{"id":61607,"date":"2020-06-04T14:29:44","date_gmt":"2020-06-04T12:29:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61607"},"modified":"2020-06-04T15:53:06","modified_gmt":"2020-06-04T13:53:06","slug":"deutsche-drohnen-debatte-wo-sind-die-stimmen-der-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61607","title":{"rendered":"Deutsche Drohnen-Debatte: Wo sind die Stimmen der Opfer?"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen wird in Deutschland &uuml;ber die Anschaffung bewaffneter Drohnen debattiert. Dabei wird nicht nur der Mythos der pr&auml;zisen Drohne, die ausschlie&szlig;lich &bdquo;Terroristen&ldquo; trifft, wiederbelebt, sondern auch die Stimme jener Zivilisten &uuml;bert&ouml;nt, die tagt&auml;glich von den Killermaschinen get&ouml;tet werden. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn Kabir Aluzai von seinem Bruder spricht, wirkt er traurig und gebrochen. &bdquo;Er wurde einfach get&ouml;tet. Sogar seine Knochen verbrannten im Auto&ldquo;, sagt er. Aluzais Bruder, Karim, wurde 2013 zum Ziel eines amerikanischen Drohnen-Angriffs in der afghanischen Provinz Wardak. Er war Obsth&auml;ndler. Sein Auto war mit Melonen beladen. 2017 traf ich Aluzai in seinem Heimatdorf, das von den &bdquo;Todesengeln&ldquo; &ndash; so werden die Drohnen von vielen Einheimischen genannt &ndash; heimgesucht wird. Aluzai und andere Menschen aus dem Dorf beschrieben, wie die Drohnen ihren Alltag bestimmen. Die Kinder haben Angst beim Spielen und k&ouml;nnen nicht schlafen, w&auml;hrend Erwachsene, etwa Feld- oder Minenarbeiter, nicht sorglos im Freien arbeiten k&ouml;nnen. Jeder wirkte traumatisiert. Sobald der Himmel frei ist, tauchen die Predator-Drohnen auf und feuern ihre Hellfire-Raketen ab. Sie unterscheiden nicht zwischen aufst&auml;ndischen Taliban-K&auml;mpfern und unbewaffneten afghanischen Zivilisten.<\/p><p>Weltweit haben bereits gut 40 Staaten bewaffnete Kampfdrohnen angeschafft, darunter auch kleine L&auml;nder wie Belgien, die Niederlande und die Schweiz. Nun m&ouml;chte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auch die Bundeswehr mit Kampfdrohnen bewaffnen.<\/p><p>In Deutschland wird nun offiziell &uuml;ber die Anschaffung bewaffneter Drohnen diskutiert. Im Bundestag sah man vor Kurzem Milit&auml;rs und Politiker, die sich ganz offen f&uuml;r die unbemannten Todesmaschinen aussprachen. Die Stimmen der Betroffenen, etwa Menschen wie Kabir Aluzai, sind abwesend. Man k&ouml;nnte fast meinen, sie existieren gar nicht. Stattdessen wird der Tod per Knopfdruck romantisiert. Die &bdquo;Todesengel&ldquo; sind allem Anschein nach pr&auml;zise und sch&uuml;tzen das Leben &bdquo;unserer&ldquo; Soldaten. Diese Narrative sind nicht unbekannt. Die Amerikaner haben sie bereits vor zwei Jahrzehnten etabliert. Doch sie f&uuml;hren g&auml;nzlich in die Irre.