{"id":612,"date":"2005-06-24T11:46:25","date_gmt":"2005-06-24T09:46:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=612"},"modified":"2016-03-13T15:23:53","modified_gmt":"2016-03-13T14:23:53","slug":"wenn-politisch-gemachtes-zum-trend-erklart-wird-anmerkungen-zu-eppler-und-koehnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=612","title":{"rendered":"Wenn politisch Gemachtes zum Trend erkl\u00e4rt wird &#8211; Anmerkungen zu Eppler und Koehnen"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Woche erschienenen zwei in der Methodik ihrer Argumentation &auml;hnlich gelagerte Beitr&auml;ge in der Frankfurter Rundschau. Von Erhard Eppler <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=689288\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=689288\">&ldquo;Markt und Staat ins Lot bringen&rdquo;<\/a> und von Volker Koehnen, verdi-Hessen, <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=690669\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=690669\">&ldquo;Eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie&rdquo;<\/a>. Beide Beitr&auml;ge sind insofern &auml;hnlich, als sie die neoliberale Behauptung, es habe sich in den letzten Jahren Grundlegendes ge&auml;ndert, &uuml;bernehmen. Eppler zum Beispiel behauptet, der Nationalstaat sei reichlich hilflos; Koehnen forderte die Umgestaltung des Sozialstaats jenseits der Erwerbsarbeit. Wir setzen zu beiden Beitr&auml;gen einen Link, weil man an ihnen sehen und demonstrieren kann, wie absonderlich gedacht wird und wie sich intelligente Leute dazu hergeben, die g&auml;ngigen Parolen als begr&uuml;ndet erscheinen zu lassen. Als Ansto&szlig; hier noch Hinweise zu einzelnen Passagen der beiden Beitr&auml;gen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst zu Erhard Eppler<\/strong>, ich zitiere und kommentiere: <\/p><blockquote><p>Wozu w&auml;hlt man, wenn die Regierung doch nichts machen kann? Das war doch einmal anders, als in Deutschland Pl&uuml;sch und Plumm die Wirtschaft so gr&uuml;ndlich in Schwung brachten, dass die Regierung Brandt bremsen musste. Da funktionierten die Rezepte des Mr. Keynes noch. Warum tun sie es nicht mehr? <\/p>\n<p>Jetzt schreibt die Kommission in Br&uuml;ssel den Finanzministern vor, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie d&uuml;rfen nicht zu viele Schulden machen. Woher sie ihre Steuern bekommen, interessiert die Kommission nicht. Daf&uuml;r ist der Rat zust&auml;ndig. Der kann in solchen Fragen nur einstimmig entscheiden. Also geschieht nichts. Der Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern ruiniert die nationalen Haushalte. Ein Kompromiss &uuml;ber die Finanzierung der EU scheint unerreichbar.<\/p><\/blockquote><p>Kommentar:<br>\nFinden Sie in dem zweiten Absatz irgend eine stichhaltige Begr&uuml;ndung daf&uuml;r, dass die Rezepte des National&ouml;konomen Keynes nicht mehr funktionieren?<br>\nErstens hat Hans Eichel mit seinem restriktiven Kurs effektiv ja &uuml;berhaupt nicht gespart, sondern noch mehr Schulden gemacht. Wer in eine Krise hinein spart, der spart nicht und baut Schulden auch nicht ab.<br>\nZweitens stimmt es ja &uuml;berhaupt nicht, dass der Rat der Europ&auml;ischen Union f&uuml;r unsere Steuern zust&auml;ndig ist. Uns hat der Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern weder gezwungen, die Gewerbekapitalssteuer zu streichen, noch die Verm&ouml;gensteuer zu streichen, noch den Spitzensteuersatz auf 42% abzusenken, noch den Verkauf von Unternehmen von der Besteuerung des dabei gemachten Gewinns freizustellen; niemand hat uns zu dieser besonderen Einladung an die &bdquo;Heuschrecken&rdquo;, hierzulande steuerfrei zu fleddern, gezwungen. Auch zur permanenten Absenkung der K&ouml;rperschaftsteuer waren wir nicht verpflichtet. L&auml;nder wie D&auml;nemark und Schweden, die mit einem weit h&ouml;heren Steueranteil arbeiten, zeigen, dass es auch anders geht, und dass man erfolgreich sein kann, wenn der Staat f&uuml;r