{"id":61075,"date":"2020-05-18T11:40:58","date_gmt":"2020-05-18T09:40:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61075"},"modified":"2020-05-18T12:09:18","modified_gmt":"2020-05-18T10:09:18","slug":"codename-cherokee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61075","title":{"rendered":"Codename \u201eCherokee\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren, im Mai 1980, schlug das s&uuml;dkoreanische Milit&auml;r mit Wissen und Billigung Washingtons den Volksaufstand in der s&uuml;dwestlichen Stadt Gwangju brutal nieder. Zehn lange Tage, vom 18. bis zum 27. Mai 1980, w&auml;hrte der Blutrausch, der bis heute die Gem&uuml;ter &ndash; vor allem in der Republik Korea (S&uuml;dkorea) &ndash; aufw&uuml;hlt. Dort gilt der 18. Mai als &bdquo;Tag f&uuml;r den demokratischen Aufstand&ldquo;, an den w&auml;hrend zahlreicher Gedenkveranstaltungen feierlich erinnert wird. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Im Mai 1980 protestierten in zahlreichen St&auml;dten S&uuml;dkoreas die Menschen f&uuml;r bessere Lebensbedingungen, k&uuml;rzere Arbeitszeiten, f&uuml;r Freiheit und Demokratie. Zu lange hatte eine Milit&auml;rjunta unter F&uuml;hrung Park Chung-Hees, der w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs als Kollaborateur der verhassten Kolonialmacht Japan ausgerechnet in dessen kaiserlicher Armee als Offizier gedient hatte, dem Land gewaltsam ihren Stempel aufgedr&uuml;ckt. Dissens, Protest und Widerstand erstickten Parks Schergen bereits im Keim.<\/p><p>Ende Oktober 1979 wurde der Pr&auml;sident selbst Opfer seiner Soldateska, erschossen vom eigenen Geheimdienstchef. Das kurze politische Tauwetter endete jedoch mit einem Blutbad. Bis zum Fr&uuml;hjahr 1980 etablierte Chun Doo-Hwan seine Macht &ndash; auch er ein General. Zu heftig, befand die Milit&auml;rclique um Chun, hatten die Menschen, vor allem im S&uuml;dwesten des Landes und in der Stadt Gwangju, nach Demokratie verlangt. Abkommandierte Eliteeinheiten schlugen schlie&szlig;lich die w&uuml;tenden Proteste der Stadtbewohner nieder und &uuml;bernahmen am 27. Mai 1980 wieder die Kontrolle &uuml;ber die City. Das Regime sah die &bdquo;nationale Sicherheit&ldquo; gef&auml;hrdet und bef&uuml;rchtete, Nordkorea k&ouml;nnte die instabile Lage zu seinen Gunsten ausnutzen. Mit der Alternative konfrontiert, f&uuml;r Freiheit und Menschenrechte oder die Wahrung eigener &ndash; vorrangig milit&auml;rstrategischer &ndash; Interessen einzustehen, entschied sich die langj&auml;hrige &bdquo;Schutzmacht&ldquo; USA auf dem H&ouml;hepunkt des Kalten Krieges f&uuml;r Letzteres.<\/p><p>Die Wunden von Gwangju sind bis heute nicht vernarbt. Viele Menschen in S&uuml;dkorea leiden unter den posttraumatischen Auswirkungen der brutalen Niederschlagung des Aufstands im Mai 1980. Zahlreiche Gedenkfeiern erinnern allj&auml;hrlich an das furchtbare Geschehen. Doch gleichzeitig ist mit dem Namen Gwangju auch der Beginn einer neuen &Auml;ra ebenso breiter wie vitaler Bewegungen f&uuml;r Demokratie auf der 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer geteilten koreanischen Halbinsel verbunden.<\/p><p><strong>Nach einem kurzen demokratischen Fr&uuml;hling &hellip;<\/strong><\/p><p>In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Republik Korea (S&uuml;dkorea) eine rasante, staatlich gelenkte industrielle Entwicklung. Zweistellige Wachstumsraten pro Jahr waren die Regel. Zwar entstand langsam eine Mittelschicht in den st&auml;dtischen Zentren. Doch die Masse der Bev&ouml;lkerung hatte unter Kriegsrecht zu leiden und keinen Anteil an dem neuen Reichtum. Den teilten die Vertreter der chaebol, der m&auml;chtigen Finanz- und Wirtschaftskonglomerate und der politisch-milit&auml;rischen F&uuml;hrungsriege um General Park Chung-Hee, der das Land mit eiserner Faust regierte, unter sich auf. 1979 kam es nach Jahren martialisch verordneter Ruhe landesweit zu Protestm&auml;rschen und Streiks: Dem Ruf nach Demokratisierung, verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen, Versammlungs- und Organisationsfreiheit und Wiedervereinigung mit Nordkorea schlossen sich nunmehr auch b&uuml;rgerlich-gem&auml;&szlig;igte &ndash; doch politisch ausgegrenzte &ndash; Kr&auml;fte um die bekannten Oppositionspolitiker Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam an.<\/p><p>Schlie&szlig;lich residierte im Wei&szlig;en Haus mit James Earl (Jimmy) Carter (1977-81) ein US-Pr&auml;sident, der nicht nur oberster milit&auml;rischer Schutzpatron &uuml;ber den S&uuml;den der geteilten koreanischen Halbinsel war, sondern die weltweite Wahrung und Durchsetzung der Menschenrechte, zumindest bei seinem Amtsantritt, zur Maxime seiner Politik deklariert hatte. Pr&auml;sident Park wurde unter solchen Bedingungen selbst unter den Herrschenden immer mehr zur Hypothek. Innerhalb des s&uuml;dkoreanischen Machtapparates hatte er die F&auml;higkeit einer integrativen Leitfigur eingeb&uuml;&szlig;t. Am 26. Oktober 1979 wurde Park von seinem eigenen Geheimdienstchef Kim Jae-Kyu erschossen.