{"id":61303,"date":"2020-05-27T10:24:57","date_gmt":"2020-05-27T08:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61303"},"modified":"2020-05-27T16:59:27","modified_gmt":"2020-05-27T14:59:27","slug":"mindestlohndebatte-ein-weiteres-beispiel-der-erfolgreichen-cducsu-strategie-des-getrennt-marschierens-und-vereint-schlagens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61303","title":{"rendered":"Mindestlohndebatte \u2013 ein weiteres Beispiel der erfolgreichen CDU\/CSU-Strategie des Getrennt-Marschierens und Vereint-Schlagens"},"content":{"rendered":"<p>Die Aufregung im politischen Berlin war gro&szlig;. Da hatte doch eine Arbeitsgruppe der CDU tats&auml;chlich eine Senkung des Mindestlohns gefordert. Wenige Wochen, nachdem die Kanzlerin h&ouml;chstpers&ouml;nlich auch die oft zum Mindestlohn bezahlten Arbeitskr&auml;fte in den Superm&auml;rkten gro&szlig;z&uuml;gig f&uuml;r systemrelevant erkl&auml;rte, erscheint dieser Vorsto&szlig; dann doch &ndash; dr&uuml;cken wir es mal sehr wohlwollend aus &ndash; ein wenig k&uuml;hn. Wie kaum anders zu erwarten, folgte dann auch wenige Stunden sp&auml;ter der <a href=\"https:\/\/twitter.com\/akk\/status\/1265192396448505857\">R&uuml;ckpfiff<\/a> durch die Parteichefin: &bdquo;H&auml;nde weg vom Mindestlohn&ldquo;. Hat die Parteispitze ihre Fraktion nicht im Griff? Das Gegenteil d&uuml;rfte der Fall sein. Mit diesem Vorsto&szlig; erweiterte die Union den Debattenraum. Nun steht ein ganzer Reigen neoliberaler Grausamkeiten in der Diskussion und es d&uuml;rfte CDU und CSU nun leichter fallen, die ohnehin geplanten Punkte wie vor allem die vollst&auml;ndige Streichung des Solidarit&auml;tszuschlags, von der ohnehin nur die Topverdiener profitieren, durchzudr&uuml;cken. Der Koalitionspartner SPD und die Medien machen es ihnen ja auch denkbar einfach. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8981\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61303-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61303-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200527_Mindestlohndebatte_ein_weiteres_Beispiel_der_erfolgreichen_CDU_CSU_Strategie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Planen Kreise der CDU ernsthaft eine Senkung des Mindestlohns? Davon ist nicht auszugehen. Es ist zwar kein Geheimnis, dass die CDU den Mindestlohn lieber heute als morgen abschaffen w&uuml;rde, aber da die Unionsparteien bekanntlich keine absolute Mehrheit im Bundestag haben, w&auml;re daf&uuml;r die Zustimmung der SPD erforderlich und die scheint bei aller Prinzipienlosigkeit dieser Partei dann doch sehr unwahrscheinlich. Fordern kann man indes viel. Und das macht sogar Sinn, wenn man durch ohnehin nicht erf&uuml;llbare Maximalforderungen den Debattenraum erweitert und damit andere Forderungen leichter unterbringen kann.<\/p><p>Man darf sich das in etwa so vorstellen wie eine kleine &bdquo;Koalitionsverhandlung&ldquo; im Familienkreis. Die liebe Tochter w&uuml;nscht sich innerlich, dass ihre Eltern ihr Reitstunden finanzieren, wei&szlig; aber auch, dass sie mit diesem Wunsch nicht durchkommt. Was also tun? Ganz einfach: Sie w&uuml;nscht sich keine Reitstunden, sondern ein Pferd; wohlwissend, dass diese &bdquo;Maximalforderung&ldquo; ohnehin keine Chance hat. Sie hat jedoch den Debattenraum durch diese nicht ernsthaft gemeinte Maximalforderung erweitert und nun k&ouml;nnte die Finanzierung der Reitstunden bei den Eltern als rationaler Kompromiss durchgehen. Die meisten Eltern w&uuml;rden eine solche Taktik sicherlich durchschauen. Die SPD ist nicht so schlau und steht stets wie das Karnickel vor der Schlange, wenn die CDU mal wieder diese &bdquo;Tochter-Taktik&ldquo; aus dem Hut zaubert.