{"id":61101,"date":"2020-05-19T11:44:02","date_gmt":"2020-05-19T09:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61101"},"modified":"2020-05-20T07:16:05","modified_gmt":"2020-05-20T05:16:05","slug":"steuern-senken-und-gleichzeitig-der-schwarzen-null-huldigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61101","title":{"rendered":"Steuern senken und gleichzeitig der Schwarzen Null huldigen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Kosten f&uuml;r die Wirtschaftskrise in Folge der Lockdowns f&uuml;hren weltweit zu einer Wirtschaftskrise, die wohl alles sprengen wird, was wir in der Nachkriegszeit gesehen haben. Die Auswirkungen auf die &ouml;ffentlichen Finanzen sind bereits jetzt gigantisch. Alleine f&uuml;r dieses Jahr wird von einem R&uuml;ckgang der Steuereinnahmen in dreistelliger Milliardenh&ouml;he <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61026\">ausgegangen<\/a>. Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Spitzenverdiener sind jedoch immer noch ein Tabu. Stattdessen l&auml;uft derzeit eine Kampagne f&uuml;r Steuersenkungen. Gleichzeitig pocht man jedoch darauf, der Ideologie der Schwarzen Null weiterhin zu folgen. Das Ergebnis dieser toxischen Mischung werden dann wohl Einsparungen in einem so noch nie gesehenen Ausma&szlig; sein. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1105\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61101-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61101-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200519_Steuern_senken_und_gleichzeitig_der_Schwarzen_Null_huldigen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Derzeit l&auml;uft mal wieder eine Kampagne f&uuml;r Steuersenkungen &ndash; eingeleitet durch eine vom bayerischen Wirtschaftsministerium <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/Ifo-Institut-spricht-sich-fuer-Steuerentlastung-als-Konjunkturanstoss-aus-id57393486.html\">beauftragte<\/a> &bdquo;Studie&ldquo; des IFO-Instituts, lanciert von Markus S&ouml;der und pr&auml;sentiert von der BILD. Klar, die Coronakrise st&uuml;rzt die Volkswirtschaft in ein tiefes Tal und da w&auml;re ein konjunktureller Impuls sinnvoll. Ist eine Senkung der Einkommensteuer jedoch ein solcher Impuls? Und ist das &uuml;berhaupt sinnvoll?<\/p><p>Anders als beispielsweise bei Verbrauchssteuern wie der Mehrwertsteuer staffelt sich das Aufkommen der Einkommensteuer sehr deutlich an der H&ouml;he des zu versteuernden Einkommens. <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/644072\/6967bb5df502e1ca8e6465e6e9d66b10\/WD-4-036-19-pdf-data.pdf\">Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums tr&auml;gt<\/a> die einkommensst&auml;rkere H&auml;lfte der Haushalte derzeit 95,2% der festgesetzten Einkommensteuer &ndash; alleine das oberste Prozent tr&auml;gt dabei 22,9%. Das hei&szlig;t jedoch auch, dass von einer Senkung der Einkommensteuer &uuml;ber alle Bereiche hinweg vor allem die einkommensstarken Haushalte profitieren, w&auml;hrend die einkommensschw&auml;chere H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung fast leer ausgeht. Da stellt sich im konkreten Zusammenhang nat&uuml;rlich die Frage, ob es der Konjunktur hilft, wenn nun ausgerechnet die wohlhabenden Haushalte, die unter den Folgen des Lockdowns und der eingebrochenen Weltkonjunktur im Vergleich zum Heer der Kurzarbeiter, neuen Arbeitslosen und prek&auml;r Besch&auml;ftigten immer noch gut dastehen, zus&auml;tzlich von Staat subventioniert werden.<\/p><p>Neben den direkten Folgen des Lockdowns wird die Konjunktur noch l&auml;ngere Zeit vor allem darunter leiden, dass die Nachfrage zusammenbricht. Wer als Kurzarbeiter auf Teile seines Einkommens verzichtet, arbeitslos wird oder als kleinerer Selbstst&auml;ndiger mit einem Einbruch der Einnahmen zu k&auml;mpfen hat, dem fehlt nat&uuml;rlich auch das Geld, um nicht dringend n&ouml;tige Dinge zu kaufen oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Da muss dann halt die Tiefk&uuml;hlpizza reichen und der Restaurantbesuch ausfallen und die Renovierung des alten Badezimmers erst einmal auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. Die Krise wird sich damit auf andere ohnehin schon darbende Sektoren wie die Gastronomie und das Handwerk ausbreiten.