{"id":6127,"date":"2010-07-07T09:20:54","date_gmt":"2010-07-07T07:20:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6127"},"modified":"2014-03-05T10:52:23","modified_gmt":"2014-03-05T09:52:23","slug":"so-schlimm-wie-die-soziale-unwucht-ist-auch-die-konstruktionsschwaeche-der-gesundheitsreform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6127","title":{"rendered":"So schlimm wie die soziale Unwucht ist auch die Konstruktionsschw\u00e4che der \u201cGesundheitsreform\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Von den Kritikern der so genannten Gesundheitsreform (siehe Anlagen) wird vor allem die schr&auml;ge Lastenverteilung beklagt: zulasten der Arbeitnehmer, zulasten der Beitragszahler, &bdquo;vollkommen unsozial&ldquo;, entgegen den Versprechungen nicht mehr netto vom brutto, im Gegenteil. Diese Kritik ist berechtigt. Aber sie ist einseitig und damit nicht massiv genug. Die neuen Regelungen haben nicht nur eine Verteilungsschw&auml;che, sie haben eine massive Konstruktions- und Effizienzschw&auml;che. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><ul>\n<li>Sie verst&auml;rken die B&uuml;rokratie und damit werden Ressourcen vergeudet.<\/li>\n<li>Die Regelungen sind den F&auml;higkeiten der Mehrheit der Menschen nicht gem&auml;&szlig; und bringen deshalb sehr viele Menschen in N&ouml;te.<\/li>\n<li>Die Krankenkassen werden noch weiter in einen unsinnigen Wettbewerb getrieben.<\/li>\n<li>Der ab 2 % Einkommensbelastung eintretende Sozialausgleich ist nur schwer handhabbar. Wie will man denn die Einkommen berechnen? Am Gehalt? Wie werden andere Arten erfasst? Das ist hoch kompliziert und f&uuml;hrt zu neuen Ungerechtigkeiten.<\/li>\n<\/ul><p>Wenn man f&uuml;r eine Gesellschaft die &bdquo;Social Techniques&ldquo; Krankenversicherung entwerfen sollte, dann k&ouml;nnte man auf verschiedene Modelle kommen:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Man kann auf das bei uns bisher &uuml;bliche der gesetzlichen Krankenversicherung mit einer gewissen solidarischen Komponente kommen &ndash; wer mehr verdient, zahlt entsprechend seinem Einkommen proportional mehr, erh&auml;lt aber ungef&auml;hr den gleichen Versicherungsschutz wie die Geringverdiener. Dieses Modell enth&auml;lt eine kleine Umverteilungskomponente schon jenseits der Steuerpolitik, die das gewohnte Instrument zur Korrektur der funktionalen Einkommensverteilung w&auml;re.\n<\/li>\n<li>Man kann B. auch auf ein Modell mit Kopfpauschalen kommen. Warum nicht? Dann m&uuml;sste man den sozialen Ausgleich in der Steuerpolitik verst&auml;rken. Diese Absicht zeichnet sich in der Bundesrepublik auch nicht ann&auml;herungsweise ab. Schon deshalb sollte man angesichts der versch&auml;rften Spaltung unserer Gesellschaft nach Einkommen und Verm&ouml;gen gl&uuml;cklich dar&uuml;ber sein, wenigstens in der Krankenversicherung ein kleines Element sozialen Ausgleiches zu haben.\n<\/li>\n<\/ol><p>Die Koalition, und wie man jetzt sieht nicht nur die FDP, will diese kleine soziale Komponente aushebeln. Sie f&auml;hrt fort mit der Ausweitung einkommensunabh&auml;ngiger Zuschl&auml;ge. Das ist nicht nur unfair und ungerecht. Es macht die Sache auch unglaublich kompliziert und f&uuml;r viele der Menschen im System schwer durchschaubar und handhabbar. Das bisherige System hat &ndash; unabh&auml;ngig von der Umverteilungskomponente &ndash; den Vorteil, dass der Einzelne wenig gefordert ist. Er oder sie zahlen Beitr&auml;ge und erhalten Leistungen.