{"id":61438,"date":"2020-06-01T13:15:52","date_gmt":"2020-06-01T11:15:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61438"},"modified":"2020-06-03T07:54:17","modified_gmt":"2020-06-03T05:54:17","slug":"unter-dem-brennglas-die-nothilfen-der-deutschen-politik-in-zeiten-von-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61438","title":{"rendered":"Unter dem Brennglas: Die Nothilfen der deutschen Politik in Zeiten von Corona"},"content":{"rendered":"<p>Um die Folgen der Coronakrise abzumildern, hat die deutsche Bundesregierung im M&auml;rz 2020 ein Rettungspaket in einer bisher noch nie dagewesenen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/coronavirus-corona-rettungspaket-scholz-altmaier-1.4854296\">H&ouml;he von 156 Mrd. Euro<\/a> aufgelegt. Nachdem zuerst vor allem die h&auml;ufig sehr schnelle und in der Regel recht gro&szlig;z&uuml;gige Unterst&uuml;tzung gro&szlig;er und mittlerer Unternehmen im Fokus stand, nahm man parallel dazu auch die wirtschaftliche und soziale Situation der vielen Kleinunternehmer und Soloselbstst&auml;ndigen v&ouml;llig zurecht ernst und gew&auml;hrte ihnen Unterst&uuml;tzung. Doch nicht allen wird geholfen. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3627\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61438-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61438-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200602_Unter_dem_Brennglas_Die_Nothilfen_der_deutschen_Politik_in_Zeiten_von_Corona_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Je reicher, desto mehr wird geklotzt &hellip;<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend soeben die <a href=\"https:\/\/cives.de\/adidas-tui-media-markt-sixt-co-profitieren-millionen-andere-stehen-vor-dem-aus-9489\">enormen Hilfen f&uuml;r gro&szlig;e Aktienunternehmen<\/a> genauer unter die Lupe genommen werden, da einige von ihnen den <a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/deutschland\/adidas-lufthansa-tui-nutzen-staatshilfe-und-steueroasen-a-1306495-3.html\">R&uuml;ckkauf eigener Aktienpakete<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/wirtschaft\/coronavirus-boni-konzerne-kurzarbeitergeld-vda-chefin-100.html\">die Aussch&uuml;ttung von Dividenden<\/a> trotz der staatlichen Unterst&uuml;tzung, und damit durch die Steuerzahler, planen oder gar schon get&auml;tigt haben, gibt es bei den Hilfen f&uuml;r Soloselbstst&auml;ndige unterschiedliche Signale aus der Praxis. Es gibt einerseits wiederholt Berichte, nach denen die <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/corona-krise-trifft-selbststaendige-ohne-soforthilfe-droht-hartz4-13718721.html\">Soforthilfen extrem zeitverz&ouml;gert oder auch gar nicht<\/a> ausgezahlt werden. Auf der anderen Seite gibt es Darstellungen, die eine <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/corona-soforthilfe-solo-selbststaendige-100.html\">gro&szlig;e Anzahl von ausgezahlten Unterst&uuml;tzungsgeldern<\/a> f&uuml;r Kleinunternehmer und Soloselbstst&auml;ndige beschreiben. Eine einfache Gegenprobe in meinem eigenen Umfeld hat ergeben, dass zumindest in diesem einen konkreten Fall eine umgehende Auszahlung der Soforthilfe inklusive einer umfangreichen pers&ouml;nlichen Beratung erfolgt ist. Nichtsdestotrotz bleibt zu konstatieren, dass in diesem Wirtschaftsbereich eine erhebliche Gruppe von den staatlichen Hilfen ausgeschlossen bleibt. In der Regel diejenigen, die ohnehin mit schon unter normalen Umst&auml;nden niedrigen Einkommen an der Grenze des Existenzminimums leben m&uuml;ssen, nicht zuletzt K&uuml;nstler wie Musiker, Kabarettisten, Theaterschaffende oder sonstige auf Publikum Angewiesene.