{"id":60892,"date":"2020-05-11T14:15:04","date_gmt":"2020-05-11T12:15:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60892"},"modified":"2020-05-11T15:23:33","modified_gmt":"2020-05-11T13:23:33","slug":"kritische-corona-toene-bei-ard-und-zdf-mit-deutlicher-verzoegerung-10-tage-spaeter-als-auf-den-nachdenkseiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60892","title":{"rendered":"Kritische Corona-T\u00f6ne bei ARD und ZDF \u2013 mit deutlicher Verz\u00f6gerung, 10 Tage sp\u00e4ter als auf den NachDenkSeiten"},"content":{"rendered":"<p>Am Sonntagabend waren kritische T&ouml;ne zu den Zahlen des Robert Koch-Institutes (RKI) im &bdquo;ZDF Berlin direkt&ldquo; &ndash; mit Berufung auf ein Thesenpapier von Wissenschaftlern &ndash; und zu der besonderen Belastung von Frauen durch die Ma&szlig;nahmen in den Tagesthemen zu vernehmen. Siehe unten. Zu beiden wichtigen Themenkomplexen konnten Sie auf den NachDenkSeiten sp&auml;testens <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60586\">am 29.4. kritische Anmerkungen lesen<\/a>. <strong>Anette Sorg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWarum es bei den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen l&auml;nger dauert, bis man bereit ist, auf M&auml;ngel oder Verwerfungen hinzuweisen, kann an Personalmangel bei den gro&szlig;en Sendern nicht liegen. An mangelnden finanziellen Ressourcen d&uuml;rfte es aufgrund der Zwangsgeb&uuml;hren ebenfalls nicht liegen, dass ARD und ZDF so langsam sind. Vielleicht konnte man dort das oben genannte Thesenpapier auch einfach nicht mehr ignorieren? Die darin aufgestellten 23 Thesen (vgl. Anhang) w&auml;ren es jedenfalls wert, mehr als 5 Minuten dar&uuml;ber zu berichten, in einer oder mehreren Corona-Sondersendungen zum Beispiel.<\/p><ol>\n<li><strong>Zur Sendung von ZDF Berlin Direkt und dem Vorlauf auf den NachDenkSeiten <\/strong>\n<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;<strong>Corona-Zahlen: Kritik am RKI<\/strong>&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/berlin-direkt\/berlin-direkt-vom-10-mai-2020-100.html\">berichtete das ZDF Deutschland<\/a> von einem Thesenpapier einiger Fachleute und lie&szlig; einige der Fachleute zu Wort kommen. Es lohnt sich, diesen Teil der Sendung von Minute 0:30 bis 5:48 anzuh&ouml;ren und\/oder das  77-seitige Thesenpapier 2.0 mit insgesamt 23 Thesen (vgl. Anhang) anzuschauen. <a href=\"https:\/\/www.bmcev.de\/wp-content\/uploads\/thesenpapier2_corona_200503_endfass.pdf\">Siehe hier<\/a>.<br>\nMit den Inhalten:<\/p>\n<blockquote><p>\nDie Pandemie durch SARS-CoV-2\/Covid-19<br>\nDatenbasis verbessern<br>\nPr&auml;vention gezielt weiterentwickeln<br>\nB&uuml;rgerrechte wahren\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn Sie jetzt nachlesen, was Sie am 29. April auf den NachDenkSeiten lesen konnten, dann werden Sie verbl&uuml;fft sein. Das ist nicht als Kritik an den Wissenschaftlern zu verstehen, die ihr Papier immerhin schon am 3. Mai ver&ouml;ffentlicht hatten.