die Steuern etwas bietet: eine gute Infrastruktur, ein gutes Bildungswesen, und auch die &Uuml;berwindung einer Konjunkturschw&auml;che zum Beispiel.. <\/p><p>Diese Kommentierung gilt auch f&uuml;r die folgende Passage: <\/p><blockquote><p>Soziologen dr&uuml;cken dies so aus: Die Werkzeuge, mit denen man auf Wirtschaft und M&auml;rkte einwirken kann, sind den Nationalstaaten abhanden gekommen, &uuml;brigens mehr durch die Globalisierung als durch die EU. Aber diese Europ&auml;ische Union kann, so wie sie konstruiert ist, nicht &uuml;bernehmen, was die Einzelstaaten verlieren. Sie ist konzipiert als gemeinsamer Markt, nicht als gemeinsamer Staat. Sie kann die Nationalstaaten nicht sch&uuml;tzen vor Launen und Pressionen eines global agierenden Kapitals. Sie kann nicht einmal verhindern, dass dieses Kapital die europ&auml;ischen Staaten gegeneinander ausspielt. So werden Regierungen zu Spielb&auml;llen derer, die investieren k&ouml;nnen &ndash; oder auch nicht. Regierungen geben dies nicht gerne zu.<\/p><\/blockquote><p>Weiter dazu anzumerken ist: wenn es so w&auml;re, wie Eppler behauptet, dann muss man erst einmal erkl&auml;ren, wieso andere L&auml;nder, die in gleicher Weise der Globalisierung ausgesetzt sind, besser abschneiden. <\/p><p>Eppler unterschl&auml;gt auch, dass wir, wenn wir zum Beispiel mit Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Italien unsere Konjunkturf&ouml;rderungspolitik abstimmen w&uuml;rden, dann w&uuml;rden wir zus&auml;tzlich zu dem gro&szlig;en Batzen unseres Binnenmarktes noch 30% unserer Exporte durch diese Koordination positiv beeinflussen; wenn die Koordination innerhalb der fr&uuml;heren EU-15 erreicht w&uuml;rde h&auml;tten wir schon ungef&auml;hr 55% unserer Exporte mitbeeinflusst.<br>\nAuch wenn Eppler dieses Ammenm&auml;rchen von der mangelnden Handlungsf&auml;higkeit des Nationalstaates immer und &uuml;berall wiederholt, es wird dadurch nicht richtiger. <\/p><p>Noch ein Zitat:<\/p><blockquote><p>Gemeinsame Steuerpolitik, etwa eine Mindeststeuer f&uuml;r Unternehmen, ist Sache des Rates, und der einigt sich nicht. So kam vor 35 Jahren noch jede f&uuml;nfte Mark an Steuern von Unternehmen, heute n&auml;hert sich der Ertrag aus Unternehmenssteuern dem von Bagatellsteuern. So lange die EU den Finanzministern nicht hilft, zu ihren Steuern zu kommen, sperren sie sich, wenn es um die Finanzierung der Gemeinschaft geht.<\/p><\/blockquote><p>Dazu gilt &auml;hnliches wie oben. Die Verschiebungen von Unternehmenssteuern weg und hin zu den Lohnsteuern und Mehrwertsteuern ist gemacht. Das ist nicht vom Himmel gefallen. Au&szlig;erdem ist ja von der deutschen Regierung nie eine offensive Debatte um die Besteuerung in Europa gef&uuml;hrt worden. Wenn die deutsche Bundesregierung offensiv eine h&ouml;here Unternehmensbesteuerung gefordert h&auml;tte, wenn sie offensiv die Schlie&szlig;ung der Steuerschlupfl&ouml;cher in Europa gefordert h&auml;tte, dann w&auml;ren wir auch weitergekommen. Es ist nie ernsthafte Versuch gemacht worden, sich gegen das Steuerdumping Irlands oder der Slowakei zu wehren. <\/p><p><strong>Nun zu Volker Koehnen:<\/strong><\/p><blockquote><p>Keine Reform geht tief genug &ndash; notwendig w&auml;re die Umgestaltung des Sozialstaats jenseits der Erwerbsarbeit&ldquo; so die Subheadline und dann behauptet er: &bdquo;Die Parteien in Berlin &uuml;bersehen das Ende der Erwerbsgesellschaft und propagieren stattdessen ihre Wiederbelebung&hellip;<\/p><\/blockquote><p>und weiter: <\/p><blockquote><p>Ein epochaler Umbruch<br>\nNun bricht sich aber seit damals ein epochaler &ouml;konomischer und sozialer Umbruch Bahn: zunehmende internationale Verflechtung der M&auml;rkte und technologisch-digitale Revolution hat die Form des Wirtschaftens von Grund auf ver&auml;ndert: die lebendige menschliche Arbeitskraft schwindet in nennenswertem Ausma&szlig;. Pro Tag gehen ca. 1500 sozialversicherungspflichtige Jobs verloren, weil Unternehmen zur Erwirtschaftung