{"id":61412,"date":"2020-05-30T11:45:25","date_gmt":"2020-05-30T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61412"},"modified":"2020-05-30T12:55:48","modified_gmt":"2020-05-30T10:55:48","slug":"auswirkungen-der-coronakrise-in-vielen-unternehmensbilanzen-hat-sich-eine-bewertungsblase-aufgebaut-die-nun-zu-platzen-droht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61412","title":{"rendered":"Auswirkungen der Coronakrise \u2013 in vielen Unternehmensbilanzen hat sich eine Bewertungsblase aufgebaut, die nun zu platzen droht"},"content":{"rendered":"<p>Wiederholt sich die Geschichte wieder? In der Finanzkrise hatten laxe Bilanzierungsregeln bei den Banken wie Brandbeschleuniger gewirkt. &Auml;hnliches k&ouml;nnte sich in der Coronakrise wiederholen &ndash; nun allerdings bei den Unternehmen. Davor hat vor zwei Wochen der Deutsche Analystenverband <a href=\"https:\/\/www.aufsichtsrat.de\/meldungen\/dvfa-stellungnahme-firmenwerte-in-bilanzen\/\">DVFA gewarnt<\/a>: &bdquo;Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren, werden in 2020 verst&auml;rkt au&szlig;erplanm&auml;&szlig;ig Goodwill Abschreibungen auf Firmenwerte durchf&uuml;hren m&uuml;ssen, Dies wird mit entsprechenden zus&auml;tzlichen negativen Konsequenzen f&uuml;r deren GuV (<em>Gewinn- und Verlustrechnung, Anmerkung des Verfassers<\/em>) und damit auch deren Eigenkapital verbunden sein&ldquo;, hei&szlig;t es in der Meldung. Vom <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBeim <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=a8bYQjhj86U\">Goodwill<\/a> handelt es sich um eine Art positiven Firmenwert, der entsteht, wenn bei einer Unternehmens&uuml;bernahme der Kaufpreis das Nettoverm&ouml;gen des &Uuml;bernahmekandidaten &uuml;bersteigt. Konkret hei&szlig;t dies, das kaufende Unternehmen erh&auml;lt nicht nur die Geb&auml;ude, Grundst&uuml;cke oder Maschinen des Konkurrenten, sondern auch immaterielle Verm&ouml;genwerte wie eine bessere Marktposition, eine h&ouml;here Innovationskraft oder einen besseren Zugang zu Know-how. Diese bezeichnet man dann als Firmen- oder Gesch&auml;ftswert (engl. Goodwill). <\/p><p>Dazu ein Beispiel: Der Chemie-und Pharmakonzern Bayer hatte 2018 f&uuml;r die &Uuml;bernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto 60 Milliarden Euro gezahlt. Den Goodwill aus diesem Deal bezifferte Bayer mit knapp 24 Milliarden Euro. Begr&uuml;ndet hat man diesen Wert mit &bdquo;erwarteten Umsatzsynergien durch das kombinierte Anbieten von Produkten&ldquo; sowie &bdquo;erwarteten Synergien bei Verwaltungsprozessen und Infrastrukturen, u. a. Kosteneinsparungen in den Funktionen Vertrieb, Forschung und Entwicklung sowie allgemeine Verwaltung&ldquo;.<\/p><p><strong>Keine regelm&auml;&szlig;igen Abschreibungen mehr<\/strong><\/p><p>&Auml;hnlich wie Maschinen, Geb&auml;ude und andere Verm&ouml;genswerte unterliegt auch der Goodwill dem Wertverfall, das hei&szlig;t, er muss abgeschrieben werden. Und hier wird es nun spannend. Denn b&ouml;rsennotierte Unternehmen m&uuml;ssen seit 2005 nach den &bdquo;International Financing Reporting Standards&ldquo; (IFRS) bilanzieren. Eine Abwertung des Goodwill findet hier aber nicht mehr regelm&auml;&szlig;ig statt, sondern nur noch dann, wenn ein Hinweis auf eine Wertminderung vorliegt. Die Unternehmen haben hier also mehr Gestaltungsspielraum. Im Ergebnis kommt es seither kaum noch zu Abschreibungen auf den Goodwill. Und dies ist auch logisch. Denn die Manager haben wenig Interesse daran, Abschreibungen vorzunehmen. Diese dr&uuml;cken auf Gewinn, Eigenkapital und Aktienkurs &ndash; und damit auch auf die Boni. Zudem k&auml;men hohe Goodwill-Abschreibungen einem Eingest&auml;ndnis gleich, die Unternehmen zu teuer eingekauft zu haben.