<\/p>\n<p>Auszug aus NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60586\">Corona &ndash; Was mich umtreibt, was viele umtreibt: Ein andauerndes Chaos<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\n&hellip;&ldquo;Seri&ouml;s ist es nicht, wenn man die Sterblichkeit an positiv getesteten Personen festmacht, ohne zu erw&auml;hnen, dass wir die Zahl der tats&auml;chlich Infizierten nicht kennen. Seri&ouml;s ist es auch nicht, auf eine Zunahme der Infizierten zu schauen, ohne die Anzahl der durchgef&uuml;hrten Tests in Relation zu setzen. Seri&ouml;s ist es auch nicht, wenn man zun&auml;chst die Zahl der Genesenen unterschl&auml;gt oder die Todeszahlen der einzelnen L&auml;nder als absolute Zahl vergleicht und nicht mit der Einwohnerzahl relativiert. Einem (guten) Journalisten muss so etwas auffallen (vorausgesetzt er m&ouml;chte, dass es ihm auff&auml;llt) und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60287\">nicht erst einem Statistiker wie Gerd Bosbach<\/a>&hellip; Was mich komplett irritiert hat, waren die verschiedenen Begrifflichkeiten, die verwendet wurden, um die Ma&szlig;nahmen zu begr&uuml;nden, zu verl&auml;ngern oder ggf. zu lockern. Zuerst war &ldquo;flatten the curve&rdquo; gef&uuml;hlte 100-mal t&auml;glich zu h&ouml;ren. Dabei ging es nicht um die Gefahr f&uuml;r das Leben der Betroffenen, sondern um die Gefahr f&uuml;r das Gesundheitssystem, dessen m&ouml;glicher &Uuml;berlastung. Irgendwann verschwand dieser Begriff aus der Berichterstattung und man konzentrierte sich auf die <strong>Verdopplungszeit<\/strong>. Diese sollte von zwei Tagen auf 10 Tage gesteigert werden&hellip; oder 14&hellip;. oder 20&hellip; oder&hellip; Begr&uuml;ndung &uuml;brigens weitestgehend Fehlanzeige. Wurde jeweils ein Wert erreicht, wurde der n&auml;chsth&ouml;here als Ziel verk&uuml;ndet. Als n&auml;chstes wurde mit der Reproduktionszahl R jongliert. Die m&uuml;sse unter 1,0 sein, dann sei die Pandemie beherrschbar und Lockerungen des Lockdown denkbar. Nach noch nicht richtig erfolgten Lockerungen wurden wir mit den Gefahren einer zweiten Welle konfrontiert und wie das Kaninchen vor der Schlange auf die Zahl der Neuinfizierten geschaut. F&uuml;hle ich mich bei den gebetsm&uuml;hlenartigen Wiederholungen der Hygiene- und Abstandsregeln unterfordert und wie ein dummes, unm&uuml;ndiges Kind behandelt, so f&uuml;hle ich mich bei dieser Art von Wechsel in den Kennzahlen und deren variabler Grenzziehungen tats&auml;chlich &uuml;berfordert. Auch wenn der <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wissen\/Warum-die-Corona-Kennzahl-staendig-wechselt-article21742857.html\">hier<\/a> verlinkte Artikel verzweifelt versucht, diese Vorgehensweise zu begr&uuml;nden, sieht Vertrauen bildende Berichterstattung anders aus&hellip; Obduktionen w&uuml;rden erhellend wirken. Gerade wenn es um ein neues Virus geht, sollte der wissenschaftliche Anspruch doch sein, so viel als m&ouml;glich und so schnell als m&ouml;glich &uuml;ber dessen Wirkungen im menschlichen K&ouml;rper zu erfahren. Warum also hat das RKI davon abgeraten? Weil sie fr&uuml;hzeitig die Ergebnisse gebracht h&auml;tten, die der Hamburger Pathologe P&uuml;schel bei Markus Lanz und an anderen Stellen vorgestellt hat: Kein Versterben an und mit Corona ohne Vorerkrankungen, die Betroffenen w&auml;ren &uuml;ber kurz oder lang ohnehin gestorben. Das mag f&uuml;r den einen oder anderen zynisch klingen, aber m&uuml;sste der Mehrzahl doch die Furcht nehmen!<\/p>\n<p>Dem Einwand, die Hamburger Ergebnisse seien nicht repr&auml;sentativ, k&ouml;nnte man mit eben solchen repr&auml;sentativen (vielleicht sogar vom RKI empfohlenen und begleiteten) Obduktionen begegnen. Die Ergebnisse von Dr. P&uuml;schel lie&szlig;en sich best&auml;tigen oder halt nicht.