{"id":61094,"date":"2020-05-19T08:55:26","date_gmt":"2020-05-19T06:55:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61094"},"modified":"2022-03-02T10:38:30","modified_gmt":"2022-03-02T09:38:30","slug":"mit-150-jahren-da-hoert-das-leben-auf-wie-die-privaten-rentenversicherer-ihre-kunden-alt-und-die-bilanzen-schoen-aussehen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61094","title":{"rendered":"Mit 150 Jahren, da h\u00f6rt das Leben auf &#8230; Wie die privaten Rentenversicherer ihre Kunden alt und die Bilanzen sch\u00f6n aussehen lassen."},"content":{"rendered":"<p>Methusalem m&uuml;sste man sein. Dann und nur dann k&ouml;nnte man das, was man mit einem Riester- und R&uuml;rup-Vertrag jahrzehntelang anspart, sp&auml;ter auch zur&uuml;ckbekommen. Der Bund der Versicherten wirft der Versicherungswirtschaft vor, ihre Klientel mit der Annahme von Lebenserwartungen biblischen Ausma&szlig;es &uuml;ber den Tisch zu ziehen. Wer etwa als Allianz-Kunde fr&uuml;her als mit 140 stirbt, muss das mit massiven Abstrichen bei seiner Monatsrente bezahlen. Im Interview mit den NachDenkSeiten nennt Verbrauchersch&uuml;tzer <strong>Axel Kleinlein<\/strong> das &bdquo;legalen Betrug mit staatlicher Unterst&uuml;tzung&ldquo; &ndash; und einen Fall f&uuml;r den Gesetzgeber. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5113\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61094-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61094-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200521_Mit_150_Jahren_da_hoert_das_Leben_auf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> <strong>Axel Kleinlein<\/strong>, Jahrgang 1969, ist Versicherungsmathematiker und arbeitete von 1998 bis 1999 im Aktuariat der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart. Seit 2011 f&uuml;hrt er mit kurzer Unterbrechung als Vorstandsvorsitzender den Bund der Versicherten (BdV) an, die gr&ouml;&szlig;te deutsche Verbraucherschutzorganisation f&uuml;r Versicherte. Seit April 2019 ist er auch Pr&auml;sident des europ&auml;ischen Verbraucherschutzverbands &bdquo;Better Finance&ldquo; in Br&uuml;ssel.<\/em><\/p><p><strong>Herr Kleinlein, dass die staatlich gef&ouml;rderte Riester-Rente kaum Renditen, aber hohe Kosten verspricht und deshalb zum Aufbau eines Altersruhepolsters f&uuml;r viele Kunden nicht taugt, haben Verbrauchersch&uuml;tzer schon h&auml;ufiger bem&auml;ngelt. Nun haben Sie enth&uuml;llt, was ein Grund daf&uuml;r ist: Demnach kalkulieren die Versicherer mit &uuml;bernat&uuml;rlich hohen Lebenserwartungen, um die Rentenzahlungen zu begrenzen <a href=\"https:\/\/www.bundderversicherten.de\/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit\/pressemitteilungen\/regierung-im-blindflug-bei-riester-verrentung\">und die eigenen Gewinne zu steigern<\/a>. Wie hat man sich das vorzustellen? <\/strong><\/p><p>Wenn der Versicherungsmathematiker, der sogenannte Aktuar, sich hinsetzt, um ein neues Altersvorsorgeprodukt zu kalkulieren, dann muss er zun&auml;chst eine Annahme treffen, wie lange die Rente im Durchschnitt zu zahlen sein wird. Und je gr&ouml;&szlig;er das Zeitfenster ist, innerhalb dessen die Anspr&uuml;che der Versicherten gelten, desto geringer fallen die monatlichen Auszahlungen aus. Wenn dann der Kunde deutlich fr&uuml;her verstirbt, als in dieser Rechnung angesetzt wurde, dann schlagen die restlichen, also nicht ausgezahlten Renten zum gro&szlig;en Teil als sogenannte Risikogewinne beim Versicherer zu Buche. Die Unternehmen haben also ein gro&szlig;es Interesse daran, mit m&ouml;glichst hohen Lebenserwartungen zu operieren. