{"id":61019,"date":"2020-05-17T11:45:43","date_gmt":"2020-05-17T09:45:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61019"},"modified":"2026-01-27T11:35:43","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:43","slug":"was-uns-die-berichterstattung-zur-taubenproblematik-ueber-die-verbundenheit-von-medien-und-politik-zeigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61019","title":{"rendered":"Was uns die Berichterstattung zur \u201eTaubenproblematik\u201c \u00fcber die Verbundenheit von Medien und Politik zeigt"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal lohnt es sich, mit den Augen einer kritischen Wissenschaft auf politisch mehr oder weniger unverd&auml;chtige Themen zu schauen, wie zum Beispiel: Tauben. Minea Pejic hat in einer bemerkenswerten <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/7827\">Studie<\/a> aufgezeigt, dass viele Mediennutzer gar nicht so unrecht haben, wenn sie Journalisten vorwerfen, &bdquo;herrschaftsnah&ldquo; zu berichten. Die Kommunikationswissenschaftlerin hat die Berichterstattung &uuml;ber ein Taubenproblem in den St&auml;dten M&uuml;nchen und Ingolstadt verglichen und dabei festgestellt: Der abgelieferte Journalismus orientiert sich stark an den Sichtweisen der vorherrschenden Politik. In M&uuml;nchen geht die Politik mit H&auml;rte gegen Tauben vor &ndash; dementsprechend f&auml;llt auch der Tenor in der Berichterstattung aus. In Ingolstadt wird auf sanfte Methoden im Umgang mit Tauben gesetzt &ndash; dementsprechend berichten die lokalen Medien. Im NachDenkSeiten-Interview berichtet Pejic &uuml;ber ihre Studie. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9307\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61019-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61019-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200518_Was_uns_die_Taubenproblematik_ueber_die_Verbundenheit_von_Medien_und_Politik_zeigt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sie haben sich in einer wissenschaftlichen Arbeit damit auseinandergesetzt, wie Medien &uuml;ber den Umgang mit Tauben in den St&auml;dten Ingolstadt und M&uuml;nchen berichten. Was haben Sie dabei festgestellt?<\/strong><\/p><p>Obwohl das Thema Tauben keine weitreichende politische Dimension hat, konnte ich dennoch einen interessanten Zusammenhang zwischen der journalistischen Berichterstattung und der Politik feststellen. Bei dem Thema Tauben fungieren Medien n&auml;mlich als politischer Index.<\/p><p><strong>Politischer Index? Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Bei meiner Untersuchung wurde deutlich, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Berichterstattung im Journalismus und den Entscheidungen bzw. den dominanten Positionen in der Politik gibt. Politischer Index hei&szlig;t hier also: Die Berichterstattung ist so angelegt, dass sie der vorherrschenden politischen Meinung zugeneigt ist.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, beim Thema Tauben spiegelt die Lokalberichterstattung in der Tendenz die Sichtweise der jeweilig vorherrschenden Politik wider?<\/strong><\/p><p>Richtig, und das ist ein Problem, das in meiner Arbeit auch sehr klar wird, n&auml;mlich: Ein Teil der Wahrheit f&auml;llt so leider oft unter den Tisch. Wenn Medien zu sehr als politischer Index fungieren, f&uuml;hrt das zu einseitiger Berichterstattung, die nicht das gesamte Spektrum der m&ouml;glichen Positionen und Informationen aufzeigt, sondern nur einen Teil &ndash; den, der in der Politik am h&auml;ufigsten vertreten wird.