{"id":6186,"date":"2010-07-15T08:52:17","date_gmt":"2010-07-15T06:52:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6186"},"modified":"2020-02-20T10:28:37","modified_gmt":"2020-02-20T09:28:37","slug":"ein-iabforschungsbericht-und-der-industrielle-aufholprozess-ost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6186","title":{"rendered":"Ein IAB\u2013Forschungsbericht und der industrielle \u201eAufholprozess Ost\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 7. Juli 2010 erschien der IAB-Forschungsbericht 6\/2010 zum Thema <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/forschungsbericht\/2010\/fb0610.pdf\">&bdquo;20 Jahre Deutsche Einheit &ndash; Ein Vergleich der west- und ostdeutschen Betriebslandschaft im Krisenjahr 2009&ldquo; [PDF &ndash; 634 KB]<\/a> .<br>\nEr fu&szlig;t auf den aktuellen Betriebsbefragungen des IAB-Betriebspanels und bietet eine F&uuml;lle von empirischen Daten und darauf basierenden Aussagen.<br>\nMan erfreut sich offensichtlich im IAB der erreichten Angleichungsfortschritte, ohne die Chancen f&uuml;r den restlichen Aufholprozess abzusch&auml;tzen und den Weg dorthin aufzuzeigen. Damit wird abermals vermieden, die hemmenden neoliberalen Rahmenbedingungen direkt in Frage zu stellen. Ein kritischer Kommentar von Karl Mai.<br>\n<!--more--><\/p><p>Neben der ausf&uuml;hrlicheren Darstellung des Betriebsvergleichs f&uuml;r West und Ost enth&auml;lt der Bericht auch l&auml;ngere Abschnitte zum Arbeitsmarkt, zur atypischen Besch&auml;ftigung und zur betrieblichen Aus- und Weiterbildung. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Arbeitsmarktlage West und Ost werden hinreichend sichtbar und mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verkn&uuml;pft. <\/p><p>Von besonderem Interesse im 20. Jahr der Einheit ist die industrielle Entwicklung in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland, da hiervon der verbleibende Niveauunterschied abh&auml;ngt und die zuk&uuml;nftigen Chancen abh&auml;ngig sind.<\/p><p>Zur Kl&auml;rung dieses komplexen Sachverhalts werden im IAB-Bericht zahlreiche Angaben beigebracht und tendenzielle Interpretationen vorgetragen. Dabei wird die Br&uuml;cke von den strukturellen Unterschieden der Industrie zu den verbliebenen Leistungsunterschieden in der Produktivit&auml;t geschlagen, womit der aktuelle Stand der Analyse belegt wird.<\/p><p>Hier einige wichtige Aussagen (in Auswahl) des ca. 100-seitigen Textes dieses IAB-Forschungsberichts, die insbesondere f&uuml;r wirtschaftspolitische interessierte Leser in Ost und West von Belang sein k&ouml;nnten:<\/p><blockquote><p><em>20 Jahre nach dem Mauerfall unterscheidet sich der ostdeutsche Wirtschaftsraum nach wie vor deutlich vom westdeutschen Raum.<\/em> (S. 98)<\/p><\/blockquote><blockquote><p><em>Der relativ kleine industrielle Sektor, die geringe Anzahl von Gro&szlig;betrieben, die Dominanz von Produktionsst&auml;tten ohne h&ouml;herwertige Unternehmensfunktionen, das Defizit von wissensintensiven Unternehmensdienstleistungen, die schw&auml;chere Exportorientierung, der R&uuml;ckstand bei FuE-Aktivit&auml;ten und ein geringer Anteil von Besch&auml;ftigten in hochproduktiven Betrieben f&uuml;hren trotz einer nicht zu vernachl&auml;ssigenden Anpassung nach wie vor zu einem geringeren Produktivit&auml;tsniveau in Ostdeutschland.<\/em> (S. 96)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Immer noch <em>&hellip;bestehen zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland strukturelle Unterschiede, die sich vor allem negativ auf die Produktivit&auml;t ostdeutscher Betriebe auswirken.