<\/p><p>Dabei ging die CDU wie stets ausgesprochen clever vor. Man verpackte die Maximalforderung zusammen mit anderen &ndash; ebenfalls unannehmbaren &ndash; Forderungen in einem Programmpapier, das man dann &uuml;ber dpa und Handelsblatt gezielt in den Medien streute und gen&uuml;sslich die Reaktionen auf dieses &bdquo;Leak&ldquo; abwarten konnte. Nun &uuml;bernahm Annegret Kramp-Karrenbauer und twitterte ein Machtwort &hellip; freilich nur zur Maximalforderung, aber nicht zu den sonstigen Forderungen aus dem Programmpapier. <\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">In dieser Zeit brauchen Unternehmen Spielraum und Liqudit&auml;t zum Investieren. Dar&uuml;ber reden wir beim Konjunkturpaket. Aber f&uuml;r die CDU ist klar: Nicht auf dem R&uuml;cken der Arbeitnehmer. Deshalb: H&auml;nde weg vom Mindestlohn.<\/p>\n<p>&mdash; A. Kramp-Karrenbauer (@akk) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/akk\/status\/1265192396448505857?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 26, 2020<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Die Au&szlig;enwirkung d&uuml;rfte f&uuml;r die CDU erfreulich sein: Parteichefin mit Herz pfeift die neoliberalen Trommler in ihrer Partei zur&uuml;ck. H&auml;tten die Trommler das Thema Mindestlohn aus ihrem Papier herausgelassen, w&uuml;rden die anderen Punkte als Maximalforderung im Raum stehen und kritisiert werden. Getrennt-Marschieren, Vereint-Schlagen. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu die beiden Artikel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37545\">Getrennt marschieren und vereint schlagen. Zur verdammt cleveren Strategie von CSU und CDU.<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44756\">Ein weiterer Erfolg der CDU- und CSU-Strategie des Getrennt-Marschierens und Vereint-Schlagens<\/a>&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller.<\/em><\/p><p>Die Maximalforderung der Senkung des Mindestlohns d&uuml;rfte nun erst mal vom Tisch sein. Aber was ist mit den anderen Forderungen der wirtschaftsliberalen Extremisten in der CDU-Fraktion? Was ist mit der Forderung, eine w&ouml;chentliche H&ouml;chstarbeitszeit von 48 Stunden festzulegen? Was ist mit der &bdquo;verbindlichen und langfristigen&ldquo; Deckelung der Beitr&auml;ge zur Sozialversicherung auf 40 Prozent? Diese Punkte werden nun in Koalitionsverhandlungen hei&szlig; mit der SPD debattiert werden, wobei abzusehen ist, dass die CDU sich auch hier nicht durchsetzen kann. Aber wollte sie das &uuml;berhaupt? Wahrscheinlicher ist, dass es CDU und CSU neben der &Ouml;ffnung des allgemeinen Debattenraums f&uuml;r neoliberale Positionen vor allem um den letzten Punkt im Forderungskatalog geht: Der sofortigen Streichung des Solidarit&auml;tszuschlags.<\/p><p>Hier tobt seit l&auml;ngerem ein Kampf zwischen den Unionsparteien und der SPD. Letztere hatte sich schon so weit &uuml;ber den Tisch ziehen lassen, dass sie einer Kombination aus Senkung und Streichung des Solis f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Besch&auml;ftigten zum 1. Januar zustimmte. Fortan w&uuml;rde der Soli dann nur noch f&uuml;r die obersten 10% der Einkommen anfallen; also f&uuml;r eine Gruppe, die man weitl&auml;ufig als &bdquo;Top-Verdiener&ldquo; bezeichnen kann. Deren politischer Arm ist bekanntlich neben der CDU vor allem der bayerische Ministerpr&auml;sident S&ouml;der, der es sich zu seinem Ziel erkl&auml;rt hat, den Solidarit&auml;tszuschlag ab dem 1. Juli vollst&auml;ndig abzuschaffen &ndash; eine Wohltat f&uuml;r die Top-Verdiener zu Lasten des Rests der Bev&ouml;lkerung, die von S&ouml;ders Initiative &uuml;berhaupt nicht