{"id":61655,"date":"2020-06-06T11:45:24","date_gmt":"2020-06-06T09:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61655"},"modified":"2020-06-06T14:11:23","modified_gmt":"2020-06-06T12:11:23","slug":"emily-maitlis-ist-keine-medienheldin-sie-hat-schlicht-vergessen-wofuer-sie-und-die-bbc-da-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61655","title":{"rendered":"Emily Maitlis ist keine Medienheldin. Sie hat schlicht vergessen, wof\u00fcr sie und die BBC da sind."},"content":{"rendered":"<p>Der Medienskandal um die BBC-Moderatorin Emily Maitlis schwappte bis in die deutsche Presse: Weil sie in einer Sendung Premier Boris Johnson und seinen Berater Dominic Cummings f&uuml;r sein Umherreisen inmitten des Lockdowns kritisierte, kassierte sie eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/BBCNewsPR\/status\/1265666465308573696\">R&uuml;ge des Senders<\/a>: Die BBC sah ihre journalistische Neutralit&auml;t durch den Kommentar verletzt. Unparteilichkeit. Sich mit keiner Sache gemein machen. Die M&auml;chtigen an der Leine halten. Das klingt gut. Doch der freie britische Journalist <strong><a href=\"https:\/\/www.jonathan-cook.net\/blog\/2020-05-29\/emily-maitlis-bbc-cummings-row\/\">Jonathan Cook<\/a><\/strong> &ndash; wie Julian Assange mit dem Martha-Gellhorn-Preis ausgezeichnet &ndash; fragt zurecht, wer da eigentlich an wessen Leine h&auml;ngt. Eine Frage, die man sich auch zu weiten Teilen des Journalismus in Deutschland stellen kann.<br>\n<!--more--><br>\nEmily Maitlis ist keine Medienheldin. Sie hat schlicht vergessen, wof&uuml;r sie und die BBC da sind.<\/p><p><em>Von Jonathan Cook<\/em><\/p><p>Die falschen Schl&uuml;sse werden aus Maitlis&rsquo; Kommentar zu Dominic Cummings im BBC-Flaggschiff Newsnight diese Woche gezogen. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wseF6im7Rlo\">Ihre Bemerkungen<\/a> zeugen nicht von ihrer Courage oder davon, dass Journalisten geknebelt werden oder dass die BBC pl&ouml;tzlich vor der Regierung kapituliert.<\/p><p>Das Problem r&uuml;hrt daher, dass wir uns unbedingt darauf kaprizieren wollen, ob Maitlis nun recht oder unrecht hat in Bezug auf Boris Johnsons leitenden Berater Cummings und seinen Versto&szlig; gegen die Lockdown-Regeln. Doch ob es nun statthaft war oder nicht, dass Maitlis die weitverbreitete und von polizeilichen Ermittlungen gest&uuml;tzte Ansicht &auml;u&szlig;erte, dass Cummings die Ma&szlig;gaben seiner eigenen Regierung brach, indem er in Gro&szlig;britannien herumfuhr, als er den Verdacht hatte, er und seine Familie k&ouml;nnten mit Covid-19 infiziert sein, lenkt vielmehr vom eigentlichen Thema ab.<\/p><p>Selbst wenn wir uns nur auf die Frage konzentrieren, ob die BBC berechtigt war, Maitlis eilig zu tadeln, weil sie Cummings Verhalten kritisiert hatte &ndash; und sie dann anscheinend am n&auml;chsten Abend zur Strafe von der Sendung abzuziehen &ndash; schr&auml;nkt dies unser Verst&auml;ndnis ein, was der Vorfall bedeutet.<\/p><p><strong>St&ouml;rfall in der Maschine<\/strong><\/p><p>Die BBC, die &uuml;brigen Medien, sogar Maitlis selbst, alle w&uuml;rden es vorziehen, dass wir uns darauf beschr&auml;nken, zu diskutieren, was in dieser speziellen Auseinandersetzung nun richtig oder falsch war &ndash; und dass wir sie weiterhin haupts&auml;chlich als &bdquo;Zoff&ldquo; betrachten, bei dem zwei Seiten dar&uuml;ber streiten, was unter den gegebenen Umst&auml;nden richtig war.