{"id":61666,"date":"2020-06-07T14:00:47","date_gmt":"2020-06-07T12:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61666"},"modified":"2020-06-07T15:15:14","modified_gmt":"2020-06-07T13:15:14","slug":"wie-eine-boje-auf-der-elbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61666","title":{"rendered":"Wie eine Boje auf der Elbe"},"content":{"rendered":"<p>In dem Roman <a href=\"https:\/\/tredition.de\/autoren\/katrin-mcclean-27606\/aus-dem-takt-ein-ost-west-roman-paperback-117383\/\">&bdquo;Aus dem Takt&ldquo;<\/a> von Katrin McClean geht es um das langsame Ankommen einer Ostdeutschen in Westdeutschland. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFelicitas, die eigentlich aus Leipzig kommt, f&uuml;hlt sich oft einsam. Sie hat eine kleine Wohnung in Hamburg-Ottensen, aber noch keine Freunde. Vor ihrem Fenster rattern die S-Bahn-Z&uuml;ge vorbei und Felicitas ist oft ratlos.<\/p><p>Mit den Jobs ist es sehr schwierig. Felicitas m&ouml;chte in ihrem erlernten Beruf &ndash; sie ist Sozialp&auml;dagogin &ndash; arbeiten, am liebsten in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie bekommt nur Angebote, umsonst zu arbeiten. Notgedrungen schl&auml;gt sie sich mit Jobs in der Marktforschung und der Werbung durch.<\/p><p>Felicitas ist die Schl&uuml;sselfigur in dem neuen Roman &bdquo;Aus dem Takt&ldquo; von Katrin McClean. Das Leben von Felicitas &auml;hnelt eine Boje auf der Elbe, die von den Wellen hin und her geworfen wird.<\/p><p>Die soziale Kompetenz der jungen Frau aus Ostdeutschland kommt nun der Marktforschung zugute. In einem Call-Center bekommt die Neu-Hamburgerin die Aufgabe, Krebs-Patienten nach ihrem Leben und der Wirkung der Medikamente zu befragen. Sie begleitet Menschen bei Testfahrten von neuen Autos und macht mit bei Video-Aufnahmen, bei denen Hausfrauen &uuml;ber die beste Waschmaschine streiten.<\/p><p><strong>&Uuml;berwachung<\/strong><\/p><p>W&auml;ren da nicht die Kollegen im Call-Center, mit denen Felicitas gut auskommt, w&uuml;rde es die Sozialp&auml;dagogin aus Leipzig auf ihrer Arbeit nicht aushalten. Die Kollegen haben meist interessante Berufe. In gemeinsamen Zigarettenpausen sammelt sich die kreative Unterklasse im Zigaretten-Qualm. Man l&auml;stert und albert und sch&uuml;ttelt so den Druck der Supervisoren ab, welche die Mitarbeiter des Call-Centers konstant &uuml;berwachen und zur &bdquo;Effektivit&auml;tskontrolle&ldquo; beim Telefonieren belauschen.<\/p><p>Bei ihrer Arbeit im Call-Center wird Felicitas klar, dass der Kapitalismus in einem Endstadium angelangt ist. Denn es geht nicht mehr um die Befriedigung wirklicher Bed&uuml;rfnisse. Unternehmen versuchen, mit Hilfe von Marktforschungsunternehmen herauszufinden, mit welchen Finessen man ein neues Produkt ausstatten muss, damit es auf dem schon ges&auml;ttigten Markt einen Platz findet. Man verspricht die Befriedigung von Bed&uuml;rfnissen, von denen der Kunde bisher noch nicht wusste, dass er sie &uuml;berhaupt hat.<\/p><p>Manchmal ist es hart, die schonungslosen Schilderungen vom Leben einer Gelegenheits-Jobberin zu lesen. Aber in dem Roman gibt es immer wieder &uuml;berraschende Wendungen.<\/p><p>Bei einer dieser Wendungen geschieht es, dass Felicitas auf einem Jazz-Konzert in ihrem Stadtteil den Schlagzeuger Mika sieht, sich in ihn verguckt und die beiden sich verabreden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200607-Katrin_McClean-im-Gespraech-mit-dem-Rezensenten-Moskau-2019-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200607-Katrin_McClean-im-Gespraech-mit-dem-Rezensenten-Moskau-2019-Foto-Ulrich-Heyden.