<\/p><p>Unter dem Strich hat sich so in vielen Unternehmensbilanzen im Laufe der Jahre eine Blase aufgebaut, die nun zu platzen droht. Allein die 30 Dax-Konzerne haben <a href=\"https:\/\/www.boerse-online.de\/nachrichten\/aktien\/so-viel-goodwill-steckt-in-den-bilanzen-der-30-dax-konzerne-ein-ueberblick-1029117085\">derzeit insgesamt 317 Milliarden Euro Goodwill in ihren Bilanzen ausgewiesen<\/a>, vor zehn Jahren waren es noch knapp 180 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu sind die Abschreibungen mickrig. 2019 waren es lediglich f&uuml;nf Milliarden Euro. Spitzenreiter beim Goodwill ist in absoluten Zahlen der Bayer-Konzern mit 39,1 Milliarden Euro, das sind rund 83 Prozent des bilanziellen Eigenkapitals. Bei dem Gesundheitskonzern Fresenius und der Deutschen Post w&uuml;rde eine vollst&auml;ndige Abschreibung des Goodwill sogar fast das komplette Eigenkapital auffressen.<\/p><p><strong>Risiken in den Bilanzen<\/strong><\/p><p>Auf die Risiken, die in den Bilanzen schlummern, hat auch schon die Branche selbst hingewiesen. Das Institut der Wirtschaftspr&uuml;fer (IDW) etwa forderte, die &bdquo;Regeln zeitnah und dringend zu &uuml;berpr&uuml;fen, um prozyklische Wirkungen von Bewertungen zu verhindern&ldquo;. Dieser Forderung schloss sich der Analystenverband DVFA vor zwei Wochen an: &bdquo;Der DVFA setzt sich f&uuml;r eine planm&auml;&szlig;ige Abschreibung von Goodwill ein. Nur so ist zu verhindern, dass in Zeiten von Krisen keine Verst&auml;rkung von Verlustsituationen erfolgt.&ldquo; Der DVFA fordert damit im Grunde nur, zur jener Praxis zur&uuml;ckzukehren, wie sie bis 2004 gang und g&auml;be war. Bis dahin mussten b&ouml;rsennotierte Unternehmen planm&auml;&szlig;ig abschreiben, in der Regel &uuml;ber zehn bis 20 Jahre.<\/p><p>F&uuml;r die Hege und Pflege der internationalen Bilanzierungsregeln IFRS ist das International Accounting Standards Board (IASB) zust&auml;ndig. Dessen Standards haben inzwischen alle EU-Mitgliedsstaaten und &uuml;ber 90 weitere L&auml;nder &uuml;bernommen. &Uuml;ber den Umgang mit Goodwill hat das IASB zuletzt im Juni 2019 beratschlagt und sich dann mit acht zu sechs Stimmen gegen eine offene Diskussion &uuml;ber die R&uuml;ckkehr zur planm&auml;&szlig;igen Abschreibung ausgesprochen.<\/p><p><strong>Keine demokratische Kontrolle<\/strong><\/p><p>Problematisch dabei ist jedoch, dass das IASB gar keine demokratisch legitimierte Organisation ist. Eigent&uuml;mer ist vielmehr die International Accounting Standards Committee Foundation, eine Stiftung, die in der US-Steueroase Delaware residiert. Die Mitglieder des IASB sind vor allem ehemalige Mitarbeiter nationaler Finanzaufsichtsbeh&ouml;rden, aber auch privater Unternehmensberatungen. Finanziert wird das IASB von den vier gro&szlig;en Wirtschaftspr&uuml;fungsgesellschaften PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte Touche Tohmatsu und Ernst &amp; Young.