profitiert. Ginge es &bdquo;nur&ldquo; um diesen Punkt, h&auml;tte S&ouml;der sich gegen die SPD wohl nur mit Schrammen durchgesetzt &ndash; es ist nun einmal trotz medialer Sch&uuml;tzenhilfe nicht so einfach, eine Steuerreform zu kommunizieren, von der nachweislich nur die Top-Verdiener profitieren. Da ist es f&ouml;rmlich eine Steilvorlage, wenn man die SPD mit ins Boot bekommt und eben diese Steuerreform als eine Art pragmatische &Uuml;bereinkunft verkaufen kann, mit der man gemeinsam die ohnehin indiskutablen Forderungen aus den Reihen der CDU in den Punkten Mindestlohn, Arbeitszeiten und Lohnnebenkosten abblocken konnte. Braucht man die SPD &uuml;berhaupt noch, wenn man mit S&ouml;der den Kanzler der Herzen hat? So wird aus der eigentlichen Maximalforderung durch die Kommunikation anderer, noch weitergehender Maximalforderungen ein gef&uuml;hlt pragmatischer Kompromiss. <\/p><p>Auch hier marschiert die Union getrennt und schl&auml;gt am Ende vereint zu. Und die SPD zieht gleich in dreifacher Hinsicht den K&uuml;rzeren:<\/p><ul>\n<li>Ihre eigenen Vorschl&auml;ge kommen gar nicht zur Diskussion, da diese durch die Erweiterung des Debattenraums nun selbst als Extrempositionen dastehen und man nur noch im &bdquo;Feld&ldquo; der Unionsvorschl&auml;ge debattiert.<\/li>\n<li>Die SPD kann noch nicht einmal mit der Abwehr der CDU-Maximalforderungen punkten, da daf&uuml;r ja bereits Annegret Kramp-Karrenbauer die Lorbeeren eingeheimst hat.<\/li>\n<li>Schlussendlich wird die SPD einem &bdquo;Kompromiss&ldquo; zustimmen, den sie zuvor abgelehnt hat.<\/li>\n<\/ul><p>CDU und CSU siegen also auf gleich dreifacher Ebene. Und wenn die Streichung des Solis erst mal durch ist, geht es an die anderen Punkte des Programmpapiers. Sicher wird sich eine neue Maximalforderung finden lassen, die dann diese Punkte als pragmatischen Kompromiss wirken l&auml;sst.<\/p><p>Diese wirklich clevere Strategie kann nat&uuml;rlich nur funktionieren, da die Medien das Spiel lammfromm mitspielen. DPA, SPIEGEL, Handelsblatt und Co. berichten gespielt kritisch &uuml;ber das angeblich &bdquo;geleakte&ldquo; Papier, man regt sich mit angezogener Handbremse auf und feiert dann die Parteispitze daf&uuml;r, die Ordnung wiederhergestellt zu haben. Noch wichtiger &ndash; man spielt aktiv bei der Erweiterung des Debattenraums mit und diskutiert pl&ouml;tzlich nicht mehr &uuml;ber die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit einer Streichung des Solis, sondern &uuml;ber F&uuml;r und Wider des Mindestlohns. Besser kann es f&uuml;r die Unionsparteien doch gar nicht laufen. Da muss man sich dann auch nicht mehr &uuml;ber die surreal wirkenden Zustimmungswerte f&uuml;r CDU und CSU und deren Spitzenkr&auml;fte wundern. Und der Mindestlohn? Warten wir mal die n&auml;chsten Wahlen ab. Sobald die Unionsparteien in der realistischen Position sind, ihn abzuschaffen, werden sie es ohne ein Zwinkern auch tun &ndash; Merkel-Ansprachen hin, Kramp-Karrenbauer-Tweets her. <\/p><p>p.s.: Wer sich ernsthaft und seri&ouml;s &uuml;ber das Thema &bdquo;Mindestlohn&ldquo; informieren will, dem sei das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/200527-Gerhard-Bosch-Stellungnahme-fuer-Mindestlohnkommission-IAQ-03-2020pdf.pdf\">Positionspapier des &Ouml;konomen Gerhard Bosch<\/a> ans Herz gelegt. <\/p><p>Titelbild: Ahmet Misirligul\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/e6a75f2cd54f4fb2890557fd220f9bbf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aufregung im politischen Berlin war gro&szlig;. Da hatte doch eine Arbeitsgruppe der CDU tats&auml;chlich eine Senkung des Mindestlohns gefordert. 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