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das bitte anhand eines Beispiels veranschaulichen?<\/strong><\/p><p>Unterstellt ein Versicherer f&uuml;r einen 67-J&auml;hrigen eine Lebenserwartung von 97 Jahren, so muss das angesparte Geld f&uuml;r 30 Jahre Rente ausreichen. Kalkuliert er dagegen mit dem Ableben mit 127 Jahren, so muss das gleiche Geld auf 60 Jahre verteilt werden. Selbst derjenige, der sehr lange und sehr viel Geld angespart hat, erh&auml;lt dann trotzdem blo&szlig; eine kl&auml;gliche Rente garantiert. <\/p><p><strong>Und das mit 127 Jahren ist keine hypothetisches Rechenspiel?<\/strong><\/p><p>Einerseits schon, weil das nat&uuml;rlich Quatsch ist und kein Mensch so alt wird. Andererseits hantieren die Assekuranzen sehr wohl mit solchen Mondzahlen, wobei das nicht einmal das Ende der Fahnenstange ist.<\/p><p><strong>Wie lang ist die Fahnenstange?<\/strong><\/p><p>Nehmen wir die Allianz, f&uuml;r die ich ja einmal gearbeitet habe. Die hat bei Riester- und R&uuml;rup-Lebensversicherungen eine spannende Kalkulation: F&uuml;r Teile des angesparten Geldes wird eine Lebenserwartung von &bdquo;nur&ldquo; etwa 100 Jahren zugrunde gelegt. F&uuml;r den Betroffenen wird unterstellt, dass f&uuml;r ihn 33 Jahre lang eine Rente gezahlt werden muss. Im Schnitt werden Menschen nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes in drei Jahrzehnten allerdings schon im Alter von 87 bis 91 Jahren versterben. In diesem Fall bleiben dann also schon zehn Jahresrenten als sogenannte Risikogewinne bei der Allianz. <\/p><p><strong>Wie verh&auml;lt es sich mit den anderen Teilen des Sparkapitals?<\/strong><\/p><p>Bei diesen Teilen, die sich aus &Uuml;bersch&uuml;ssen speisen, setzt die Allianz eine Lebenserwartung von knapp &uuml;ber 140 Jahren an. Das ist nat&uuml;rlich schon krass, aber es geht noch doller. Ich habe mir zahlreiche Produkte verschiedenster Anbieter angeschaut. Dabei zeigt sich, je j&uuml;nger die Kunden zum Zeitpunkt des Abschlusses sind, desto l&auml;nger ist das ihnen unterstellte Leben. So wird f&uuml;r einen heute 37-J&auml;hrigen mit einer Lebenserwartung von bis zu 150 Jahren kalkuliert und bei keinem mit unter 100 Jahren.<\/p><p><strong>Wie wird so etwas gerechtfertigt?<\/strong><\/p><p>Die Allianz zum Beispiel begr&uuml;ndet das vermutlich mit der Notwendigkeit von Sicherheitspuffern. Man w&uuml;sste ja nicht, wie lange Menschen tats&auml;chlich leben. Dabei k&ouml;nnte man sich aber ja an den amtlichen Kennzahlen orientieren, etwa an denen des Statistischen Bundesamts. &Uuml;ber die zielen die Versicherer aber nicht nur meilenweit hinaus. Sobald die offiziellen Sterbetafeln der Versicherer nach oben angepasst werden, sind die Unternehmen sogar so dreist und ziehen den Kunden &Uuml;bersch&uuml;sse ab, weil sie ja nun &auml;lter w&uuml;rden als urspr&uuml;nglich gedacht. Das haben wir in den letzten beiden Jahrzehnten gleich zweimal erlebt. <\/p><p><strong>Aber so offen und ehrlich wird das nicht kommuniziert?<\/strong><\/p><p>Nein. Die entsprechenden Klauseln verstecken sich in den sogenannten &Uuml;berschussdeklarationen. Das sind Anh&auml;nge zu den Gesch&auml;ftsberichten, die kein Normalsterblicher versteht. <\/p><p><strong>Angenommen, die Vertr&auml;ge w&uuml;rden auf Grundlage der offiziellen Sterbeziffern gemacht: Wie viel mehr fiele dann f&uuml;r die Kunden an Geld ab?