<\/p><p>Aber den Vorfall so zu betrachten, bedeutet, den &bdquo;Streit&ldquo; zu personalisieren und daraus die Frage zu machen, ob Maitlis eine gute oder eine schlechte Journalistin ist oder ob die BBC-Oberen bei diesem Anlass der Regierung gegen&uuml;ber zu unterw&uuml;rfig waren oder aber wirklich versuchen, Standards der &ldquo;Unparteilichkeit&rdquo; hochzuhalten. Keine dieser &bdquo;Debatten&ldquo; bringt uns sehr weit.<\/p><p>Maitlis ist eine gestandene BBC-Journalistin, die ihre heutige Position erreichte, indem sie mit Fingerspitzengef&uuml;hl das tat, wof&uuml;r die BBC steht. In dieser Woche lief etwas schief. Es kam zu einem ganz kurzen Aussetzer bei der gut ge&ouml;lten Maschine der BBC. Und diesen Aussetzer gilt es in Beziehung zur gut ge&ouml;lten Maschine zu betrachten, weil wir so erhellen k&ouml;nnen, was die BBC sonst immer so m&uuml;helos hinkriegt.<\/p><p>Der Nutzen des Maitlis-&bdquo;Streits&ldquo; besteht nicht darin, abzuw&auml;gen, ob sie bei dieser Gelegenheit nun unparteiisch oder parteiisch war oder ob ihre BBC-Chefs Objektivit&auml;ts-Regeln durchgesetzt haben oder parteiisch waren. Der &bdquo;Streit&rdquo; tr&auml;gt zur Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber bei, ob die BBC und ihre Journalisten &uuml;berhaupt je versuchen, unparteiisch zu sein und ob Objektivit&auml;t &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist.<\/p><p><strong>Verlacht und beschimpft<\/strong><\/p><p>Die beinahe unmittelbar erteilte R&uuml;ge vonseiten der BBC, die Maitlis daf&uuml;r kasteite, die angeblich strengen Objektivit&auml;tsstandards des Senders verletzt zu haben, ist hilfreich, weil es eindeutig Unsinn ist, dass Maitlis f&uuml;r gew&ouml;hnlich besonderen Wert auf Objektivit&auml;t legt oder dass die BBC-Chefs es f&uuml;r gew&ouml;hnlich eilig damit haben, R&uuml;gen auszusprechen, wenn solche Standards gebrochen werden.<\/p><p>Hier, um uns daran zu erinnern, dass Maitlis keine Skrupel hat, parteiisch zu sein &ndash; und die BBC keine Skrupel, sie parteiisch sein zu lassen &ndash; ist ein weiterer kurzer Clip von ihr in Aktion, der vor 14 Monaten ausgestrahlt wurde. Bei dieser Gelegenheit unterbrach, beschimpfte und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PNZZS7GFRz0\">verspottete<\/a> sie Barry Gardiner, den damaligen Schattenhandelsminister, als er versuchte, Labours Brexit-Politik zu erkl&auml;ren.<\/p><p>Beachten Sie die Unterschiede zwischen diesem Ausschnitt und ihre Kommentare diese Woche. Ihre Kritik an Cummings wurde in tristem Tonfall abgegeben, als ob sie entt&auml;uscht w&auml;re, als ob Cummings hinter die hohen Standards zur&uuml;ckgefallen w&auml;re, die normalerweise von der Regierung festgelegt werden. Ihre Kommentare wurden vorsichtig der Stimmung im Land zugeschrieben. Und sie kritisierte lediglich das Verhalten von Cummings &ndash; eine Kritik, die in den polizeilichen Ermittlungen ihren Widerhall fand &ndash; und Johnsons Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber Cummings. Sie schweifte nicht auf ein weiteres Feld ab, was das Risiko beinhaltete, die politischen Ma&szlig;nahmen oder die Priorit&auml;ten der Regierung ins Visier zu nehmen.