<\/p><p><strong>Dass Medien sich stark an der Politik ausrichten, wird schon seit l&auml;ngerem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=41\">kritisiert<\/a>. Nur ist die hieb- und stichfeste Beweisf&uuml;hrung oft schwierig.<\/strong><\/p><p>Ja, das stimmt. Auch meine Arbeit hat Grenzen, da sie sich erstens nur innerhalb der Lokalpolitik und innerhalb des Lokaljournalismus bewegt und zweitens, da sie nur ein sehr kleines Thema abdeckt. Hier m&uuml;sste es mehrere Untersuchungen geben, die &uuml;ber mein gew&auml;hltes Thema und &uuml;ber den Lokaljournalismus hinausgehen. Au&szlig;erdem ist es immer schwierig, einen direkten Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen festzustellen, da eine Auswirkung in den seltensten F&auml;llen nur eine einzige Ursache hat. Dass Dinge so sind, wie sie sind, h&auml;ngt oft von einem gro&szlig;en Zusammenspiel mehrerer Faktoren ab. So ein Zusammenhang geht auch meistens nicht nur in eine Richtung &ndash; die zwei Seiten bedingen sich viel eher auch wechselseitig. Genau so ist das auch mit dem Journalismus und der Politik.<\/p><p><strong>Nat&uuml;rlich bewegt sich Ihre Forschungsarbeit in gewissen Grenzen, aber dennoch ist sie sehr interessant, weil Sie konkret aufzeigen, wie genau es aussieht, wenn Journalismus die Sichtweise der Politik &uuml;bernimmt. Haben Sie mit diesem Befund &uuml;berhaupt gerechnet?<\/strong><\/p><p>Um ehrlich zu sein, war ich nicht unbedingt &uuml;berrascht. Der Journalismus und die Medien stehen ja bereits seit l&auml;ngerer Zeit unter gro&szlig;er Kritik, die ihnen eben genau das vorwirft: Konformit&auml;t mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170\">Machteliten<\/a> wie der Politik. Ich war allerdings schon ein wenig verwundert, dass sich das so deutlich und fast ausnahmslos durch jeden meiner untersuchten Artikel gezogen hat. Ich h&auml;tte mir erhofft, dass es auch hin und wieder ein paar Ausrei&szlig;er gibt, die mal einen anderen Blickwinkel auf das Thema &bdquo;Stadttauben&ldquo; werfen. Die gab es zwar schon &ndash; nur nicht genug.<\/p><p><strong>Bevor Sie mehr von Ihren Forschungsergebnissen erz&auml;hlen: Wie sind Sie &uuml;berhaupt auf das Thema &bdquo;Tauben&ldquo; gekommen?<\/strong><\/p><p>Ich bin schon sehr lange im Tierschutz aktiv und bin vor drei Jahren durch eine Bekannte auf die &bdquo;<a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/THMuenchen\/\">Taubenhilfe M&uuml;nchen<\/a>&ldquo; aufmerksam geworden, die verletzte Stadttauben gesundpflegen und sich f&uuml;r einen tierschutzgerechteren Umgang der Lokalpolitik mit den Stadttauben einsetzen. Hin und wieder habe ich selbst verletzte Stadttauben gesundgepflegt und sie dadurch lieben gelernt. Mir war es wichtig, dazu beizutragen, dass sich das &ouml;ffentliche Bild &uuml;ber Tauben in der Gesellschaft ver&auml;ndert. All die negativen Vorurteile gegen&uuml;ber Stadttauben haben sich bei mir sehr schnell in Luft aufgel&ouml;st und ich konnte nicht mehr verstehen, warum sie so verhasst und aktiv bek&auml;mpft werden. Also habe ich zuerst mich selbst und dann die mediale &Ouml;ffentlichkeit zum Thema &bdquo;Stadttauben&ldquo; hinterfragt und festgestellt, dass in der lokalen Berichterstattung in M&uuml;nchen ein bestimmtes Bild &uuml;ber diese V&ouml;gel vermittelt und konstruiert wird.