<\/p><p>Anschlie&szlig;ende Unruhen im Lande und innermilit&auml;rische Friktionen wusste eine Gruppe um Generalleutnant Chun Doo-Hwan geschickt f&uuml;r ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Mitte Dezember 1979 putschte Chun mit seinen Getreuen gegen die damalige Milit&auml;rf&uuml;hrung, die ihm zu lasch erschien, stellte den Sicherheitschef Chung als Komplizen des Tyrannenmords vor Gericht und r&auml;chte Parks Tod, indem er den Attent&auml;ter Kim Jae-Kyu und vier Mitverschw&ouml;rer h&auml;ngen lie&szlig;. Seine eigene Macht vervollkommnete der neue &bdquo;starke Mann&ldquo; im April 1980, als er &uuml;berdies die F&uuml;hrung des m&auml;chtigen Geheimdienstes KCIA, des s&uuml;dkoreanischen Pendants des US-amerikanischen CIA, an sich ziehen konnte. Da Chun bereits den milit&auml;rischen Sicherheitsdienst kontrollierte, besa&szlig; er eine bis dahin unerreichte Machtf&uuml;lle, die ihn pr&auml;destinierte, schlie&szlig;lich selbst ins Blaue Haus, den Amtssitz des Pr&auml;sidenten, einzuziehen und so den schwachen &Uuml;bergangspr&auml;sidenten Choi Kyu-Hah abzul&ouml;sen.<\/p><p><strong>&hellip; folgte die unumschr&auml;nkte Macht der Gener&auml;le<\/strong><\/p><p>In den sechs Monate w&auml;hrenden Wirren seit der Ermordung Park Chung-Hees waren Gro&szlig;demonstrationen in zahlreichen St&auml;dten an der Tagesordnung. Im Lande herrschte eine Aufbruchstimmung. Vor allem die Studentenschaft, die niedrig bezahlten, geschurigelten Industriearbeiter und in der Illegalit&auml;t oder Halblegalit&auml;t arbeitende Gewerkschafter und Gemeindemitarbeiter der Kirchen dr&auml;ngten auf demokratische Verh&auml;ltnisse. Die Presse schrieb so frei wie nie seit 18 Jahren unter Park, politische Gefangene wurden entlassen. Die Universit&auml;ten erhielten mehr Autonomie und die Opposition konnte sich relativ frei &auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Am 20. Mai 1980 sollte das Parlament &uuml;ber den Oppositionsantrag zur Aufhebung des Kriegsrechts abstimmen. Das ging den Milit&auml;rs dann doch zu weit. Sie wussten die Abstimmung zu verhindern und verh&auml;ngten zwei Tage zuvor versch&auml;rftes Kriegsrecht, schlossen Parlament, Parteib&uuml;ros und Universit&auml;ten, verboten jede politische Bet&auml;tigung und warfen Hunderte Oppositionelle, aber auch einige Rivalen der Milit&auml;rf&uuml;hrer aus dem Regierungslager, ins Gef&auml;ngnis. Ihre Begr&uuml;ndung: Die Sicherheit des Landes sei in Gefahr, verd&auml;chtige Truppenbewegungen entlang des 38. Breitengrads, der Grenze des geteilten Landes, seien ausgemacht worden, was das Oberkommando der US-amerikanischen UN-Truppen in S&uuml;dkorea aber dementierte.<\/p><p>Der Oppositionspolitiker Kim Dae-Jung (von 1998 bis 2003 Pr&auml;sident des Landes), der schon unter Park im Gef&auml;ngnis gesessen und die meisten Anh&auml;nger in der Arbeiterschaft hatte, wurde erneut hinter Gitter gesperrt. Kim Jong-Pil, stockkonservativer Vorsitzender der Regierungspartei der Republikaner, der 1961 Parks Machtergreifung ma&szlig;geblich mitorganisiert hatte, wurde &bdquo;wegen Korruption&ldquo; verhaftet. Kim Young-Sam, Vorsitzender der Oppositionspartei, wurde unter Hausarrest gestellt. Das entmachtete Kabinett trat geschlossen zur&uuml;ck.<\/p><p>Kim Dae-Jung stammte aus der s&uuml;dwestlichen Provinz S&uuml;d-Cholla (Cholla Namdo), in deren Hauptstadt Gwangju die heftigsten Demonstrationen gegen die Willk&uuml;rma&szlig;nahmen der Milit&auml;rs stattfanden. Traditionell war Cholla von der Zentralregierung vernachl&auml;ssigt worden; bei staatlichen Entwicklungsvorhaben wurde die Region immer zuletzt bedacht, w&auml;hrend ihre B&uuml;rger &uuml;berproportional mit Steuern und anderen Abgaben belastet wurden. Im Mai 1980 machten 200.000 B&uuml;rger und Studenten der Stadt, gut ein Viertel der damaligen Gesamtbev&ouml;lkerung, in friedlichen Umz&uuml;gen ihrem &Auml;rger &uuml;ber die M&auml;chtigen in Seoul Luft. Erst das brutale Eingreifen einer Eliteeinheit von Fallschirmj&auml;gern f&uuml;hrte zu gewaltt&auml;tigen Stra&szlig;enschlachten, in deren Folge zahlreiche Personen get&ouml;tet und verwundet wurden. Die Lage radikalisierte sich sehr rasch. Studentinnen wurden auf offener Stra&szlig;e nackt ausgezogen und mit Bajonetten erstochen, anderen die Br&uuml;ste abgeschnitten. Verletzte wurden in Krankenh&auml;usern vom Operationstisch gerissen und aus dem Fenster geworfen. Solche Gr&auml;ueltaten brachten Gwangjus B&uuml;rger schlie&szlig;lich dazu, Waffen- und Munitionsdepots zu st&uuml;rmen und die &bdquo;<em>Freistadt Kwangju<\/em>&ldquo; auszurufen. Aus friedlichen Demonstrationen wurde bewaffneter Aufstand, die Truppen flohen aus der rebellischen Stadt.