<\/p><p>Mit einer Senkung der Einkommensteuer wird man den Einbruch der Nachfrage daher auch kaum beheben k&ouml;nnen. Hinzu kommt der zeitliche Faktor. Die festgesetzte Einkommensteuer bezieht sich schlie&szlig;lich in der Regel auf das jeweils vorangegangene Jahr. W&uuml;rde die Bundesregierung &ndash; rein hypothetisch &ndash; zum 1. Juni die Einkommensteuer senken, w&uuml;rde der Einspareffekt &uuml;ber den Steuerjahresausgleich bei den meisten B&uuml;rgern erst mit der n&auml;chsten Steuererkl&auml;rung im Fr&uuml;hjahr 2021 auf dem Konto sichtbar. Der n&ouml;tige schnelle Impuls ist das nicht.<\/p><p>Das ahnt &uuml;brigens sogar das Ifo-Institut und geht bei seinen Empfehlungen f&uuml;r Steuersenkungen noch einen Schritt weiter. <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/Ifo-Institut-spricht-sich-fuer-Steuerentlastung-als-Konjunkturanstoss-aus-id57393486.html\">Daher pl&auml;diert<\/a> Institutsleiter Clemens Fuest f&uuml;r eine &bdquo;deutliche Ausweitung des Verlustr&uuml;cktrags&ldquo;, die er f&uuml;r &bdquo;besonders vielversprechend&ldquo; h&auml;lt. Diese Formulierung d&uuml;rfte f&uuml;r viele Leser unverst&auml;ndlich sein. Was Fuest hier vorschl&auml;gt, ist nichts anderes, als dass die Verluste aus diesem Fr&uuml;hjahr mit den Gewinnen der letzten Jahre verrechnet werden k&ouml;nnen und Unternehmen und &ndash; meist einkommensstarken &ndash; Privatpersonen, die Einnahmen aus verschiedenen Quellen haben und Verluste steuerlich geltend machen k&ouml;nnen, ihre bereits festgesetzte Steuerlast aus den letzten Jahren nachtr&auml;glich mindern k&ouml;nnen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Finanz&auml;mter sich nicht nur auf geringere Steuereinnahmen in diesem und den n&auml;chsten Jahren einstellen m&uuml;ssen, sondern sogar noch Teile der Steuereinnahmen aus den letzten Jahren an bestimmte Unternehmen und Privatpersonen zur&uuml;ckzahlen m&uuml;ssen. Der gro&szlig;e Run auf die Staatsfinanzen w&auml;re damit eingel&auml;utet. Leider findet diese Debatte jedoch vollkommen unter dem Radar der &Ouml;ffentlichkeit statt. Die derzeit aufgeheizte Debatte um Corona, Demonstrationen und die Exitstrategie aus Lockdown bietet eine dankbare Ablenkung.<\/p><p>Die Bundesregierung geht derzeit von einem R&uuml;ckgang des Bruttoinlandsprodukts von 7,25% f&uuml;r das laufende Jahr aus, die Staatsschuldenquote soll dank Mindereinnahmen und Mehrausgaben von derzeit 60% auf 75% steigen. Das ist ein Schuldenanstieg von 15% in einem Jahr! Wir erinnern uns &ndash; nach dem Dogma der Schwarzen Null ist zwar eine Neuverschuldung in Krisenzeiten erlaubt, die neu aufgenommenen Schulden m&uuml;ssen jedoch danach wieder zur&uuml;ckgezahlt werden. Wie hoch diese Summe am Ende sein wird, ist zur Zeit nicht seri&ouml;s zu sch&auml;tzen; es k&ouml;nnten 300 Milliarden Euro sein, es k&ouml;nnten bei einer l&auml;nger w&auml;hrenden Weltwirtschaftskrise jedoch auch einige Billionen Euro sein. Und selbst dem d&uuml;mmsten W&auml;hler sollte klar sein, dass der Staat diese Schulden nicht zur&uuml;ckzahlen kann, wenn er auf der einen Seite die Steuern senkt und auf der anderen Seite die Ausgaben nicht erh&ouml;hen will. Dies w&auml;re nur m&ouml;glich, wenn die Wirtschaft rasant w&auml;chst; also das genaue Gegenteil von dem zu erwartenden Szenario der kommenden Jahre. <\/p><p>Die Coronakrise hat uns somit zu einem Punkt gef&uuml;hrt, den wir eigentlich in Deutschland l&auml;ngst f&uuml;r &uuml;berwunden hielten und an dem die Schwarze Null einen noch gr&ouml;&szlig;eren volkswirtschaftlichen Schaden anrichten kann, als sie es bereits in den zur&uuml;ckliegenden Jahren getan hat. Und Deutschland ist nur ein kleiner Teil in einem gro&szlig;en Netzwerk von Staaten, die sich mehr oder weniger freiwillig einem &bdquo;Austerit&auml;tsregime&ldquo; unterworfen haben. Laut IWF haben die zwanzig gr&ouml;&szlig;ten Industrienationen