<\/p><p><strong>N&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Tauben als Ratten der L&uuml;fte und Sch&auml;dlinge f&uuml;r Geb&auml;ude und die Gesundheit.<\/p><p><strong>Das Bild von Tauben als &bdquo;Ratten der L&uuml;fte&ldquo; d&uuml;rfte sich tats&auml;chlich bei vielen eingepr&auml;gt haben.<\/strong><\/p><p>Woran Medien nicht unbeteiligt sind. Da ich bereits wusste, dass viele dieser Vorurteile gegen&uuml;ber Tauben wissenschaftlich nicht best&auml;tigt werden konnten, hatte ich schon eine Ahnung, dass in der M&uuml;nchner Berichterstattung gr&ouml;&szlig;tenteils nicht objektiv und vollumfassend berichtet wird. Als ich mir nach Hinweis einer Bekannten aus dem Taubenschutz die Berichterstattung in Ingolstadt ansah, war ich dann sehr &uuml;berrascht.<\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Diese war nicht, wie zun&auml;chst angenommen, ebenfalls negativ, sondern deutlich positiver, objektiver und umfassender als die Berichterstattung in M&uuml;nchen. Der Grund wurde dann sehr schnell klar: W&auml;hrend die Lokalpolitik in M&uuml;nchen durch Vergr&auml;mungsma&szlig;nahmen und F&uuml;tterungsverbot eine aktive Bek&auml;mpfung der Stadttauben f&ouml;rdert, hat sich die Politik in Ingolstadt dazu entschlossen, einen progressiveren Weg zu gehen: das Errichten von Taubenschl&auml;gen nach dem Augsburger Modell zur nachhaltigen Reduktion der Taubenpopulation durch das Austauschen der echten Eier gegen Gipseier. In M&uuml;nchen sind Tauben also Feinde, die bek&auml;mpft werden m&uuml;ssen, in Ingolstadt hingegen sind sie verwilderte Haustiere, f&uuml;r die der Mensch Verantwortung &uuml;bernehmen muss. Die Lokalberichterstattung passt sich in den beiden St&auml;dten also sehr stark an die aktuelle politische Linie an. Das war der Ausgangspunkt f&uuml;r meine Masterarbeit.<\/p><p><strong>Die NachDenkSeiten &uuml;ben immer wieder auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">Sprachkritik<\/a> und weisen darauf hin, dass Sprache <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=neusprech&amp;paged=3\">unser Denken lenken<\/a> kann. Lassen Sie uns nochmal auf die Formulierung &bdquo;Ratten der L&uuml;fte&ldquo; eingehen.<\/strong><\/p><p>Diese Formulierung ist mitunter schuld daran, dass die Taubenproblematik sich in den letzten Jahren so verschlimmert hat. Es ist leider schon oft vorgekommen, dass wir bei unseren Fangversuchen von verletzt gemeldeten Tauben von Menschen angegriffen und beschimpft wurden. &bdquo;Denen sollte man nicht helfen, die sind widerlich!&ldquo;, ist noch eine harmlose Aussage. Eine Kollegin von mir wurde sogar k&ouml;rperlich so stark angegriffen, dass sie ins Krankenhaus musste. Da wird einem erst bewusst, wie gro&szlig; der Hass auf diese Tiere in der Bev&ouml;lkerung ist. Die mediale Konstruktion von Tauben als &bdquo;Ratten der L&uuml;fte&ldquo; hilft da nicht unbedingt.<\/p><p>Das Problem hierbei ist: Einem Feind hilft man nicht gerne. W&uuml;rden die Menschen Tauben positiver gegen&uuml;berstehen, h&auml;tte sich schon viel mehr in der Politik getan. Ich nehme es den Menschen, die Tauben nicht m&ouml;gen, aber nicht &uuml;bel. Die meisten von ihnen sind einfach nur nicht informiert, weil sie eben nur die Informationen aus den Medien haben. W&uuml;ssten die Menschen zum Beispiel, dass Tauben mal Haustiere waren, die ohne die N&auml;he zum Menschen einfach nicht &uuml;berleben k&ouml;nnen und nur aus Not in den St&auml;dten leben, dann h&auml;tten viel mehr Menschen Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese armen Tiere.