<\/p><p><strong>&hellip; w&auml;hrend bei den &Auml;rmsten nicht einmal gekleckert wird<\/strong><\/p><p>Eine Bev&ouml;lkerungsgruppe bleibt jedoch fast vollst&auml;ndig unterhalb des Wahrnehmungsradars der Allgemeinheit. Den &Auml;rmsten der Armen, diejenigen, die auf die soziale Grundsicherung angewiesen sind, wird in der auch f&uuml;r sie schwierigen Situation keinerlei Beachtung geschenkt bzw. ihre Notlage wird von den handelnden Politikern bewusst negiert. W&auml;hrend an anderen Stellen der Gesellschaft Milliarden von Euro ausgegeben werden, erhalten gerade die, denen es am schlechtesten geht, nicht die geringste Unterst&uuml;tzung. Forderte schon eine <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/fachinfo\/aufruf-100-euro-mehr-sofort-solidarisch-fuer-sozialen-zusammenhalt-und-gegen-die-krise\/\">Gemeinschaft von zivilen gesellschaftlichen Organisationen<\/a> am 2. Mai 2020 einen Mehrbedarf von 100 Euro monatlich auf Sozialleistungen, so brachte die Bundestagsfraktion der Gr&uuml;nen einen <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/19\/187\/1918705.pdf\">Gesetzesantrag f&uuml;r eben diesen Mehrbetrag von 100 Euro<\/a> im Bundestag ein.<\/p><p>Die Grundlagen dieses Antrags sind mehr als plausibel. Nicht nur, dass, wie durch die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">Studienreihe &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo;<\/a> mehrfach belegt, der Regelsatz schon vom Grunde her erheblich zu niedrig ist und kaum zum &Uuml;berleben reicht, hat sich diese Situation durch die Folgen der Coronakrise noch einmal deutlich versch&auml;rft. Um den notwendigen Au&szlig;er-Haus-Verrichtungen nachgehen zu k&ouml;nnen, ist jedermann gezwungen, sich einen Mund-Nase-Schutz zu besorgen. Ist eine ungeplante Ausgabe ohnehin nicht im Regelsatz vorgesehen, so erreichten die Preise selbst f&uuml;r einfache Masken vor&uuml;bergehend schwindelerregende Phantasiepreish&ouml;hen und diese sind damit f&uuml;r Leistungsempf&auml;nger erst recht unerschwinglich. Gleichzeitig sind die <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/video\/mdr-videos\/d\/video-411924.html\">Preise f&uuml;r einen Teil der Nahrungsmittel<\/a> regelrecht explodiert. Gem&uuml;se kostete im April 2020 durchschnittlich 26,3 Prozent mehr als im April 2019. So zum Beispiel Zucchini 92 Prozent, Brokkoli 69 Prozent, Blumenkohl 63 Prozent, Kohlrabi 62 Prozent und Paprika 56 Prozent mehr. Die Preissteigerung von Obst war da mit durchschnittlich 14,2 Prozent gegen&uuml;ber April 2019 regelrecht moderat, ist aber dennoch nicht vom Regelsatz gedeckt. Dass im Zuge der Corona-Verordnungen die Lebensmitteltafeln geschlossen wurden, &uuml;ber die sich bundesweit mittlerweile 1,5 Millionen arme Personen gezwungenerma&szlig;en mit Lebensmitteln versorgen (m&uuml;ssen), ist der wahrscheinlich einschneidendste Punkt. &Uuml;ber die dramatische Situation von armen Familien beim sogenannten Home-Schooling hatten die NachDenkSeiten im Rahmen eines <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60604\">Interviews mit einem Familienvater<\/a> einer betroffenen Familie berichtet.