{"id":61627,"date":"2020-06-05T09:09:05","date_gmt":"2020-06-05T07:09:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61627"},"modified":"2020-06-05T16:22:21","modified_gmt":"2020-06-05T14:22:21","slug":"wer-menschen-dauerhaft-ausgrenzt-kann-nicht-auf-deren-selbstverantwortung-pochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61627","title":{"rendered":"Wer Menschen dauerhaft ausgrenzt, kann nicht auf deren \u201eSelbstverantwortung\u201c pochen"},"content":{"rendered":"<p>Ein &bdquo;Wohnkomplex&ldquo; aus G&ouml;ttingen macht <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/goettingen-hunderte-corona-tests-in-wohnanlage-geplant-a-7a4b44cb-fe29-4974-aefe-bd660e979f28\">Schlagzeilen<\/a>. Das Iduna-Zentrum gilt als Keimzelle zahlreicher Covid-19-Neuinfektionen. Mehrere Bewohner des Plattenbaus stehen bereits unter Quarant&auml;ne, nun sollen alle 700 Bewohner mit Unterst&uuml;tzung von Ordnungsamt und Polizei getestet werden. Aus einem sozialen wurde ein epidemiologischer Brennpunkt. Sonderlich &uuml;berraschend ist das nicht. Wer Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, in Ghettos kaserniert und sich dann nicht mehr um sie k&uuml;mmert, darf auch nicht auf deren &bdquo;Selbstverantwortung&ldquo; setzen. Nun &auml;u&szlig;ern viele G&ouml;ttinger ihren Unmut &ndash; wie kaum anders zu erwarten auf die Bewohner des Wohnkomplexes und nicht auf die Politik, die diese Menschen alleine gelassen hat. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_680\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-61627-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=61627-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200605_Wer_Menschen_dauerhaft_ausgrenzt_kann_nicht_auf_deren_Selbstverantwortung_pochen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Iduna-Zentrum ist ein heruntergekommener Plattenbau direkt gegen&uuml;ber vom prestigetr&auml;chtigen zentralen Campus der Universit&auml;t. Ich selbst habe w&auml;hrend meiner Studentenzeit in G&ouml;ttingen in einem vergleichbaren &bdquo;Wohnkomplex&ldquo; gelebt und kenne auch das Iduna-Zentrum aus eigener Erfahrung. Wer hier lebt, steht nicht auf der Sonnenseite des Lebens &ndash; neben zahlreichen Drogens&uuml;chtigen, Alkoholkranken und hoffnungslosen Existenzen am Rande der Gesellschaft wird der Plattenbau vor allem von sogenannten &bdquo;Sozialf&auml;llen&ldquo; bewohnt &ndash; Menschen, die meist vom Amt hier einquartiert wurden und finanziell oder organisatorisch nicht in der Lage sind, sich eine bessere Wohnung zu nehmen; ein gro&szlig;er Anteil davon hat einen Migrationshintergrund.<\/p><p>Wohnkomplexe wie das G&ouml;ttinger Iduna-Zentrum sind moderne Ghettos mitten unter uns. Gerade als &bdquo;Linker&ldquo; schweigt man gerne &uuml;ber die Zust&auml;nde in solchen H&auml;usern. Das ist verst&auml;ndlich, denn mit Sozialromantik haben sie wenig zu tun. Da sind die Alkoholiker, die ihre Notdurft regelm&auml;&szlig;ig im Fahrstuhl verrichten oder die gesellschaftlich Ausgegrenzten, die ihren M&uuml;ll aus dem Fenster schmei&szlig;en, da sie nicht mehr den Eigenantrieb aufbringen, sich zum M&uuml;llschlucker auf dem Gang zu bewegen. Da ist die Gewalt &ndash; Dealer, Beschaffungskriminalit&auml;t, Clanstrukturen, Gewalt gegen Frauen und Kinder und die vollkommene Hoffnungslosigkeit. Oft ist die Polizei vor Ort, oft der Kammerj&auml;ger &ndash; M&uuml;ll und Dreck sind halt ein Fest f&uuml;r Ratten und Kakerlaken. Hin und wieder kommt auch die Feuerwehr, weil wieder einmal ein Drogens&uuml;chtiger oder Betrunkener auf der Flucht vorm Leben mit der Zigarette in der Hand wegged&ouml;st ist.