<\/p><p>Danach erlebte Kwangju sechs Tage tr&uuml;gerischer Freiheit. Die erbeuteten Waffen wurden eingesammelt und im Regierungsgeb&auml;ude gelagert, wo sich auch eine provisorische Verwaltung etablierte. Die aktiven Rebellen fanden vielfache Unterst&uuml;tzung. Eine L&ouml;sung des Konflikts durch Dialog statt Konfrontation propagierte Pr&auml;sident Choi Kyu-Hah in einer Fernsehansprache, w&auml;hrend der Belagerungsring um Gwangju immer enger zusammengezogen wurde. &bdquo;&Auml;u&szlig;erste Milde&ldquo; versprach er und &bdquo;keine Racheakte&ldquo; des Milit&auml;rs. Als die Truppen in der Nacht zum 27. Mai das Stadtzentrum st&uuml;rmten, jedes Haus durchsuchten, Hunderte verhafteten (darunter zehnj&auml;hrige Kinder), waren alle Versprechungen hinf&auml;llig. Wieder herrschte brutalste Gewalt. Trotz alledem gaben die Einwohner Gwangjus nicht auf. Unmittelbar nach dem Truppeneinmarsch demonstrierten erneut 40.000 Menschen auf den Stra&szlig;en.<\/p><p><strong>Sie herrschten durch Mord und Grausamkeit &ndash; Erstickter Widerstand des Volkes<\/strong><\/p><p><em>Hier Notizen und Berichte von Zeitzeugen, die das Massaker &uuml;berlebten:<\/em><\/p><p>Eine hochschwangere Frau, die kurz vor ihrer Entbindung stehen musste, wurde von zwei Soldaten der milit&auml;rischen Sondereinheiten wie ein Hund die Stra&szlig;e entlang gezerrt. &bdquo;He, du Hure, was hast du denn in deiner Tasche?&ldquo;, rief einer. Ich verstand diese Frage zuerst nicht, da die Frau nichts in den H&auml;nden trug und auch ihr Kleid, soweit ich sah, keine Taschen hatte. &bdquo;Wei&szlig;t du Schei&szlig;hure nicht, ob es ein Rotzer oder eine Pisserin ist?&ldquo; Erst als der zweite Soldat diese Frage stellte, verstand ich. Ich konnte zwar die leise Stimme der Frau nicht h&ouml;ren, aber wahrscheinlich sagte sie so etwas wie: &bdquo;Ich wei&szlig; es nicht.&ldquo; &bdquo;Dann zeige ich es dir.&ldquo; Mit diesen Worten riss ihr einer der beiden Soldaten, ohne ihr weiter Zeit zur Antwort zu geben, das Kleid vom Leib und sie stand splitternackt da, der andere Soldat stach mit dem Bajonett in sie hinein und ich musste sehen, wie ihre Eingeweide herausquollen. Dann schlitzten sie ihren Unterleib auf, rissen den F&ouml;tus heraus und warfen ihn auf sie; sie lebte offensichtlich noch. Die Leute, die diese unglaublich brutale Szene miterleben mussten, wandten sich vor Wut sch&auml;umend und zitternd ab.<\/p><p>Ich machte meine Augen zu und biss mir in die Zunge; ich war wie gel&auml;hmt. Als ich meine Augen wieder &ouml;ffnete, waren die Soldaten und die Leiche verschwunden. Einer der M&auml;nner neben mir sagte: &bdquo;Die Soldaten haben sie wie Abfall in einen Sack gesteckt und mit der M&uuml;llabfuhr wegfahren lassen.&ldquo; Ich begann mich zu sch&auml;men, weil ich diese Grausamkeit ganz still aus meinem Versteck mit ansah, um mein eigenes Leben zu retten. Ich war von mir selbst ma&szlig;los entt&auml;uscht, als ich mich als solchen Feigling erleben musste. Die Leute neben mir schlichen sich davon und verschwanden nacheinander.<\/p><p>Schreie aus allen Richtungen und Ecken, Schmerzgebr&uuml;ll und Todesschreie, Menschenschreie. Die Erde schien ihre Poren zu &ouml;ffnen und langsam das Blut aufzusaugen, das aus dem Freiheitsgeist der jungen Menschen herausgesaugt wurde. Der Himmel drohte manchmal unter der Gewalt der Schreie zu bersten.<\/p><p>Ich rettete mich in ein Geb&auml;ude, als ich pl&ouml;tzlich beim Eintreten ein Gewehr an meiner Schulter sp&uuml;rte. Zum Gl&uuml;ck hatte jemand unmittelbar vor mir das Haus betreten und in diesem Moment eine Gittert&uuml;r herabgelassen, so dass ich um Sekunden den Kolbenhieben des Soldaten auf meinen Kopf entging. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich hautnah, was Todesn&auml;he bedeutet. Ich befand mich dort nicht allein und sp&auml;hte zusammen mit anderen Fl&uuml;chtlingen &auml;ngstlich wie eine Maus durch das Gitter auf die Stra&szlig;e. &Uuml;berall Sch&uuml;sse, scharfe Messer, Eisenkeulen, allenthalben grausames Morden. Alte und Junge, Studenten und B&uuml;rger, unterschiedslos wurde auf sie alle eingeschlagen, eingestochen und geschossen.<\/p><p>In diesem Augenblick wurde meine Aufmerksamkeit auf einen etwa 70-j&auml;hrigen Mann gelenkt, der von einem Soldaten mit einer Eisenkeule wilde Schl&auml;ge auf den Kopf erhielt und aus dessen Mund Blut wie aus einer Font&auml;ne spritzte. Lautlos st&uuml;rzte er zu Boden. Ich wusste nicht, was zu tun war und setzte mich einfach v&ouml;llig hilflos auf die Steintreppe.