{"id":61757,"date":"2020-06-08T13:56:19","date_gmt":"2020-06-08T11:56:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61757"},"modified":"2020-06-08T16:54:39","modified_gmt":"2020-06-08T14:54:39","slug":"zu-den-gesellschaftlichen-bedingungen-den-auswirkungen-und-zum-management-der-corona-pandemie-von-ludger-elmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61757","title":{"rendered":"Zu den gesellschaftlichen Bedingungen, den Auswirkungen und zum Management der Corona-Pandemie. Von Ludger Elmer."},"content":{"rendered":"<p>Der Autor dieses Textes ist zurzeit Sprecher des NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises M&uuml;nchen. Er hat uns am 20. Mai die folgende Mail geschickt. Ansto&szlig; f&uuml;r diesen Leserbrief war <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61120\">ein Text von Lisa N.<\/a>, den wir am gleichen Tag ver&ouml;ffentlicht hatten. Mit dem Text von Ludger Elmer er&ouml;ffnen wir eine neue Unterrubrik bei der Rubrik <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=4052\">Gespr&auml;chskreise<\/a>. Dort nehmen wir k&uuml;nftig gelegentlich weiterf&uuml;hrende Texte unserer Gespr&auml;chskreise auf. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ludger Elmer am 20.5.2020:<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller!<\/p><p>Der Leserbrief von Frau Lisa N. hat mir sehr gefallen. Ja, wir, die Leser, sind in diesen Tagen argumentativ sehr oft im Zweifel, weil wir noch zu wenig wissen. Deshalb sollte unsere Stellungnahme immer nachsichtig sein. Wenn wir es nicht genau wissen, empfinden wir Kontrollverlust, wir k&ouml;nnen nicht einhellig zustimmen oder ausf&uuml;hrlich ablehnen. Das m&ouml;gen wir nicht. Unter dieser Maxime wollen wir auch ihre Beitr&auml;ge sehen.<\/p><p>Jede Diskussion &uuml;ber die gesellschaftlichen Bedingungen, die Auswirkungen und das Management der Corona-Pandemie mu&szlig; sich mit zwei Grundfragen auseinandersetzen:<\/p><p><strong>Ist die Pandemie wirklich und ernsthaft vorhanden oder ist Corona nur eine weitere harmlose Grippewelle?<\/strong><\/p><p>Bei all dem, was der medizinische Laie und damit auch ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung verstanden haben, ist evident, dass Corona eine schwerere Krankheit darstellt als die Grippe. Patienten, die intensiv behandelt worden sind, k&ouml;nnen erhebliche Folgesch&auml;den erleiden. H&auml;ufig ist im Krankheitsverlauf eine Lungenentz&uuml;ndung gegeben. Noch wichtiger erscheint, die Patienten haben, im Unterschied zur Grippe, keine Grundimmunisierung. Sie haben sie erst, wenn sie die Krankheit &uuml;berstanden haben. Es gibt heute und auf absehbare Zeit, ein bis anderthalb Jahre, keinen Impfstoff und kein Medikament. Kennzeichnend f&uuml;r Corona ist auch, dass es eine Risikogruppe, nicht nur die &Auml;lteren, mit Vorerkrankungen gibt, w&auml;hrend die Ansteckung mit dem Virus zu gesch&auml;tzt 50% durch asymptomatisch Erkrankte erfolgt, also durch Menschen, die das Virus schon in sich haben, aber sich nicht krank f&uuml;hlen und somit auch nicht identifiziert werden. Corona kommt, im Gegensatz zur Grippe, im gro&szlig;en Schub daher und macht vor keinem Land der Welt Halt. In Italien sind u.a. &uuml;ber 100 &Auml;rzte am Virus gestorben.<\/p><p>Mittlerweile gibt es vermehrt Hinweise &uuml;ber die Schwere der Krankheit und &uuml;ber m&ouml;gliche, nicht absehbare Folgen. Es ist zu wenig &uuml;ber die Krankheit bekannt und gewiss.<\/p><p>Wer nach wie vor von einer normalen Grippe ausgeht, muss die Frage nach m&ouml;glichen Ma&szlig;nahmen nicht beantworten. Sie sind f&uuml;r ihn einfach nicht erforderlich, da die Ursache nicht anerkannt ist.<\/p><p>Wenn es sich aber in Wirklichkeit um eine Pandemie mit schwerwiegenden Folgen handelt, dann stellt sich die Frage:<\/p><p><strong>Waren die politisch getroffenen Ma&szlig;nahmen der Freiheitsbeschr&auml;nkungen erforderlich und angemessen oder gab es dazu Alternativen?