<\/p>\n<p>Ebenso lie&szlig;en sich weitere repr&auml;sentative Untersuchungen vornehmen. Etwa in der Art, wie sie der Virologe Streeck mit seinem Team in Heinsberg vorgenommen hat. Anstatt ihm vorzuwerfen, es sei nicht sauber wissenschaftlich gearbeitet worden, m&uuml;sste das RKI die Standards f&uuml;r solche repr&auml;sentativen Tests festlegen. Warum tut es das nicht? <\/p>\n<p>Und wo bleiben die Antik&ouml;rpertests? Sie w&auml;ren so dringend notwendig. Gerade im Pflegebereich und bei anderen systemrelevanten Berufen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li><strong>In den Tagesthemen vom 10. Mai gab es <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt-7507.html\">ein St&uuml;ck zu den Machtfragen in der Coronakrise<\/a><\/strong>\n<p>Dort ging es ab Minute 3:45 unter anderem um: &Uuml;berwiegend Frauen aufgrund von Corona-Beschr&auml;nkungen zu Hause <\/p>\n<p>Auf den NachDenkSeiten konnten sie am 29. April diese Passage lesen:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Wir k&ouml;nnen eine Mehrfachbetroffenheit in dieser Corona-Zeit und deren Beschr&auml;nkungen bei Familien und insbesondere bei Frauen feststellen. Sie sind Alleinerziehende, Minijobberinnen, systemrelevante (und damit h&auml;ufig einhergehend schlechtbezahlte) Erwerbspersonen , Kinderbetreuerinnen, Ersatzlehrerinnen, h&auml;uslich Pflegende und von h&auml;uslicher Gewalt Betroffene. Eine Familienministerin im Krisenstab sucht man dennoch vergeblich, wo doch sonst der Artikel 6 unseres Grundgesetzes so in den Vordergrund gestellt wird, wie auch diese Kommentatorin des BR, Kirstin Girschick, <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/daserste\/player\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhZ2VzdGhlbWVuL2UwN2QwZDM0LWViZDMtNDNiMi05YmM3LWFhZjUyYzQ5ZGQ4NA\/tagesthemen\">ab Minute 08:20 feststellt<\/a>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Immerhin, das muss mit Freude festgestellt werden, konnten wir damals schon eine Kommentatorin des Bayerischen Rundfunks zitieren, also auch von der ARD.<\/p>\n<p>Wir brauchen das Lob der Vertreter des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht &ndash; auch wenn wir neben unserer Kritik auch oft auf gute St&uuml;cke &ouml;ffentlich-rechtlicher Sender aufmerksam machen, diese zitieren und freundlich kommentieren. <\/p>\n<p>Es w&auml;re ja schon ein Anfang, wenn die &Ouml;ffentlich-Rechtlichen wenigstens die Gr&ouml;&szlig;e h&auml;tten, nicht alle abweichenden Meinungen als Verschw&ouml;rungstheorien abzuqualifizieren. Aber das ist ja einfacher: Schwups, ein Etikett verteilt, dann muss man sich mit den Inhalten nicht auseinandersetzen.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Anhang<\/strong><br>\n<strong><a href=\"https:\/\/www.bmcev.de\/wp-content\/uploads\/thesenpapier2_corona_200503_endfass.pdf\">23 Thesen aus diesem Papier<\/a><\/strong><\/p><p><strong>These 1:<\/strong> Das Virus SARS-CoV-2 und die davon verursachte Erkrankung Covid-19 weisen die Charakteristika einer typischen Infektionskrankheit auf. Die mittlere Inkubationszeit betr&auml;gt 5 Tage, es besteht eine ca. 2 Tage w&auml;hrende pr&auml;symptomatische Phase mit hoher Infektiosit&auml;t, der oligo- bzw. asymptomatische Verlauf ist h&auml;ufig, hohes Alter und bestehende Vorerkrankungen bedingen eine schlechte Prognose und die Letalit&auml;t liegt insgesamt unter 1%. Bei lokaler &Uuml;berlastung von Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen durch herdf&ouml;rmige Ausbreitung (z.B. gro&szlig;e Veranstaltungen) oder mangelnde Organisation bzw. Ausstattung (z.B. Schutzkleidung) kann es zu schweren nosokomialen und herdf&ouml;rmigen Ausbr&uuml;chen kommen.