{"id":617,"date":"2005-06-30T16:09:15","date_gmt":"2005-06-30T14:09:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=617"},"modified":"2016-03-13T09:01:51","modified_gmt":"2016-03-13T08:01:51","slug":"weisheitstherapie-gegen-hartz-iv-und-sonstwie-verbitterte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=617","title":{"rendered":"\u201eWeisheitstherapie\u201c gegen Hartz IV und sonstwie Verbitterte"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Nutzer aus M&uuml;nchen schickte uns freundlicherweise den folgenden hochinteressanten Text mit Ausz&uuml;gen aus einer Sendung von 3sat (Kulturzeit):<\/p><blockquote><p>Passend zu den Ohrw&uuml;rmern neoliberaler Gehirnw&auml;sche, die Kritiker als Verschw&ouml;rungstheoretiker und berechtigte Emp&ouml;rung als Unverstand diffamieren, wird zur Zeit auch eine neoliberale Psychotherapiemethode entwickelt und erprobt.<\/p><\/blockquote><p>Dies jedenfalls war dem Beitrag Endstation Verbitterung zu entnehmen, der am 28. Juni von 3sat (Kulturzeit) ausgestrahlt worden ist.<br>\n<!--more--><br>\nDie Methode nennt sich Weisheitstherapie, weil nicht Arbeitslosigkeit, Armut oder Ungerechtigkeit krank machen, sondern nur ein Mangel an Weisheit, und richtet sich gegen Patienten, die an der Posttraumatischen Verbitterungsst&ouml;rung leiden. Sie soll den Opfern &ldquo;erkennen&rdquo; helfen, da&szlig; die T&auml;ter nicht anders konnten, da&szlig; man selbst nicht anders gehandelt h&auml;tte, und f&uuml;gt sich nahtlos ein in die Es-gibt-keine-Alternative-Strategie. <\/p><p>Da &auml;hnliche Methoden verst&auml;ndlicherweise auch bei der Behandlung von Folteropfern und KZ-&Uuml;berlebenden eingesetzt werden, ist die Weisheitstherapie allerdings nicht ganz so neu, wie sie von ihren &ldquo;Erfindern&rdquo; dargestellt wird. <\/p><p>Aus dem Beitrag:<\/p><blockquote><p>[Sprecherin:] . . . Hochresigniert, zutiefst gekr&auml;nkt, verbittert &ndash; die Symptome einer psychischen Erkrankung, von der immer mehr Menschen betroffen sind. Sie haben etwas Traumatisches erlebt, keinen Unfall, keine Katastrophe, nichts Unvorhersehbares. Sie haben etwas erlebt, was fast allt&auml;glich geworden ist &ndash; Arbeitslosigkeit, eine Trennung . . . Sie leiden nicht an einer Depression. Sie sind erkrankt an der Posttraumatischen Verbitterungsst&ouml;rung.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof\/Teltow:] &lsquo;Patienten mit einem Verbitterungssyndrom sind sehr schwer leidende Patienten. Es sind Patienten, die halt ein sehr schwerwiegendes kritisches Lebensereignis erlitten haben, was sie unglaublich herabgew&uuml;rdigt, verletzt und gekr&auml;nkt hat. Sie reagieren dadrauf mit einem heftigen Verbitterungsaffekt, der lange anh&auml;lt und der ihr Leben halt sehr stark beeintr&auml;chtigt.&rsquo;<\/p><\/blockquote><p>(&hellip;)<\/p><blockquote><p>[Sprecher:] Die Krankheit ist uralt, die Symptome wurden schon von Aristoteles beschrieben, doch erst jetzt wird das Krankheitsbild wissenschaftlich definiert. Ein Zufall? Oder ist die Verbitterungsst&ouml;rung die Psychokrankheit unserer Zeit? Das Begleitph&auml;nomen zur Massenarbeitslosigkeit in Zeiten von Hartz IV? Die Zahl der Entt&auml;uschten, die ihre pers&ouml;nliche Misere als ungerecht empfinden und deren Verbitterung zur Krankheit f&uuml;hrt, steigt, je weniger Hoffnung besteht auf Ver&auml;nderung. Ein Ph&auml;nomen, das vermehrt auftritt, besonders in den neuen Bundesl&auml;ndern.<\/p><\/blockquote><p>Man beachte: Stellenabbau, Abbau von Chancen und Rechten oder Zwangsarbeit sind nicht ungerecht, sondern werden lediglich als ungerecht empfunden. Und nicht die Lebenssituation des Opfers, sondern seine Verbitterung f&uuml;hrt zur Krankheit. Es k&ouml;nnte Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung ja auch lustig finden &ndash; und dann w&auml;re es nicht krank.<\/p><blockquote><p>[Michael Linden, Professor f&uuml;r Psychiatrie, Charit&eacute; Berlin.] &lsquo;Wir haben &ndash; eigentlich in der Folge der Wende &ndash; so ungef&auml;hr zehn Jahre nach der Wiedervereinigung eine ganze Reihe von Menschen gesehen, die Probleme hatten, mit den biographischen Verwerfungen und Reorganisationen fertig zu werden. Diese Patienten sind dann auch an der Welt verzweifelt, sind damit auch nicht mehr ohne weiteres bereit, sich &uuml;berhaupt noch mal aufzuraffen, beispielsweise, wenn man ihnen dann einen neuen Beruf anbieten w&uuml;rde, w&uuml;rden sie sagen &ldquo;will ich nicht&rdquo; &ndash; sozusagen &ndash; &ldquo;ich hab genug gelitten, ich fange nicht noch mal an&rdquo; bis hin dazu, da&szlig; sie sagen &ldquo;die Welt soll sehen, was sie mir angetan hat&rdquo;.