<\/p><p><strong>Das Sterben einer Stadt<\/strong><\/p><p>Der 19. und 20. Mai 1980 waren die Tage, an denen die sch&ouml;ne, idyllische Stadt Gwangju, die so viele demokratische Pers&ouml;nlichkeiten hervorgebracht hat, zum blutigen Schlachtfeld wurde. Als ich an jenem Tag sah, wie schnell der Expressbus die Passagiere ausspuckte, um sich in Sicherheit zu bringen, da ahnte ich, wie ernst die Lage geworden war. Ich warf mich ersch&ouml;pft auf den R&uuml;cksitz eines Taxis und sagte dem Fahrer, er solle mich zum Regierungsgeb&auml;ude fahren. Der reagierte darauf so heftig, dass ich fast Mitleid mit ihm hatte. Er bremste j&auml;h ab und deutete mit unmissverst&auml;ndlicher Geste an, dass ich dorthin gef&auml;lligst zu Fu&szlig; zu gehen habe. So stieg ich aus und ging in Richtung Im-dong weiter. Bald sah ich ausgebrannte Polizeistationen, wie man sie nur nach Kriegen sieht, und &uuml;berall bewaffnete Soldaten, so dass man sich an der Front glaubte.<\/p><p>Die Volksmenge fl&uuml;chtete Hals &uuml;ber Kopf in die Gassen, Teeh&auml;user, Restaurants, Gesch&auml;fte und H&auml;user. Die Soldaten hatten blutunterlaufene Augen und schienen wie Blutegel Blut einzusaugen, schossen, stachen und schlugen mit Eisenkeulen wild um sich. Rings um sie herum fielen die Leute reihenweise zu Boden. Diese Soldaten schienen eine unbegrenzte Mordlizenz in der Tasche zu haben. Immer wieder musste ich solche brutalen Szenen mit ansehen, die ich vorher nie f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. Benutzen diese Menschen wirklich dieselbe Sprache wie ich? Nicht einmal nordkoreanische Guerilleros k&ouml;nnten so grausam sein.<\/p><p>Da schrien Fl&uuml;chtende, die Zeugen des Gemetzels waren, vor blinder Wut auf. Einer machte sich zum Wortf&uuml;hrer und br&uuml;llte: &bdquo;Liebe Mitb&uuml;rger, wir m&uuml;ssen uns jetzt erheben, bevor all unsere Kinder sterben. Ergreift Hacken und Stangen und was ihr sonst noch zu fassen kriegt, aber nehmt den Kampf auf!&ldquo; Er fand spontane Zustimmung, die Menge formierte sich. Innerhalb kurzer Zeit sah man Leute mit Stangen und Kn&uuml;ppeln bewaffnet, ohne dass man sagen konnte, woher diese so schnell kamen. Das noch kurz zuvor gejagte und gehetzte Volk widersetzte sich nun entschlossen den Soldaten. Der Spie&szlig; war f&ouml;rmlich umgedreht worden.<\/p><p>21. Mai. Die ganze Nacht hindurch h&ouml;rte man Sch&uuml;sse, wie man dies sonst nur aus Kriegsfilmen kennt. Inzwischen verbreitete sich die Kunde, dass die Sondereinheiten des &Uuml;berfallkommandos abgezogen worden waren. Ein Offizier lie&szlig; sp&auml;ter verlauten, dass es innerhalb dieser Spezialtruppen ernste Auseinandersetzungen gegeben hatte. Einer dieser Soldaten, er stammte aus der Region (Cholla Namdo), soll f&uuml;r den raschen Abzug indirekt verantwortlich gewesen sein. Als dieser Soldat n&auml;mlich mit ansehen musste, wie unbescholtene, unschuldige B&uuml;rger seiner Provinz wahllos niedergestochen und erschossen wurden, feuerte er in einem tobs&uuml;chtigen Wutanfall auf seine eigene Kameraden Gewehrsalven ab, t&ouml;tete f&uuml;nf von ihnen und erschoss sich daraufhin selbst. Die Sondereinheiten wurden sodann in die Vororte der Stadt abgezogen. Daf&uuml;r r&uuml;ckten regul&auml;re Kampftruppen ein und setzten das Morden fort. An s&auml;mtlichen Knotenpunkten der Stadt bezogen sie Stellung und m&auml;hten die B&uuml;rger reihenweise nieder.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Ein Lied im Mai<\/strong><\/em><\/p><p><em>Wie Bl&uuml;tenbl&auml;tter in der Kumnamstra&szlig;e<\/em><br>\n<em>gefallen eure jungen Seelen.<\/em><br>\n<em>Wie ein St&uuml;ck Sojabohnenk&auml;se<\/em><br>\n<em>abgeschnitten deine Brust.<\/em><br>\n<em>Immer wenn jene Maitage wiederkehren,<\/em><br>\n<em>pocht das rote Blut in unseren Herzen.<\/em><\/p><p><em>Warum erschossen? Weshalb erstochen?<\/em><br>\n<em>Wohin denn mit dem Lastwagen weggekarrt?<\/em><br>\n<em>In Mang-Wol-Dong, da starren Tausende von Augen,<\/em><br>\n<em>noch aufgerissen, blutunterlaufen, noch voll Zorn.<\/em><\/p><p><em>Ihr &Uuml;berlebenden! Ihr &Uuml;berlebenden!<\/em><br>\n<em>Gehen wir gemeinsam los!<\/em><br>\n<em>Diese Geschichte der Schande &ndash;<\/em><br>\n<em>wie sollten wir sie ohne Leiden &uuml;berwinden k&ouml;nnen?<\/em><\/p><p><em>Du Glatzkopf! Ihr Japsen! Ihr Spitznasen-Yankees!<\/em><br>\n<em>Raus aus diesem Land!<\/em><br>\n<em>Unsere Geschichte werden wir selber machen!