<\/p><p><strong>These 2:<\/strong> Die Aussagekraft der t&auml;glich gemeldeten Neuinfektionen in der jetzigen Form ist (sehr) gering. Sie sollte dringend um die Zahl der im gleichen Zeitraum getesteten Personen erg&auml;nzt werden, damit sich die informierte &Ouml;ffentlichkeit ein zutreffendes Bild &uuml;ber die Situation machen kann. Au&szlig;erdem ist zu &uuml;berlegen, ob die gegenw&auml;rtig t&auml;glich berichteten Zahlen bei einem inhomogen ablaufenden Infektionsgeschehen f&uuml;r die Beurteilung des Verlaufs aussagef&auml;hig sind.<\/p><p><strong>These 3:<\/strong> Es ist zu fordern, dass der t&auml;gliche Bericht zus&auml;tzlich die Zahl der asymptomatischen Infizierten und die neu gestellten Indikationen zur Intensivtherapie umfasst bzw. diese mehr in den Vordergrund stellt. Diese Angaben k&ouml;nnen der &Ouml;ffentlichkeit die realistische Beurteilung der Situation enorm erleichtern.<\/p><p><strong>These 4:<\/strong> die Zahl der &bdquo;Genesenen&ldquo; muss auf die Zahl der symptomatisch Erkrankten bezogen und entsprechend berichtet werden.<\/p><p><strong>These 5:<\/strong> Das RKI muss die Grundgesamtheit, auf die sich die Sterblichkeit bezieht, in seiner t&auml;glichen Berichterstattung genauso nennen wie die zurechenbare Letalit&auml;t (<em>attributable mortality<\/em>). Der Bezug auf die gemeldeten F&auml;lle ist wegen der Dunkelziffer durch nicht gemeldete F&auml;lle methodisch unzul&auml;ssig. Die Obduktion der im Zusammenhang mit COVID-19 gestorbenen Patienten muss verpflichtend eingef&uuml;hrt werden, um diesen zentralen medizinischen und epidemiologischen Zusammenhang aufzukl&auml;ren und au&szlig;erdem Informationen f&uuml;r die Behandlung (und Diagnostik) zu gewinnen (gem. &sect;25(4) Infektionsschutzgesetz). M&ouml;gliche methodische Probleme weisen eine hohe Dringlichkeit auf, eventuell kann mit vorl&auml;ufigen Scoresystemen gearbeitet werden.<\/p><p><strong>These 6:<\/strong> Pr&auml;valenzuntersuchungen sind vielleicht zu Beginn einer Epidemie nicht zu vermeiden, aber problematisch. Es kommen dabei mehrere Effekte zusammen, die alle zu einer &Uuml;bersch&auml;tzung der Problematik f&uuml;hren:<\/p><ul>\n<li>Grunds&auml;tzlich &uuml;bersch&auml;tzen Pr&auml;valenzuntersuchungen die H&auml;ufigkeit im Vergleich zur Inzidenz.<\/li>\n<li>Anlass-bezogene Testungen &uuml;bersch&auml;tzen die H&auml;ufigkeit.<\/li>\n<li>Pr&auml;valenzuntersuchungen &uuml;bersch&auml;tzen die Bedeutung von Patienten mit schweren Verl&auml;ufen, soweit man davon ausgeht, dass die Merkmalsdauer ein Surrogat f&uuml;r die Krankheitsschwere darstellt.<\/li>\n<\/ul><p><strong>These 7:<\/strong> Umso weiter die vorhandenen Testkapazit&auml;ten ausgebaut werden, desto gr&ouml;&szlig;er wird das zahlenm&auml;&szlig;ige Problem mit falsch-positiven Testergebnissen, bei denen die PCR ein positives Ergebnis erbringt, obwohl keine Infektiosit&auml;t (mehr) besteht. Es ist daher zu empfehlen, die PCR mit einer Methode zu kombinieren, die aus der Gruppe der PCR-positiven F&auml;lle, die die Symptome &uuml;berwunden haben, diejenigen identifiziert, die nicht mehr infekti&ouml;s sind (z.B. mit einem positiven IgMAntik&ouml;rpernachweis).Bei diesen Personen k&ouml;nnte die Quarant&auml;nedauer reduziert werden.