&rsquo;<\/p><\/blockquote><p>Und wieder wird betont: Das Problem ist nicht etwa die Lebenssituation, sondern die Unf&auml;higkeit und die fehlende Bereitschaft der Betroffenen, das Beste daraus zu machen.<\/p><blockquote><p>[Sprecher:] Doch es sind l&auml;ngst nicht nur Verlierer der Wiedervereinigung, die an der krankhaften Verbitterung leiden. Arbeitsplatz- und Partnerschaftskonflikte, Familienprobleme, Krankheit und Tod k&ouml;nnen genauso Ausl&ouml;ser sein. Ein lebens&uuml;bliches Ereignis, etwas, was sich im Leben eines jeden jederzeit ereignen kann.<\/p><\/blockquote><p>(&hellip;)<\/p><blockquote><p>[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof\/Teltow:] &lsquo;Die Therapie besteht darin, da&szlig; wir versuchen, mit den Patienten dieses kritische Lebensereignis aufzuarbeiten, und ihnen dabei helfen, das Ereignis zu verarbeiten und sich davon innerlich zu distanzieren. Im Grunde genommen probieren wir, mit dem Patienten zu erreichen, da&szlig; sie quasi Frieden schlie&szlig;en mit diesem Ereignis und mit dem Verursacher, was oft ganz schwer gelingt.&rsquo;<\/p><\/blockquote><p>Jawohl! Nur Neurotiker gehen auf die Stra&szlig;e und demonstrieren.<\/p><blockquote><p>[Sprecher:] <strong>Um diesen Frieden schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen, haben die &Auml;rzte an der Seehof-Klinik in Teltow eine neue Therapie entwickelt: die Weisheitstherapie. Denn der Mangel an Weisheit ist es, der krank macht.<\/strong> In der Klinik sollen die Patienten lernen, die Perspektive zu wechseln, ihr Problem aus einer anderen Sicht wahrzunehmen. Mit der Methode der unl&ouml;sbaren Probleme arbeiten sie erstmal an Situationen, die mit ihrem eigenen Problem nichts zu tun haben.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof\/Teltow:] &lsquo;Der Vorteil daran ist, da&szlig; der Patient zun&auml;chst emotional nicht so mitgenommen wird &ndash; durch das Sprechen &uuml;ber diese Ereignisse und das Anwenden dieser Strategien. Ganz praktisch sieht das so aus, da&szlig; der Patient ein fiktives Lebensproblem, was wir vorher ausgearbeitet haben, pr&auml;sentiert bekommt und anhand dieses Lebensproblems eine Anzahl von Fragen beantworten soll wie z. B. Versetzen Sie sich doch einmal in die Rolle des Verursachers hinein: Wie w&uuml;rden Sie sich f&uuml;hlen, wie w&uuml;rden Sie reagieren, wie h&auml;tten Sie gehandelt?&rsquo;<\/p><\/blockquote><p>Mit der Weisheitstherapie kann man nichts falsch machen. Sagt der fr&uuml;here Bankangestellte nach der Behandlung: &ldquo;W&auml;re ich an Ackermanns Stelle gewesen, h&auml;tte ich mich auch entlassen&rdquo; war die Therapie &ndash; medizinisch betrachtet &ndash; erfolgreich, und statt auf die Stra&szlig;e zu gehen wird er ein unkomplizierter fr&ouml;hlicher Ein-Euro-Jobber, der seine Frau anschaffen oder seine Kinder betteln schickt. Begeht er unter dem Einflu&szlig; dieser &ldquo;Therapie&rdquo; Selbstmord, was wahrscheinlicher ist, war sie &ndash; diesmal volkswirtschaftlich betrachtet &ndash; ebenfalls erfolgreich. <\/p><p>Mit besorgten Gr&uuml;&szlig;en <\/p><p>R. S., M&uuml;nchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Nutzer aus M&uuml;nchen schickte uns freundlicherweise den folgenden hochinteressanten Text mit Ausz&uuml;gen aus einer Sendung von 3sat (Kulturzeit):<\/p>\n<blockquote>\n<p>Passend zu den Ohrw&uuml;rmern neoliberaler Gehirnw&auml;sche, die Kritiker als Verschw&ouml;rungstheoretiker und berechtigte Emp&ouml;rung als Unverstand diffamieren, wird zur Zeit auch eine neoliberale Psychotherapiemethode entwickelt und erprobt.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dies jedenfalls war dem Beitrag Endstation Verbitterung zu entnehmen, der am<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=617\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,183,11],"tags":[479],"class_list":["post-617","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-reservearmee"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=617"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32058,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/617\/revisions\/32058"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=617"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}