<\/p><p>Dies alles spielt sich in G&ouml;ttingen inmitten der Gesellschaft ab. Wenige Meter Luftlinie von Uni, Amtsgericht und Hauptbahnhof entfernt. Doch dahin gehen, wo es weh tut und stinkt, will verst&auml;ndlicherweise niemand. Was mitten im Zentrum der eher provinziellen Studentenstadt hinter den T&uuml;ren vor sich geht, interessiert die meisten besser situierten B&uuml;rger nicht. Man gib sich weltoffen, sozial und liberal. Von den Schattenseiten der eigenen Gesellschaft direkt vor der Haust&uuml;r will man jedoch lieber nichts wissen. Wahrscheinlich ist man insgeheim sogar froh, dass diese unsch&ouml;nen Probleme auf einen Punkt konzentriert werden, mit dem man selbst keine Verbindungen hat. Doch die Probleme verschwinden nicht, wenn man die Augen schlie&szlig;t.<\/p><p>Dies zeigt der jetzige Corona-Ausbruch. Wie das Virus in den Wohnkomplex kam, ist noch nicht bekannt. Offenbar hat das am Ende des Ramadans stattfindende Zuckerfest eine Rolle gespielt. Einige Bewohner sollen es da mit den Kontaktbeschr&auml;nkungen nicht so genau genommen haben. Sprecher der Stadt machen &bdquo;Gro&szlig;familien&ldquo; f&uuml;r den Ausbruch verantwortlich. Sprecher der damit gemeinten Roma bestreiten diese Vorw&uuml;rfe und machen ihrerseits den Beh&ouml;rden und den Medien <a href=\"https:\/\/ran.eu.com\/hetze-wegen-corona-in-gottingen-breitet-sich-aus\/\">schwere Vorw&uuml;rfe<\/a> und beklagen die fremdenfeindliche Hetze, die in der Berichterstattung mitschwingt. Dies ist von au&szlig;en nur schwer zu beurteilen. Richtig ist aber, dass in keinem der Berichte auf die sozialen Ursachen eingegangen wird.<\/p><p>Es kam, wie es wohl kommen musste. Ein heruntergekommener Plattenbau mit prek&auml;ren hygienischen Verh&auml;ltnissen und hunderten Mietern auf engstem Raum, von denen viele Probleme haben, sich im Leben zurecht zu finden, ist nicht nur ein sozialer, sondern auch epidemiologischer Brennpunkt. Ein infizierter Bewohner des Hauses soll es dann mit den Quarant&auml;neauflagen auch nicht so genau genommen haben und <a href=\"https:\/\/www.hna.de\/lokales\/goettingen\/goettingen-ort703337\/corona-niedersachsen-goettingen-ausbruch-infizierte-schule-regeln-quarantaene-zr-13784119.html\">munter durch die Stadt spaziert sein<\/a> &ndash; er wurde sp&auml;ter von der Polizei dem Richter vorgef&uuml;hrt und setzt nun seine Quarant&auml;ne unter Bewachung in einer st&auml;dtischen Wohnung fort. 75 Kontaktpersonen sind erst gar nicht zum Test erschienen.<\/p><p>Das ist alles eine Trag&ouml;die. Doch wer hier an die Vernunft und die Selbstverantwortung appelliert, sollte Anspruch und Realit&auml;t &uuml;berpr&uuml;fen. Kann man von Menschen, die &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; von unserer Gesellschaft ausgegrenzt, alleingelassen und in einem Ghetto der Hoffnungslosigkeit kaserniert wurden, so viel Selbstverantwortung abverlangen? Hat die Gesellschaft sich jemals ernsthaft f&uuml;r die Zust&auml;nde interessiert, die zu diesen prek&auml;ren Situationen gef&uuml;hrt haben? Haben wir uns jemals ernsthaft dar&uuml;ber Gedanken gemacht? Solange die Bewohner von Ghettos wie dem Iduna-Zentrum &bdquo;nur&ldquo; eine Bedrohung f&uuml;r sich selbst und die anderen Bewohner des Hauses darstellen, waren sie uns herzlich egal. Jetzt, wo es um ein Virus geht, das potentiell auch den Kern dieser Gesellschaft bedroht, ist man pl&ouml;tzlich emp&ouml;rt und richtet moralinsauer &uuml;ber die mangelnde Selbstverantwortung.<\/p><p>&bdquo;Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die meinen, f&uuml;r sie gelten die Regeln nicht oder f&uuml;r sie w&auml;ren die Regeln unter bestimmten Umst&auml;nden au&szlig;er Kraft gesetzt&rdquo; &ndash; so <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bildung\/erneut-schulschliessung-in-goettingen-die-eltern-sind-unglaublich-sauer-a-ea64a9a3-2ab0-4ef9-afa7-9aaa32bb777d\">zitiert der SPIEGEL einen Schulleiter<\/a>, dessen Anstalt nun prophylaktisch geschlossen wurde. Die Eltern der betroffenen Kinder seien, so der Vorsitzende des G&ouml;ttinger Stadtelternrats &bdquo;unglaublich