<\/p><p><strong>These 8:<\/strong> Bei der Planung der zuk&uuml;nftigen Teststrategien sind zwei Ziele zu unterscheiden. Auf der einen Seite steht (1) die Planung von repr&auml;sentativen Stichproben mit optimal eingestellten Messinstrumenten (PCR zusammen mit Antigentest (zuk&uuml;nftig) und Antik&ouml;rper-Serologie). Diese Zielrichtung ist sinnvoll und sollte mit Nachdruck priorisiert werden. Sinnvoll ist (2) ebenso die Nachverfolgung von Infektionsketten (Abb. 5 Option A). Problematisch ist jedoch eine massive Ausweitung der Testung, denn unter Alltagsbedingungen ist dringend vor einer &Uuml;berlastung durch falsch-positive Ergebnisse zu warnen, die jeweils nachverfolgt werden m&uuml;ssen und weitere Kontaktuntersuchungen ausl&ouml;sen (Abb. 5 Option B). Stattdessen sollte der (quantitative) Testumfang vorsichtig und anlassbezogen ausgeweitet werden. Allerdings sind diese anlassbezogenen Testungen nicht oder nur unter gr&ouml;&szlig;ten Vorsichtsma&szlig;nahmen als H&auml;ufigkeitsma&szlig;e zu verwenden.<\/p><p><strong>These 9:<\/strong> Die derzeit zur Steuerung und Au&szlig;enkommunikation verwendete Begriff der effektiven Reproduktionszahl R<small>eff<\/small> vergleicht zwei gemittelte Pr&auml;valenzstichproben, die im Abstand der gemittelten Generationszeit von vier Tagen erhoben werden. Diese Ann&auml;herung an die Dynamik der Entwicklung ist stark von den Testumf&auml;ngen der beiden verglichenen Intervalle abh&auml;ngig und wird sich vorhersehbar durch die geplante massive Ausdehnung der Testung in den n&auml;chsten Wochen wieder auf einen Wert &uuml;ber 1 erh&ouml;hen. Die Kommunikation dieses Wertes ist in Deutschland und in der Schweiz sehr verz&ouml;gert erfolgt; es gibt deutliche Anhaltspunkte f&uuml;r die Annahme, dass die einfachen Ma&szlig;nahmen wie Verbot von Gro&szlig;veranstaltungen bereits ausgereicht h&auml;tten. Auf jeden Fall reichen die beschriebenen Werte aus, um eine weitere &Ouml;ffnung der Ma&szlig;nahmen offen zu diskutieren.<\/p><p><strong>These 10:<\/strong> Da es deutliche Hinweise auf eine relevante Zahl von asymptomatisch Infizierten und auf eine hohe Dunkelziffer gibt (sowohl punktuell als auch &uuml;ber die Dauer der gesamten Infektion hinweg), muss der Aufwand zur Planung und Umsetzung von aussagekr&auml;ftigen Kohortenstudien verst&auml;rkt werden. Die Ergebnisse werden allerdings dazu f&uuml;hren, dass die in der Kommunikation des RKI verwendeten Zahlen (Anteil Genesener, Anteil Intensivpflichtiger, Sterblichkeit) deutlich absinken. Daher muss die Problematik der asymptomatisch Infizierten offensiv und verst&auml;ndlich kommuniziert werden.<\/p><p><strong>These 11:<\/strong> Kinder scheinen in zweierlei Hinsicht eine besondere Rolle zu spielen, denn sie werden zum einen deutlich seltener infiziert, und zum anderen werden sie nicht schwer krank. Einer &Ouml;ffnung der Betreuungs- und Bildungseinrichtungen f&uuml;r Kinder steht aus wissenschaftlicher Sicht keine begr&uuml;ndbare Erkenntnis entgegen.<br>\nSinnvoll w&auml;re eine epidemiologische Betreuung der anstehenden &Ouml;ffnung, die der Frage nachgeht, ob Infektionen bzw. Erkrankungen auftreten (repr&auml;sentative Stichprobe).<\/p><p><strong>These 12:<\/strong> Die nosokomiale Ausbreitung im institutionellen Rahmen und das herdf&ouml;rmige Auftreten muss als ein f&uuml;r die Zukunft wahrscheinlich entscheidendes Momentum angesehen werden. Dieser Ausbreitungstyp gehorcht keinen linearen Mustern, sondern tritt zuf&auml;llig und ungesteuert auf (Emergenz). Dieser Umstand stellt hohe Anforderungen an die Strukturen und die institutionelle Reaktionsf&auml;higkeit der Krankenversorgungs-, Pflege- und Betreuungseinrichtungen.<\/p><p><strong>These 13:<\/strong> Die SARS-CoV-2\/Covid-19-Epidemie wird die weitere Entwicklung der nationalen Gesundheitssysteme pr&auml;gen. Bereits jetzt sind Unterschiede in der Bew&auml;ltigung der Problematik sichtbar, die durch Erreger- oder Wirtseigenschaften kaum erkl&auml;rbar erscheinen. Es wird notwendig sein, gezielt &uuml;ber die Steigerung der Resilienz der Systeme nachzudenken.