<\/p><p>Bei dem Gardiner-Interview verh&auml;lt es sich vollkommen anders. Sie rollt mit den Augen, sie macht sich mit kaum verh&uuml;llter Verachtung &uuml;ber ihn lustig, sie lacht ihn aus und ihre K&ouml;rpersprache ist offen feindselig. Sie besp&ouml;ttelt ganz offen die Brexit-Politik der Labour Party, w&auml;hrend ein Regierungsvertreter neben Gardiner sitzt, voll ungl&auml;ubigem Staunen wegen ihres Ausbruchs. Und das wohlbemerkt zu einer Zeit, als die konservative Partei, damals unter der F&uuml;hrung von Theresa May, v&ouml;llig am Boden lag und sich wegen des Brexit-Chaos zerfleischte, das sie erzeugt hatte, und damit fast vollst&auml;ndige politische L&auml;hmung bewirkte.<\/p><p>Analysieren Sie die beiden Videos von Maitlis und entscheiden Sie dann, in welchem sie parteiischer wirkt. Angenommen, Sie w&auml;ren ein Besucher vom Mars und s&auml;hen diese beiden Videos &ndash; von welchem w&uuml;rden Sie annehmen, dass die BBC sich eilig entschuldigt hat, weil darin ihre angeblichen Objektivit&auml;tsregeln verletzt wurden?<\/p><p>Und doch finde ich keinen Hinweis darauf, dass die BBC Maitlis wegen des Gardiner-Interviews je eine R&uuml;ge erteilt h&auml;tte, weder zur Zeit der Ausstrahlung noch sp&auml;ter.<\/p><p>Tats&auml;chlich war das Interview nach BBC-Ma&szlig;st&auml;ben in vielerlei Hinsicht so normal &ndash; insbesondere in den Tagen, als Jeremy Corbyn Labour-Chef war &ndash; dass ich noch niemanden in meinen sehr aktiven Social-Media-Feeds gefunden habe, der sich auf den Maitlis-Vorfall bezogen h&auml;tte. Im Gegensatz zum Cummings-Kommentar blieb Maitlis&rsquo; &ouml;ffentliches Mobbing gegen und ihre Verachtung f&uuml;r Gardiner au&szlig;erhalb der &uuml;blichen linken Kreise unbemerkt. Stattdessen wurde das Interview allgemein gefeiert. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PNZZS7GFRz0\">Auf seiner Youtube-Seite lobt<\/a> der &bdquo;liberale&rdquo; Guardian sogar implizit ihre &bdquo;Verzweiflung&ldquo; &uuml;ber Gardiner, mit der sie die &bdquo;Stimmung im Land&ldquo; eingefangen habe, wieder ganz so, als ob Labour mehr Verantwortung f&uuml;r das Chaos des Brexit trage als die Regierung, die es politisch zu verantworten hatte.<\/p><p><strong>Eine Machtfrage<\/strong><\/p><p>(&hellip;) Der Unterschied zwischen dem Umgang der BBC mit dem Cummings-Kommentar und dem Gardiner-Interview betrifft nicht die Frage der Parteilichkeit, sondern zielt vielmehr auf die Frage der Macht. Cummings sitzt im Zentrum der Macht, im Zentrum einer Regierung, die ungeniert die Interessen des Establishments repr&auml;sentiert. Er ist das unverzichtbare &bdquo;Gehirn&ldquo; &ndash; der Strippenzieher &ndash; hinter dem beschr&auml;nkten, nichtssagenden, wenngleich freundlichen Premierminister. Ohne Cummings w&auml;re die Regierung f&uuml;hrungslos, und genau darin liegt der Grund, weshalb Johnson um jeden Preis an Cummings festhalten will, trotz des Schadens, den er ihm und der Partei zuf&uuml;gt. Daher war Johnson so erz&uuml;rnt und aufgeschreckt durch Maitlis&rsquo; Kommentare. Und deshalb erkannte die BBC, dass unter den gegebenen Umst&auml;nden viel zu viel auf dem Spiel stand, um ihre Starjournalistin zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Der Fehler, den Maitlis und das Newsnight-Team begingen, lag darin, nicht bemerkt zu haben, wie wichtig Cummings f&uuml;r die Regierung ist. Er ist nicht nur ein Berater. In vielerlei Hinsicht ist er die Regierung.