<br>\nDie schon begonnene Aufl&ouml;sung dieser Einfachheit durch Zuzahlungen wird nun weiter versch&auml;rft. F&uuml;r viele Menschen, f&uuml;r &auml;ltere sowieso, wird damit das System immer weniger durchschaubar. Die meisten werden &uuml;berfordert sein, sachgerecht zu beurteilen, ob sie dann, wenn ihre eigene Krankenkasse Zuschl&auml;ge erhebt, den Wechsel versuchen sollen. Sie werden k&uuml;nftig von den verschiedensten Agenten hin und her gezerrt werden. Der Wettbewerb zwischen den Kassen wird sich nicht notwendig auf Leistungen konzentrieren. Es wird geworben und manipuliert werden. Jedenfalls w&auml;chst die Undurchschaubarkeit.<br>\nDiese Entwicklungen haben wir unter anderem der Eigenart der neoliberal gepr&auml;gten F&uuml;hrungsfiguren im konservativen Lager zu verdanken. Sie beurteilen die Dispositionsf&auml;higkeit von Mitmenschen in der Regel aus eigener Warte. Das ist h&auml;ufig die Warte von kaufm&auml;nnisch ge&uuml;bten Personen mit geringer Sozialkompetenz. Sie sind unf&auml;hig, sich in die Lage der Mehrheit der Menschen hinein zu denken. Schon deshalb neigen sie zu komplizierten L&ouml;sungen. Wir kennen das schon aus der Entscheidung in den achtziger Jahren, als eine schwarz-gelbe Koalition das einfach zu handhabende gleiche Kindergeld f&uuml;r alle um einen Kindersteuerfreibetrag erg&auml;nzte und so ein kompliziertes System installierte.<\/p><p>Der Opposition im Deutschen Bundestag w&auml;re anzuraten, dieses Manko der konservativen und orthodox liberalen Kreise in den Blick zu nehmen und die mangelnde Effizienz der von diesen Kreisen installierten Reformen aufzuzeigen und zu attackieren. Man muss diese Kreise mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie bilden sich n&auml;mlich ein, besonders effizient zu sein. Das sind sie, wie man an vielen ihrer so genannten Reformen zeigen kann, partout nicht. Sie verstehen von der Sache wenig &ndash; siehe auch hier (<a href=\"\/?p=6102\">Der Bundesregierung fehlt es an Sachverstand<\/a>)  &ndash; und sie sind ausgesprochen ungeeignet, sich in die Lage von anderen Menschen zu versetzen. Dieses Manko macht es f&uuml;r uns alle so &auml;tzend, von diesen Kreisen regiert zu werden.<\/p><p><strong>Anlagen<\/strong><br>\n<strong>Zwei einschl&auml;gige Artikel von Spiegel Online:<\/strong><\/p><p>06. Juli 2010, 18:24&nbsp;Uhr<br>\n<strong>Reform der Kassenfinanzierung<\/strong><br>\n<strong>Die R&ouml;sler-Revolution<\/strong><br>\nDas, was die Koalition als Gesundheitsreform verkauft, gleicht in Wirklichkeit einer Revolution: Alle k&uuml;nftigen Ausgabensteigerungen m&uuml;ssen allein die Arbeitnehmer und Steuerzahler berappen &ndash; per R&ouml;sler-Pr&auml;mie.<br>\nBerlin &ndash; Es ist der erste Auftritt von Philipp R&ouml;sler in der Bundespressekonferenz. Eigentlich k&ouml;nnte der Gesundheitsminister bei seiner Premiere vor der versammelten Berliner Journalistenschar an diesem Dienstag stolz sein und so etwas sagen wie: &ldquo;Ich habe es ja selbst genauso wenig geglaubt wie Sie, aber die Koalition hat sich tats&auml;chlich doch noch auf eine Gesundheitsreform verst&auml;ndigt.&rdquo;<br>\nAllerdings wirkt der FDP-Politiker ersch&ouml;pft. Er hat gerade die x-te Marathon-Verhandlungsrunde hinter sich und muss auch noch die Fraktionen der Koalition &uuml;berzeugen. R&ouml;sler wei&szlig;, dass seine Reformpl&auml;ne nach neun Monaten Kampf und zuletzt vor allem Krampf noch immer nicht beschlossene Sache sind.<br>\nWas die erfolgreiche Verkaufe der Reform neben der Minister-Ersch&ouml;pfung zus&auml;tzlich erschwert: Union und FDP folgen der Tradition bisheriger Gesundheitsreformen und verkomplizieren ein eh schon nahezu undurchschaubares System noch mehr.