<\/p><p><strong>These 14:<\/strong> Die allgemeinen Pr&auml;ventionskonzepte weisen weiterhin das Paradoxon auf, dass sie umso l&auml;nger andauern m&uuml;ssen, desto erfolgreicher sie sind. Daher ist der &bdquo;Ausstiegspunkt&ldquo; schwer zu bestimmen, an dem sie in Zielgruppen-spezifische Programme &uuml;berf&uuml;hrt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Zeithorizont mehrere Jahre umfasst, auch wenn im kommenden Jahr eine Impfung zur Verf&uuml;gung stehen sollte. Die Gesellschaft w&uuml;rde einen irreparablen Schaden erleiden, m&uuml;sste man einen allgemeinen <em>Lockdown<\/em> &uuml;ber einen so langen Zeitraum aufrechterhalten. Daher ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Pr&auml;ventionsstrategie grundlegend zu &uuml;berdenken.<\/p><p><strong>These 15:<\/strong> Nach dem <em>Throughput<\/em>-Modell der Versorgungsforschung muss man die Kontext-Bedingtheit von Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen mit einbeziehen, um paradoxe oder gar gegenl&auml;ufige Effekte zu vermeiden. Die Auslastung des Gesundheitssystems oder Infektionsraten sind zun&auml;chst Output-Faktoren, die zur Steuerung eingesetzt werden k&ouml;nnen, sich aber erst in ein Patienten- und Populations-wirksames <em>Outcome<\/em> entwickeln m&uuml;ssen. Weiterhin sind als Outcome neben der Ebene der Patienten und Populationen auch Gesellschaft und Wirtschaft mitzudenken.<\/p><p><strong>These 16:<\/strong> Die Auswirkungen des <em>Lockdown<\/em> auf den Verlauf der Epidemie sind schwer abzusch&auml;tzen, sichere Hinweise auf eine Wirkung der verschiedenen Auspr&auml;gungen existieren bislang nicht. Einfache unkontrollierte Beobachtungen reichen nicht aus. Schlie&szlig;t man die unerw&uuml;nschten Nebeneffekte mit ein, ist zun&auml;chst ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen von nicht durch SARS-CoV-2\/Covid-19 bedingten Erkrankungen zu beobachten. Weiterhin und sicherlich nicht weniger bedeutend sind die psychosozialen Folgen der Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen, vor allem soweit sie die Einschr&auml;nkungen der Freiz&uuml;gigkeit betreffen. Diese Folgen reichen von einer Verschlechterung der sozialen Situation &uuml;ber die zunehmende Gewalt im h&auml;uslichen Bereich bis hin zu Erkrankungen und Tod.<\/p><p><strong>These 17:<\/strong> Die sog. Corona-Apps setzen auf einem Technik-zentrierten Verst&auml;ndnis von Pr&auml;vention auf. Ein solches monodimensionales Konzept gibt jedoch nicht den Stand der Praxis und Wissenschaft wieder, denn nach den Entwicklungen der letzten Jahre (<em>Improvement Science<\/em>, Implementierungsforschung) sind sog komplexe Mehrfachinterventionen (<em>Complex Multicomponent Interventions<\/em>, CMCI) als weitaus wirksamer erkannt. Hier werden in zeitlicher Abstimmung mehrere Ebenen der Intervention miteinander kombiniert, wobei organisatorische und Patienten-zentrierte Teilinterventionen im Vordergrund stehen. Die Erfahrungen auf dem Gebiet Patientensicherheit und <em>infection control<\/em> haben gezeigt, dass diese Konzepte insbesondere bei Ereignissen wirkungsvoll sind, bei denen komplexeProzesse und emergente, d.h. nicht vorhersehbare und nicht nach einem nachvollziehbaren Muster auftretende Ereignisse im Mittelpunkt stehen.