{"id":6193,"date":"2010-07-15T09:15:06","date_gmt":"2010-07-15T07:15:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6193"},"modified":"2014-03-05T10:44:55","modified_gmt":"2014-03-05T09:44:55","slug":"annette-groth-der-hilfskonvoi-hat-die-blockade-und-die-humanitaere-situation-in-gaza-wieder-auf-der-politischen-agenda-der-regierungen-gebracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6193","title":{"rendered":"Annette Groth: Der Hilfskonvoi hat die Blockade und die humanit\u00e4re Situation in Gaza wieder auf die politische Agenda der Regierungen gebracht"},"content":{"rendered":"<p>Ende Mai ist auf Inititative verschiedener Nichtregierungsorganisationen ein Versorgungskonvoi nach Gaza aufgebrochen, die Schiffe wurden vom israelischen Milit&auml;r in internationalen Gew&auml;ssern gestoppt. Bei dieser Milit&auml;raktion wurden neun Zivilisten get&ouml;tet und f&uuml;nfzig Menschen zum Teil schwer verletzt. Annette Groth, die Menschenrechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag war an Bord des gekaperten Schiffes. Die NachDenkseiten fragten sie nach ihrer Einsch&auml;tzung zur Lockerung der Seeblockade, nach den Zielen der Hilfskonvois und nach Perspektiven f&uuml;r eine L&ouml;sung des Konflikts. Von Christine Wicht<br>\n<!--more--><\/p><p>Ende Mai ist ein Versorgungskonvoi mit dem Ziel Gaza von Athen und der griechischen Insel Kreta gestartet. Die f&uuml;nf Schiffe hatten 10 000 Tonnen Hilfsg&uuml;ter (Baumaterial, Wasseraufbereitungsanlagen, Schulmaterial und medizinische Hilfsg&uuml;ter) f&uuml;r die 1,5 Millionen Pal&auml;stinenser im Gazastreifen, darunter 700 000 Kinder, geladen. Insgesamt waren &uuml;ber 600 Menschen aus 36 L&auml;ndern an Bord der Schiffe. Die Flotte wollte die israelische Seeblockade durchbrechen, um die geladenen Hilfsg&uuml;ter direkt nach Gaza zu bringen. Mediziner von IPPNW, die sich f&uuml;r eine friedliche, atomtechnologiefreie und menschenw&uuml;rdige Welt einsetzen, befanden sich ebenso auf den Schiffen, wie Vertreter von Pax Christi, der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, Mitglieder verschiedener Nichtregierungsorganisationen und Abgeordnete aus mehreren Staaten. Der Verein           &bdquo;J&uuml;dische Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&ldquo; und die israelische Friedensbewegung &bdquo;Gush Shalom&ldquo; hatten an Israel appelliert, die Schiffe mit der humanit&auml;ren Hilfe passieren zu lassen. <\/p><p>Am 31. Mai um 4.20h wurde das Passagierschiff &bdquo;Mavi Marmara&ldquo; ca. 140 km vor der israelischen K&uuml;ste (in internationalen Gew&auml;ssern) vom israelischen Milit&auml;r angegriffen, neun Zivilisten wurden get&ouml;tet und ca 50 Aktivisten des Hilfskonvois zum Teil schwer verletzt. Die israelische Regierung spricht von Selbstverteidigung, w&auml;hrend die IPPNW-Vorsitzende Angelika Clau&szlig;en den Angriff des israelischen Milit&auml;rs aufs Sch&auml;rfste verurteilt: &bdquo;Der v&ouml;lkerrechtswidrige Angriff von israelischen Eliten-Einheiten auf die Schiffe ist eine unverantwortliche Eskalation, mit diesem Vorgehen hat die israelische Regierung den Tod von unschuldigen Zivilisten billigend in Kauf genommen. Ein derartiger Einsatz ist durch nichts zu rechtfertigen.