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Ulrich Heyden im Gespr&auml;ch mit Katrin McClean. Foto: Ulrich Heyden <\/small><\/p><p><strong>Scham<\/strong><\/p><p>Gegen&uuml;ber Mika, der ein festes Einkommen aus einer Erbschaft hat, f&uuml;hlt sich Felicitas nicht vollwertig. Dass sie, um Geld zu verdienen, auf der Stra&szlig;e in einem Drachen-Kost&uuml;m Werbezettel verteilt, verheimlicht sie gegen&uuml;ber ihrem neuen Freund.<\/p><p>Der Job auf der Stra&szlig;e ist hart. Der schwere Kopf des Drachen dr&uuml;ckt schmerzhaft auf den Schultern von Felicitas. Im Drachen-Kost&uuml;m schwitzt sie. Und es macht sie fast verr&uuml;ckt, dass sie auch noch den Schwei&szlig; ihrer Vorg&auml;nger im Drachen-Kost&uuml;m riechen muss.<\/p><p>Als sie dann pl&ouml;tzlich Mika auf der Stra&szlig;e sieht und sich einbildet, dass er sie beobachtet, bekommt sie fast eine Panik. Sie schwitzt noch mehr, sch&auml;mt sich f&uuml;r ihren Job und fl&uuml;chtet schlie&szlig;lich in ihrem Kost&uuml;m in eine Nebenstra&szlig;e.<\/p><p>Mika ist ganz &Auml;sthet aus der Boh&egrave;me. Mit einem Gef&uuml;hl der &Uuml;berlegenheit f&uuml;hrt er der Frau aus dem Arbeiter- und Bauernstaat vor, wie man richtig gut kocht, wie man in einer verm&uuml;llten Wohnung das Essen stilvoll im Bett serviert und wie man in Kneipen lautstark wildfremde Leute mit angelesenen philosophischen Erkenntnissen unterh&auml;lt.<\/p><p>Still ertr&auml;gt Felicitas die extreme Ich-Bezogenheit des Schlagzeugers, seine n&auml;chtelangen Kneipenbesuche und seinen Hang zum Alkohol.<\/p><p>Felicitas nimmt Mika, wie er ist. Sie versucht ihn nicht zu verstehen und versucht ihn auch nicht zu &auml;ndern. Felicitas liebt Mika. Sie hat Spa&szlig; am Sex und sie redet sich ein, dass es mit der Liebe zum Jazz immerhin etwas Gemeinsames gibt.<\/p><p>Doch immer wieder &auml;rgert sie die Arroganz ihres Freundes. Als Mika bei einem gemeinsamen Urlaub in einer alten DDR-Ferienanlage an der Ostseek&uuml;ste die Duschanlagen in kahlem Beton als &bdquo;KZ-Duschen&ldquo; bezeichnet und &uuml;ber das vergammelte &bdquo;Volkseigentum&ldquo; l&auml;stert, nimmt die Neu-Hamburgerin das ruhig hin. Selbst als Mika am Lagerfeuer einer anderen Ost-Frau sehr tief in die Augen guckt, bleibt sie ruhig. Doch in Felicitas Seele beginnt etwas zu zerbrechen.<\/p><p>Mika gibt sich selbstbewusst. Er scheint alles das zu haben, was er braucht. Doch pl&ouml;tzlich bricht er mit einem Herzinfarkt zusammen. F&uuml;r Felicitas ist klar, dass Mika Opfer seines Perfektionismus wurde. Er habe sich abgerackert, sei nie mit sich zufrieden gewesen und habe nach immer neuen Kl&auml;ngen gesucht, um im hei&szlig; umk&auml;mpften Musikmarkt zu bestehen.<\/p><p>Der Infarkt ihres Freundes ist nicht der einzige Schock. Mika erkl&auml;rt seine Beziehung zu Felicitas f&uuml;r beendet. An Mikas Krankenbett trifft Felicitas Gaby, die neue Geliebte des Musikers.<\/p><p><strong>St&ouml;hnen f&uuml;r das Gute<\/strong><\/p><p>Die Neu-Hamburgerin aus Leipzig f&uuml;hlt sich verraten. Sie hat weder Arbeit noch Freunde. In einem Antiquariat st&ouml;&szlig;t sie auf ein Buch des sowjetischen P&auml;dagogen Makarenko, der in den 1920er Jahren Stra&szlig;enkinder wieder in die Gesellschaft integrierte. Felicitas ist fast elektrisiert &uuml;ber den Fund. Das Buch erinnert sie an die Werte, die sie als junge Pionierin in ihrer Jugend vermittelt bekam, anderen Menschen zu helfen und Gutes zu tun. Doch Felicitas wei&szlig; nicht, was sie machen soll. Sie beginnt zu trinken.