{"id":61313,"date":"2020-05-27T11:24:43","date_gmt":"2020-05-27T09:24:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61313"},"modified":"2020-05-27T12:26:16","modified_gmt":"2020-05-27T10:26:16","slug":"s-21-ein-politischer-skandal-ein-interview-von-susanne-stiefel-mit-dem-frueheren-daimler-chef-edzard-reuter-illustriert-mit-werken-von-peter-lenk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61313","title":{"rendered":"&#8220;S 21 \u2013 ein politischer Skandal&#8221; \u2013 ein Interview von Susanne Stiefel mit dem fr\u00fcheren Daimler-Chef Edzard Reuter, illustriert mit Werken von Peter Lenk"},"content":{"rendered":"<p>Alles erstunken und erlogen, sagt Edzard Reuter mit Blick auf die Zahlen rund um Stuttgart 21 &ndash; und alle wu&szlig;ten es! Umso mehr unterst&uuml;tzt der ehemalige Daimler-Chef den Bildhauer Peter Lenk und sein S-21-Denkmal. Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber politischen Betrug, Satire und Martin Walser. &ndash; Dieses Interview &uuml;bernehmen wir von &bdquo;Kontext&ldquo;, wo es gerade erschienen ist. <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/politik\/478\/s-21-ein-politischer-skandal-6763.html\">Siehe hier<\/a>. Danke. &Uuml;brigens: Wer das S-21-Denkmal von Peter Lenk unterst&uuml;tzen will, findet den Link dazu am Ende des Interviews. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das Interview:<\/strong><\/p><p><strong>Herr Reuter, Ihre SPD lobt den unterirdischen Bahnhof, die Wirtschaft begr&uuml;&szlig;t den Fortschritt und Sie, als SPD-Mitglied und ehemaliger Daimler-Chef, harren aus auf einsamem Posten mit Ihrer Kritik an Stuttgart 21. M&ouml;gen Sie das Motto viel Feind, viel Ehr?<\/strong><\/p><p>Ach was. Anfangs gefiel mir sogar die Idee recht gut, die riesengro&szlig;e Gleisfl&auml;che f&uuml;r die Stadt zu nutzen. Bis die Diskussion losging, die schlie&szlig;lich 2011 zur Volksabstimmung gef&uuml;hrt hat. Da habe ich mich schon sehr gewundert, woher die merkw&uuml;rdigen Zahlen pl&ouml;tzlich kamen, von denen ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie realistisch sein k&ouml;nnten. Es wurde behauptet, zum Schluss koste es 2,5 Milliarden Euro, das k&ouml;nnten wir uns leisten bei einer Baut&auml;tigkeit von zehn Jahren. Ich habe das nicht geglaubt. Ich habe damals mit vielen Verantwortlichem in meiner Partei dar&uuml;ber geredet und war bass erstaunt, zu h&ouml;ren: Das ist doch v&ouml;llig egal, das machen wir so, das ist eine tolle verkehrspolitische Entwicklung, die schnelle Verbindung von Paris nach Bratislava &hellip;<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200527-Interview-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Peter Lenks Edzard-Reuter-Interpretation. Foto: Joachim E. R&ouml;ttgers<\/small><\/p><p><strong>&hellip; die ber&uuml;hmte europ&auml;ische Magistrale, die der ehemalige CDU-Ministerpr&auml;sident G&uuml;nther Oettinger auch immer beschworen hat &hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip; und das ist technischer Fortschritt. Davon waren auch die meisten in der SPD fest &uuml;berzeugt. F&uuml;r mich hat das Ganze in einem politischen Skandal geendet, den ich f&uuml;r einen der schlimmsten Fehltritte halte, die hier in Deutschland gemacht wurden. Weil hier die Entscheidungshoheit des Parlaments und der Regierung verlagert wurde in eine direkte Befragung des Volkes &ndash; und diese Volksabstimmung herbeigef&uuml;hrt wurde mit erfundenen und erlogenen Zahlen.<\/p><p><strong>Damals lagen die Baukosten merkw&uuml;rdigerweise noch bei 4,5 Milliarden.<\/strong><\/p><p>Das war damals schon erstunken und erlogen. Alle Beteiligten wussten es. Diese Volksabstimmung war ein Betrug und ein Verbrechen am demokratischen System. Und deswegen werde ich nicht aufh&ouml;ren zu sagen, dass die Schuldigen, die das damals verantwortet haben, eigentlich zur Rechenschaft gezogen werden m&uuml;ssten.