<\/p><p><strong>These 18:<\/strong> Zielgruppen-orientierte Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen bed&uuml;rfen eines positiven <em>framing<\/em>, der ohne die Assoziation Isolation und Zwang bzw. Sanktion auskommt und ganz auf F&ouml;rderung, Autonomie und W&uuml;rde der Person ausgerichtet ist. Unter diesen Bedingungen kann man die Diskussion ansto&szlig;en, wie Risikogruppen zu definieren sind. Zielf&uuml;hrend sind hier mehrdimensionale Scores, die die Eigenschaften Alter, Komorbidit&auml;t, nosokomiales Risiko und Cluster-Zugeh&ouml;rigkeit kombinieren. Die Autorengruppe legt einen vorl&auml;ufigen und nur der Illustration der m&ouml;glichen Diskussionsrichtung dienenden Vorschlag vor. F&uuml;r die Risikogruppen muss aus dem daran gekn&uuml;pften Vorgehen ein Vorteil erwachsen, z.B. durch bevorzugte und gesch&uuml;tzte Nutzung des &ouml;ffentlichen Raumes oder durch besondere Unterst&uuml;tzung bei der Pflege. Ohne dies empirisch oder modellhaft begr&uuml;nden zu k&ouml;nnen, wird der Gedanke ins Spiel gebracht, dass gesellschaftliche Investitionen in dieser Richtung auch einen positiven Beitrag zu &ouml;konomischen &Uuml;berwindung der Krise leisten k&ouml;nnen, soweit man als Vergleich den Zustand eines fortgesetzten allgemeinen <em>Shutdown<\/em> mit den damit verbundenen Kosten hinzuzieht.<\/p><p><strong>These 19:<\/strong> Im Zusammenhang mit den epidemiologischen Studien kann also sowohl vor dem Hintergrund der negativen Auswirkungen der unspezifischen Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen auf die Verst&auml;rkung der sozialen Benachteiligung als auch vor dem Hintergrund der mangelnden Wirksamkeit f&uuml;r den Verlauf der Epidemie nur die Empfehlung ausgesprochen werden, im Bereich der Kinderg&auml;rten und Schulen die rasche R&uuml;ckkehr zu einer m&ouml;glichst weitgehenden Normalisierung zu beschreiten.<\/p><p><strong>These 20:<\/strong> Organisationen unterschiedlicher Differenzierung stehen im Mittelpunkt gezielter pr&auml;ventiver Ma&szlig;nahmen. Technische und ausr&uuml;stungstechnische Systeme sind zwar notwendig aber nicht hinreichend, damit die Institutionen (Krankenh&auml;user und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens, Pflegeeinrichtungen und Betreuungseinrichtungen) mit der Bedrohung durch SARS-CoV-2\/Covid-19 umzugehen lernen. Da die Bedrohung in Zeitpunkt, Ort und Art des Auftretens nicht bekannt ist und auch nicht in Erfahrung gebracht werden kann, m&uuml;ssen die Organisationen mittel- und langfristig in ihrer Widerstandskraft gest&auml;rkt werden (Resilienz). Unter Ma&szlig;gabe des engen Zeithorizontes sind folgende Ebenen von Bedeutung: F&uuml;hrung (Krisenkommunikation, Mitarbeiterf&uuml;hrung in Bezug auf Epidemie, Entlastung von Schuldzuweisung), Organisationskultur (Leitbild) und Teamkompetenz (z.B. in den Aufnahmeeinrichtungen, auf den Stationen). Zus&auml;tzlich sollten die Au&szlig;enbedingungen angepasst werden: die Organisationen m&uuml;ssen sich sicher sein, dass sie n&ouml;tigenfalls sofort Hilfe erhalten, und sanktionsbewehrte Ma&szlig;nahmen gegen Einrichtungen sollten nicht im Vordergrund stehen. Kritisch f&uuml;r den Erfolg der Ma&szlig;nahmen ist ein positives und Kompetenz-orientiertes <em>framing<\/em>.