{"id":61427,"date":"2020-06-01T11:45:22","date_gmt":"2020-06-01T09:45:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61427"},"modified":"2026-01-27T11:35:38","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:38","slug":"franz-keller-industriell-produzierte-lebensmittel-sind-in-weiten-teilen-echte-sterbemittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61427","title":{"rendered":"Franz Keller: \u201eIndustriell produzierte Lebensmittel sind in weiten Teilen echte Sterbemittel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In seinem Restaurant haben Angela Merkel und Vladimir Putin einmal von einem gemeinsamen Teller gegessen: <strong>Franz Keller<\/strong>, ehemaliger Sternekoch, kennt sich aus mit dem Essen. Er wei&szlig;: Gemeinsames Essen verbindet. Seine Sterne hat er vor einiger Zeit aufgegeben, um sich ganz der nachhaltigen K&uuml;che zu widmen. Im NachDenkSeiten-Interview geht Keller hart mit unseren Ern&auml;hrungsgewohnheiten ins Gericht. &bdquo;So ziemlich alles&ldquo; laufe falsch. Er pl&auml;diert daf&uuml;r, dass Ern&auml;hrung und Kochen zum Hauptfach an unseren Schulen wird. Ein Interview &uuml;ber richtiges Essen, falsche Ern&auml;hrungseinstellungen und eine Politik, die anstelle einer &bdquo;echten Agrarwende&ldquo; ein &bdquo;falsches System zementiert&ldquo;. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9067\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61427-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61427-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200602_Franz_Keller_Industriell_produzierte_Lebensmittel_sind_in_weiten_Teilen_echte_Sterbemittel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Keller, Sie haben mal f&uuml;r Angela Merkel und Vladimir Putin gekocht. In Ihrem neuen Buch erz&auml;hlen Sie, dass die beiden f&uuml;nf Stunden bei Ihnen im Restaurant sa&szlig;en und sogar gemeinsam von einem Teller gegessen haben. Was lehrt uns diese Beobachtung?<\/strong><\/p><p>Gemeinsam ein gutes Essen zu genie&szlig;en, ist doch die beste Voraussetzung f&uuml;r ein gutes Gespr&auml;ch. Nicht nur wenn Politiker sich zum Essen treffen. An einem Tisch zu sitzen und nicht nur eine Mahlzeit zu teilen, sondern auch Ideen und Gedanken auszutauschen oder Probleme zu besprechen, das schafft eine andere Gespr&auml;chsatmosph&auml;re und funktioniert auch ganz wunderbar, wenn man sich mit der Familie oder Freunden zum Essen trifft. Nicht ohne Grund ist der Tisch in vielen H&auml;usern und Wohnungen ein Mittelpunkt.<\/p><p><strong>Wann fand diese Begegnung denn statt?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, das war im Oktober 2007 in meiner Adler Wirtschaft in Hattenheim.<\/p><p><strong>Schon damals, so schreiben Sie, sei das Klima zwischen Deutschland und Russland &bdquo;eher frostig&ldquo; gewesen. Wenn man bedenkt, wie die Spannungen zwischen den NATO-Staaten und Russland seit der Ukraine-Krise aussehen, w&auml;re es da nicht angebracht, dass so manche Politiker sich mal in Ruhe treffen und lange und ausgiebig miteinander essen?<\/strong><\/p><p>Die beiden k&ouml;nnen gerne mal wieder bei mir vorbeischauen, wenn es hilft, die Welt ein wenig friedlicher zu machen. Mich braucht man von der sozialen Funktion eines guten Essens nicht zu &uuml;berzeugen. Ich bin seit mehr als f&uuml;nfzig Jahren Koch, gemeinsam zu essen, ist der soziale Kitt sowohl f&uuml;r die Familie als auch f&uuml;r die Gesellschaft. Das ist ja mein gro&szlig;es Anliegen: Fangt wieder selber an zu kochen, setzt euch an einen Tisch und genie&szlig;t die gemeinsame Zeit.<\/p><p><strong>Essen verbindet jedenfalls Menschen. Aber gilt das auch, wenn die Nahrungsaufnahme nur noch aus Tiefk&uuml;hlpizza und anderen Fertigprodukten besteht?