<\/strong><\/p><p>Viele L&auml;nder haben den Weg der Eind&auml;mmung mit weitreichenden Folgen f&uuml;r das gesellschaftliche Leben gew&auml;hlt, um ihre medizinischen Ressourcen nicht zu &uuml;berlasten und um im Ernstfall intensiv helfen zu k&ouml;nnen. Sie verhalten sich nach dem Modell &ldquo;flatten the curve&rdquo;. L&auml;nder, die urspr&uuml;nglich den anderen Weg gegangen waren, n&auml;mlich die sog. Herdenimmunisierung anzustreben, sind zur Eind&auml;mmung zur&uuml;ckgekehrt, mit Ausnahme von Schweden.<\/p><p>Was ist nun bislang gelaufen im Krisenmanagement, au&szlig;er den Punkten, die wir auf Globalisierung, Privatisierung, Sparwut und Austerit&auml;tspolitik bei uns und noch schlimmer in Spanien und Italien zur&uuml;ckf&uuml;hren? Wenn so einige sagen, Deutschland k&auml;me am besten durch die Krise und gerade die Schwarze Null habe uns die M&ouml;glichkeit gegeben, jetzt handeln zu k&ouml;nnen, dann haben sie nur eingeschr&auml;nkt recht.<\/p><p><strong>Welche grunds&auml;tzlichen Fehler sind gemacht worden?<\/strong><\/p><ol>\n<li>Das Risikomanagement ist nicht ganzheitlich betrieben worden, die Ma&szlig;nahmen, die Folgen (der in einem Szenario beschriebenen und daher richtig vorhergesagten Krise) zu mildern, sind nicht ergriffen worden. Das ist einfach unprofessionell gewesen. Wenn schon Privatisierung,&nbsp;dann mit richtiger Regulierung, also der Anweisung, f&uuml;r Personal und Materialien vorzusorgen. (siehe Anlage: Risikoanalyse 2012) Diese Vers&auml;umnisse wiegen schwer. Sie sind verantwortlich f&uuml;r viele Tote, weil Helfer und Patienten in den Alten- und Pflegeheimen nicht ausreichend gesch&uuml;tzt waren.<\/li>\n<li>Bei der Formulierung des &ldquo;Shut Downs&rdquo; hat man wohl zu sehr auf die Virologen geh&ouml;rt. Andere Wissenschaftler (Soziologen, Psychologen, &Ouml;konomen, P&auml;dagogen) h&auml;tten dabei sein m&uuml;ssen. Zus&auml;tzlich sind zu beachten die Argumente Gesundheit (Schutz vor dem Virus) gegen Gesundheit (soziale Folgen der Kontaktsperre, Vermeidung von medizinisch erforderlichen Operationen, Betreuung von Alten und Kranken). Diese Abw&auml;gung hat offensichtlich nicht befriedigend stattgefunden.<\/li>\n<li>Mehrere Ma&szlig;nahmen sind zu zeitnah beieinander ergriffen worden, so dass man die Wirkung der einzelnen Ma&szlig;nahmen nicht mehr nachvollziehen konnte. Erst die Schlie&szlig;ung von Kitas und Schulen und eine Woche sp&auml;ter der &ldquo;Shut Down&rdquo;, ohne dass man wu&szlig;te, ob und wie das erste wirkt. Und wie sich sp&auml;ter herausstellte, wurden beiden Ma&szlig;nahmen eingeleitet, als die t&auml;glichen Ver&auml;nderungen der Infizierten schon r&uuml;ckg&auml;ngig waren. Die Handelnden konnten das allerdings zum Zeitpunkt der Beschl&uuml;sse nicht wissen. Dass der R&uuml;ckgang der Fallzahlen bei uns verursacht wurde durch unsere Reaktion auf die Bilder in Italien, ist zweifellos eine steile These.<\/li>\n<li>Wenn die Ziele des politischen Handelns nicht mehr transparent und konsistent sind &ndash; erst Reduzierung des Verdoppelungszeitraums, dann Senken der Reproduktionsrate unter den Wert von 1, nun t&auml;gliche Zunahme der Infizierten, ist es zumindest ein Kommunikationsfehler, der deswegen so schwer wiegt, weil er die Ma&szlig;nahmen der Einschr&auml;nkungen im &ouml;ffentlichen Leben begleitet und den Menschen damit das Warum nicht wirklich erk&auml;rt. Zu verstehen und nachzuvollziehen ist dieser Wandel der Kennziffern aber allemal.<\/li>\n<li>Da scheint die Angst als t&auml;glicher Begleiter, wenn nicht bewusst gesch&uuml;rt, aber eben doch akzeptiert und willkommen, um das politische Krisenmanagement abzusichern und die Popularit&auml;tswerte zu erh&ouml;hen.