&ldquo; <\/p><p>Die Bundestagsabgeordnete und Menschenrechtspolitische Sprecherin der Linkspartei Annette Groth war an Bord des auf hoher See von israelischen Marineeinheiten gekaperten und in den Hafen Aschdod geschleppten Schiffes. Wir m&ouml;chten nicht mehr auf den Hilfsg&uuml;tertransport und den Angriff der israelischen Armee eingehen, beides wurde umfangreich in den Medien behandelt. Auf Abgeordnetenwatch k&ouml;nnen B&uuml;rgerfragen, die von der Bundestagsabgeordneten beantwortet wurden, <a href=\"http:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/annette_groth-575-37612--f258658.html%20\">eingesehen werden<\/a>. Uns interessiert, was hinter der Ank&uuml;ndigung Israels, die Blockade zu lockern, steht. Der Sprecher des f&uuml;r pal&auml;stinensische Fl&uuml;chtlinge im Nahen Osten zust&auml;ndige UN-Hilfswerk UNRWA in Gaza, Chris Gunness, sagte gegen&uuml;ber der Neuen Osnabr&uuml;cker Zeitung: &bdquo;Nach so vielen &auml;hnlichen Ank&uuml;ndigungen aus Israel, denen keine Taten folgten, haben wir wenig Anlass zu Optimismus.&ldquo; Was die Pal&auml;stinenser wirklich brauchen, sei das Ende der Abriegelung (dpa, 17. Juni 2010). <\/p><p><strong>NDS: Handelt es sich um eine Lockerung der Seeblockade oder soll die Lockerung darin bestehen, dass die Liste der G&uuml;ter f&uuml;r Gaza &uuml;berarbeitet wird und die Waren &uuml;ber den Landweg eingef&uuml;hrt werden sollen?<\/strong><\/p><p>Groth: Die Seeblockade bleibt weiterhin bestehen. Daran hat sich nichts ge&auml;ndert. Die Lockerung der Blockade betrifft nur die Einfuhr von Waren &uuml;ber den Landweg. Problematisch ist auch, dass sowohl der Export f&uuml;r G&uuml;ter aus Gaza weiterhin nicht gestattet als auch die Bewegungsfreiheit f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung Gazas nicht erleichtert wird. Generell ist daher die Lockerung der Blockade keine L&ouml;sung des Problems. Es geht ja nicht darum, nur zus&auml;tzliche humanit&auml;re Hilfe zuzulassen, sondern vielmehr die Kollektivstrafe gegen die Bev&ouml;lkerung des Gaza-Steifens zu beenden und sie aus der Isolation und Abh&auml;ngigkeit zu befreien. Dazu geh&ouml;rt auch, Bedingungen zu schaffen, die den Wiederaufbau erm&ouml;glichen und die lokale Wirtschaft wieder in Gang bringen. Das funktioniert aber nur, wenn die Grenz&uuml;berg&auml;nge dauerhaft und verl&auml;sslich ge&ouml;ffnet werden &ndash; f&uuml;r Menschen und auch f&uuml;r Rohstoffe, Ersatzteile und Exporte. Wenn die Bev&ouml;lkerung nicht mehr in so hohem Ma&szlig;e von Nothilfe abh&auml;ngig ist, l&auml;sst sich auch internationale Unterst&uuml;tzung effektiver einsetzen.<\/p><p>Um ein Beispiel zu nennen: Die Textilindustrie ist lange Zeit die Schl&uuml;sselindustrie in Gaza gewesen. 