<\/p><p>In einem Ton-Studio im Hamburger Rotlicht-Viertel l&auml;sst Felicitas sich auf einen St&ouml;hn-Job ein. Phantasien mit M&auml;nnern turnen sie nicht an. Sie st&ouml;hnt &bdquo;f&uuml;r das Gute&ldquo; und treibt den Mann am Mischpult mit ihren gehauchten W&uuml;nschen nach &bdquo;dem Guten&ldquo; zur Verzweiflung. Der Tontechniker schmei&szlig;t sie raus.<\/p><p>Felicitas vergr&auml;bt sich in ihrer Wohnung und beschlie&szlig;t, ihr Leben zu beenden. Doch als sie schon an den S-Bahn-Schienen steht, klingelt pl&ouml;tzlich ihr Handy. Sozialarbeiter, die ein Sorgentelefon f&uuml;r Kinder betreiben, wollen sie einstellen, allerdings erstmal ohne Gehalt.<\/p><p>Nun scheint es, dass Felicitas endlich Gutes tun kann. Doch sie ist entt&auml;uscht von ihren Mitarbeitern, welche den Fall eines von ihrem Vater missbrauchten M&auml;dchens dem Journalisten einer Hamburger Boulevardzeitung anbieten wollen. Davon versprechen sich die Mitarbeiter des Sorgentelefons mehr Publicity und mehr Einkommen.<\/p><p>Die Neu-Hamburgerin will sich ihre Hoffnung, endlich etwas Gutes zu tun, nicht vermasseln lassen. Sie durchkreuzt den Plan mit der Boulevardzeitung, &bdquo;leiht&ldquo; sich ein Auto ihres Marktforschungsunternehmens und entf&uuml;hrt das misshandelte M&auml;dchen in eine ehemalige DDR-Ferienanlage an der Ostsee.<\/p><p>Auf der Fahrt nach Osten, am Steuer des ruhig surrenden Hybrid-Autos, das schlafende Kind auf der R&uuml;ckbank, die alte Heimat vor Augen, f&uuml;hlt sich Felicitas wie auf einer Wolke des Gl&uuml;cks.<\/p><p><strong>Happy End<\/strong><\/p><p>Nach so viel Verzweiflung wirkt das Happy End fast aufgesetzt. Aber Tr&auml;umen ist ja nicht verboten. Felicitas bringt das misshandelte Kind zur&uuml;ck nach Hamburg, wo es in ein Kinderheim kommt. Niemand zeigt sie wegen Entf&uuml;hrung an. Zusammen mit Gaby, der neuen Geliebten von Mika, auf die Felicitas so eifers&uuml;chtig war, schmiedet sie den Plan, an der Ostsee ein Ferien-Zentrum f&uuml;r Kinder aus schwierigen Verh&auml;ltnissen zu starten.<\/p><p>Es scheint, dass die Werte, mit denen Felicitas damals in der DDR aufgewachsen sind, ihr immer noch Halt geben. Etwas Gutes zu tun, das fand sie schon als junge Pionierin toll. Und es begeistert sie noch heute, auch wenn es nicht immer einfach zu verwirklichen ist. Es ist wie mit der Boje auf der Elbe. Die wird zwar in den Wellen hin- und hergerissen, hat aber eine feste Verankerung.<\/p><p>Im Anhang des Buches schreibt die Autorin, ihr Ost-West-Roman &bdquo;Aus dem Takt&ldquo; sei von allen ihren B&uuml;chern &bdquo;das ehrlichste&ldquo;. Da kein Verlag bereit war, das Buch herauszugeben, habe sie sich entschlossen, es &uuml;ber den Dienstleister tredition in Hamburg selbst herauszugeben.<\/p><p>Katrin McClean wurde als Katrin Dorn in Th&uuml;ringen geboren. Sie studierte in Leipzig Psychologie und lebt sei 2001 als freie Autorin in Hamburg. Sie ver&ouml;ffentlichte Romane, Erz&auml;hlungen und Krimis bei Aufbau Berlin, dtv M&uuml;nchen und anderen Verlagen. Au&szlig;erdem schreibt sie Drehb&uuml;cher f&uuml;r die Kinderh&ouml;rspieleserie &bdquo;F&uuml;nf Freunde&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> <a href=\"https:\/\/tredition.de\/autoren\/katrin-mcclean-27606\/aus-dem-takt-ein-ost-west-roman-paperback-117383\/\">&bdquo;Aus dem Takt&ldquo;<\/a> von Katrin McClean, Verlag: tredition, 320 Seiten<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/27047d26aee04741b4c4d626d4492a7e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Roman <a href=\"https:\/\/tredition.de\/autoren\/katrin-mcclean-27606\/aus-dem-takt-ein-ost-west-roman-paperback-117383\/\">&bdquo;Aus dem Takt&ldquo;<\/a> von Katrin McClean geht es um das langsame Ankommen einer Ostdeutschen in Westdeutschland. 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