<br>\nGleich drei Dinge auf einmal.<br>\nDabei ist das, was der Gesundheitsminister den gesetzlichen Krankenkassen verordnet, nicht weniger als eine R&ouml;sler-Revolution. Nicht ausgeschlossen, dass der grundlegende Umbau der Kassen-Finanzierung den Politiker dereinst &auml;hnlich bekannt machen wird wie den netten Herrn Riester seine Zusatzrente.<br>\nIm Kern besteht die Gesundheitsreform aus drei Elementen:<br>\nDer allgemeine Beitragssatz steigt von 14,9 auf 15,5 Prozent, so dass Arbeitnehmer in Zukunft 8,3 Prozent, Arbeitgeber 7,3 Prozent vom Einkommen zahlen m&uuml;ssen. Der Arbeitgeberbeitrag wird allerdings eingefroren.<br>\nK&uuml;nftige Ausgabensteigerungen m&uuml;ssen allein die Versicherten tragen. Dazu sollen sie eine vom Einkommen unabh&auml;ngige Pr&auml;mie bezahlen, die jede Kasse selbst festlegt.<br>\nSofern die von der Kasse festgelegte Pr&auml;mie zwei Prozent des Einkommens eines Versicherten &uuml;bersteigt, soll der Steuerzahler grunds&auml;tzlich f&uuml;r die Differenz aufkommen.<br>\nF&uuml;r die Versicherten l&auml;sst sich dieser &ldquo;Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal&rdquo;-Beschluss auf einen Aspekt reduzieren: Die Krankenversicherung wird in den kommenden Jahren deutlich teurer. Bislang haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen zumeist je zur H&auml;lfte geteilt.<br>\nUnd der warnende Zeigefinger der Unternehmen vor steigenden Lohnnebenkosten hat mehr als einmal daf&uuml;r gesorgt, das Ausgabenplus noch halbwegs in den Griff zu bekommen. K&uuml;nftig fallen beide Schutzmechanismen weg. Deshalb d&uuml;rfte die R&ouml;sler-Reform auch das Aus f&uuml;r alle &ldquo;Mehr Netto vom Brutto&rdquo;-Tr&auml;umereien der Koalition bedeuten. Da m&ouml;gen Union und FDP noch so lange und heftig das Gegenteil behaupten.<br>\n&hellip;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-705010,00.html\">Spiegel<\/a><\/p><p>06. Juli 2010, 17:57&nbsp;Uhr<br>\n<strong>Schwarz-gelber Kompromiss<\/strong><br>\n<strong>Opposition zerfetzt Gesundheitsreform<\/strong><br>\nSteigende Krankenkassens&auml;tze und freie Hand f&uuml;r die Versicherer bei Zusatzbeitr&auml;gen: Das ist das Ergebnis monatelangen Ringens um die Gesundheitsreform. Opposition, Gewerkschaften und Arbeitgeber werfen der Koalition Wortbruch vor, SPD-Fraktionschef Steinmeier spricht von &ldquo;grandiosem Scheitern&rdquo;.<br>\n&hellip;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,druck-705036,00.html\">Spiegel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den Kritikern der so genannten Gesundheitsreform (siehe Anlagen) wird vor allem die schr&auml;ge Lastenverteilung beklagt: zulasten der Arbeitnehmer, zulasten der Beitragszahler, &bdquo;vollkommen unsozial&ldquo;, entgegen den Versprechungen nicht mehr netto vom brutto, im Gegenteil. Diese Kritik ist berechtigt. Aber sie ist einseitig und damit nicht massiv genug. Die neuen Regelungen haben nicht nur eine Verteilungsschw&auml;che,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6127\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,146],"tags":[704,769,770,825],"class_list":["post-6127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-soziale-gerechtigkeit","tag-gesundheitsreform","tag-kopfpauschale","tag-roesler-philipp","tag-sozialausgleich"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6127"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20965,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6127\/revisions\/20965"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}