<\/strong><\/p><p>Im Durchschnitt der von mir untersuchten F&auml;lle w&uuml;rde die Monatsrente bis etwa doppelt so hoch ausfallen. Noch einmal: Sie k&ouml;nnen im Laufe ihres Lebens noch so viel Geld angespart und von einer noch so tollen Verzinsung profitiert haben. Das alles bringt nichts. Der gr&ouml;&szlig;te Killer der Rente ist diese v&ouml;llig irreale Annahme der Lebenserwartung. <\/p><p><strong>Nun wird das ja so nicht in den Vertr&auml;gen geschrieben stehen, dass man seinen vollen Leistungsanspruch erst im Alter von 140 einl&ouml;sen wird. Woran erkennt der Fachmann diese Fallstricke?<\/strong><\/p><p>Der Versicherungsmathematiker leitet das aus den sogenannten Rentenfaktoren ab. Diese geben an, wie viel Monatsrente der Sparer pro 10.000 Euro angespartem Kapital garantiert wird. Ein geringer Faktor geht mit einer geringen Rente einher, ein hoher Faktor mit einer entsprechend h&ouml;heren Rente. Und ein kleiner Faktor verspricht eben auch h&ouml;here Gewinne beim Versicherer. Bei unserer Analyse sind wir auf eine enorme Spreizung gesto&szlig;en. Die Bandbreite reichte von 15 Euro bis 29 Euro. Wer als 37-J&auml;hriger bei der Allianz eine R&uuml;rup- oder Privatrente abschlie&szlig;t, bekommt sp&auml;ter einmal monatlich 15,21 Euro auf 10.000 Euro eingesetztes Kapital garantiert. Das ist nat&uuml;rlich erb&auml;rmlich. <\/p><p><strong>Aber l&auml;sst sich wenigstens das aus den Vertr&auml;gen herauslesen?<\/strong><\/p><p>Dieser Rentenfaktor findet sich neben vielen anderen Informationen meist im Produktinformationsblatt, das den Kunden ausgeh&auml;ndigt werden sollte. Die Vermittler erkl&auml;ren dann aber, dass dieser Faktor nicht ernst zu nehmen sei, da ja noch &Uuml;bersch&uuml;sse dazukommen k&ouml;nnten. &Uuml;ber die H&ouml;he der &Uuml;bersch&uuml;sse, ob es &uuml;berhaupt welche gibt und welche Kunden von den &Uuml;bersch&uuml;ssen profitieren, dar&uuml;ber entscheidet dann aber letztlich der Vorstand. Derzeit gibt es fast keine &Uuml;bersch&uuml;sse, Tendenz sinkend. <\/p><p><strong>Wird denn dieses System der &Uuml;berschussbeteiligung den Kunden erkl&auml;rt?<\/strong> <\/p><p>Allenfalls sehr unverst&auml;ndlich. Das alles steht in den Leistungsbeschreibungen verklausuliert drin, aber selbst Leute vom Fach haben gr&ouml;&szlig;te Schwierigkeiten, da durchzudringen. Ich habe mir einmal den Spa&szlig; gemacht, das Kleingedruckte bei einem anderen Allianz-Produkt laut zu verlesen und aufzuzeichnen. Das hat knapp 20 Minuten gedauert. Wer sich das anh&ouml;rt, kann gut einschlafen, <a href=\"https:\/\/www.bdv-blog.de\/kleinleins-klartext\/wie-ich-vor-der-allianz-gescheitert-bin-fuer-sie-zum-nachhoeren.html\">verstehen wird er es nicht<\/a>.<\/p><p><strong>Gibt es keine gesetzlichen Vorgaben, mit welchen Rentenfaktoren bei welchem Produkt zu kalkulieren ist, gerade was die staatlich gef&ouml;rderte Altersvorsorge angeht?<\/strong><\/p><p>Es gibt aufsichtsrechtliche Vorgaben zur anzusetzenden Mindestlebenserwartung, abh&auml;ngig vom Geburtsjahrgang. Die liegt irgendwo zwischen Mitte 90 und 100 Jahren, bei Neugeborenen bei etwa 105 Jahren. Da stecken schon erhebliche Sicherheitspuffer drinnen. Mit niedrigeren Werten darf nicht kalkuliert werden, sehr wohl aber mit h&ouml;heren. Und da sind nach oben augenscheinlich keine Grenzen gesetzt. Von der Allianz wei&szlig; ich, dass sie 2008 in ihrer offiziellen Aktion&auml;rszeitung behauptet hat: &bdquo;Wir leben bald bis 150!&rdquo; Als Quelle diente ihr dabei ein selbsternannter Wissenschaftler aus den USA, der f&uuml;r seine kruden Zukunftsvisionen ber&uuml;chtigt ist. <\/p><p><strong>Warum sind Sie mit Ihrer Kritik gerade jetzt an die &Ouml;ffentlichkeit gegangen? Lag das daran, dass die FDP-Fraktion im Bundestag mit einer entsprechenden Anfrage an die Bundesregierung in Erscheinung getreten ist?