sauer, dass einige so unverantwortlich handeln&ldquo;. Es steht zu bezweifeln, dass sich diese Eltern jemals mit den prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen derjenigen auseinandergesetzt haben, &uuml;ber die sie jetzt den Stab brechen. Was haben diese Eltern in der Vergangenheit getan, um den Menschen unter die Arme zu greifen? Wer einen Hund stetig tritt und aus dem Familienverband ausgrenzt, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann bei&szlig;t. Wer einen Menschen aus der Gesellschaft ausgrenzt, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann die Regeln dieser Gesellschaft nicht mehr befolgt &ndash; sei es mit Vorsatz oder weil er schlicht nicht mehr die Energie daf&uuml;r aufbringt.<\/p><p>Erschreckend ist vielmehr, mit welcher Gleichg&uuml;ltigkeit diese soziale Segregation ignoriert und sogar akzeptiert wird. Wenn man Selbstverantwortung fordert, muss man den Menschen auch das R&uuml;stzeug in die Hand geben, um selbstverantwortlich handeln zu k&ouml;nnen. Eine Patentl&ouml;sung daf&uuml;r gibt es freilich nicht. Auch ich habe keine einfachen Antworten auf diese komplexen Probleme und ihre Ursachen. Hinter jedem der nun gescholtenen Menschen steckt ein Schicksal &ndash; Drogensucht, Alkoholismus, Krieg, Vertreibung, psychische Probleme und Langzeitarbeitslosigkeit haben viele Ursachen und es ist nur allzu menschlich, dass viele an diesen Problemen scheitern. Wer diese Schicksale ausgrenzt und sie ihrer Selbstverantwortung &uuml;berl&auml;sst, &uuml;berl&auml;sst sie sich selbst und muss sich &uuml;ber das Ergebnis nicht wundern.<\/p><p>Als das Iduna-Zentrum in den 1970er Jahren gebaut wurde, galt es als Prestigeprojekt des sozialen Wohnungsbaus. 50 Jahre sp&auml;ter ist der Traum des harmonischen Miteinanders von Menschen auf allen Sprossen der sozialen Leiter ausgetr&auml;umt. Heute ist das Iduna-Zentrum ein Sinnbild der neoliberalen Gesellschaft. Da das Sozialamt auch hier die Obergrenze von 453 Euro Bruttokaltmiete f&uuml;r eine Einzelperson <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/panorama\/gesellschaft\/goettingen--begegnung-mit-mietern-des-iduna-zentrums-8704080.html\">zahlt<\/a>, geh&ouml;ren die heruntergekommenen 34-Quadratmeter-Appartements mit einem Mietpreis von 13 Euro pro Quadratmeter zu den lukrativsten Geldanlagen der Stadt. Spekulanten bereichern sich, ohne einen Euro in die Sanierung zu investieren. Eigentum verpflichtet? Das war einmal.<\/p><p>So ernten wir am Ende nur das, was uns die neoliberale Ideologie eingebrockt hat. Je mehr der Staat und die Gesellschaft sich zur&uuml;ckziehen und je mehr wir auf Eigen- und Selbstverantwortung pochen, desto gr&ouml;&szlig;er und desto prek&auml;rer werden die Probleme derer, die eben nicht in der Lage sind, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen. Offenbar brauchte es Corona, um diesen Widerspruch ans Licht zu bringen. Dass die Lektion verstanden wurde, ist jedoch unwahrscheinlich. Man ignoriert lieber die Ursachen und kapriziert sich in seinem als gerecht empfundenen Zorn auf die Symptome. In G&ouml;ttingen empfindet man Wohnkomplexe wie das Iduna-Zentrum mittlerweile als Schandfleck. Man w&uuml;rde die menschlichen Problemf&auml;lle lieber aus dem Zentrum der Stadt an den Stadtrand verbannen &hellip; aus den Augen, aus dem Sinn.<\/p><p>Titelbild: Wikimedia Commons, Creative Commons CC0 1.0<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/9006b4fce6ad499bb9606a39d907f665\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein &bdquo;Wohnkomplex&ldquo; aus G&ouml;ttingen macht <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/goettingen-hunderte-corona-tests-in-wohnanlage-geplant-a-7a4b44cb-fe29-4974-aefe-bd660e979f28\">Schlagzeilen<\/a>. Das Iduna-Zentrum gilt als Keimzelle zahlreicher Covid-19-Neuinfektionen. 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