<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Die Soldaten liefen mit aufgepflanzten Bajonetten wie die Sieger durch die Stadt, und ich bekam allm&auml;hlich eine G&auml;nsehaut. Aus halb verschlossenen Lidern beobachtete ich die Vorg&auml;nge um mich herum heimlich und wischte mir den Angstschwei&szlig; von der Stirn. Inzwischen erreichte ich die Kumnam-Hauptstra&szlig;e, die fr&uuml;her die Besucher mit ihren vielen Blumenk&auml;sten und ihrem Duft willkommen hie&szlig;. Die Gem&uuml;tlichkeit und Freundlichkeit der Bewohner, die gef&auml;lligen Stra&szlig;en und Anlagen, all das war jetzt nur mehr Erinnerung. Die Stadt war im Begriff, sich in eine Stadtruine zu verwandeln. Die sch&ouml;ne Zeit, als man am Kungag-Fluss vor dem Mudung-Berg angeln konnte, dieser sch&ouml;ne Ort der Musen, der zahlreiche Gelehrte erzeugt und gen&auml;hrt hat &ndash; all dies begann unterzugehen und hinter schwarzen Wolken zu verschwinden.<\/p><p><strong>Toleriert von Washington<\/strong><\/p><p>An jenem 27. Mai erlebte die selbstverwaltete &bdquo;Freistadt Gwangju&ldquo; den schw&auml;rzesten Tag ihrer Geschichte. Mit Wissen und stillschweigender Duldung des Chefs des US-amerikanisch-s&uuml;dkoreanischen Oberkommandos, General John A. Wickham, bliesen zum Teil aus der Grenzregion zu Nordkorea abgezogene Elitesoldaten der s&uuml;dkoreanischen Streitkr&auml;fte zum Angriff und st&uuml;rmten die Stadt. Die Bilanz dieses martialischen Einsatzes: Laut (sp&auml;teren) offiziellen Angaben kamen 207 Menschen ums Leben, nichtstaatliche Stellen sprechen hingegen von &uuml;ber 2.000 Toten.<\/p><p>Als Folge dieses &ndash; von den USA zumindest gebilligten &ndash; Massakers wurden in den folgenden Monaten Brandstiftungen an amerikanischen Kultureinrichtungen in Gwangju, der Metropole Seoul und der Hafenstadt Busan, der zweitgr&ouml;&szlig;ten Stadt des Landes, ver&uuml;bt. Nachdem bei dem Brandanschlag im Kulturzentrum von Busan im M&auml;rz 1981 ein Student ums Leben kam, 6.000 Oppositionelle im Zuge landesweiter Razzien verhaftet und umgerechnet &uuml;ber 50.000 Euro als Belohnung f&uuml;r das Ergreifen der T&auml;ter ausgeschrieben wurden, stellten sich die an dem Anschlag beteiligten neun Studenten nach zwei Wochen freiwillig der Polizei.<\/p><p>In einem Brief an Stephen Kardinal Kim Sou-Hwan, den damaligen Erzbischof von Seoul, verteidigte der Hauptangeklagte die Tat als einen Akt von Patriotismus: &bdquo;<em>(&hellip;) Dar&uuml;ber hinaus m&ouml;chte ich Ihnen verdeutlichen&ldquo;, hie&szlig; es in diesem Schreiben, &bdquo;dass wir diese Institution einzig und allein in Brand gesteckt haben, um das Unrecht, das die USA in der Geschichte unseres Landes begingen, anzuprangern. (&hellip;) Um den Aufstand der B&uuml;rger von Gwangju als Beispiel zu nennen: Ich frage mich, weshalb sie gerade der Milit&auml;rclique Chun Doo-Hwans das Recht gaben, das Massaker in jener Stadt anzurichten. Es ist doch eine allseits bekannte Tatsache, dass auf der Grundlage des so genannten Verteidigungsabkommens zwischen der Republik Korea und den USA der Befehl zum Einsatz s&uuml;dkoreanischer Truppen allein dem gemeinsamen Oberkommando der s&uuml;dkoreanisch-US-amerikanischen Streitkr&auml;fte, also dem US-General Wickham, unterliegt (&hellip;).<\/em>&ldquo;<\/p><p>Sowohl General John A. Wickham als auch der damalige US-Botschafter in Seoul, William H. Gleysteen, waren dar&uuml;ber informiert, dass unter anderem s&uuml;dkoreanische Eliteeinheiten der 11. und 13. <em>Special Warfare Command Forces Brigade<\/em> von ihren Stellungen entlang der Grenze zu Nordkorea abkommandiert und sodann in die Hauptstadt sowie nach Gwangju verlegt worden waren. Dennoch beschwichtigten sie, wiegelten ab und spielten diese Ma&szlig;nahmen als rein innerkoreanische Angelegenheit herunter. Tim Shorrock, ein US-amerikanischer Investigativjournalist, hatte Mitte der 1990er Jahre auf der Grundlage des <em>Freedom of Information Act<\/em> die M&ouml;glichkeit, mehrere hundert Seiten Akten einzusehen und auszuwerten, welche die Kommunikation zwischen Washington und Seoul vor und nach dem Gwangju-Massaker betrafen. Eingeweiht war neben dem Pr&auml;sidenten nur ein kleiner Kreis von Geheimdienstleuten und Mitarbeitern aus dem Wei&szlig;en Haus, State Department und Pentagon. Diese erlauchte Runde verpflichtete sich zu strikter Geheimhaltung (<em>NODIS = no distribution outside of approved channels<\/em>) und die Kommunikation unter ihren Mitgliedern firmierte unter dem Codenamen &bdquo;<em>Cherokee<\/em>&ldquo;.<\/p><p>Bei seinen Recherchen gelangte Shorrock zu dem beklemmenden Fazit: Die verantwortlichen US-amerikanischen Stellen in beiden Hauptst&auml;dten duldeten letztlich im Eigeninteresse die Handlungen der s&uuml;dkoreanischen Soldateska. US-Botschafter Gleysteen vermittelte in seiner Lageeinsch&auml;tzung sogar das Bild, in Gwangju sei ein &bdquo;von radikalen Studenten aufgestachelter Mob&ldquo; im Begriff, f&uuml;r Instabilit&auml;t im Lande zu sorgen. Schlie&szlig;lich hatten die USA wenige Wochen vor Chuns endg&uuml;ltiger Machtkonsolidierung ihre in Korea stationierten Soldaten um 3.500 Mann auf ann&auml;hernd 42.900 GIs aufgestockt. Hintergrund der Bef&uuml;rchtungen der Carter-Administration waren die angespannte Lage im Iran, wo nach dem Sturz des Schahs monatelang die US-amerikanische Botschaft belagert worden war und Geiseln genommen wurden, sowie der versch&auml;rfte Konfrontationskurs gegen&uuml;ber der Sowjetunion wegen des Einmarsches der Roten Armee in Afghanistan.