<\/strong><\/p><p>Ich bin mit dem Thema schon seit knapp 20 Jahren besch&auml;ftigt. Der Dreh mit den Lebenserwartungen ist in meinen Augen eines der schlimmsten Instrumente, mit denen die Versicherungswirtschaft die Kunden &uuml;ber den Tisch zieht.<\/p><p><strong>Die Regierung hat auf diese FDP-Anfrage erkl&auml;rt, nicht zu wissen, mit welchen Rentenfaktoren die Anbieter staatlich gef&ouml;rderter Altersvorsorgeprodukte hantieren. Was sagen Sie dazu?<\/strong><\/p><p>Zumindest vermittelt die Regierung den Anschein, dass sie sich noch nie mit der Materie besch&auml;ftigt hat. Und ich habe auch nicht den Eindruck, als wollte sie gr&ouml;&szlig;ere Anstrengungen unternehmen, sich dem Problem zu widmen. Das gibt den Versicherern ein H&ouml;chstma&szlig; an Spielraum, ihre Interessen auf Kosten der Kunden weiterzuverfolgen.   <\/p><p><strong>Hat die Regierung tats&auml;chlich keine Ahnung oder will sie keine Ahnung haben?<\/strong><\/p><p>Da kann man nur spekulieren. Klar ist, dass es Leute im Bundesfinanzministerium gibt, die durchaus engere Kontakte in die Versicherungswirtschaft pflegen. Ich w&uuml;rde deshalb schon unterstellen, dass hier ein gewisses fachliches Knowhow vorhanden ist. Ich bin nur eben skeptisch, dass dies dazu f&uuml;hren wird, die miese Masche mit den Lebenserwartungen kritisch zu hinterfragen, geschweige denn zu unterbinden.<\/p><p><strong>Was fordern Sie konkret vom Gesetzgeber?<\/strong><\/p><p>Es ist dringend geboten, die Verrentung staatlich gef&ouml;rderter Produkte klar zu regulieren und im Speziellen diesen Irrsinn mit den Lebenserwartungen zu beenden. Erg&auml;nzend oder wenigstens alternativ m&uuml;sste an einem zweiten Hebel angesetzt werden: Die gesetzlichen Vorgaben zu den Riester- und R&uuml;rup-Vertr&auml;gen sehen ja einen Verrentungszwang vor. So ist ein gro&szlig;er Teil des angesparten Kapitals verpflichtend in eine Lebensversicherung zu &uuml;berf&uuml;hren. Nur durch diese Vorgabe haben es die privaten Lebensversicherer &uuml;berhaupt geschafft, bei Riester und R&uuml;rup so stark mit im Boot zu sitzen. Es ist aber schlicht nicht einzusehen, warum Menschen, die ein Arbeitsleben lang gespart haben, ab 67 gezwungen sind, ihr Angespartes bei einem Versicherer zu verrenten. Genau denjenigen, die mit staatlicher Unterst&uuml;tzung sparen wollen, wird damit per se unterstellt, sie k&ouml;nnten nicht mit Geld umgehen. Das ist ein schlimmer Fall von Bevormundung und Entm&uuml;ndigung. <\/p><p><strong>Aber ist der Versicherer nicht gesetzlich verpflichtet, dass man am Ende wenigstens das Angesparte plus die staatlichen Zulagen herausbekommen muss?<\/strong><\/p><p>Nein. Laut Gesetz muss der Versicherer nur gew&auml;hrleisten, dass das zum Renteneintritt angesparte Kapital zur Verrentung zur Verf&uuml;gung steht. Wenn die Rente aber nur mickrig ist, weil ein kleiner Rentenfaktor und eine entsprechend hohe Lebenserwartung veranschlagt sind, dann hat man praktisch keine realistische Aussicht, das Angesparte zu Lebzeiten zur&uuml;ckzuerhalten. <\/p><p><strong>Andererseits kann man sich das Angesparte aber auch zum Renteneintritt auszahlen lassen.<\/strong><\/p><p>Ja schon. Allerdings muss man dann s&auml;mtliche Zulagen und Steuervorteile zur&uuml;ckerstatten. Das ist ja der Grund, warum ich von einer Zwangsverrentung spreche.  <\/p><p><strong>W&uuml;rden sie so weit gehen, das Ganze als eine Form staatlich alimentierten Betrugs zu bezeichnen, gerade mit Blick auf diese biblischen Lebenserwartungen?<\/strong><\/p><p>Ja, das geh&ouml;rt zum &uuml;blichen, ganz legalen Betrug, mit dem die Versicherer ihre Kunden schon seit sehr langer Zeit &uuml;bers Ohr hauen &ndash; hier dazu noch mit freundlicher Unterst&uuml;tzung durch den Staat. Der Gesetzgeber macht das dann eben legal. Deswegen reden wir ja vom &ldquo;legalen Betrug&ldquo;.<\/p><p><strong>Sie haben dabei auch mal mitgemischt und mitverdient &hellip;<\/strong><\/p><p>Diese zwei Jahre bei der Allianz waren meine erste berufliche Station. Ich habe dabei meine Faszination f&uuml;r das Versicherungsgesch&auml;ft entwickelt, aber dann auch bald gemerkt, dass das nicht die Seite ist, auf der ich stehen will, und dass mein Herz f&uuml;r den Verbraucherschutz schl&auml;gt. Und so landete ich zun&auml;chst bei der Stiftung Warentest, sp&auml;ter beim Bund der Versicherten. <\/p><p><strong>Die Allianz hat Ihre Vorw&uuml;rfe zur&uuml;ckgewiesen. &bdquo;Wir k&ouml;nnen die Kritik des BdV und dessen Annahme von Lebenserwartungen von 120 und mehr Jahren nicht nachvollziehen&ldquo;, &auml;u&szlig;erte sich ein Sprecher gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. Wie sicher sind Sie sich bei dem, was Sie Ihrem Ex-Arbeitgeber ankreiden?<\/strong><\/p><p>Absolut sicher. Wenn man von einem Produkt die Faktoren Zinssatz, Kosten und Rentenfaktor kennt, bleibt als einzige unbekannte Gr&ouml;&szlig;e die Lebenserwartung &uuml;brig. Und die l&auml;sst sich f&uuml;r einen Versicherungsmathematiker ziemlich treffsicher ermitteln. <\/p><p><strong>Und die Allianz ist nicht nur ein schwarzes Schaf inmitten frommer L&auml;mmer?<\/strong><\/p><p>Das geht quer durch die ganze Branche. Die Allianz sticht allerdings durch die beschriebene Produktgestaltung hervor, bei der f&uuml;r verschiedene Teile des Kapitals jeweils andere Rentenfaktoren angelegt werden. Das ist besonders perfide und treibt die Intransparenz auf die Spitze. Verglichen damit gibt es durchaus auch Anbieter mit nicht ganz so miserablen Produkten, bei denen man bis zu 29 Euro pro 10.000 Euro eingesetztem Kapital erh&auml;lt. Aber auch da wird eine Lebenserwartung unterstellt, die zehn Jahre &uuml;ber das statistische Mittel hinausschie&szlig;t.  <\/p><p><strong>K&ouml;nnen die Versicherer in Zeiten von Niedrig-, Null- bis hin zu Minuszinsen mit Riester- und R&uuml;rup-Produkten &uuml;berhaupt noch seri&ouml;s Geld verdienen?<\/strong><\/p><p>Solange es ihnen gelingt, Kunden trotz der immer schlechter werdenden Garantien in diese Vertr&auml;ge reinzulocken, klingelt am Ende auch die Kasse. Zunehmend Probleme haben die Unternehmen jedoch damit, dass zu Rentenbeginn mindestens so viel Geld vorhanden ist, wie angespart wurde. Auch deshalb bekommen insbesondere &auml;ltere Menschen heutzutage kaum noch einen Riester-Vertrag. <\/p><p><strong>Mit &bdquo;seri&ouml;s&ldquo; meinte ich, dass man die Leute nicht &uuml;ber den Tisch zieht.<\/strong><\/p><p>So betrachtet war die deutsche Lebensversicherungswirtschaft, wenn es um Altersvorsorge geht, in den letzten 150 Jahren nicht seri&ouml;s. Die Branche ist immer gut darin gewesen, die Politik im richtigen Moment auf ihre Seite zu ziehen und sich den Griff in die Taschen der Kunden legalisieren zu lassen. Man muss sich klarmachen, dass sich die Unternehmen gerade in den 1980er und 1990er Jahren massiv verkalkuliert haben. Das f&uuml;hrte dazu, dass mittlerweile fast 100 Milliarden Euro aus den Taschen der Kunden