{"id":6174,"date":"2010-07-13T08:43:52","date_gmt":"2010-07-13T06:43:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6174"},"modified":"2014-03-05T10:46:40","modified_gmt":"2014-03-05T09:46:40","slug":"das-angebliche-jobwunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6174","title":{"rendered":"Das angebliche Jobwunder"},"content":{"rendered":"<p>Der Spiegel macht sich den &ldquo;Hype&rdquo; rund um die Fussball-Weltmeisterschaft zu Nutze und fabuliert vom <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,705165,00.html\">&ldquo;schwarz-rot-goldenen Jobwunder&rdquo;<\/a>. Auch die &uuml;brigen Mainstream-Medien verbreiten unreflektiert die OECD-Daten und verweigern den Blick hinter die Kulissen der in wachsendem Ma&szlig;e frisierten und aufgeh&uuml;bschten Arbeitslosenstatistik. Ein realistischeres Bild zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt l&auml;&szlig;t sich jedoch nur dann gewinnen, wenn die zahlreichen &ldquo;statistischen Bereinigungen&rdquo;, &ldquo;Sondereffekte&rdquo; und statistischen Tricks aufgezeigt werden, welche zu einer zunehmenden Verschleierung der tats&auml;chlichen Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt f&uuml;hren. Anmerkungen unseres Lesers G.K.<br>\n<!--more--><\/p><p>Der Spiegel schreibt:<br>\n<strong>Jubel &uuml;ber schwarz-rot-goldenes Jobwunder<\/strong><br>\nDie Bundesrepublik geht gest&auml;rkt aus der Wirtschaftskrise hervor: Die Arbeitslosenquote sank in den vergangenen zweieinhalb Jahren von 7,9 auf 7,0 Prozent. Das teilte die Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch in Paris mit. In den anderen OECD-Staaten stieg die Arbeitslosenquote im Schnitt dagegen von 5,7 auf 8,6 Prozent.<br>\nDie Entwicklung ist bemerkenswert. Immerhin war Deutschland mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,7 Prozent besonders stark von der Rezession betroffen. Die OECD lobt flexible Arbeitszeitregelungen in den Betrieben und die staatlich gef&ouml;rderte Kurzarbeit. So wurden rund 200.000 Arbeitspl&auml;tze durch Kurzarbeit erhalten. Allerdings empfiehlt die OECD auch, die w&auml;hrend der Krise erleichterten Regeln wieder zu versch&auml;rfen, &ldquo;sobald der Aufschwung an Fahrt gewinnt&rdquo;.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,705165,00.html\">Spiegel Online<\/a><\/p><ul>\n<li>Der Spiegel nennt zumindest die im OECD-Bericht genannte Ausweitung der Kurzarbeiter-Regelung. Bei der Kurzarbeiter-Regelung handelt es sich um ein deutsches Spezifikum. Die hieraus resultierende verdeckte Arbeitslosigkeit betr&auml;gt lt. OECD 200.000 Personen. Die von der Gro&szlig;en Koalition beschlossene Ausweitung der Kurzarbeiterregelung war eine sinnvolle Entscheidung, da hierdurch Qualifikationsverluste bei den Arbeitnehmern sowie eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung verhindert werden. Neoliberale Arbeitsmarkt&ouml;konomen stehen dem jedoch sehr h&auml;ufig ablehnend gegen&uuml;ber, weil dies angeblich zu einer &ldquo;Konservierung des Arbeitsmarktes&rdquo; f&uuml;hre. W&auml;hrend die diversen Bundesregierungen in den vergangenen Jahren zum Vollstrecker neoliberaler Arbeitsmarktpolitik wurden (Stichwort: &ldquo;Agenda 2010&rdquo;), schlug man bei der Kurzarbeiter-Regelung den Rat der neoliberalen Arbeitsmarkt&ouml;konomen aus. Der ma&szlig;gebliche Grund d&uuml;rfte der f&uuml;r die Politik angenehme statistische &ldquo;Neben&rdquo;-Effekt gesch&ouml;nter Arbeitslosendaten sein. (Zumal im Vorfeld der letzten Bundestagswahlen)\n<\/li>\n<li>Die von der OECD f&uuml;r Deutschland ver&ouml;ffentlichten Arbeitsmarktdaten ber&uuml;cksichtigen nicht, dass die von privaten Arbeitsvermittlern betreuten Arbeitslosen seit dem Mai 2009 nicht mehr in der offiziellen deutschen Arbeitslosenstatistik enthalten sind. Der von der OECD vorgenommene Vergleich der aktuellen Arbeitslosenquote mit jener vor Ausbruch der Wirtschaftskrise m&uuml;sste somit auch um diese Arbeitslosenzahl erweitert werden.\n<\/li>\n<li>Im Verlaufe der Wirtschaftskrise setzte sich in Deutschland die seit vielen Jahren anhaltende Entwicklung der Umwandlung von Vollzeit-Arbeitsstellen in Teilzeit-Arbeitsstellen sowie Minijobs fort. W&auml;hrend der Wirtschaftskrise wurde die Anzahl der Vollzeit-Arbeitsstellen abgebaut, die Zahl der Teilzeit- und Minijobs nahm hingegen zu. Dies f&uuml;hrt zu einer Aufh&uuml;bschung der Arbeitslosenstatistik, da durch die Umwandlung eines Vollzeitarbeitsplatzes in zwei oder mehrere Teilzeit- und Minijobs die Arbeitslosigkeit statistisch reduziert wird. Selbst bei gesunkenem Arbeitsvolumen kann durch die Entstehung dieser zumeist prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse offiziell eine gesunkene Arbeitslosigkeit ausgewiesen werden.