{"id":618,"date":"2005-07-01T21:10:26","date_gmt":"2005-07-01T19:10:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=618"},"modified":"2016-03-13T08:56:58","modified_gmt":"2016-03-13T07:56:58","slug":"schroder-gewinnt-an-misstrauen-eine-groteske-im-deutschen-bundestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=618","title":{"rendered":"Schr\u00f6der gewinnt an Misstrauen \u2013 eine Groteske im Deutschen Bundestag"},"content":{"rendered":"<p>Der Bundeskanzler hat die Misstrauensabstimmung im Deutschen Bundestag &bdquo;gewonnen&ldquo;. Vertrauen bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern hat er damit nicht gewonnen. Obwohl um die Begr&uuml;ndung des Antrages nach Art. 68 GG viel Geheimniskr&auml;merei betrieben wurde, hat man Neues nicht erfahren. &Uuml;ber die wahren Ziele, die Gerhard Schr&ouml;der mit der Vertrauensfrage verfolgte, kann man mangels einer plausiblen, geschweige denn in sich stimmigen Begr&uuml;ndung weiter nur spekulieren.<br>\n<!--more--><br>\nIm Wesentlichen hat Schr&ouml;der drei Gr&uuml;nde genannt, warum er die Vertrauensfrage stellte.<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Die Wahlniederlagen h&auml;tten negative Auswirkungen auf die Handlungsf&auml;higkeit seiner Regierung: Mit der &bdquo;Kette zum Teil empfindlicher und schmerzlicher Wahlniederlagen&ldquo; sei deutlich geworden, &bdquo;dass es die sichtbar gewordenen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse ohne eine neue Legitimation durch den Souver&auml;n, das deutsche Volk, nicht erlauben, meine (!) Politik erfolgreich fortzusetzen&ldquo;.<\/p><p>Wenn also die politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse belegt durch st&auml;ndige Wahlniederlagen gezeigt haben, dass das deutsche Volk es &acute;nicht erlaubt` , dass Schr&ouml;der &bdquo;seine&ldquo; Politik fortsetzt, wie kann er dann ernsthaft hoffen, dass ihm die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler urpl&ouml;tzlich eine neue Legitimation geben k&ouml;nnten? &bdquo;Schien&ldquo; doch, wie er in seiner Rede selbst eingestand, die &bdquo;Agenda 2010&ldquo; &bdquo;zum wiederholten Male urs&auml;chlich f&uuml;r ein Votum der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler gegen meine Partei&ldquo;. Will er seiner Partei, den &bdquo;Anschein&ldquo;, dass die Agenda 2010 von den W&auml;hlern abgelehnt wird, nach neun Niederlagen bei Landtagswahlen nun noch bei der Bundestagswahl ein zehntes Mal und das dann endg&uuml;ltig als Tatsache beweisen? F&uuml;r wie dumm, uneinsichtig und lernunf&auml;hig h&auml;lt Schr&ouml;der eigentlich &bdquo;seine&ldquo;(!) Partei? <\/p><p>Ich bleibe dabei, mit dem &bdquo;Befreiungsschlag&ldquo; Neuwahlen, kann Schr&ouml;der allenfalls einen ihm wohl schm&auml;hlich erscheinenden R&uuml;cktritt oder einen seinen Stolz offenbar noch mehr kr&auml;nkenden Kurswechsel weg von seinem &bdquo;in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen&ldquo; Reformprozess vermeiden. Diese &bdquo;Befreiung&ldquo; von einer pers&ouml;nlichen Niederlage geht aber auf Kosten vieler Menschen, die unter einer solchen Reformpolitik, unter ihrer Ungerechtigkeit und vor allem unter ihrer Erfolglosigkeit leiden. Schr&ouml;ders Abstimmungssieg geht nat&uuml;rlich auch zu Lasten &bdquo;seiner&ldquo; Partei, die er absehbar in eine ihrer schlimmsten Wahlniederlagen in der Nachkriegsgeschichte f&uuml;hrt. Und weil sich ins kollektive Ged&auml;chtnis eingraben wird, dass die SPD es war, die freiwillig das Tor f&uuml;r die neokonservative Macht&uuml;bernahme aufgesto&szlig;en hat, d&uuml;rfte sie sich davon &uuml;ber lange Jahre nicht mehr erholen. <\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Die Regierungsmehrheit sei gef&auml;hrdet. Die Agenda 2010 habe in den regierenden Parteien und Fraktionen &bdquo;zu inneren Spannungen und auch zu Konflikten um die richtige Richtung&ldquo; gef&uuml;hrt. &bdquo;SPD-Mitglieder drohten damit, sich einer r&uuml;ckw&auml;rts gewandten, linkspopulistischen Partei anzuschlie&szlig;en, die vor Fremdenfeindlichkeit nicht zur&uuml;ckschreckt&ldquo;. &bdquo;Solche eindeutigen Signale aus meiner Partei &hellip; muss ich ernst nehmen&ldquo;. In den Koalitionsfraktionen seien &bdquo;vermehrt abweichende, jedenfalls die Mehrheit gef&auml;hrdende Stimmen laut geworden.