<\/p><p><strong>Das klingt nicht so, als h&auml;tten Sie Gottes Segen, den Parteifreund und SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel &uuml;ber Stuttgart 21 gesehen hat, jemals entdeckt?<\/strong><\/p><p>Nein, den gibt es auch nicht. Ich kann nicht verstehen, dass Personen wie Claus Schmiedel oder Wolfgang Drexler das bis heute nicht verstehen wollen. Die Geschichte von S 21 ist die Geschichte eines politischen Betrugs.<\/p><p><strong>Jetzt werden wegen Corona Rettungsschirme aufgespannt, neben denen die inzwischen zehn Milliarden f&uuml;r den Stuttgarter Bahnhof wie Peanuts wirken.<\/strong><\/p><p>Mag sein, dass sich die Betr&auml;ge, die heute im Kontext mit Corona debattiert werden, ebenfalls als falsch herausstellen. Sie werden jedoch heute nicht bewusst verwendet, um falsche Beschl&uuml;sse herbeizuf&uuml;hren. Das ist ein kardinaler Unterschied.<\/p><p><strong>Wenn man die Leute an der Spitze anschaut, D&uuml;rr, Mehdorn, Grube, dann waren das entweder Daimler-Manager oder Gesch&auml;ftspartner. H&auml;tte man da nicht erwarten k&ouml;nnen, dass die ihr Gesch&auml;ft beherrschen?<\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200527-Interview-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Anhydriden, antike Pop- und Chaosgruppe, &uuml;berfallen eine Tunneltaufe mit den Tunnelbauern Martin Herrenknecht, Walter Wittke und der Heiligen Barbara. Foto: privat<\/small><\/p><p>(lacht) Alle diese beteiligten Herren haben versucht, die Bahn als wichtiges Projekt voranzubringen. Das hei&szlig;t aber nicht, dass ich die F&auml;higkeiten und die Qualifikation dieser Herren gleicherma&szlig;en sch&auml;tze.<\/p><p><strong>Kennen Sie das Bonmot, dass die Daimler-Leute geholt wurden, um die Bahn an die Wand zu fahren und als Konkurrenz zum Auto klein zu halten?<\/strong><\/p><p>Das ist ja wohl ein Witz. Alles ging mit Helmut Kohl los, der meinen gesch&auml;tzten Kollegen Heinz D&uuml;rr zur Bahn geholt hat. Das war doch kein Versuch, auf diesem Weg die Zukunft der Automobilindustrie zu sichern. Damals ging es darum, die Bahn so schnell wie m&ouml;glich zu privatisieren. Das war der eigentliche Grund, und nicht die F&ouml;rderung der Automobilindustrie. Wenigstens Letzteres konnte verhindert werden. Auch dank Peter Conradi.<\/p><p><strong>Kommen wir zur Kunst, Herr Reuter, und damit zu Peter Lenk. Wir wissen, dass Sie ihn sch&auml;tzen.<\/strong><\/p><p>Peter Lenk ist ein uralter guter Bekannter, um nicht zu sagen Freund. Entstanden ist diese Freundschaft aus satirischem Anlass. Mein ehemaliger Vorstandskollege Werner Niefer kam in mein B&uuml;ro und schimpfte: &ldquo;Dieser Skandal, diese Frechheit, der Lenk zieht mich mit seiner neuen Plastik in Konstanz durch den Kakao&rdquo;. Darauf habe ich mir den Lenkschen Brunnen auf der &ldquo;Laube&rdquo; angesehen und gelacht, genau wie vorher schon &uuml;ber den Mercedesstern, den mir der Kerl als Heiligenschein auf den Kopf gesetzt hatte. Daraufhin bin ich mit Niefer an den Bodensee zu Lenk gefahren, der uns von seiner Arbeit erz&auml;hlt hat. Auf der Heimfahrt haben wir beide gesagt: &ldquo;Donnerwetter, hinter diesem Witzbold steckt ja ein ganz ernsthafter Mensch&rdquo;. Das ist das Faszinierende an Lenk, und genau das setzt er in seinen Arbeiten um. Er macht den Menschen, die das Sagen haben, klar: Nehmt euch blo&szlig; nicht allzu ernst. Das ist eine zutiefst demokratische Aufforderung und das ist, zusammen mit seinem k&uuml;nstlerischen Potential, das zweifellos erheblich ist, beeindruckend.<\/p><p><strong>Nicht jedem gef&auml;llt es, wenn er von Lenk &ouml;ffentlich aufs Korn genommen wird. Manche versuchen auch, das zu verhindern wie Martin Walser.<\/strong><\/p><p>Wenn von oben versucht wird, Kritik und Satire totzuschweigen, dann schadet das der Allgemeinheit. Das wei&szlig; auch Peter Lenk, deshalb ist er so beharrlich. Der ist stur wie ein Panzer, aber er lacht gleichzeitig.