<\/em> (S. 96)<\/p><\/blockquote><p>Der Status quo ist demnach entt&auml;uschend, so dass der Bericht tr&ouml;stend feststellt:<\/p><blockquote><p><em>Vor dem Hintergrund des massiven Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft nach der W&auml;hrungsunion des Jahres 1990 ist die Erneuerung der wirtschaftlichen Basis Ostdeutschlands weit vorangekommen.<\/em> (S. 96) <\/p><\/blockquote><p>Ja, im Vergleich zum katastrophal niedrigen Stand von 1991, als die ostdeutschen Betriebe im Zuge der &bdquo;Tranformationsphase&ldquo; geschliffen wurden, ist die Erneuerung tats&auml;chlich weit vorangekommen. <\/p><blockquote><p><em>Im Verlauf der letzten 20 Jahre haben sich die Wirtschaftsstrukturen in Ost- und Westdeutschland nur leicht angen&auml;hert. Die massive staatliche Investitionsf&ouml;rderung hat zu einer Erneuerung und Modernisierung Ostdeutschlands und damit zu einem mit Westdeutschland vergleichbar guten technischen Niveau ostdeutscher Betriebe gef&uuml;hrt sowie das Produktivit&auml;tsgef&auml;lle verringert.<\/em> (S. 35)<\/p><\/blockquote><p>Dennoch spricht der IAB-Bericht in einer etwas besch&ouml;nigenden Feststellung von einem <em>&bdquo;weitreichenden Angleichungsfortschritt&ldquo; &bdquo;dieses rasanten Aufholprozesses&ldquo;<\/em> (S. 96)<\/p><p>Es folgt aber auch eine Einschr&auml;nkung hierzu:<\/p><blockquote><p><em>Der Angleichungsprozess erfolgte aber nicht gleichm&auml;&szlig;ig. Es gab in der Vergangenheit auch Zeitabschnitte, in denen der Produktivit&auml;tsabstand stagnierte oder sich vergr&ouml;&szlig;erte. Der Verlauf der Produktivit&auml;tsangleichung der ostdeutschen an die westdeutschen Betriebe korrespondiert mit dem Konjunkturverlauf der Wirtschaft, allerdings im umgekehrten Verh&auml;ltnis: In der Tendenz21 stagniert die Angleichung in wachstumsstarken Jahren in Deutschland (1995 bis 2000, 2006, 2007), in wachstumsschw&auml;cheren Jahren (2001 bis 2005, 2008) verringerte sich demgegen&uuml;ber der Produktivit&auml;tsabstand zu Westdeutschland. W&auml;hrend im Jahr 2007 die ostdeutschen Betriebe 67 % des westdeutschen Produktivit&auml;tsniveaus erreichten, konnte 2008 der Abstand um insgesamt 4 Prozentpunkte verringert werden.<\/em> (S. 29\/30)<\/p><\/blockquote><p>Daraus wird Folgendes erkennbar: Je niedriger das konjunkturelle BIP-Wachstum West im Vergleich zu Ost, um so schneller die Anpassungen im Niveauunterschied bei gegebenem bzw. konstantem Wachstumstempo Ost. <\/p><p>Es ist dies aber keine neue Erkenntnis, sondern sie best&auml;tigt empirisch die Modelle der Anpassungstheorie, wonach die fortschreitende Angleichung ein langfristig h&ouml;heres BIP-Wachstum Ost zu West erfordert:<\/p><blockquote><p><em>Der Produktivit&auml;tsabstand ostdeutscher Gro&szlig;betriebe hat sich aber zwischen 1995 und 2008 nicht wesentlich verringert.Trotz hoher Produktivit&auml;tssteigerungen in ostdeutschen Betrieben mit mehr als 250 Besch&auml;ftigten wurden 2008 nur etwa zwei Drittel des vergleichbaren westdeutschen Niveaus erreicht (vgl. Abbildung 17)<\/em>  (S. 33) <\/p><\/blockquote><p>Die Jahre zwischen 1995 und 2008 waren also f&uuml;r den Aufholprozess entt&auml;uschend, was sich nat&uuml;rlich nicht als &bdquo;rasanter Aufholprozess&ldquo; (wie zitiert) verkaufen l&auml;sst:<\/p><blockquote><p><em>Wann ostdeutsche Betriebe das westdeutsche Niveau erreichen werden, h&auml;ngt einerseits von der Produktivit&auml;tsentwicklung in westdeutschen Betrieben selbst ab, andererseits vom bestehenden Produktivit&auml;tsabstand der ostdeutschen Betriebe und v. a. von der Dynamik der ostdeutschen Produktivit&auml;tsentwicklung.