40.000 Menschen waren in dieser Branche besch&auml;ftigt. Heute sind es noch ein paar Hundert. Die meisten Betriebe sind geschlossen. So lange H&auml;ndler und Gesch&auml;ftsleute nicht exportieren k&ouml;nnen, brauchen sie auch kein Material f&uuml;r die Produktion. Die Lockerung der Blockade bedeutet f&uuml;r die Textilwirtschaft in Gaza, dass der Markt nun mit billigen Produkten aus China &uuml;berschwemmt wird und auch das Wenige, was produziert wird, in den Lagern liegen bleibt. F&uuml;r die Lebensmittelbranche bedeutet es, dass nun israelische Produkte, die qualitativ h&ouml;herwertig sind als die durch die Tunnel geschmuggelten &auml;gyptischen, in den L&auml;den zu finden sind. Dabei ist aber zu bedenken, dass etwa 60% der Bev&ouml;lkerung in Gaza unter der Armutsgrenze lebt und ihr somit die Kaufkraft f&uuml;r viele Produkte fehlt. <\/p><p><strong>NDS: Israel hat angek&uuml;ndigt eine &uuml;berarbeitete Liste der verbotenen G&uuml;ter f&uuml;r den Gazastreifen herauszugeben. Auf der bisherigen Liste war die Einf&uuml;hrung bestimmter Nahrungsmittel, werden diese Waren nun wieder zugelassen? <\/strong><\/p><p>Groth: Bislang gab es einen Katalog von ungef&auml;hr 100 erlaubten G&uuml;tern. Dabei gab es auch ganz absurde Verbote. Bestimmte Gew&uuml;rze z.B. waren verboten, andere nicht. S&uuml;&szlig;igkeiten, Erfrischungsgetr&auml;nke und Papierwaren waren auch nicht gestattet. Das hat sich ge&auml;ndert. Statt einer &bdquo;Positivliste&ldquo; gibt es nun eine &bdquo;Negativliste&ldquo;, die alle G&uuml;ter auflistet, die nicht eingef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen. Zugelassen werden nach dieser &bdquo;Negativliste&ldquo; jetzt vor allen Dingen Konsumg&uuml;ter wie Haushaltswaren, Lebensmittel und Textilien, sogar Autos und Waschmaschinen. <\/p><p><strong>NDS: Auf der &uuml;berarbeiteten Liste sollen G&uuml;ter stehen, die unter keinen Umst&auml;nden in den Gazastreifen gelangen sollen. Um welche G&uuml;ter handelt es sich?<\/strong><\/p><p>Groth: Grunds&auml;tzlich gilt, dass humanit&auml;re G&uuml;ter eingef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen. Nicht eingef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen Waffen und Kriegsmaterial sowie sogenannte &bdquo;dual use&ldquo; G&uuml;ter, die sowohl milit&auml;risch als auch zivil genutzt werden k&ouml;nnen, z.B.  zum Bau von milit&auml;rischen Anlagen. Daher d&uuml;rfen auch Baumaterialien nur f&uuml;r &bdquo;bewilligte Projekte&ldquo; der Vereinten Nationen oder der Ramallah-Regierung eingef&uuml;hrt werden. Das betrifft in erster Linie die Einfuhr von Eisen, Stahl und Zement. Damit ist der Wiederaufbau der zerst&ouml;rten H&auml;user und Infrastruktur in Gaza nur sehr eingeschr&auml;nkt m&ouml;glich. Auch verfestigt eine derartige Selektion und Kontrolle die Spaltungspolitik Israels gegen die Pal&auml;stinenserInnen. <\/p><p><strong>NDS: Es sind derzeit zwei Schiffe nach Gaza gestartet, ein weiterer Versorgungskonvoi von Free-Gaza und ein israelisches Schiff. Um welche Organisationen handelt es sich bei dem israelischen Schiff, was hat es geladen und wie wird diese Aktion von der israelischen Regierung und in der israelischen Bev&ouml;lkerung gesehen?