannt deswegen, was ich ebenfalls als Trainer sehr gut nachempfinden kann. Er hatte mir tief in die Augen geschaut und mich mit bestimmenden Worten gefragt: &bdquo;Marco &ndash; was habt ihr in Deutschland eigentlich f&uuml;r ein Problem mit uns?&ldquo; Meine Antwort war einfach. &bdquo;Es sind nicht die Deutschen, Igor. Es ist die Medienlandschaft und leider auch ein Teil unserer Politik. Hinzu kommen einseitig informierte Sportler, die gerne mit dem nackten Finger auf andere zeigen. Aber wir sind nicht alle so &ndash; vertraue uns!&ldquo;<\/p><p><strong>Wenn deutsche Medien &uuml;ber den russischen Sport berichten, dann gibt es oft nur ein Thema: Doping.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich schaden Athleten, die dopen, einer Sportart oder einer Nation &ndash; und zwar &uuml;berall in der Welt! Aber Journalisten, die einseitig berichten und damit auch spalten, richten noch viel gr&ouml;&szlig;eren Schaden an. Das ist vielen Sportlern in Deutschland leider nicht bewusst und ich vermisse die Weitsicht, dieses falsche Spiel zu erkennen. Italien, Frankreich und USA f&uuml;hren die Wada-Liste mit den meisten Dopingverst&ouml;&szlig;en an. Das scheint keinen Sportler, keinen Medienvertreter ernsthaft zu interessieren. <\/p><p>In Russland hat es nat&uuml;rlich Dopingf&auml;lle gegeben. Jedoch existiert dieses Problem zeitgleich in anderen L&auml;ndern noch gravierender. Und mit dem medialen &bdquo;Schlachtwort&ldquo; Staatsdoping hat man folglich einen sehr guten &Uuml;bergang zum Staat geschaffen, um verallgemeinernd wieder Russland als den B&ouml;sen darzustellen. Jedoch gibt es bis heute keine eindeutigen Beweise, dass es tats&auml;chlich staatlich angeordnet wurde. Ich rede von Beweisen und nicht von Floskeln wie &bdquo;liegt der Verdacht nahe&ldquo; oder &bdquo;wird vermutet&ldquo; usw.<\/p><p><strong>Aber diese Formulierungen fallen Ihnen in der Berichterstattung auf?<\/strong><\/p><p>Ja. Dass Italien, Frankreich und USA die Wada-Liste mit den meisten Dopings&uuml;ndern in den letzten Jahren anf&uuml;hren, wissen beispielsweise die wenigsten in Deutschland. Russland steht Kopf an Kopf am siebten Platz mit Indien. H&ouml;ren Sie davon etwas in den &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien? Nein, nat&uuml;rlich nicht, weil Russland auf Teufel komm raus in den deutschen K&ouml;pfen das B&ouml;se verk&ouml;rpern soll. Und im Sport ist es nun mal Doping. Und diese verzerrte Darstellung &uuml;ber den russischen Sport in Deutschland hat noch mehr Distanz im Sport zu Russland geschaffen.<\/p><p>Doping hat im Sport, ohne Wenn und Aber, nichts zu suchen. Ich will hier auch keine Athleten reinwaschen. Aber ich habe in der deutschen Berichterstattung rund um das Thema Doping im Sport die Wahrnehmung, es gibt Dinge, die sollen aufgekl&auml;rt werden und in der Darstellung bewusst &uuml;bertrieben werden. &Uuml;bertrieben dargestellt, um ein Land zu d&auml;monisieren. Und es gibt wiederum Dinge im Sport, die sind weitaus gravierender und dar&uuml;ber &uuml;bt man lieber Stillschweigen. Wie das Tabuthema Doping im Profifu&szlig;ball oder die bisher ca. 2.500 toten Bauarbeiter f&uuml;r den Bau der Fu&szlig;ball-WM-Stadien in Katar zur FIFA-Fu&szlig;ball-WM 2022. Oder was ist mit Doping im US-Sport? Sie sind schlie&szlig;lich die am meisten gedopten Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen. H&auml;tten wir eine ehrliche und objektive Berichterstattung zu all diesen Punkten, h&auml;tten wir in Deutschland nicht dieses Feindbild &uuml;ber den russischen Sport.<\/p><p>Titelbild: Aleksandar Mijatovic \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch durch massive Medienkampagnen haben die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47783\">deutsch-russischen Beziehungen<\/a> in den vergangenen Jahren gelitten. Der ehemalige deutsche Triathlet und Langstreckenschwimmer <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57624\">Marco Henrichs<\/a><\/strong> ist heute ein bekannter Schwimmtrainer. Denn er repr&auml;sentiert als erster deutscher Sportler und Trainer von Profiathleten eine Schwimmliga in der Wolgaregion in der Russischen F&ouml;deration. 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