<\/p><p><strong>&lsquo;Freie Presse f&uuml;r Milliard&auml;re&rsquo;<\/strong><\/p><p>Einer der Fehler, die Menschen, die mit Journalismus nichts zu tun haben, oft machen, ist, sich vorzustellen, dass Journalisten in erster Linie die M&auml;chtigen zur Rechenschaft ziehen. Die meisten Journalisten tun indes das genaue Gegenteil. Journalisten sehnen sich nach etwas Abglanz der Macht &ndash; Exklusivgeschichten, Insider-Informationen, die Story hinter der Story &ndash; und all das h&auml;ngt davon ab, Zugang zu jenen zu haben, die Macht aus&uuml;ben. Der Zugangsjournalismus dominiert in Politik, Wirtschaft, Kriminalit&auml;t, Showbiz, Berichterstattung &uuml;ber die K&ouml;nigsh&auml;user und Sport &ndash; ja, in allen Sparten der Medien.<\/p><p>Als w&auml;re das nicht schlimm genug, besteht die Hauptaufgabe leitender Zeitungsjournalisten darin, die Interessen und das Weltbild ihrer Eigent&uuml;mer &ndash; und &auml;hnlich tickender Unternehmen, die in jenen Zeitungen Werbung schalten &ndash; zu verstehen. Die Aufgabe des Journalisten besteht sodann darin, diese Weltsicht den Eigent&uuml;mern und Werbekunden zur&uuml;ckzuspiegeln. Darin liegt der Grund daf&uuml;r, dass Zeitungsjournalisten die Anliegen von Milliard&auml;ren teilen statt jene einfacher Menschen.<\/p><p>Ein schockierendes und am&uuml;santes Beispiel daf&uuml;r, wie genau Journalisten die Interessen von Unternehmen bef&ouml;rdern, kann man hier in diesem kurzen Clip sehen, der zeigt, wie Reporter von elf unterschiedlichen US-Fernsehsendern Wort f&uuml;r Wort die gleichen &bdquo;Nachrichten&ldquo; dar&uuml;ber vortragen, <a href=\"https:\/\/youtu.be\/x6U2Un5kEdI\">wie phantastisch Amazon w&auml;hrend der Pandemie agiert hat<\/a>.<\/p><p>Der Spielraum, den Zeitungsjournalisten haben, ist ein schmales Spektrum von Themen, die die Milliard&auml;re und Werbekunden entweder nicht sonderlich interessieren oder wor&uuml;ber diese untereinander uneins sind. Dieser enge Spielraum ist normalerweise gemeint, wenn Journalisten von &bdquo;Pressefreiheit&ldquo; sprechen.<\/p><p><strong>Zwei Parteien des Kapitals<\/strong><\/p><p>Die Aufgabe einer f&uuml;hrenden Journalistin wie Maitlis in einem staatlich finanzierten Rundfunk wie der BBC ist ganz &auml;hnlich umrissen: Sie besteht haupts&auml;chlich darin, die Interessen und die Weltsicht des politischen Establishments zur&uuml;kzuspiegeln. Heutzutage werden Zeitungsinhaber und Staatssender von nahezu identischen Agenden bestimmt, da Regierungsparteien von Milliard&auml;ren und Unternehmen finanziert werden, die Zeitungen besitzen und darin Werbung schalten, und da Unternehmensgelder und die Unterst&uuml;tzung durch die Konzernmedien ma&szlig;geblichen Einfluss auf die Wahlergebnisse haben.<\/p><p>Fr&uuml;her war der redaktionelle Spielraum bei der BBC etwas weiter als heute. In den 70er Jahren, als Arbeiter der Macht des Establishments gewisse Grenzen setzen konnten mittels Gewerkschaften und Labour-Regierungen versuchten, diese Macht zu vertreten, musste die BBC diese konkurrierenden Anspr&uuml;che zwischen der politischen Elite und der Arbeiterbewegung austarieren.<\/p><p>Jene Balance ist weitgehend Geschichte. Nachdem Tony Blair New Labour als zweite Partei des Kapitals geschaffen hatte und damit das System Gro&szlig;britanniens nach dem Bild des US-Systems geformt hat, hat sich der Gegendruck, der auf die BBC einwirkt, gro&szlig;teils in Luft aufgel&ouml;st. Blair und New Labour genossen bald die gleiche feige Unterst&uuml;tzung wie die Konservativen vonseiten der BBC-Starreporter &ndash; man erinnere sich nur an Andrew Marrs kriecherische <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5_JC371jxPI\">Lobrede<\/a> auf Blairs Kriegsverbrechen im Irak im Jahr 2003.