<\/p><p>Die Stadttaubenproblematik ist nicht nur f&uuml;r den Menschen ein Problem, sondern besonders f&uuml;r die Tauben, die tagt&auml;glich um ihr &Uuml;berleben k&auml;mpfen m&uuml;ssen. Um das vielleicht etwas zu verbildlichen: Das, was die Stra&szlig;enhunde in L&auml;ndern wie Rum&auml;nien sind, sind die Tauben bei uns in Deutschland &ndash; verwilderte und obdachlose Haustiere, die dringend unsere Hilfe ben&ouml;tigen.<\/p><p><strong>Wie sind Sie bei Ihrer Arbeit vorgegangen?<\/strong><\/p><p>Ich habe in M&uuml;nchen die BILD, die S&uuml;ddeutsche, die TZ und den M&uuml;nchner Merkur untersucht und in Ingolstadt den Donaukurier. Mir war es wichtig, die gr&ouml;&szlig;ten Lokalzeitungen der beiden St&auml;dte zu untersuchen. Da es in M&uuml;nchen allerdings mehrere Lokalbl&auml;tter mit gro&szlig;er Reichweite gibt, wurden hier auch mehr Zeitungen in die Analyse mit einbezogen. Ich habe in allen Zeitungen im Zeitraum von Januar 2016 bis Mai 2019 alle Artikel zur Stadttauben-Thematik angesehen. Der Zeitraum war bewusst so gesetzt, da im Laufe des Jahres 2016 in M&uuml;nchen das bisherige F&uuml;tterungsverbot ausgelaufen war und im M&auml;rz 2018 die Entscheidung der Politik f&uuml;r ein erneutes F&uuml;tterungsverbot verk&uuml;ndet wurde. In einem &auml;hnlichen Zeitraum wurde auch in Ingolstadt &uuml;ber den Umgang mit Stadttauben verhandelt &ndash; mit einem gegenteiligen Ergebnis.<\/p><p>Um die Vor- und Nachwirkungen der politischen Verhandlungen und Entscheidungen mit einzufangen, habe ich den Zeitraum ein wenig ausgeweitet. Ich habe dann anhand eines eigens erstellten Kategoriensystems die Artikel miteinander verglichen und analysiert. Gleichzeitig habe ich mir wissenschaftliche Literatur zum Thema &bdquo;Stadttauben&ldquo; angesehen und war sehr schnell ern&uuml;chtert. Leider gibt es nicht viele aktuelle wissenschaftliche Artikel &uuml;ber Stadttauben und die Stadttaubenproblematik. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meinen Theorieteil noch mit drei Experteninterviews zu st&uuml;tzen. Es ist n&auml;mlich wichtig, sich zuerst ein Bild dar&uuml;ber zu machen, was man generell alles &uuml;ber Stadttauben wissen k&ouml;nnte, um dann bei der Analyse feststellen zu k&ouml;nnen, ob Journalisten bei ihrer Berichterstattung umfassend berichten oder eben manche Teile weglassen. Man muss also den &bdquo;Raum des Sagbaren&ldquo; erfassen.<\/p><p><strong>Wie viele Artikel haben Sie insgesamt analysiert?<\/strong><\/p><p>Beim Start meiner Recherche hatte ich deutlich &uuml;ber 100 Artikel zur Auswahl. Ich musste mich dann auf eine kleinere Auswahl von Artikeln begrenzen, die ich in aller Tiefe analysieren konnte. Am Ende waren das grob 55 Artikel.<\/p><p><strong>Wodurch konnten Sie erkennen, dass die Berichterstattung sich an der Politik orientiert?<\/strong><\/p><p>Besonders der Vergleich zwischen M&uuml;nchen und Ingolstadt hat diesen Zusammenhang zwischen Medien und Politik sichtbar gemacht. W&auml;hrend in Ingolstadt die politische Entscheidung f&uuml;r das Augsburger Modell gef&auml;llt wurde, wurde in M&uuml;nchen in einem &auml;hnlichen Zeitraum ein gegenteiliges Ergebnis der Lokalpolitik ver&ouml;ffentlicht: der erneute Erlass des F&uuml;tterungsverbots. Weil die politischen Positionen in der Lokalpolitik der beiden St&auml;dte so verschieden waren, konnte man diesen gro&szlig;en Unterschied auch in der Lokalberichterstattung beobachten. Ver&auml;ndert sich der politische Diskurs zu einem Thema, ver&auml;ndert sich auch die Berichterstattung dazu.