<\/li>\n<\/ol><p>In der Krise sind Autorit&auml;ten gefragt. Wir h&auml;tten gerne, dass die Wissenschaftler in der Klimafrage einen so gro&szlig;en Einfluss h&auml;tten wie in der Pandemie. Dass Wissenschaftler unterschiedlicher Meinung sind oder ihre Meinung &auml;ndern, sollte uns nicht wundern. Auch die Herren Sinn und Bofinger sind Wirtschaftswissenschaftler und selten der gleichen Meinung. Dass die Anstalt pl&ouml;tzlich dem Mainstream vertraut anstatt dem Abweichler Wolfgang Wodarg, sollte uns nicht irritieren. Dass die Interviews von Ken Jebsen sehr absichtsvoll sind &ndash; auch er hat seine eigene Agenda &ndash; ist nicht wirklich neu. Viele Talkshows bei ARD und ZDF sind allerdings wie sonst selten vom Sachverstand der Experten gepr&auml;gt. Der F&ouml;deralismus gestattet es, unterschiedliche Aspekte herauszustellen. Markus Lanz war schon immer ein insistierender Nachfrager &ndash; auch wenn er diesmal mehr wissenschaftlich als neoliberal unterwegs ist. Und sogar die Tagesschau schafft es wieder, auch wenn nicht jeder Beitrag gelungen ist, den Blick auf die Uhr zu richten.<\/p><p><strong>Ungewissheiten<\/strong><\/p><p>Da es sich um ein neues, bisher nicht bekanntes und erforschtes Virus handelt, muss die Wissenschaft lernen. Wie wird das Virus unter Kindern &uuml;bertragen? Wie &uuml;bertr&auml;gt es sich von Kindern auf Erwachsene? Gibt es nach &uuml;berstandener Krankheit Immunschutz? Wie lange dauert dieser? Es gibt nicht gekl&auml;rte, weil nicht stattgefundene, aber urspr&uuml;nglich erwartete &Uuml;bertragungen des Virus innerhalb eines Haushaltes.<\/p><p>Wie soll sich die Politik verhalten, wenn noch viele Fragen bestehen? Sie hat sich mit den Lockdown-Ma&szlig;nahmen auf die sichere Seite begeben. Kann man ihr das vorwerfen?<\/p><p>Viele Menschen sagen, sie m&ouml;chten diese Krise lieber in Deutschland durchstehen als in so einigen anderen L&auml;ndern. Bei all den Fehlern der politisch Handelnden, in diesem Fall m&ouml;chte ich beipflichten: Merkels Engagement war mir lieber als die Ignoranz der Herren Bolsonaro, Trump oder Johnson.<\/p><p><strong>Was bleibt?<\/strong><\/p><p>Das Virus und die Krise haben als Katalysator gewirkt: Missst&auml;nde, die schon so lange vorhanden sind, wurden wiederum offengelegt:<\/p><p>Die &uuml;berzogene Globalisierung hat unsere Abh&auml;ngigkeit in Deutschland und Europa bei der Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten und Materialien aufgezeigt. Die Privatisierung und das dadurch gef&ouml;rderte Profitstreben haben notwendige Vorsorgema&szlig;nahmen im Medizinbereich verhindert. Diverse Besch&auml;ftigte in den als systemrelevant anerkannten Berufen werden zu schlecht bezahlt und leiden unter den Arbeitsbedingungen, weil Betreuungsquoten in Schulen, Kitas, Krankenh&auml;usern und Pflegeheimen nicht akzeptabel sind. Die Unterbringung von Fremdarbeitern in den deutschen Fleischfabriken ist in vielen F&auml;llen unertr&auml;glich &ndash; neben Tierhaltungsbedingungen, die dem Tierwohl nicht gerecht werden.<\/p><p>Deutschland ist bisher (!) vergleichbar gut, ausgenommen einige asiatische Tigerstaaten, deren Strenge und Disziplin wir nicht beherrschen, durch die Krise gekommen. Die schwedische Politik war uns am Anfang als moderates Vorbild vorgekommen. Dem ist wohl heute nicht mehr so. Wie geht es weiter? Wir sind noch nicht durch.<\/p><p>Freundliche Gr&uuml;&szlig;e!<br>\nLudger Elmer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor dieses Textes ist zurzeit Sprecher des NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises M&uuml;nchen. Er hat uns am 20. Mai die folgende Mail geschickt. Ansto&szlig; f&uuml;r diesen Leserbrief war <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61120\">ein Text von Lisa N.<\/a>, den wir am gleichen Tag ver&ouml;ffentlicht hatten. 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