<\/p><p>Der Gr&uuml;ndungsherausgeber des Polit-Magazins &bdquo;Die Gazette&ldquo;, Fritz Glunk, hat k&uuml;rzlich ein Buch &uuml;ber Organisationen wie das IASB geschrieben. Glunk bezeichnet solche Konstrukte als <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Schattenmaechte.html\">&bdquo;Schattenm&auml;chte&ldquo;<\/a>. Das sind formlose Gruppen oder Gebilde, in denen Wirtschaftsvertreter und staatliche Beh&ouml;rden zusammensitzen und globale Regeln festlegen. &bdquo;Keine dieser Gruppen ist gew&auml;hlt oder abw&auml;hlbar oder einer demokratischen Kontrolle unterworfen; manche der so global verabredeten Normen werden, so wie sie sind, de facto oder de jure zu geltendem Weltwirtschaftsrecht&ldquo;, sagt Glunk.<\/p><p><strong>&bdquo;Folgenreiche Verschiebung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bez&uuml;glich des IASB meint Glunk, dass sich durch dessen Wirken eine &bdquo;folgenreiche Verschiebung&ldquo; ergeben h&auml;tte. In Deutschland etwa sind nun wesentliche Bestimmungen des Handelsgesetzbuchs (HGB) nicht mehr g&uuml;ltig; stattdessen gelten die Vorschriften des IFRS. Im Kern unterscheiden sich die beiden Standards darin, welche Informationen des Jahresabschlusses eines Unternehmens sie in den Vordergrund stellen. W&auml;hrend das traditionelle HGB-Modell durch eine vorsichtige Ermittlung des Gewinns gekennzeichnet ist und die Interessen aller am Unternehmen Beteiligten im Blick hat, konzentriert sich der angels&auml;chsisch gepr&auml;gte IFRS vor allem auf das Interesse der Investoren.<\/p><p>Wie sich dies konkret auswirkt, l&auml;sst sich anhand des bereits erw&auml;hnten Bayer-Monsanto-Deals nachvollziehen. Experten gehen n&auml;mlich davon aus, dass dieser auf Basis planm&auml;&szlig;iger Abschreibungen nach HGB nicht stattgefunden h&auml;tte. Denn bei einem Goodwill von knapp 24 Milliarden Euro h&auml;tte Bayer &uuml;ber Jahre hinweg Abschreibungen in Milliardenh&ouml;he vornehmen m&uuml;ssen. Davor w&auml;re das Management wom&ouml;glich zur&uuml;ckgeschreckt.<\/p><p>Einen Vorgeschmack darauf, wie es demn&auml;chst zugehen k&ouml;nnte, hat vor zwei Wochen &uuml;brigens der &ouml;sterreichische Ziegelhersteller Wienerberger geliefert. Bei der Vorlage der Quartalszahlen erkl&auml;rte das Unternehmen, wegen der <a href=\"https:\/\/www.sn.at\/wirtschaft\/oesterreich\/wienerberger-chef-hofft-auf-fette-konjunkturpakete-87557128\">Coronakrise Goodwill-Abschreibungen vorzunehmen<\/a>: &bdquo;Die Covid-19-Krise ist ein Anlassfall, wo ein Unternehmen alle seine Assets pr&uuml;fen muss&ldquo;, sagte Wienerberger-Chef Heimo Scheuch. Von den insgesamt rund 116 Millionen Euro Abschreibungen im ersten Quartal entfielen 94 Millionen Euro auf die vollst&auml;ndige Firmenwertberichtigung im Bereich Fassadenziegel in Nordamerika. &bdquo;Seit 1999 schleppen wir den mit, den &lsquo;Goodwill&rsquo;, und ich sagte, wir erledigen das jetzt ein f&uuml;r alle Mal statt immer wieder 10 Millionen &ndash; das hei&szlig;t, es gibt dann keinen &lsquo;Goodwill&rsquo; mehr&ldquo;, erkl&auml;rte Scheuch.<\/p><p>Titelbild: PKpix\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/ffddb7736cd243a4b3002b6d9b104c35\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiederholt sich die Geschichte wieder? In der Finanzkrise hatten laxe Bilanzierungsregeln bei den Banken wie Brandbeschleuniger gewirkt. &Auml;hnliches k&ouml;nnte sich in der Coronakrise wiederholen &ndash; nun allerdings bei den Unternehmen. 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