<\/p><p>Man hat das besonders bei einzelnen Journalisten und Zeitungen beobachten k&ouml;nnen: Im Donaukurier wurde beispielsweise auch nicht immer positiv &uuml;ber Tauben berichtet, sondern erst, als die Stimmen f&uuml;r das Augsburger Stadttaubenmodell in der Politik lauter wurden und sich die Politiker eingehender mit dem Wesen und den Fakten der Stadttauben besch&auml;ftigt haben. Auch in M&uuml;nchen haben einzelne Journalisten ihre Artikel an den politischen Diskurs angepasst: W&auml;hrend in einem Jahr sehr viel zu Vergr&auml;mungsma&szlig;nahmen durch Falkner berichtet wurde, da dies zu dieser Zeit in der Politik das dominante Thema war, wurde nach einem Stimmungsumbruch in der Politik hin zum F&uuml;tterungsverbot als &bdquo;einzig effektive Ma&szlig;nahme&ldquo; nun auch in der Lokalberichterstattung von denselben Journalisten auf dieses Thema umgeschwenkt.<\/p><p>Die M&uuml;nchner Zeitungen versuchen gr&ouml;&szlig;tenteils, das Bild der &bdquo;Taube als Sch&auml;dling&ldquo; aufrechtzuerhalten. Dazu verwenden sie W&ouml;rter wie &bdquo;eklig&ldquo;, &bdquo;Krankheits&uuml;bertr&auml;ger&ldquo; oder eben das weitverbreitete &bdquo;Ratten der L&uuml;fte&ldquo;. In Ingolstadt findet man diese W&ouml;rter nicht mehr, hier ist die Berichterstattung wesentlich objektiver und positiver und unterst&uuml;tzt das Bild der &bdquo;Taube als verwildertes Haustier&rdquo;. Auch lassen die M&uuml;nchner Lokalzeitungen viel seltener Taubenexperten aus dem Tierschutz zu Wort kommen, sondern eher Sprecher von Vergr&auml;mungsunternehmen oder Politiker. In Ingolstadt ist dies ebenfalls anders, hier werden sehr viele Taubenexperten aus dem Tierschutz zitiert.<\/p><p><strong>Haben die Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit Ihren Blick auf Medien ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>Ich denke nicht, sie haben meine Vermutungen eher best&auml;tigt und verst&auml;rkt.<\/p><p><strong>Noch eine Frage zum &bdquo;Taubenproblem&ldquo;. Wohl nicht wenige St&auml;dte versuchen etwas gegen Tauben zu unternehmen. Aus Ihren Einblicken: Was meinen Sie, was w&auml;ren vern&uuml;nftige L&ouml;sungen?<\/strong><\/p><p>Diese Frage ist sehr wichtig und ich freue mich, dass Sie sie mir stellen! Ich wurde in einem anderen Interview gefragt: &bdquo;Wo sollen Tauben eher ihr Nest bauen? In der Stadt oder auf dem Land?&ldquo;. Diese Frage ist insoweit interessant, da sie auf das Grundproblem in der ganzen Stadttaubenthematik deutet: Den &bdquo;nat&uuml;rlichen&ldquo; Lebensraum von Stadttauben. Den gibt es n&auml;mlich nicht. Stadttauben sind verwilderte Haustauben, die vom Menschen jahrhundertelang gez&uuml;chtet und gehalten wurden. Durch diese lange Zucht haben sie komplett verlernt, ohne die N&auml;he des Menschen zu &uuml;berleben. Es ist ganz wichtig, den Unterschied zwischen einer Haustaube, wie es die Stadttaube ist, und einer Wildtaube zu kennen.<\/p><p><strong>Was ist der Unterschied?<\/strong><\/p><p>Wildtauben leben drau&szlig;en und wissen auch, wo sie Nahrung finden k&ouml;nnen. Stadttauben bzw. Haustauben wissen das nicht. Sie w&uuml;rden vor einem Weizenfeld verhungern. Da sie aber von der wilden Felsentaube abstammen, lassen sich die Stadttauben &ndash; wie es ihr Name bereits sagt &ndash; in den St&auml;dten nieder. Die Geb&auml;ude in der Stadt &auml;hneln den Felsen, an denen die Felsentauben leben.