<\/p><p>Dennoch wurde der Antrag der Gr&uuml;nen zum Mehrbedarf mit einer satten Mehrheit im Bundestag abgelehnt. W&auml;hrend f&uuml;r Insider die gegenstimmenlose Ablehnung der angeblich f&uuml;r christliche N&auml;chstenliebe stehenden Unionsfraktion wenig &uuml;berraschend ist, ist der, bei nur einer einzigen Gegenstimme, erneute Ausfall der SPD ein Desaster. Doch dazu sp&auml;ter mehr. Die ebenfalls ohne Gegenstimme erfolgte Ablehnung des Antrages durch die AfD-Fraktion sollte so langsam auch dem letzten Gutgl&auml;ubigen die Augen &ouml;ffnen, dass diese Partei nicht f&uuml;r die Interessen des &bdquo;kleinen Mannes&ldquo; steht. Dass nun aber ausgerechnet aus den Reihen der FDP ein paar Stimmen f&uuml;r den Antrag kamen, wenngleich sich der gro&szlig;e Teil der Stimmabgabe enthielt, sollte nun aber nicht zu der Vermutung verf&uuml;hren, der FDP pl&ouml;tzlich soziale Intentionen unterstellen zu wollen. Es ist bei Abstimmungen &uuml;blich, bei schon im Vorfeld klarem Ausgang gelegentlich auch mal entgegen dem eigentlichen Parteikurs zu stimmen, um damit positive PR zu betreiben. Die Zustimmung zum eigenen Antrag durch die Gr&uuml;nen ist nachvollziehbar, die komplette Unterst&uuml;tzung des Antrags durch die LINKE ist insofern bemerkenswert, da sie einen <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/19\/189\/1918945.pdf\">eigenen, dar&uuml;ber hinausgehenden Antrag<\/a> eingebracht hat.<\/p><p>An dieser Stelle erscheint eine kurze Erl&auml;uterung des Prozedere zum besseren Verst&auml;ndnis dringend notwendig. Im Bundestag wurde nicht direkt &uuml;ber den Antrag der Gr&uuml;nen abgestimmt. Zur Abstimmung stand die <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/19\/192\/1919204.pdf\">Empfehlung des Bundestagsausschusses f&uuml;r Arbeit und Soziales<\/a>, der sich zuvor mit dem Gr&uuml;nen-Antrag besch&auml;ftigt hatte und aufgrund der dortigen Mehrheit von CDU\/CSU und SPD eine Ablehnung des Antrages durch den Bundestag empfohlen hatte. W&auml;hrend der Abstimmung im Bundestag abgegebene Ja-Stimmen beziehen sich also auf die Empfehlung des BT-Ausschusses und bedeuten in Bezug auf den Gr&uuml;nen-Antrag demzufolge Nein-Stimmen. Um diese, nicht ganz ungewollte, Verwirrung zu beseitigen, hat sich Abgeordnetenwatch dazu entschlossen, sich bei der <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/bundestag\/19\/abstimmungen\/regelsatz-der-grundsicherung-erhoehen#filterbar\">Darstellung des Abstimmungsverhaltens<\/a> auf den Originalantrag der Gr&uuml;nen zu beziehen.<\/p><p><strong>Warum die SPD immer wieder links blinkt und rechts abbiegt<\/strong><\/p><p>Wie schon zuvor angek&uuml;ndigt, soll das Abstimmungsverhalten der SPD-Fraktion einer gesonderten Betrachtung unterzogen werden. Denn seit Jahren existiert bei ihr eine klaffende L&uuml;cke zwischen den mehr oder minder &ouml;ffentlichkeitswirksam proklamierten Zielen ihrer Politik und ihrem eigenen politischen Handeln. Eine eklatante L&uuml;cke, die sich in einem sich immer weiter verst&auml;rkenden Vertrauensverlust selbst bei ihrer Kernw&auml;hlerschaft niederschl&auml;gt. Erinnert sei dabei nur an ein paar wenige diesbez&uuml;gliche Ank&uuml;ndigungen der letzten Jahre. Nach Bekanntgabe seiner Kanzlerkandidatur erkl&auml;rte Martin Schulz &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; zu seinem Kernthema und katapultierte die SPD innerhalb von drei Wochen von 20 auf 32 Prozent und &uuml;berholte damit sogar die Union. Als sich die Versprechen wenige Monate sp&auml;ter als neuerliche Lippenbekenntnisse herausstellten, st&uuml;rzte die SPD noch st&auml;rker ab. Auch Andrea Nahles versprach als damalige SPD-Vorsitzende einen grunds&auml;tzlichen Umbau (zum Besseren wohlgemerkt) des Sozialsystems. Passiert ist genau: nichts.