<\/p><p><strong>These 21:<\/strong> Eine wirkungsvolle spezifische Pr&auml;ventionsma&szlig;nahme, die sich besonders zur Pr&auml;vention von emergenten Ereignissen und deren Folgen eignet, ist die Einrichtung einer regionalen Corona-<em>Task Force<\/em>. Eine solche Einrichtung sollte in der Lage sein, kurzfristig Institutionen zur Seite zu springen, die ein Problem mit einem vorher unbekannten Corona-Fall entweder bei Mitarbeitern oder bei Patienten\/Bewohnern haben. Die <em>Task Force<\/em> kann mit technischer, ablaufbezogener und personeller Unterst&uuml;tzung die Organisation dabei unterst&uuml;tzen, einen drohenden Ausbruch rechtzeitig unter Kontrolle zu bringen. Wichtig ist auch hier das positive <em>framing<\/em>.<\/p><p><strong>These 22:<\/strong> Transparenz, Sprache und Kommunikation sind in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung &auml;u&szlig;erst wichtige Instrumente zur Steuerung von Verhalten und gesellschaftlichen Prozessen. Es ist dringend geboten, dass alle Verantwortungstr&auml;ger sich dieser Verantwortung st&auml;rker im Sinne einer abw&auml;genden Risikokommunikation bewusst werden. Ein Kommunikationsrahmen (<em>framing<\/em>), der auf einer dauerhaften, unab&auml;nderlichen Bedrohungssituation beruht, kann nur kurzfristig aufrechterhalten werden und muss durch positive Botschaften, die auf die L&ouml;sungskompetenz der B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen Bezug nehmen, erg&auml;nzt oder besser abgel&ouml;st werden.<\/p><p><strong>These 23:<\/strong> Die deutsche Verfassung kennt f&uuml;r den Fall einer Pandemie keinen Ausnahmezustand, der eine Abweichung von Aufgabenzuordnungen und Kompetenzen des f&ouml;deralen Staatsaufbaus und der demokratischen Gewaltenteilung erlauben w&uuml;rde. Zwar kann in Grundrechte auch der gesamten Bev&ouml;lkerung eingegriffen werden, doch bed&uuml;rfen Eingriffe stets einer legitimen Rechtfertigung und eines transparenten Abw&auml;gungsprozesses zwischen konkurrierenden Grundrechten sowie zwischen Grundrechten und Schutzpflichten des Staates. Je l&auml;nger Beschr&auml;nkungen andauern, desto st&auml;rker ist der Zwang zu kontinuierlicher Evaluation speziell in Bezug auf die Beachtung der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit ausgepr&auml;gt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntagabend waren kritische T&ouml;ne zu den Zahlen des Robert Koch-Institutes (RKI) im &bdquo;ZDF Berlin direkt&ldquo; &ndash; mit Berufung auf ein Thesenpapier von Wissenschaftlern &ndash; und zu der besonderen Belastung von Frauen durch die Ma&szlig;nahmen in den Tagesthemen zu vernehmen. Siehe unten. Zu beiden wichtigen Themenkomplexen konnten Sie auf den NachDenkSeiten sp&auml;testens <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60586\">am 29.4.<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60892\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":60893,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,165,41],"tags":[1546,1112,2469,2857,2855,2856,2834,1540],"class_list":["post-60892","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-medienanalyse","tag-ard","tag-buergerrechte","tag-epidemie","tag-lockdown","tag-morbiditaet","tag-robert-koch-institut","tag-virenerkrankung","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/200511-ARD-ZDF.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60892","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60892"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60892\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60897,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60892\/revisions\/60897"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60893"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60892"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60892"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}