<\/p><p>Die Stadttauben leben aber nicht freiwillig in den St&auml;dten, sondern nur, weil sie die N&auml;he zum Menschen brauchen. Sie ern&auml;hren sich von M&uuml;ll und Essensresten, was kein artgerechtes Futter f&uuml;r K&ouml;rnerfresser ist und viele Tauben verhungern dennoch oder verletzen sich bei der verzweifelten Suche nach Futter sehr schwer. Dadurch, dass der Mensch ihnen einen unnat&uuml;rlichen Brutzwang angez&uuml;chtet hat, br&uuml;ten Tauben das ganze Jahr &uuml;ber bis zu siebenmal &ndash; auch im Winter, was das Stadttaubenproblem noch verst&auml;rkt. Um also auf die Frage nach dem besten Ort f&uuml;r ein Tauben-Nest zur&uuml;ckzukommen: Stadttauben sollten ihr Nest in einem von der Stadt gestellten, betreuten Taubenschlag bauen.<\/p><p><strong>Warum das?<\/strong><\/p><p>Dort k&ouml;nnen die Eier der Stadttauben n&auml;mlich gegen Gipsattrappen getauscht und so eine nachhaltige und langfristige Reduktion der Taubenpopulation erreicht werden. Die Tauben bekommen dort auch artgerechtes Futter und Wasser und m&uuml;ssen so nicht den ganzen Tag in den St&auml;dten nach Futter suchen, sondern verbringen 80 Prozent ihres Tages im Taubenschlag. Damit f&auml;llt ein Gro&szlig;teil des ausgeschiedenen Kots gesammelt im Schlag an und kann fachgerecht entsorgt werden, anstatt in der ganzen Stadt verteilt zu werden.<\/p><p>&Uuml;brigens: Durch ein F&uuml;tterungsverbot verringert sich die Taubenpopulation in einer Stadt nicht &ndash; im Gegenteil: Tauben br&uuml;ten dann sogar tendenziell mehr. Ein Taubenschlag an jedem Tauben-&bdquo;Hot-Spot&ldquo; einer Stadt w&auml;re also eine Win-Win-Situation f&uuml;r Mensch und Tier und die bisher einzige erwiesenerma&szlig;en effektive und nachhaltig wirksame L&ouml;sung f&uuml;r das Stadttaubenproblem. Leider haben das noch nicht viele St&auml;dte begriffen, da sie sich nicht mit dem Wesen und der Herkunft der Tauben befasst haben. Deswegen greifen sie immer noch zu ineffektiven Ma&szlig;nahmen wie F&uuml;tterungsverboten oder Vergr&auml;mungen durch Netze und Spikes in der Hoffnung, die Stadttauben irgendwann ganz vertreiben zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Das wird aber nie passieren, da die Stadttauben nirgendwo anders hink&ouml;nnen, als in der Stadt und in der N&auml;he vom Menschen zu bleiben. Mit Vergr&auml;mungen verlagert man das Problem nur von Haus zu Haus, anstatt es im Kern zu l&ouml;sen. F&uuml;tterungsverbote und Vergr&auml;mungen machen, wenn &uuml;berhaupt, nur Sinn in Kombination mit betreuten Taubenschl&auml;gen &ndash; sie sind keine in sich allein funktionierende L&ouml;sung. Ich hoffe, diese Erkenntnis kommt auch irgendwann bei der Lokalpolitik der deutschen St&auml;dte an.<\/p><p>Titelbild: hkhtt hj\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal lohnt es sich, mit den Augen einer kritischen Wissenschaft auf politisch mehr oder weniger unverd&auml;chtige Themen zu schauen, wie zum Beispiel: Tauben. Minea Pejic hat in einer bemerkenswerten <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/7827\">Studie<\/a> aufgezeigt, dass viele Mediennutzer gar nicht so unrecht haben, wenn sie Journalisten vorwerfen, &bdquo;herrschaftsnah&ldquo; zu berichten. 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