<\/p><p>General Chuns kompromissloses Vorgehen in Gwangju &uuml;berzeugte letztlich die Politiker und Strategen in den USA, fortan ihr Gewicht f&uuml;r diesen Mann in die Waagschale zu werfen. Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski und Richard C. Holbrooke, damals im State Department verantwortlich f&uuml;r asiatische und pazifische Angelegenheiten, pr&auml;gten eine entsprechende realpolitische Formel. Demnach sollte man zun&auml;chst voll auf Chun setzen und ihn im Sinne der eigenen US-Interessen gew&auml;hren lassen, um ihn zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt zur M&auml;&szlig;igung zu dr&auml;ngen.<\/p><p>Jedenfalls genoss Chun Doo-Hwan im Februar 1981 das Privileg, als erster ausl&auml;ndischer Staatschef vom frisch gew&auml;hlten US-Pr&auml;sidenten Ronald Reagan ins Wei&szlig;e Haus eingeladen zu werden. Diese Begegnung demonstrierte weit mehr als eine dreieinhalb Jahrzehnte w&auml;hrende Kampfbr&uuml;derschaft. Reagans auf &bdquo;Vorw&auml;rtsverteidigung&ldquo; angelegte Globalstrategie, dazu gedacht, die &bdquo;Vietnam-Scharte&ldquo; auszuwetzen, beinhaltete nicht zuletzt die Aufwertung S&uuml;dkoreas und seines neuen Pr&auml;sidenten. Washington sprach von einer &bdquo;neuen &Auml;ra&ldquo; im beiderseitigen Verh&auml;ltnis, was Reagan anl&auml;sslich seines Gegenbesuchs in Seoul und bei seiner Stippvisite bei den US-Truppen am 38. Breitengrad im November 1983 ausdr&uuml;cklich bekr&auml;ftigte.<\/p><p><strong>Zivilisiertes Erinnern<\/strong><\/p><p>Zwar begr&uuml;ndete das Regime des Ex-Generals Chun auf den Tr&uuml;mmern Gwangjus seine Herrschaft. Doch die Ereignisse im Mai 1980 trugen wesentlich dazu bei, den nationalen, stramm antikommunistischen Konsens sowie das Vertrauen in die Regierenden zu ersch&uuml;ttern. Das bis dahin immer wieder beschworene Bedrohungsszenario, Nordkorea sei geradezu von dem Wahn besessen, den S&uuml;den zu &bdquo;schlucken&ldquo; und ihn nach seinem Ebenbild &bdquo;kommunistisch&ldquo; umzukrempeln, entpuppte sich als dreiste Zweckl&uuml;ge. Es waren <em>s&uuml;dkoreanische<\/em> Soldaten, die auf <em>s&uuml;dkoreanische<\/em> Zivilisten geschossen hatten! Au&szlig;erdem zerbarst der Schutzmacht-Mythos der USA. Die im Lande stationierten GIs hatten zuallererst die politischen und milit&auml;rstrategischen Interessen einer Gro&szlig;macht im Sinn. Der Schutz der s&uuml;dkoreanischen Bev&ouml;lkerung war &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; zweitrangig.<\/p><p>Dem Gwangju-Trauma folgte eine bleierne Zeit. Politisches Engagement, von offenem Widerstand ganz zu schweigen, war nahezu unm&ouml;glich geworden. F&uuml;hrende Oppositionelle, sofern sie nicht get&ouml;tet, eingesperrt oder anderweitig mundtot gemacht worden waren, mussten untertauchen und sich in der Illegalit&auml;t um den Neuaufbau von Widerstandsnetzen und die Schaffung demokratischer Verh&auml;ltnisse bem&uuml;hen. Ab 1987, im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele ein Jahr sp&auml;ter, konnte die Demokratiebewegung erste Erfolge verzeichnen. Doch erst Anfang 1993 endete mit der Amtszeit Roh Tae-Woos die &Auml;ra von Milit&auml;rmachthabern in S&uuml;dkorea.<\/p><p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen eine demokratische Kultur pflegen&rdquo;, mahnte der einstige B&uuml;rgerrechtsanwalt und von Februar 2003 bis Februar 2008 amtierende Pr&auml;sident Roh Moo-Hyun im Mai 2005 an den Gr&auml;bern der Gwangju-Opfer, &bdquo;um Probleme durch Verhandlungen und Kompromisse zu l&ouml;sen und die so zustande gekommenen Ergebnisse zu akzeptieren. Bei alledem gilt es unbedingt, die andere Seite in ihrer Menschenw&uuml;rde zu achten und die Gesetze zu respektieren.&rdquo; Wie sehr sich in S&uuml;dkorea vier Dekaden nach dem Gwangju-Massaker der Umgangsstil gewandelt und das &ouml;ffentliche Leben zivilisiert hat, bewies u.a. der historische Besuch der Gwangju-Gedenkst&auml;tte im Mai 2005 durch den obersten Polizeichef des Landes, General Huh Joon-Young.