<\/p><p>Ebendies spiegelt sich auch im Abstimmungsverhalten der SPD zum Gr&uuml;nen-Antrag wider. Von daher erscheint es angemessen, sich einmal exemplarisch zwei Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die Nein-Stimmen zum Mehrbedarf auf Sozialleistungen zu widmen. <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/profile\/gabriele-hiller-ohm\">Gabriele Hiller-Ohm<\/a> ist Abgeordnete f&uuml;r die SPD im Bundestag und dazu langj&auml;hriges Mitglied im Ausschuss f&uuml;r Arbeit und Soziales. Sie stimmte im Bundestag zum Thema Mehrbedarf auf Sozialleistungen f&uuml;r die Empfehlung des BT-Ausschusses f&uuml;r Arbeit und Soziales, also gegen den Antrag der Gr&uuml;nen. Schon am 23. April <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/profile\/gabriele-hiller-ohm\/fragen-antworten\/509385\">antwortete sie<\/a> auf eine Frage auf Abgeordnetenwatch zu einem &bdquo;Corona-Zuschlag f&uuml;r Hartz-IV-Empf&auml;nger&ldquo;, dass sie pers&ouml;nlich eine Erh&ouml;hung der Grundsicherung um 100 Euro fordere. Der nachgeschobene Satz, dass &bdquo;unsere Koalitionspartner CDU und CSU diese Ma&szlig;nahmen eventuell nicht mittragen&ldquo; w&uuml;rden, zeichnet jedoch schon den Fortgang vor. Und exakt so kam es auch. Hiller-Ohm stimmte im Bundestag gegen den Antrag.<\/p><p>Noch klarer wird es am Beispiel von <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/profile\/daniela-kolbe\">Daniela Kolbe<\/a> (SPD-Fraktionsmitglied im Bundestag, ebenfalls langj&auml;hriges Mitglied im Ausschuss f&uuml;r Arbeit und Soziales). Sie stimmte im Bundestag gleichfalls gegen den Gr&uuml;nen-Antrag zum Mehrbedarf. In ihrer <a href=\"https:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/profile\/daniela-kolbe\/fragen-antworten\/514182\">Antwort auf eine Frage<\/a> bei Abgeordnetenwatch ging sie etwas st&auml;rker ins Detail als Hiller-Ohm. Nach der Betonung, dass sie pers&ouml;nlich einen Mehrbedarf von 100 Euro monatlich unterst&uuml;tzen w&uuml;rde, verwies sie auf den <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/fileadmin\/Dokumente\/Koalitionsvertrag\/Koalitionsvertrag_2018-2021_Bund_final.pdf\">zwischen CDU\/CSU und SPD geschlossenen Koalitionsvertrag (dort auf Seite 173)<\/a>, der sogenannte &bdquo;wechselnde Mehrheiten&ldquo; ausschlie&szlig;t. D.h. unabh&auml;ngig vom eigenen Standpunkt zu einem bestimmten Thema hat sich jede der beteiligten Fraktionen im Rahmen von Abstimmungen an die Mehrheitsentscheidung der Regierungskoalition zu halten. Die Aussage Kolbes deckt sich mit der von ihr in einer direkten Mailkommunikation zwischen ihr und mir schon vor anderthalb Jahren getroffenen Darstellung und ihrem dortigen Verweis auf den Koalitionsvertrag. Ich mag ihr das Bem&uuml;hen um eine grundlegende Ver&auml;nderung des Hartz-IV-Systems nicht einmal absprechen, doch es bleibt folgenlos, da ihr Verhalten im Parlament dem zuverl&auml;ssig entgegenwirkt.