<\/strong><\/p><p>Das ist ein gro&szlig;es Problem unserer Zeit. Wir haben unser Essen, unsere Ern&auml;hrung in den letzten Jahrzehnten aus der Hand gegeben und quasi wegrationalisiert. Effizient, fast und &bdquo;to go&ldquo; muss Essen heute sein. Gruselig. Was wir uns da an Fast- und Fertigfutter genehmigen, ist den vielen Menschen offensichtlich egal. Hauptsache schnell und satt, scheint die Devise zu sein. Doch das ist keine gute Ern&auml;hrungsgrundlage, ganz im Gegenteil: Das macht uns krank. In meinen Augen sind die industriell produzierten Lebensmittel in weiten Teilen echte Sterbemittel.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es in der K&uuml;che, beim Kochen, um das Wesentliche geht, n&auml;mlich um &bdquo;unser Leben&ldquo;. Wie ist das gemeint?<\/strong><\/p><p>Muss man das wirklich erkl&auml;ren? Das Essen, das wir t&auml;glich zu uns nehmen, soll unseren K&ouml;rper und unseren Geist m&ouml;glichst optimal mit N&auml;hrstoffen und Energie versorgen. Essen ist also eine ganz zentrale, wenn nicht die wichtigste Aufgabe f&uuml;r jedes Lebewesen. Gleichzeitig ist falsche Ern&auml;hrung heute aber die Todesursache Nummer eins &ndash; das ist doch pervers. Auf der einen Seite leiden noch immer Millionen Menschen auf dieser Welt an Hunger, und wir fressen uns zu Tode. An der Tankstelle darf der Liter &Ouml;l f&uuml;rs Auto gerne mal 45 Euro pro Liter kosten, aber das &Ouml;l, das wir f&uuml;r unseren Motor, also unseren K&ouml;rper brauchen, kaufen wir dann f&uuml;r 7 Euro. Das Beispiel zeigt ganz gut, dass wir auf einem v&ouml;llig falschen Dampfer unterwegs sind.<\/p><p><strong>Was l&auml;uft bei unserer Ern&auml;hrung falsch?<\/strong><\/p><p>Krass gesagt, so ziemlich alles. Ein Beispiel: In unseren Mastfabriken produzieren wir hochsubventioniertes Billigfleisch in miserabler Qualit&auml;t und mit hohem Antibiotika-Einsatz. F&uuml;r das Futter importieren wir Soja, das in S&uuml;damerika in riesigen Monokulturen angebaut wird, auf einer Fl&auml;che, die der addierten Gr&ouml;&szlig;e von Hessen und dem Saarland entspricht und f&uuml;r die auch weiterhin der Regenwald gerodet wird. Die G&uuml;lle, die aus diesen gigantischen Futtermengen entsteht, landet dann auf unseren &Auml;ckern und verursacht ein massives Nitratproblem, nur damit wir unser Billigfleisch dann wieder in andere L&auml;nder exportieren, wo wir die landwirtschaftlichen Strukturen zerst&ouml;ren. Das ist ein v&ouml;llig perverser Kreislauf, der die Menschen krank macht und unseren Planeten zerst&ouml;rt. Wir brauchen deshalb dringend eine radikale Agrar- und Ern&auml;hrungswende &ndash; und die kann jeder auch f&uuml;r sich pers&ouml;nlich einleiten. Mein Pl&auml;doyer hei&szlig;t deshalb: Ab in die K&uuml;che! Fangt bitte wieder an, m&ouml;glichst jeden Tag selber zu kochen. Mit authentischen und unverarbeiteten Lebensmitteln, denn nur so k&ouml;nnen wir die Kontrolle &uuml;ber unsere Ern&auml;hrung zur&uuml;ckgewinnen.<\/p><p><strong>Wahrscheinlich wissen viele Menschen durchaus, dass die Ravioli aus der B&uuml;chse nicht optimal sind. Nur: Wenn man morgens um 8 Uhr aus dem Haus geht und abends erst nach Hause kommt,  dann kann man schon mal das Waschen von ein paar Tomaten oder eines Salats als zu viel empfinden. Oder sehen Sie das anders? Wie kann eine gesunde Ern&auml;hrung selbst bei einem sehr stressigen Arbeitsleben gelingen?<\/strong><\/p><p>Kochen ist ein Abfolgeprozess. Je &ouml;fter wir es tun und je vorausschauender wir dabei planen, desto einfacher und schneller wird es. Und mir kann keiner erz&auml;hlen, dass es daf&uuml;r keine Zeit gibt. Der durchschnittliche Konsum audiovisueller Medien liegt heute schon bei rund 10,5 Stunden. Eine Stunde weniger glotzen oder daddeln und daf&uuml;r etwas Gutes kochen &ndash; das kann sich jeder einrichten. Klar m&uuml;ssen wir auch raus aus unserer Bequemlichkeit. Kochen und Essen m&uuml;ssen wieder ein Ritual werden, das wir ganz bewusst in unseren Alltag einbauen. Zeit ist doch auch das, wof&uuml;r wir sie uns nehmen. Und wenn wir uns den Stellenwert einer guten und ausgewogenen Ern&auml;hrung f&uuml;r unser eigenes Wohlbefinden wieder bewusst machen, ist Selberkochen keine Zeitverschwendung oder Arbeit, sondern ein echtes Vergn&uuml;gen.