<\/p><p>Die journalistische Linie der &bdquo;Objektivit&auml;t&rdquo; der BBC &ndash; gro&szlig;e Auseinandersetzungen &uuml;ber Randthemen, nicht-ideologische Skandale, Promi-Neuigkeiten &ndash; erfuhr lediglich eine Unterbrechung, als Corbyn 2015 durch seine v&ouml;llig &uuml;berraschende Wahl zum Vorsitzenden der Labour Party aufgrund des massenhaften Eintritts neuer Parteimitglieder einen Schock ausl&ouml;ste. Auf dieses Ereignis reagierte die mediale Klasse mit sofortigem, vollkommenem und anhaltendem Entsetzen, das bis zu dem Zeitpunkt andauerte, als es Labour gelang, die Normalit&auml;t der Blair-Anh&auml;nger in diesem Jahr unter dem neuen Vorsitzenden Keir Starmer wieder herzustellen.<\/p><p><strong>Echter und Als-ob-Journalismus<\/strong><\/p><p>Seit geraumer Zeit bem&uuml;ht sich die BBC kaum darum, auch nur so zu tun, als ob es bei der Wahl ihres Personals objektiv zuginge. Den Vorsitz im Rundfunkrat haben regelm&auml;&szlig;ig konservative Spitzenpolitiker, darunter bis vor kurzem Lord Patten, und darin vertreten sind massenhaft Leute, die fr&uuml;her f&uuml;r gro&szlig;e Unternehmen gearbeitet haben.<\/p><p>BBC-Redakteure und ihre Kollegen bei der Daily Mail, der Times und dem Telegraph sind heute austauschbar, oft haben sie fr&uuml;her dort gearbeitet wie James Hardings und Sarah Sands. Viele von ihnen waren zuvor oder werden anschlie&szlig;end Berater der Konservativen &ndash; Thea Rogers, Robbie Gibb, Craig Oliver, Will Walden, Guto Harri. Und abgesehen davon, dass viele f&uuml;hrende Journalisten der BBC qua Geburt der gesellschaftlichen Elite angeh&ouml;ren wie Laura Kuenssberg, haben einige von ihnen ihre Laufbahn auch als Unterst&uuml;tzer der Tory Party begonnen, darunter Nick Robinson und Andrew Neil. Diese Journalisten bilden unbestreitbar eine Medienklasse der Elite, sind Teil des Establishments, und ihr Journalismus dient dazu, ihre Privilegien zu verteidigen.<\/p><p>All dies bildet den Kontext, in den man Maitlis&rsquo; Kommentare einordnen muss. Sie repr&auml;sentiert keinen Ma&szlig;stab eines mutigen BBC-Journalismus abseits ihrer Kollegen. Sie hat sich nicht mit dem Medien-Establishment angelegt. Und sie hat nicht versucht, die Regierung Johnson zur Verantwortung zu ziehen. Nichts davon trifft zu oder wird durch den &bdquo;Streit&ldquo; wegen ihres Cummings-Kommentars angedeutet.<\/p><p>Man bedenke, dass Maitlis&rsquo; halbherziger Kommentar zu Cummings viel zahmer ausfiel als der der ganz rechts angesiedelten Daily Mail, die Boris Johnson unterst&uuml;tzt und die im Besitz von Milliard&auml;ren ist. Wenn Maitlis einen Kampf f&uuml;r eine wirklich freie Presse f&uuml;hrt oder die M&auml;chtigen rigoros zur Rechenschaft zieht, dann muss das &ndash; wie unwahrscheinlich! &ndash; auch f&uuml;r die Johnson-huldigende Daily Mail zutreffen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200606-Cook-01.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200606-Cook-01.