<\/p><p><em><strong>Postscript:<\/strong><\/em> Mit nach bis dato offiziellen Angaben 207 Todesopfern endete vor 40 Jahren im s&uuml;dkoreanischen Gwangju eine Protestbewegung gegen die damals herrschende Milit&auml;rjunta. Nichtstaatliche Stellen sprechen seitdem von Hunderten Verletzten und &uuml;ber 2.000 Toten. Mit einer Reihe von Gedenkveranstaltungen erinnern deshalb die Menschen und offizielle Stellen in S&uuml;dkorea in diesen Tagen erneut an das damalige Massaker. Haupttenor der letzten Veranstaltungen dieser Art war, dass die heutige Demokratie &bdquo;durch das Blut und den Schwei&szlig; der K&auml;mpfer f&uuml;r die Freiheit errungen&ldquo; worden sei. &bdquo;Wenngleich der Name Gwangju lange Zeit in den dunkelsten Farben gezeichnet wurde und noch heute viele Menschen unter posttraumatischen St&ouml;rungen infolge der brutalen Niederschlagung des Aufstands leiden&ldquo;, hatte bereits im Mai 2010 Yoon Kwang-Jang, ein &Uuml;berlebender des Massakers und Pr&auml;sident der &bdquo;<em>Stiftung zum Gedenken des 18. Mai<\/em>&ldquo;, in einem Interview mit der <em>Korea Times<\/em> betont, &bdquo;war der Aufstand ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie.&ldquo;<\/p><p>Und es ist dem heutigen Pr&auml;sidenten S&uuml;dkoreas und einstigem Menschenrechtsanwalt, Moon Jae-In, zu verdanken, dass sich die Regierung in Seoul mit Verve daf&uuml;r einsetzt, eine &uuml;berparteiliche Untersuchungskommission &uuml;ber Gwangju einzusetzen, was allerdings bis dato am Widerstand politischer Betonk&ouml;pfe und ultrareaktion&auml;rer Hardliner inner- wie au&szlig;erhalb des Parlaments scheiterte. Letztere vertreten die abstruse Position, nordkoreanische Soldaten h&auml;tten seinerzeit in Gwangju einen Aufstand angezettelt, der einzig die Destabilisierung der s&uuml;dkoreanischen Regierung zum Ziel gehabt h&auml;tte.<\/p><p><strong>Quellen und Literaturhinweise:<\/strong><\/p><p><em>Ich benutze in diesem Beitrag die heute in S&uuml;dkorea g&auml;ngige revidierte Romanisierung, wonach beispielsweise von &bdquo;Gwangju&ldquo; und &bdquo;Busan&ldquo; die Rede ist anstelle von &bdquo;Kwangju&ldquo; und &bdquo;Pusan&ldquo; gem&auml;&szlig; der Schreibweise nach McCune-Reischauer.<\/em><\/p><ul>\n<li>Die im Text abgedruckten Augenzeugenberichte sind teils vom Korea Verband e.V. (Berlin) gesammelt, teils der <em>Korea-Zeitung<\/em>, hg. vom Evangelischen Missionswerk im Bereich der Bundesrepublik Deutschland und Berlin West e.V., Hamburg (Juni) 1980, mit freundlicher Genehmigung entnommen worden. &ndash; Siehe ferner: &bdquo;<em>Blauer Vogel<\/em>&ldquo; (Koreanisches Liederheft), hg. von der Koreanischen Frauengruppe mit Unterst&uuml;tzung der Evangelischen Studentengemeinde Frankfurt, Frankfurt\/Main (November) 1985. Aus diesem Band stammt auch das hier abgedruckte <em>Ein Lied im Mai<\/em>. Anl&auml;sslich des 30. Jahrestages des Gwangju-Massakers erschien folgender kurzer Dokumentarfilm unter Hinzuziehung von Fotomaterial des deutschen Journalisten J&uuml;rgen Hinzpeter (s.u.) <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wd2-9Nracuc\">youtube.com\/watch?v=wd2-9Nracuc<\/a> <\/li>\n<li>Eine herausragende Darstellung des Volksaufstands in Gwangju erschien 1985 in Koreanisch, damals unter dem Namen des Schriftstellers Hwang Sok-Yong. Doch die eigentlichen Verfasser waren Studenten, die in Form eines Tagebuchs die Ereignisse des Gwangjuer Blutmai 1980 notiert und akribisch festgehalten hatten. Zu den Autoren z&auml;hlte der fr&uuml;here Studentensprecher in Gwangju, Lee Jai-Eui, dessen Buch die University of California im Fr&uuml;hjahr 1999 in der &Uuml;bersetzung von Kap Su Seol und Nick Mamatas erstmals in englischer Sprache mit dem Titel Kwangju Diary: Beyond Death, Beyond the Darkness of the Age publizierte (Los Angeles, 1999). Darin enthalten sind auch Beitr&auml;ge des US-amerikanischen Investigativjournalisten Tim Shorrock und von Bruce Cumings, der als ausgewiesener Korea-Experte an der University of Chicago Geschichte lehrte.<\/li>\n<li>Zwei US-amerikanische Protagonisten in jenen Tagen, der ehemalige US-Botschafter in Seoul und der fr&uuml;here Stabschef der US-Armee, verfassten Jahre sp&auml;ter ihre Memoiren: Gleysteen Jr., William H. (1999): <em>Massive Entanglement, Marginal Influence: Carter and Korea in Crisis<\/em>. Washington, DC: Brookings Institution Press sowie Wickham Jr., John A. (2000): <em>Korea on the Brink: A Memoir of Political Intrigue and Military Crisis<\/em>, with a foreword by Richard Holbrooke. Dulles, VA: Brassey&rsquo;s, Inc. (Richard Holbrooke war einst US-Botschafter bei den Vereinten Nationen.)