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200527-Interview-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small>Schriftsteller Martin Walser hoch zu Ross. Foto: privat<\/small><\/p><p><strong>Haben Sie in diesem Kosmos der heruntergelassenen Hosen und verspotteten M&auml;chtigen eine Lieblingsfigur?<\/strong><\/p><p>Eine der wunderbarsten Plastiken ist f&uuml;r mich der bereits erw&auml;hnte Martin Walser in &Uuml;berlingen, wie er da auf dem alten Zossen draufhockt, mit Schlittschuhen an den F&uuml;&szlig;en. Ein Gro&szlig;schriftsteller, der sich in seiner Bedeutung f&uuml;r die deutsche Literatur wohl f&uuml;r eine Wiedergeburt von Goethe h&auml;lt. Von Lenk dargestellt als einer, der aufpassen sollte, dass er sich nicht auf zu d&uuml;nnes Eis begibt mit seinen Schlittschuhen, und dann blubblubbblub wegsackt.<\/p><p><strong>Die Imperia wurde zum Wahrzeichen von Konstanz. Wird das der schw&auml;bische S-21-Laokoon in Stuttgart auch schaffen?<\/strong><\/p><p>Das m&uuml;ssen wir abwarten. Es k&ouml;nnte eine beispielhafte Darstellung werden. Aber dazu braucht es auf der Seite der Verantwortlichen solche F&auml;higkeiten wie Selbstkritik und Humor und die Erkenntnis, welche Fehler man machen kann, wenn man Verantwortung tr&auml;gt. Ich hoffe, die Plastik wird in Stuttgart aufgestellt. Aber seien Sie mir nicht b&ouml;se: Meine Skepsis, die F&auml;higkeit der Verantwortlichen zur Selbstkritik betreffend, ist gro&szlig;. Ob das beispielsweise bei Herrn Mappus der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.<\/p><p><strong>Wie w&auml;re es, wenn man oben auf dem Bahnhofsturm den Stern abmontieren und das S-21-Denkmal drauf setzen w&uuml;rde? Dann k&ouml;nnte sich in der Landeshauptstadt wie in Konstanz ein flottes Kunstwerk von Peter Lenk drehen.<\/strong><\/p><p>Das w&uuml;rde aber nicht funktionieren. Denn von so weit unten sieht man die wunderbare Satire in dieser Plastik gar nicht. Der beste Platz w&auml;re doch gegen&uuml;ber dem Bahnhof auf der Schillerstra&szlig;e. Und im &Uuml;brigen, ich finde schon, der Stern hat eine besondere Bedeutung f&uuml;r Stuttgart, und das ist auch gut so.<\/p><p><em>Wer sich informieren und spenden will f&uuml;r Peter Lenks S-21-Denkmal, ist&nbsp;<a href=\"https:\/\/lenk-in-stuttgart.de\/\">auf dieser Seite<\/a>&nbsp;genau richtig. Und&nbsp;<a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/yx2etbs9\">hier geht&rsquo;s zur virtuellen 514. Montagsdemo<\/a>, mit Interviews unter anderem mit Peter Lenk und Edzard Reuter.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles erstunken und erlogen, sagt Edzard Reuter mit Blick auf die Zahlen rund um Stuttgart 21 &ndash; und alle wu&szlig;ten es! Umso mehr unterst&uuml;tzt der ehemalige Daimler-Chef den Bildhauer Peter Lenk und sein S-21-Denkmal. Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber politischen Betrug, Satire und Martin Walser. &ndash; Dieses Interview &uuml;bernehmen wir von &bdquo;Kontext&ldquo;, wo es gerade erschienen ist.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61313\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":61319,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,917,74],"tags":[1502,2387,343,2546,2893,1331,1481,1464,740],"class_list":["post-61313","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","category-kultur-und-kulturpolitik","category-stuttgart-21","tag-daimlermercedes","tag-denkmal","tag-luegen-mit-zahlen","tag-lenk-peter","tag-reuter-edzard","tag-satire","tag-spendenaufruf","tag-volksabstimmung","tag-walser-martin"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/200527-Interview-01.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61313"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":61324,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61313\/revisions\/61324"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/61319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}