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p>Maitlis&rsquo; Fehler lag darin, die BBC &ndash; deren Aufgabe es ist, zumindest das N&ouml;tigste dazu zu tun, den Anschein journalistischer Glaubw&uuml;rdigkeit sich selbst und ihrem Publikum gegen&uuml;ber aufrechtzuerhalten, w&auml;hrend sie gleichzeitig vermeidet, das politische Establishment zu hinterfragen &ndash; als Plattform zu benutzen, ihrem eigenen, von vielen geteilten &Auml;rger &uuml;ber Cummings&rsquo; Entscheidung, gegen seine eigenen Ausgangsbeschr&auml;nkungen zu versto&szlig;en, als sie ihm nicht passten, Luft zu machen.<\/p><p>Die Mail positionierte sich kritisch, weil die Milliard&auml;rs-Eigent&uuml;mer und Werbekunden Cummings&rsquo; nicht sonderlich interessiert, und weil sie wissen, dass ihre Leser Cummings&rsquo; Verhalten aufbringt. Und so nahmen Maitlis und Newsnight an, sie k&ouml;nnten sich ebenso kritisch &auml;u&szlig;ern. Maitlis hat nicht ganz verstanden, dass ein BBC-Journalist noch mehr dazu verpflichtet ist, die Weltsicht des Establishments zu verteidigen als die Boulevardbl&auml;tter, nicht zuletzt deshalb, weil das &Uuml;berleben der BBC von der Finanzierung durch die Regierung abh&auml;ngt.<\/p><p>Wie ihre Kollegen, Familie und Freunde war Maitlis pers&ouml;nlich ver&auml;rgert. Sie lie&szlig; ihren &Auml;rger ihr Urteilsverm&ouml;gen tr&uuml;ben. Ihre Emotionen &uuml;berlagerten ihre normalerweise scharfen journalistischen Instinkte, diejenigen nicht zu ver&auml;rgern, die ihren Karriereweg an die Spitze der BBC ebneten. Sie hat &ndash; ausnahmsweise &ndash; den Fehler gemacht, echten Journalismus zu betreiben, wo man doch Pseudo-Journalismus von ihr erwartet.<\/p><p><strong>Angeleint, brav bei Fu&szlig;<\/strong><\/p><p>So was kommt bei den meisten Journalisten, die f&uuml;r Medienunternehmen arbeiten, selten vor. Wie der US-Medienkritiker Michael Parenti bekanntlich einmal &uuml;ber solche Journalisten <a href=\"https:\/\/www.medialens.org\/2013\/you-say-what-you-like-because-they-like-what-you-say\/\">sagte<\/a>: &bdquo;Die Journalisten sagen, was ihnen gef&auml;llt, weil sie (die Politiker\/M&auml;chtigen\/Unternehmen, Anmerkung der &Uuml;bersetzerin) m&ouml;gen, was sie sagen.&ldquo; Und f&uuml;gte hinzu:<\/p><blockquote><p>Sie wissen nicht, dass sie angeleint sind, wenn sie den ganzen Tag lang brav bei Fu&szlig; sitzen. Erst wenn sie sich einmal auf verbotenes Terrain wagen, sp&uuml;ren sie den Ruck. Sie sind also frei, weil ihre eigene ideologische Perspektive mit der ihres Chefs &uuml;bereinstimmt. Sie haben also nicht das Gef&uuml;hl, mit ihrem Chef uneins zu sein.<\/p><\/blockquote><p>Meistens sitzt Maitlis brav bei Fu&szlig;. Nur einmal hat sie aus Zorn &ndash; einem Zorn, den alle normalen Menschen &uuml;ber die Doppelmoral, die Privilegien und die L&uuml;gen empfinden &ndash; vergessen, was zu ihrem Job geh&ouml;rt. F&uuml;r einen Augenblick hat sie vergessen, wozu sie durch ihre Erziehung und ihre Klassenzugeh&ouml;rigkeit sozialisiert wurde und was ihr durch ihre journalistische Karriere weiter antrainiert wurde: Die Illusion f&uuml;r sich selbst und die Zuschauer zu erzeugen, dass sie die M&auml;chtigen zur Rechenschaft zieht. Dieses eine Mal praktizierte sie echten und nicht nur Als-ob-Journalismus &ndash; und wurde daf&uuml;r sofort ger&uuml;gt.