<\/p><p><strong>Ein anderes Beispiel. Wer in der Mittagspause rasch etwas Warmes essen m&ouml;chte, hat es oft nicht leicht, etwas zu finden, dass rasch zubereitet, einigerma&szlig;en g&uuml;nstig, s&auml;ttigend und auch noch gesund ist. Zugespitzt bleibt oft nur die Wahl zwischen Schnitzel mit Pommes oder einem Salat.  Sehen Sie auch, dass hier Restaurants ihre Speisekarten optimieren sollten?<\/strong><\/p><p>Ich sehe da beide Seiten in der Pflicht. K&ouml;che sollten die Vorreiter und Vorbilder f&uuml;r eine gute und gesunde Ern&auml;hrung sein. Doch leider hat auch in der Alltagsgastronomie die Convenience-Seuche extremen Einzug gehalten, also das Arbeiten mit fertigen oder halbfertigen Zutaten. Auf der anderen Seite sind insbesondere die Deutschen echte Sparf&uuml;chse beim Thema Essen. Gutes Essen aber hat seinen Preis und den sollten wir auch im Restaurant bezahlen, wenn wir eine gute Mahlzeit mit entsprechendem Service genie&szlig;en wollen. Aber ich halte das auch f&uuml;r eine gute und richtige Investition, vor allem in die Gesunderhaltung unseres K&ouml;rpers.<\/p><p><strong>Sie sagen, Ern&auml;hrung m&uuml;sste zum Hauptfach in der Schule werden. Warum? Und: Wie w&uuml;rde so ein Fach aussehen?<\/strong><\/p><p>Wenn wir uns die dramatischen Zahlen zu extrem &uuml;bergewichtigen oder von Diabetes betroffenen Jugendlichen anschauen, ist einfach dringender Handlungsbedarf geboten. F&uuml;r die Ern&auml;hrung ihrer Kinder sind selbstverst&auml;ndlich an erster Stelle die Eltern gefordert. Aber wenn rund 40 Prozent der Deutschen nicht mehr oder vielleicht einmal, zweimal die Woche kochen &ndash; wo sollen es die Kinder dann lernen? Viele bringen doch heute schon nicht mehr das Schnitzel, dass sie in Folie verschwei&szlig;t kaufen, mit dem Tier in Verbindung, von dem es stammt. Eine umfassende Bildung und vor allem Selberkochen, das stellt diese Verbindung zur Natur, von der wir leben, wieder her. Kochen und Ern&auml;hrung sollten deshalb zum Hauptfach an allen Schulen werden.<\/p><p><strong>Das war die individuelle Ebene. Wie sieht es mit der Politik aus, wenn es um unsere Nahrung geht? Sind Sie mit den aktuellen Weichenstellungen der Landwirtschaftsministerin zufrieden?<\/strong><\/p><p>Wir als Konsumenten m&uuml;ssen den Druck auf die Politik erh&ouml;hen. Diese Macht haben wir und wir sollten sie nutzen. Die Bauern sind ja nun gerade zum ersten Mal seit Jahren auf die Stra&szlig;e gegangen, und um sie ruhigzustellen, wurde von der Groko eine &bdquo;Bauernmilliarde&ldquo; spendiert, von der sich jetzt sogar die Landwirte fragen: Was soll das? Statt eine echte Agrarwende einzuleiten, wird ein erwiesenerma&szlig;en falsches System weiter zementiert.  Mit der Kohle sollen sich die Bauern jetzt gr&ouml;&szlig;ere Auffanggruben f&uuml;r die G&uuml;lle bauen, statt die &Uuml;berd&uuml;ngung der Felder und damit die Nitratbelastung des Grundwassers nachhaltig zu regulieren. Statt mit der ganzen EU-Kohle weiterhin nach Fl&auml;che zu subventionieren, sollten wir kleinere Betriebe und regionale Strukturen f&ouml;rdern, f&uuml;r eine gesunde Ern&auml;hrung wie f&uuml;r den Klimaschutz.<\/p><p><em>Lesetipp: Franz Keller: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Ab-in-die-Kueche.html\">Ab in die K&uuml;che! Wie wir die Kontrolle &uuml;ber unsere Ern&auml;hrung zur&uuml;ckgewinnen<\/a>&ldquo;, 224 Seiten mit zahlreichen Fotos, Westend Verlag, 2.3.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Restaurant haben Angela Merkel und Vladimir Putin einmal von einem gemeinsamen Teller gegessen: <strong>Franz Keller<\/strong>, ehemaliger Sternekoch, kennt sich aus mit dem Essen. Er wei&szlig;: Gemeinsames Essen verbindet. Seine Sterne hat er vor einiger Zeit aufgegeben, um sich ganz der nachhaltigen K&uuml;che zu widmen. 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