hoher Profite eben immer weniger auf menschliche Arbeitskraft angewiesen sind. Diese &ndash; quasi naturw&uuml;chsige, weil in der Dynamik des Kapitalismus liegende &ndash; unaufhaltsame Jobvernichtung ist der eigentliche Kern der gegenw&auml;rtigen Krise, und nicht etwa &ldquo;schlechte Wettbewerbsbedingungen der Unternehmen&rdquo; oder &ldquo;zu hohe L&ouml;hne&rdquo;. Folge ist der Kollaps der auf Vollbesch&auml;ftigung angelegten Sozialkassen durch erodierende Beitragseinnahmen und durch expandierende Ausgaben durch Massenarbeitslosigkeit. Die eigentliche L&ouml;sung w&auml;re der Abschied vom Modell der Vollbesch&auml;ftigung und der daraus resultierenden Sozialsysteme. Es k&auml;me jetzt auf eine Umgestaltung des Sozialstaates jenseits der Erwerbsarbeit an.<\/p><\/blockquote><p>Kommentar:<br>\nKoehnens Argumentation lebt alleine von der &Uuml;bertreibung und davon dass er die Folgen anderer politischer Entscheidungen zum Trend erkl&auml;rt: technischen Fortschritt hatten wir in den letzten Jahrzehnten immer, auch die &bdquo;technologisch-digitale Revolution&ldquo; ist qualitativ nichts Neues. Dass pro Tag 1500 sozialversicherungspflichtige Jobs verloren gehen, hat viel damit zu tun, dass politisch bedingt mit Ein-Euro-Jobs und anderen Ma&szlig;nahmen zur F&ouml;rderung von Niedrigl&ouml;hnen sozialversicherungspflichtige Stellen ersetzt werden. Wenn ein Verdi-Funktion&auml;r aus diesen politischen Untaten einen Trend konstruiert, dann liest sich mir der Sinn zweimal nicht. Und wenn ein Gewerkschafter sich vom Ziel der Vollbesch&auml;ftigung verabschieden will, dann kann er seinen Beruf gleich aufgeben. Denn wenn es nicht gelingt, das Marktungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt durch eine aktive Vollbesch&auml;ftigungspolitik zu beseitigen, dann kommen Gewerkschaften und Arbeitnehmer nie mehr vom k&uuml;rzeren Hebel weg. Dann werden sie weiter entmachtet, dann sind die erk&auml;mpften Rechte nicht mehr viel wert und die L&ouml;hne werden auch nicht besser.<br>\nAu&szlig;erdem, auch die Behauptung vom Ende der Erwerbsgesellschaft wird ja nicht dadurch richtiger, da sie immer wieder wiederholt wird. Das ist modisches Zeug von Soziologen, Besonders klassisch formuliert im letzten Absatz des Autors Koehnen: <\/p><blockquote><p>IV. Was ist also tun? Zun&auml;chst: Man sollte die Menschen nicht f&uuml;r dumm verkaufen. Sie ahnen den grundlegenden Wandel, der unsere Gesellschaft ersch&uuml;ttert. Und sie brauchen dringender denn je jemanden, der Ross und Reiter nennt, der eine Vision vermittelt, wo es hingehen soll, und wie die Wege dorthin aussehen. Und schlie&szlig;lich: die Menschen wollen bei diesem Prozess beteiligt und &ldquo;mitgenommen&rdquo; werden. Es ist hohe Zeit daf&uuml;r, sich der Realit&auml;t zu stellen und damit anzufangen, Ideen f&uuml;r ein nachindustrielles politisches System jenseits der Erwerbsarbeitszentrierung und der Vollbesch&auml;ftigung zu entwickeln. Das Neue entsteht nicht dadurch, dass wir versuchen, das Alte zu reparieren.<\/p><\/blockquote><p>Dies kommentierend nur noch eine Frage: Wie sieht denn das neue aus? Hat Herr Koehnen einen Goldesel zuhause, dessen Dukaten uns ern&auml;hren, wenn wir nichts mehr erwerben, und der uns vor den Risiken des Lebens wenigstens finanziell absichert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche erschienenen zwei in der Methodik ihrer Argumentation &auml;hnlich gelagerte Beitr&auml;ge in der Frankfurter Rundschau. Von Erhard Eppler <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=689288\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=689288\">&ldquo;Markt und Staat ins Lot bringen&rdquo;<\/a> und von Volker Koehnen, verdi-Hessen, <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=690669\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=690669\">&ldquo;Eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie&rdquo;<\/a>. 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