<\/p><p>Ich m&ouml;chte betonen, dass die Aufnahme eines solchen Passus in einen Koalitionsvertrag in meinen Augen die Aufgabe grundlegender demokratischer Werte darstellt. Dadurch wird der <a href=\"https:\/\/www.juraforum.de\/lexikon\/freies-mandat\">Grundsatz des &bdquo;freien Mandats&ldquo;<\/a> zum reinen Placebo entwertet. Das Grundprinzip der pers&ouml;nlichen Verantwortlichkeit des politischen Mandatstr&auml;gers f&uuml;r seine Abgeordnetent&auml;tigkeit gegen&uuml;ber seinen W&auml;hlern wird vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt. Zum anderen bewirkt eine Vereinbarung in der vorliegenden Art, durch die der Standpunkt der in der Koalition vorherrschenden Union stets auch als Abstimmungsverhalten der SPD &uuml;bernommen werden muss (!), dass sich dieser Standpunkt bei Abstimmungen im Bundestag aufgrund der absoluten Mehrheit der CDU\/CSU-SPD-Koalition in jederzeit gesicherten Abstimmungssiegen niederschl&auml;gt. Eine schlimmere Aush&ouml;hlung der demokratischen Idee ist kaum denkbar.<\/p><p>Einen Punkt sollten sich die SPD-Abgeordneten, die den Koalitionsvertrag f&uuml;r sakrosankt erkl&auml;ren, jedoch auf der Zunge zergehen lassen. W&auml;hrend die SPD mit Verweis auf die Vereinbarung mit den seit langem bekannten &bdquo;Bauchschmerzen&ldquo; immer wieder selbst den schlimmsten Zumutungen zustimmt, hat die Union im Gegenzug nicht das geringste Problem damit, Festlegungen aus diesem Vertrag, wie beispielsweise die Grundrente, massiv <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/grundrente-unionspolitiker-fordern-ein-jahr-aufschub-NC5DU6JDKBC2ZLOMLW54XAD2EA.html\">infrage zu stellen<\/a>. Dies sei den Verfechtern des Koalitionsvertrages in der SPD nur einmal als kleiner Denkansto&szlig; mit auf den Weg gegeben. Generell bleibt jedoch meine Bewertung, dass ein Koalitionsvertrag in der vorliegenden Art und Weise demokratische Grundprinzipien massiv zerst&ouml;rt und deshalb in der Luft zerrissen geh&ouml;rt.<\/p><p><strong>Was unter dem Strich bleibt<\/strong><\/p><p>Und so ist es bei den Nothilfen in der Coronakrise wie immer. Gem&auml;&szlig; dem Matth&auml;us-Prinzip erhalten nicht ganz zuf&auml;llig diejenigen, die ohnehin schon am meisten haben, auch die gr&ouml;&szlig;ten Hilfen. Und mit abnehmendem sozialen (besser und richtiger: Reichtums-) Status sinkt auch die staatliche Unterst&uuml;tzung. Um am Ende diejenigen, denen es am schlechtesten geht und die buchst&auml;blich ums t&auml;gliche &Uuml;berleben k&auml;mpfen, komplett ohne Hilfe im Regen stehen zu lassen. Stets nat&uuml;rlich mit blumigen Begr&uuml;ndungen. In der &Ouml;ffentlichkeit legt man sich den Mantel des Helfers in der Not um, der aber nichts weiter als ein durchsichtiger Deckmantel ist. Denn er verdeckt nichts, nicht einmal die eigene Kaltherzigkeit. Da helfen auch alle Selbstbeschreibungen von &bdquo;sozial&ldquo; und &bdquo;christlich&ldquo; nichts. Der Kaiser ist ohne Mantel. Der Kaiser ist nackt.<\/p><p>Titelbild: PureSolution\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Folgen der Coronakrise abzumildern, hat die deutsche Bundesregierung im M&auml;rz 2020 ein Rettungspaket in einer bisher noch nie dagewesenen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/coronavirus-corona-rettungspaket-scholz-altmaier-1.4854296\">H&ouml;he von 156 Mrd. Euro<\/a> aufgelegt. 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