<\/li>\n<li>Eine vorz&uuml;gliche Darstellung und Analyse der Ereignisse im Mai 1980 in Gwangju stammt aus der Feder von Tim Shorrock (s.o.), der zahlreiche Quellen und Originaldokumente der US-Regierung aus jener Zeit &ndash; vorrangig seitens des State Department &ndash; ausgewertet hat: Tim Shorrock (1996): <em>Kwangju: Turning Point in the Cold War in Asia. The Cherokee Files. New Documents reveal U.S. Policy Making during Kwangju<\/em> (First published as Part One of a series in Sisa Journal, Seoul, February) &ndash; Siehe ferner: <a href=\"https:\/\/www.doam.org\/archiv\/hp-autoren\/3997-tim-shorrock-us-journalist\">doam.org\/archiv\/hp-autoren\/3997-tim-shorrock-us-journalist<\/a> &amp; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8Ye-NcQozMI\">youtube.com\/watch?v=8Ye-NcQozMI<\/a><\/li>\n<li>Die im Sommer 1884 in Weimar gegr&uuml;ndete Deutsche Ostasienmission (DOAM) &ndash; bei ihrer Gr&uuml;ndung als <em>Allgemeiner Evangelisch-Protestantischer Missionsverein<\/em> firmierend &ndash; hat sich seit 1980 ebenso regelm&auml;&szlig;ig wie intensiv mit den Ereignissen und Konsequenzen des Gwangju-Massakers befasst und erst k&uuml;rzlich dazu auf ihrer Website eine interessante Essay- und Linksammlung pr&auml;sentiert <a href=\"https:\/\/www.doam.org\/projekte\/raeume-der-erinnerung\/kwangju\/4437-2020-kwangju-vor-40-jahren\">doam.org\/projekte\/raeume-der-erinnerung\/kwangju\/4437-2020-kwangju-vor-40-jahren<\/a><\/li>\n<li>Die 1970 in Gwangju geborene Erz&auml;hlerin Han Kang, ber&uuml;hmt geworden mit dem internationalen Bestseller <em>Die Vegetarierin<\/em>, hat mit ihrem Opus <em>Menschenwerk<\/em> einen bewegenden Roman &uuml;ber ihre Geburtsstadt im Mai 1980 vorgelegt, der von Lee Ki Hyang aus dem Koreanischen &uuml;bersetzt wurde und 2017 im Berliner Aufbau-Verlag erschien. Gewidmet ist das Buch den Opfern des Gwangju-Massakers, derer jeweils am 18. Mai, dem &bdquo;Tag f&uuml;r den demokratischen Aufstand&ldquo;, landesweit feierlich gedacht wird.<\/li>\n<li>Die kollektive Erinnerung an den Blut-Mai 1980 ist den Koreanern so bedeutsam, dass eigens ein Spielfilm entstand, der an einen besonderen Aspekt der Revolte erinnert und &uuml;ber zehn Millionen Zuschauer in die s&uuml;dkoreanischen Kinos lockte. 2017 drehte der s&uuml;dkoreanische Regisseur Jang Hun den &uuml;ber zwei Stunden dauernden Film <em>Taxi Unjeonsa<\/em> (A Taxi Driver), der auf einer wahren Begebenheit basiert. Er erz&auml;hlt abwechselnd aus der Perspektive des s&uuml;dkoreanischen Taxifahrers Kim Man-Seob und des 2016 verstorbenen deutschen Reporters und ARD-Korrespondenten J&uuml;rgen Hinzpeter die Ereignisse in Gwangju seit dem 20. Mai 1980: <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/08\/02\/world\/asia\/south-korea-taxi-driver-film-gwangju.html\">nytimes.com\/2017\/08\/02\/world\/asia\/south-korea-taxi-driver-film-gwangju.html<\/a><\/li>\n<li>Hinzpeter gelangen Aufnahmen in der besetzten Stadt, vorbei an Panzern, nerv&ouml;sen Soldaten, aufgeschichteten Leichen am Stra&szlig;enrand und verpr&uuml;gelten Studenten. Unter gr&ouml;&szlig;ter Gefahr f&uuml;r ihn, seinen Tontechniker Henning Rumohr und den Taxifahrer entstanden so die einzigen Dokumente, die den zivilen Widerstand und das staatliche Verbrechen filmisch festhielten. Hinzpeter gelang es unter abenteuerlichen Umst&auml;nden, sein Filmmaterial aus S&uuml;dkorea zu schmuggeln und es von Tokio aus der ARD zuzuleiten, die es dann ihrerseits international zu verbreiten vermochte. Unter S&uuml;dkoreas Demokratie-Aktivisten wird Hinzpeter in ehrendem Gedenken gehalten. &Uuml;ber ihn strahlte auch der staatliche Rundfunk- und Fernsehsender KBS am 18. Mai 2013 ein Spezial aus, das mit <em>May 1980 &ndash; Blue-Eyed Witness<\/em> betitelt war und auf dem Film- und Videomaterial des deutschen Journalisten basierte.<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Lepusinensis\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren, im Mai 1980, schlug das s&uuml;dkoreanische Milit&auml;r mit Wissen und Billigung Washingtons den Volksaufstand in der s&uuml;dwestlichen Stadt Gwangju brutal nieder. Zehn lange Tage, vom 18. bis zum 27. Mai 1980, w&auml;hrte der Blutrausch, der bis heute die Gem&uuml;ter &ndash; vor allem in der Republik Korea (S&uuml;dkorea) &ndash; aufw&uuml;hlt. Dort gilt der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61075\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":61076,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,212,171],"tags":[2871,282,2887,2564,1426,2840,2177,2274,663,841,1983,1556,2360],"class_list":["post-61075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-antikommunismus","tag-buergerproteste","tag-carter-jimmy","tag-gewalt","tag-hegemonie","tag-massenmord","tag-militaerdiktatur","tag-moon-jae-in","tag-putsch","tag-reagan-ronald","tag-suedkorea","tag-usa","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/shutterstock_785086216.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61075"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":61079,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61075\/revisions\/61079"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/61076"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}