zur Zeit bereits acht Billionen Dollar zur Krisenbek&auml;mpfung mobilisiert. Allein die italienische Staatsschuldenquote d&uuml;rfte bereits jetzt von 135% auf knapp 160% gestiegen sein, wobei dies noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein wird. <\/p><p>Nach der Krise ist vor der Krise. Selbst wenn die europ&auml;ischen Staaten in einigen Wochen den Lockdown beendigen und gemeinsam ihre Volkswirtschaften wieder voll hochfahren werden, wird der Prozess alleine aufgrund des weltweiten Nachfrager&uuml;ckgangs schleppend verlaufen und massive Spuren bei den Staatsfinanzen hinterlassen. Ein &bdquo;weiter so&ldquo; ist dabei f&uuml;r die ideologischen Leitplanken der Eurozone eigentlich kaum vorstellbar. Oder will man Staaten wie Italien, Spanien und Frankreich, deren Volkswirtschaften massiv unter der Coronakrise und dem Lockdown leiden, ernsthaft vorschreiben, erst einmal ihre Staatsfinanzen zu sanieren und sich an den &bdquo;Stabilit&auml;tspakt&ldquo; zu halten? Wie will eine derart exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland wieder auf die Beine kommen, wenn unsere besten Kunden sparen m&uuml;ssen?<\/p><p>&bdquo;M&ouml;gest du in interessanten Zeiten leben&ldquo;, lautet ein chinesisches Sprichwort. Langweilig d&uuml;rften die n&auml;chsten Jahre leider nicht werden. Im Gegenteil. Wenn die Regierungen abermals die Kosten der Krise auf dem R&uuml;cken der Schwachen abladen und damit die ohnehin schon groteske Ungleichheit der Verm&ouml;gen noch weiter forciert wird, k&ouml;nnten die Folgen verheerend sein. Die Coronakrise wird &ndash; auch dank falscher politischer Entscheidungen &ndash; alleine den deutschen Steuerzahler einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag kosten. Wer soll das bezahlen? Die Armen? Die Schwachen? Die darbende Mittelschicht? Nein, in einer gerechten Gesellschaft m&uuml;ssten diese Lasten von den starken Schultern getragen werden und dies ist neben einer Besteuerung des Verm&ouml;gens vor allem &uuml;ber eine st&auml;rkere Besteuerung hoher Einkommen zu erreichen. Steuersenkungsdebatten sind da vollkommen fehl am Platze &ndash; zumindest dann, wenn es um eine, wie von S&ouml;der propagiert, generelle Senkung der Steuern geht. &Uuml;ber eine Erh&ouml;hung des Grundfreibetrags, von der auch kleine und mittlere Einkommen profitieren w&uuml;rden, k&ouml;nnte man durchaus reden. Aber darum geht es in der aktuellen Debatte ja nicht.<\/p><p>Sowohl in den guten als auch in weniger guten alten Zeiten haben Regierungen, die Wert darauf gelegt haben, nicht vom Volk aufs Schafott gef&uuml;hrt zu werden, vor allem die wohlhabenden B&uuml;rger ihres Landes finanziell in die Verpflichtung genommen. Dies war in den USA so, als Pr&auml;sident Roosevelt den Spitzensteuersatz als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise 1932 auf 63% erh&ouml;hen lie&szlig;. In Deutschland setzte zur gleichen Zeit Reichskanzler Br&uuml;ning ein umfassendes Ausgabenk&uuml;rzungsprogramm durch. Die USA konnten die Folgen der Krise durch steuerfinanzierte Konjunkturprogramme abfedern, in Deutschland kam es zu Massenarbeitslosigkeit und Adolf Hitler nutzte diese Not in der Bev&ouml;lkerung, um der Weimarer Demokratie den Garaus zu machen. Man muss den Teufel nicht an die Wand malen. Aber manchmal w&auml;re es schon sch&ouml;n, wenn man aus der Geschichte lernen w&uuml;rde. <\/p><p>Titelbild: Jorge Martin via Facebook<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/e9b00008c10c4ce79784ed15fdfdfb3c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kosten f&uuml;r die Wirtschaftskrise in Folge der Lockdowns f&uuml;hren weltweit zu einer Wirtschaftskrise, die wohl alles sprengen wird, was wir in der Nachkriegszeit gesehen haben. Die Auswirkungen auf die &ouml;ffentlichen Finanzen sind bereits jetzt gigantisch. Alleine f&uuml;r dieses Jahr wird von einem R&uuml;ckgang der Steuereinnahmen in dreistelliger Milliardenh&ouml;he <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61026\">ausgegangen<\/a>. 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