<\/p><p>Das beste Beispiel hierf&uuml;r ist der Alltag in Afghanistan und anderen L&auml;ndern, die von Drohnen heimgesucht werden. Im Jemen gab es Zeiten, in denen sie mehr Zivilisten t&ouml;teten als Al-Qaida. In Pakistan waren die Mehrheit der identifizierten Drohnen-Opfer keine militanten K&auml;mpfer, sondern unschuldige Menschen. Und in Afghanistan, dem am meisten von Drohnen bombardierten Land der Welt, werden fast regelm&auml;&szlig;ig Menschen wie Kabir Aluzais Bruder get&ouml;tet. Dass man selten von ihnen h&ouml;rt, hat viele Gr&uuml;nde. Die meisten Drohnen-Morde passieren in abgelegenen, l&auml;ndlichen Regionen, die schwer zu erreichen sind. Hinzu kommt, dass diese Art der Kriegsf&uuml;hrung heimt&uuml;ckisch ist und die T&ouml;tungsschwelle seitens der Piloten, die sich meist an weit entfernten Flecken aufhalten, stets senkt. Ein Auto. Ein Knopfdruck. Mal sind es drei Tote, mal f&uuml;nf, mal einer. Immer und immer wieder. Im Schatten jeglicher &Ouml;ffentlichkeit. Gleichzeitig findet die Entmenschlichung der Opfer statt. Man sieht keine Bauern oder spielende Kinder, sondern vermeintlich bewaffnete K&auml;mpfer oder Terrorverd&auml;chtige. Fast immer. &Uuml;berall. Wie im Computerspiel. Bekannte Ziele, etwa Osama bin Laden oder Taliban-Gr&uuml;nder Mullah Omar, wurden nie von den Drohnen get&ouml;tet. Viele Extremistenf&uuml;hrer leben weiterhin. Wer statt ihnen sterben musste, wei&szlig; niemand, weil fast nie danach gefragt wird. Es sind Menschenrechtsaktivisten, Whistleblower und einige Investigativjournalisten und Rechercheure, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diesen Kriegsverbrechen nachzugehen. Die Arbeit ist m&uuml;hselig, langwierig und gef&auml;hrlich.<\/p><p>Doch im Kontext der deutschen Drohnen-Debatte werden nicht nur all diese Menschen und deren Expertise &uuml;bert&ouml;nt, sondern vor allem auch die Opfer, auf die man h&ouml;ren sollte. &bdquo;Man kann Terror nicht mit Terror bek&auml;mpfen. Wir k&ouml;nnen niemals mit voller Gewissheit sagen, auf wen wir schie&szlig;en&ldquo;, sagt Lisa Ling immer wieder. Sie wei&szlig;, wovon sie spricht. Einst war sie f&uuml;r die US-Luftwaffe in Afghanistan t&auml;tig und wartete Drohnen. Doch dann stieg sie aus dem Programm aus und wurde zur lautstarken Kritikerin der Angriffe. Ling ist der Meinung, dass keine Debatte ohne jene stattfinden sollte, die dem stetigen Drohnen-Terror ausgesetzt sind.<\/p><p>Wohin der Drohnen-Trend f&uuml;hren kann, sieht man in diesen Tagen &uuml;brigens in den USA. Seitdem dort landesweit massive Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt herrschen, ausgel&ouml;st durch die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd, wird die Militarisierung der Polizei immer deutlicher. <strong><a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/krisholt\/2020\/05\/29\/cbp-predator-drone-minneapolis-george-floyd-aclu\/#274a82bf40fa\">In Minneapolis kam sogar eine Predator-Drohne<\/a><\/strong> (noch) zur &Uuml;berwachung von Demonstranten zum Einsatz. Laut Umfragen in den letzten Jahren unterst&uuml;tzten weite Teile der amerikanischen Gesellschaft den Drohnen-Krieg in fernen L&auml;ndern.<\/p><p>Titelbild: Burlingham\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen wird in Deutschland &uuml;ber die Anschaffung bewaffneter Drohnen debattiert. Dabei wird nicht nur der Mythos der pr&auml;zisen Drohne, die ausschlie&szlig;lich &bdquo;Terroristen&ldquo; trifft, wiederbelebt, sondern auch die Stimme jener Zivilisten &uuml;bert&ouml;nt, die tagt&auml;glich von den Killermaschinen get&ouml;tet werden. 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