\n<\/li>\n<li>Seit einigen Jahren sinkt in Deutschland die Zahl der Erwerbsf&auml;higen. Allein in diesem Jahr wird das Arbeitskr&auml;fteangebot wegen der Alterung der Gesellschaft um mehr als 100.000 Personen zur&uuml;ckgehen. Die hierdurch verursachte Reduktion der Arbeitslosenzahl tritt ein, ohne dass Politik oder Wirtschaft auch nur einen Finger r&uuml;hren m&uuml;ssen. Dieser die deutsche Arbeitslosenstatistik sch&ouml;nende Effekt trifft auf zahlreiche andere Staaten (z.B. die skandinavischen Staaten) in dem Ma&szlig;e nicht zu. In manchen Staaten f&uuml;hrt der demografische Effekt in der Wirtschaftskrise sogar zu einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit (so z.B. in Frankreich).\n<\/li>\n<\/ul><p>Ein bezeichnendes Bild auf die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt wirft der Beitrag <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=me&amp;dig=2010%2F06%2F30%2Fa0029&amp;cHash=3bb2492a26\">&ldquo;Verbr&auml;mte Statistik&rdquo;<\/a> der f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialpolitik verantwortlichen taz-Redakteurin Ulrike Herrmann:<\/p><blockquote><p>Es ist ein monatliches Ritual, das stets viel Aufmerksamkeit findet: die Pr&auml;sentation der Arbeitsmarktzahlen. (&hellip;) Aber was sagen die Zahlen eigentlich? Was bedeutet es, dass im Mai etwa 3,2 Millionen Menschen offiziell arbeitslos waren? Nicht viel.<br>\nWie unvollst&auml;ndig die Zahlen der Bundesagentur sind, f&uuml;hrte am Dienstag das Statistische Bundesamt vor, das die Unterbesch&auml;ftigung in Deutschland erhebt. Danach w&uuml;rden 8,6 Millionen Menschen zwischen 15 und 74 Jahren gern mehr arbeiten, als sie es derzeit tun. Dazu geh&ouml;ren nicht nur die 3,2 Millionen Erwerbslosen. Hinzu kommen 1,2 Millionen in der &ldquo;stillen Reserve&rdquo;, die sich durch Fortbildungen hangeln oder keine Kinderbetreuung finden. Dann gibt es Millionen Teilzeitbesch&auml;ftigte, die am liebsten ihre Arbeitszeit aufstocken w&uuml;rden. Auch manche Vollzeitkraft k&ouml;nnte sich &Uuml;berstunden vorstellen, um den Verdienst aufzubessern.<br>\nEs ist nicht trivial, welche Statistik von Politik und Medien beachtet wird. Z&auml;hlt man n&auml;mlich nur die offiziellen Erwerbslosen, dann steht Deutschland unter den 27 EU-Staaten sehr gut da: Zuletzt war es Platz 7, wie die Bundesagentur ausweist. Wird jedoch auch die Unterbesch&auml;ftigung ber&uuml;cksichtigt, landet Deutschland pl&ouml;tzlich weit hinten &ndash; auf Platz 20.<\/p><\/blockquote><p><strong>Fazit:<\/strong><br>\nDer schon seit mehreren Jahren in zahlreichen Medien angefachten Jubelstimmung (&ldquo;Jobwunder&rdquo; etc.) ist mit erheblicher Skepsis zu begegnen, zumal das angebliche &ldquo;Besch&auml;ftigungswunder&rdquo; nicht selten zur Rechtfertigung f&uuml;r den angeblichen &ldquo;Erfolg&rdquo; der neoliberalen &ldquo;Agenda 2010&Prime;-Politik (speziell Hartz IV) missbraucht wird. Zahlreiche statistische Sch&ouml;nf&auml;rbereien, die Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen, der demografische Effekt sowie die deutliche Verschlechterung der Qualit&auml;t der Arbeitspl&auml;tze und die damit einhergehende schlechte Entwicklung der realen Arbeitnehmereinkommen in Deutschland machen deutlich, dass sich die Perspektiven f&uuml;r zahlreiche Besch&auml;ftigte seit vielen Jahren negativ entwickeln. So weist Deutschland europaweit mittlerweile den prozentual h&ouml;chsten Anteil der im Niedriglohnsektor besch&auml;ftigten Arbeitnehmer aus. Diese Entwicklung droht sich auch in den kommenden Jahren fortzusetzen. So &auml;u&szlig;erte k&uuml;rzlich der DGB die Besorgnis, in den kommenden Jahren w&uuml;rden weitere Arbeitspl&auml;tze der Stammbelegschaften abgebaut und in zumeist prek&auml;re Leiharbeitspl&auml;tze umgewandelt werden. Die Bef&uuml;rchtung: Die Zahl der Leiharbeitspl&auml;tze k&ouml;nne hierdurch auf ca. 2,2 Millionen anwachsen. Zum Vergleich: Vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise waren &ldquo;nur&rdquo; ca. 0,8 Millionen Arbeitnehmer in der Leiharbeitsbranche t&auml;tig. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Spiegel macht sich den &ldquo;Hype&rdquo; rund um die Fussball-Weltmeisterschaft zu Nutze und fabuliert vom <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,705165,00.html\">&ldquo;schwarz-rot-goldenen Jobwunder&rdquo;<\/a>. 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