&ldquo;<\/p><p>Schr&ouml;der misstraut also seiner eigenen Mehrheit. Er strickt also schon jetzt an der Legende, dass er von den Linken au&szlig;erhalb und in seiner Partei im Stich gelassen worden sei. &bdquo;Ebenso klar muss auch sein, dass dort, wo Vertrauen nicht mehr vorhanden ist, &ouml;ffentlich nicht so getan werden kann, als g&auml;be es dieses Vertrauen&ldquo;. Mit solchen giftigen, weil von niemand widerlegbaren Verd&auml;chtigungen werden S&uuml;ndenb&ouml;cke gesucht, um von den eigenen &bdquo;S&uuml;nden&ldquo; los zu kommen. Die oppositionellen Nachredner Merkel und Glos haben diese Vorlage mit gro&szlig;er Gen&uuml;sslichkeit aufgegriffen, um den Vorwurf, CDU\/CSU betrieben Blockadepolitik, kontern zu k&ouml;nnen.<br>\nSchr&ouml;der w&uuml;nscht wohl die selbe Legende wie sie um den Sturz von Helmut Schmidt als Kanzler gerankt wurde; nicht der Koalitionsbruch von Genscher und Lambsdorff sollen damals Kohls Wahl erm&ouml;glicht haben, sondern die eigene Partei und die Linke habe Schmidt gemeuchelt.<br>\nMan muss kein Prophet sein: Wie nach 1982 werden auch jetzt beim Machtverlust von Schr&ouml;der die Medien wieder f&uuml;r eine solche Interpretation sorgen.<\/p><p>Und noch auf einem anderen Feld scheint sich Geschichte zu wiederholen, wenn man nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen:<br>\nWie damals Helmut Schmidt in v&ouml;lliger politischer Fehleinsch&auml;tzung mit Arroganz und H&auml;me &uuml;ber die Friedens- und &Ouml;kologiebewegung hergezogen ist, zieht Schr&ouml;der &uuml;ber ein entstehendes Linksb&uuml;ndnis her. Er weigert sich wahrzunehmen, dass er mit seiner Agenda-Politik ein politisches Vakuum geschaffen hat, das sich &ndash; wie in den achtziger Jahren damals mit den &bdquo;Gr&uuml;nen&ldquo; auch jetzt mit dem Linksb&uuml;ndnis wieder &ndash; sein parteipolitisches Auffangbecken suchen muss und wird. Nicht diejenigen, die in eine str&auml;flich offen gelassene politische L&uuml;cke hineinsto&szlig;en oder sogar hineingetrieben werden, spalten die Linke, sonder Gerhard Schr&ouml;der und zunehmend auch der Parteivorsitzende der SPD, Franz M&uuml;ntefering, die meinen, das linke politische Spektrum in Deutschland schlicht preisgeben zu k&ouml;nnen &ndash; ja sogar noch mehr: mit Arroganz und Beschimpfungen eine Spaltung regelrecht betreiben. <\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Dass die Mehrheit der unionsregierten L&auml;nder im Bundesrat durch &bdquo;ihre destruktive Blockadehaltung&ldquo; die Regierungspolitik blockiert hat, ist nun wirklich nichts Neues.<\/p><p>Aber erstens, die Agenda-Politik hat ja wesentlich dazu beigetragen, dass im Bundesrat inzwischen 11 Ministerpr&auml;sidenten von der Union gestellt werden.<br>\nUnd Zweitens, die &bdquo;machtversessene Parteipolitik, die &uuml;ber die Interessen des Landes gestellt wird&ldquo;, w&uuml;rde sich aber auch dann nicht &auml;ndern, wenn Schr&ouml;der die Wahl wider Erwarten gewinnen w&uuml;rde. Eine viel wahrscheinlichere Prognose hat Frau Merkel gegeben:<br>\nNach den m&ouml;glichen Neuwahlen hat die Union nicht nur im Bundesrat die Mehrheit, sondern auch um Bundestag um dann w&ouml;rtlich hinzuzuf&uuml;gen: &bdquo;Damit wir durchregieren k&ouml;nnen&ldquo;.