<\/p><p>Die &ouml;ffentliche Ma&szlig;regelung von Maitlis durch die BBC ist eine extreme Version des Trainings mittels Belohnung und Bestrafung, das alle bei Unternehmen besch&auml;ftigten Journalisten durchlaufen. Meistens erfahren Mitarbeiter solche Ermahnungen in jungen Jahren, wenn sie ihre ersten journalistischen Schritte gehen und von &auml;lteren und erfahrenen Kollegen lernen, was der Journalismus von ihnen verlangt. Maitlis&rsquo; Verwarnung diente einem &auml;hnlichen Zweck. Sie diente nicht nur dazu, Maitlis an die engen Grenzen ihrer Arbeit zu erinnern, sondern auch denjenigen in den unteren R&auml;ngen zu zeigen, dass sie noch vorsichtiger sein m&uuml;ssen, wenn dies sogar jemandem wie Maitlis passieren kann.<\/p><p>Tausende BBC-Journalisten, die mit echtem Journalismus lieb&auml;ugelten, haben diese Woche gelernt, wie hoch der Preis von Ungehorsam ist. Dieser Vorfall hat noch ein wenig mehr zu ihrer Z&auml;hmung beigetragen und stellt sicher, dass sie noch deutlicher verstehen, dass man von ihnen erwartet, der Macht dienstbar zu sein. Infolgedessen werden sie noch braver bei Fu&szlig; sitzen.<\/p><p>Das n&auml;chste Mal, wenn Sie sich fragen, warum BBC-Reporter so &auml;ngstlich sind, so zaghaft, wenn sie das Establishment konfrontieren; warum ihnen ganz offensichtliche Stories oder Blickwinkel entgehen, die uns anderen ins Auge springen; warum sie aus einer M&uuml;cke einen Elefanten machen; warum sie sich aufspielen, ohne damit Wirkung oder Nutzen zu erzielen; warum sie sich auf Stories &uuml;ber Promis und Nichtigkeiten st&uuml;rzen; warum sie lieber nach unten als nach oben treten; warum sie gemeinsam die wenigen Politiker angreifen und verunglimpfen, die es wagen, die Wahrheiten der heutigen neoliberalen Ordnung infrage zu stellen; wenn etwas davon passieren sollte, denken Sie an diesen Moment.<\/p><p>Weil alle BBC-Journalisten, inklusive k&uuml;nftiger Emily Maitlis, deren Z&uuml;chtigung mitbekommen haben. Sie haben aus ihrem Fehler gelernt.<\/p><p>Titelbild: shutterstock.com\/Claudio Divizia<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Medienskandal um die BBC-Moderatorin Emily Maitlis schwappte bis in die deutsche Presse: Weil sie in einer Sendung Premier Boris Johnson und seinen Berater Dominic Cummings f&uuml;r sein Umherreisen inmitten des Lockdowns kritisierte, kassierte sie eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/BBCNewsPR\/status\/1265666465308573696\">R&uuml;ge des Senders<\/a>: Die BBC sah ihre journalistische Neutralit&auml;t durch den Kommentar verletzt. Unparteilichkeit. Sich mit keiner Sache<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61655\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":61656,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,182,183],"tags":[2899,1162,1843,374,1672,469,2297,1560,2857,1415,408,244],"class_list":["post-61655","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-medienkritik","tag-bbc","tag-blair-tony","tag-brexit","tag-eliten","tag-embedded-journalism","tag-grossbritannien","tag-johnson-boris","tag-labour-party","tag-lockdown","tag-pressefreiheit","tag-soziale-herkunft","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/shutterstock_486484657.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61655","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61655"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":61720,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61655\/revisions\/61720"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/61656"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}