<\/em> (S. 30)<\/p><\/blockquote><p>Differenzierend zu unbegr&uuml;ndeten Erwartungen stellt der IAB-Bericht jedoch fest:<\/p><blockquote><p><em>Eine Ann&auml;herung der Produktivit&auml;t ostdeutscher Gro&szlig;betriebe an das h&ouml;here westdeutsche Niveau w&auml;re zweifelsohne ein gro&szlig;er Erfolg, w&uuml;rde aber nicht zu einer Angleichung des Produktivit&auml;tsniveaus der ost- und westdeutschen Wirtschaft insgesamt f&uuml;hren. In ostdeutschland n&auml;mlich arbeiten anteilig deutlich weniger Besch&auml;ftigte in Gro&szlig;betrieben als in Westdeutschland. Um den Angleichungsprozess zu forcieren, sind also insbesondere h&ouml;here Produktivit&auml;ten im einzelnen ostdeutschen Betrieb erforderlich, aber auch h&ouml;here Besch&auml;ftigungsanteile<br>\nproduktiverer Betriebe.<\/em> (S. 34)<\/p><\/blockquote><p>Damit schlie&szlig;t sich der logische Kreis der Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die niedrigere ostdeutsche Produktivit&auml;t:<\/p><blockquote><p>\n<em>Nach wie vor bestehen jedoch strukturelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die sich auf die Produktivit&auml;t auswirken. Insbesondere der unterschiedlich hohe Anteil von investitions-, innovations- und exportstarken Gro&szlig;betrieben mit entsprechenden Innovationspotenzialen und ein unterschiedlich hoher Anteil an Besch&auml;ftigten in hochproduktiven Betrieben verbinden sich mit unterschiedlichen Durchschnittsproduktivit&auml;ten in Ost- und Westdeutschland.<\/em> (S. 35)<\/p><\/blockquote><p>Die ostdeutsche Wirtschaft wird also auf einen kr&auml;ftigen Angleichungsprozess weiter warten m&uuml;ssen: <\/p><blockquote><p><em>Der Angleichungsprozess allerdings ist immer noch nicht abgeschlossen. Ostdeutschland hat nach wie vor einen deutlichen R&uuml;ckstand in der Wirtschaftsleistung und Produktivit&auml;t, viele ostdeutsche Regionen haben eine h&ouml;here Arbeitslosigkeit als Westdeutschland und Ostdeutschland ist immer noch von monet&auml;ren Transferleistungen Westdeutschlands abh&auml;ngig.<\/em>(S. 6)<\/p><\/blockquote><p>So wundert es dann nicht, wenn wiederum festgestellt wird:<\/p><blockquote><p><em>W&auml;hrend 1990 von den ostdeutschen Betrieben ca. 30 % des westdeutschen Produktivit&auml;tsniveaus erreicht wurden (vgl. BMWi 1996: 102), lag 2008 die durchschnittliche Produktivit&auml;t ostdeutscher Betriebe bei 71 % des Westniveaus (vgl. ebenfalls Abbildung 14).<\/em><\/p><\/blockquote><p>Die Erkl&auml;rung hierf&uuml;r liegt einfach in den &bdquo;zu hohen Erwartungen&ldquo;, die in und f&uuml;r Ostdeutschland gehegt wurden:<\/p><blockquote><p><em>Zum anderen haben sich die Erwartungen an die Geschwindigkeit und Zielmarke des Angleichungsprozesses normalisiert (vgl. u. a. H&uuml;ther 2009, Scharr 2009, Ragnitz 2009, Brenke 2009, Brenke\/Zimmermann2009, BMVBS 2009, R&ouml;hl 2009).<\/em> (S. 6)<\/p><\/blockquote><p>Damit sind wir im gegenw&auml;rtigen Alltag bei der vorherrschenden Ost-West-Analyse angelangt. Man erfreut sich offensichtlich im IAB der erreichten Angleichungsfortschritte, ohne die Chancen f&uuml;r den restlichen Aufholprozess abzusch&auml;tzen und den Weg dorthin aufzuzeigen. Damit wird abermals vermieden, die hemmenden neoliberalen Rahmenbedingungen direkt in Frage zu stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. 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