<br>\nDas &bdquo;Durchregieren&ldquo; der Konservativen, das ist also unbeabsichtigt (oder gar beabsichtigt?) das Ergebnis der Schr&ouml;derschen Politik. <\/p><p>Da m&ouml;gen sich manche Sozialdemokraten allenfalls noch an einen Versprecher von Angela Merkel klammern, die peinlicher Weise sich zun&auml;chst verplapperte und von: &bdquo;CDU und CSU gemeinsam mit der SPD&hellip;&ldquo; sprach. Sollte die (dank der Verluste der SPD gar nicht mehr so) gro&szlig;e Koalition die letzte Hoffnung f&uuml;r die SPD sein? <\/p><p>Man braucht Werner Schulz nicht in allen Punkten zustimmen, mit seinem Res&uuml;mee gegen&uuml;ber dem Vorgehen des Kanzlers trifft er sprichw&ouml;rtlich ins Schwarze:<br>\n&bdquo;Sie haben mit Ihrem genialen Schachzug alles erreicht, was Sie vermeiden wollten: Die Opposition ist geeint und geschlossen wie nie zuvor, die Formierung einer neuen Linkspartei und die Erosion der SPD wurden beschleunigt.&ldquo; Wenigstens das ist, um mit Schr&ouml;der zu sprechen &bdquo;einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik&ldquo; <\/p><p>Sollte der Abgeordnete Werner Schulz mit seiner angek&uuml;ndigten Klage vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg haben, dann k&ouml;nnten die Karlsruher Richter Rot-Gr&uuml;n &ndash; selbst wenn sie das gar nicht mehr wollten &ndash; zum Regieren verurteilen. Aber diese Sorge ist wohl unbegr&uuml;ndet, denn wie der Bundespr&auml;sident steht auch die Mehrheit der Bundesverfassungsrichter der Union nahe, beide Verfassungsorgane werden also die CDU wohl kaum daran hintern wollen, dass sie jetzt endlich &bdquo;durchregieren&ldquo; kann. Das ist auch ein Ergebnis von 7 Jahren Rot-Gr&uuml;n. <\/p><p><strong>Siehe auch unsere Beitr&auml;ge zu diesem Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"?p=312\">&ldquo;Ein Befreiungsschlag f&uuml;r die neoliberale Ideologie&rdquo;<\/a> vom 23.5.05<\/li>\n<li><a href=\"?p=579\">&ldquo;Mit vorgezogenen Neuwahlen, will Schr&ouml;der davon ablenken, dass er f&uuml;r den historischen Niedergang der SPD verantwortlich ist&rdquo;<\/a> vom 23.5.05<\/li>\n<li><a href=\"?p=616\">&ldquo;Unf&auml;hig zur politischen Strategie oder von Interessen geleitet&rdquo;<\/a> vom 30.6.05<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/-,413.853450\/rede\/Rede-von-Bundeskanzler-Gerhard.htm\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundesregierung.de\/-,413.853450\/rede\/Rede-von-Bundeskanzler-Gerhard.htm\">Rede von Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der<\/a> anl&auml;sslich seines Antrags gem&auml;&szlig; Art. 68 GG am 1. Juli 2005 vor dem Deutschen Bundestag<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,363213,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,363213,00.html\">Pers&ouml;nliche Erkl&auml;rung von Werner Schulz MdB<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bundeskanzler hat die Misstrauensabstimmung im Deutschen Bundestag &bdquo;gewonnen&ldquo;. Vertrauen bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern hat er damit nicht gewonnen. Obwohl um die Begr&uuml;ndung des Antrages nach Art. 68 GG viel Geheimniskr&auml;merei betrieben wurde, hat man Neues nicht erfahren. &Uuml;ber die wahren Ziele, die Gerhard Schr&ouml;der mit der Vertrauensfrage verfolgte, kann man mangels einer plausiblen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=618\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,187,190],"tags":[312,399,411,775],"class_list":["post-618","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-bundestag","category-wahlen","tag-reformpolitik","tag-schmidt-helmut","tag-schroeder-gerhard","tag-schulz-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=618"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32057,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/618\/revisions\/32057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}