in irgendwelche Reservet&ouml;pfe gewandert sind. <\/p><p>Die Akteure sollten endlich einsehen, dass das Gesch&auml;ftsmodell gescheitert ist, und sich wieder auf das besinnen, was sie beherrschen: n&auml;mlich Risiken zu &uuml;bernehmen, wie bei einer Risikolebensversicherung oder einer Berufsunf&auml;higkeitsversicherung. Fakt ist: F&uuml;r die Altersvorsorge ist eine Lebensversicherung nicht geeignet und war dies auch nie. <\/p><p><strong>Auch in der Politik gilt die Riester-Rente praktisch als gescheitert und wird mittlerweile &uuml;ber eine Reform nachgedacht. Wohin geht die Diskussion?<\/strong><\/p><p>Vor allem geht es um die Frage der Garantien. Sollte es diese weiterhin geben, dann schlagen wir das Vorsorgekonto vor. Das haben wir gemeinsam mit der Rentenversicherung Baden-W&uuml;rttemberg, &Ouml;ko-Test und anderen Experten entwickelt. Dabei d&uuml;rfen die Lebensversicherungsunternehmen aber keine Rolle spielen. Wenn sich die Politik dagegen f&uuml;r eine Lockerung der Garantien entscheidet, dann muss bittesch&ouml;n auch der Verrentungszwang wegfallen, damit alle Sparerinnen und Sparer in die Lage versetzt werden, souver&auml;n &uuml;ber das eigene Geld zu verf&uuml;gen. Und dann wird man ja sehen, wie viele Menschen sich noch auf eine Verrentung &uuml;ber eine Lebensversicherung einlassen, die ihnen eine Lebenserwartung von 120 Jahren und mehr unterjubelt. <\/p><p><strong>Was raten Sie denjenigen, die in die b&ouml;se Falle getappt sind?<\/strong><\/p><p>Einen K&ouml;nigsweg gibt es leider nicht. Wenn man schon in der Phase der Verrentung ist, bleibt einem nur das F&uuml;nkchen Hoffnung, &uuml;ber die &Uuml;berschussbeteiligung am Ende wenigstens das rauszubekommen, was man mal eingezahlt hat. Bei denen, die sich noch in der Ansparphase befinden, kommt es auf das Produkt an. Da kann es bei g&uuml;nstigen Konditionen Sinn machen, den Vertrag fortzuf&uuml;hren oder beitragsfrei zu stellen, w&auml;hrend in anderen F&auml;llen eine K&uuml;ndigung Sinn macht. <a href=\"https:\/\/www.bundderversicherten.de\/mein-versicherungsbedarf\/lebens-und-rentenversicherungsrechner\">Wir haben auf die BdV-Webseite einen Rechner eingestellt, mit dem das Betroffene durchkalkulieren k&ouml;nnen.<\/a> <\/p><p><strong>L&auml;sst sich f&uuml;r Sie schon absehen, welche Auswirkungen die Corona-Krise f&uuml;r die Versicherungsbranche haben wird?<\/strong><\/p><p>Keine guten. Dabei wirkt Corona aber nur als Katalysator f&uuml;r die hausgemachte Krise, die sowieso schon besteht. Ich bef&uuml;rchte, dass die Versicherungswirtschaft mit dem Vorwand, unter Corona zu leiden, wieder neue Unterst&uuml;tzung vom Steuerzahler haben will. Es ist aber an der Zeit, dass endlich die Versicherungswirtschaft und die Politik einsehen, dass Lebensversicherer keine guten Partner sind, wenn es um Altersvorsorge und Sparen geht. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diesen legalen Betrug der Lebensversicherer zu beenden! <\/p><p>Titelbild: Milos Vymazal \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0ffd855da4a341aaacc60d7325ecafd1\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Methusalem m&uuml;sste man sein. Dann und nur dann k&ouml;nnte man das, was man mit einem Riester- und R&uuml;rup-Vertrag jahrzehntelang anspart, sp&auml;ter auch zur&uuml;ckbekommen. Der Bund der Versicherten wirft der Versicherungswirtschaft vor, ihre Klientel mit der Annahme von Lebenserwartungen biblischen Ausma&szlig;es &uuml;ber den Tisch zu ziehen. 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