<\/strong><\/p><p>Groth: Es gibt viele verschiedene Initiativen, zur Zeit ist auch ein libysches Schiff unterwegs. Das Schiff der &bdquo;j&uuml;dischen Stimme f&uuml;r einen gerechten und nachhaltigen Frieden in Nahost&ldquo; soll voraussichtlich im August in See stechen. TeilnehmerInnen sind sowohl israelische Staatsangeh&ouml;rige wie auch J&uuml;dInnen aus USA, Kanada, Deutschland und  Australien. Mein letzter Stand ist, dass das Schiff gef&uuml;llte Schulranzen, Musikinstrumente aller Art, Outdoorspielzeug und medizinische (Klein)Ger&auml;te laden wird. Das j&uuml;dische Schiff sammelt noch und sucht explizit ein Mammographieger&auml;t. Ansprechpartnerin ist die europ&auml;ische Koordinatorin des j&uuml;dischen Schiffes, Kate Katzenstein-Leiterer. Die israelische Regierung ist sich offensichtlich noch nicht ganz klar, wie sie mit dem j&uuml;dischen Schiff umgehen will. In den israelischen Medien hat das Vorhaben bereits f&uuml;r Aufsehen gesorgt. Die Reaktionen der Bev&ouml;lkerung waren eher negativ und von Unverst&auml;ndnis gepr&auml;gt. Die meisten Israelis k&ouml;nnen wohl nicht verstehen, dass Juden aus dem Ausland den Pal&auml;stinenserInnen Hilfe bringen wollen, anstatt sich an die Seite Israels zu stellen. F&uuml;r die OrgansatorInnen ist es aber gerade wichtig, der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung zu zeigen, dass es J&uuml;dInnen und auch Israelis gibt, die solidarisch mit der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung in Gaza sind. <\/p><p><strong>NDS: Wie wird die LINKE in Zukunft weiter verfahren? <\/strong><\/p><p>Groth: Auch wenn noch nicht ganz klar ist, was sich politisch wirklich bewegen wird, finde ich erst mal sehr wichtig, dass die Blockade und die humanit&auml;re Situation in Gaza wieder auf der politischen Agenda der Regierungen dieser Welt stehen. Das war ja auch unser politisches Ziel. Nat&uuml;rlich bleibt erst mal abzuwarten, ob die Blockade wirklich ganz aufgehoben wird oder ob es mehr bei einer &bdquo;Lockerung&ldquo; bleibt, die die israelische Regierung dann auch willk&uuml;rlich wieder anziehen kann. Trotzdem ist es schon interessant zu sehen, wie schnell die israelische Regierung reagiert, wenn endlich einmal international der politische Druck w&auml;chst. Dieses Momentum m&uuml;ssen wir ausnutzen und weiterhin mit Nachdruck die Achtung der Menschenrechte in der Region einfordern, sei es parlamentarisch oder durch Solidarit&auml;tsaktionen.<\/p><p>Entscheidend wird auch sein, wie man in der internationalen Politik weiter mit Hamas umgehen will. Unter politischen ExpertInnen wird der Ruf nach einer Kommunikation mit der Hamas lauter. Diese Position vertritt ja auch DIE LINKE. Eine Fortsetzung der Isolationspolitik, wie sie vom Nahost-Quartett betrieben wurde, ist nicht sinnvoll und gilt gemeinhin als gescheitert. Schlie&szlig;lich hat sie nicht zur Schw&auml;chung von Hamas gef&uuml;hrt.  Ziel der Verhandlungen mit Hamas &uuml;ber eine Regelung der Grenzen muss dabei auch sein, die Hamas in die Verantwortung zu nehmen und konkrete Fragen zur Beendigung der Blockade mit ihr und der Ramallah-Regierung zu kl&auml;ren. Das setzt nat&uuml;rlich voraus, dass die USA und Europa hier klare Signale senden. Die LINKE jedenfalls wird sich daf&uuml;r einsetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Mai ist auf Inititative verschiedener Nichtregierungsorganisationen ein Versorgungskonvoi nach Gaza aufgebrochen, die Schiffe wurden vom israelischen Milit&auml;r in internationalen Gew&auml;ssern gestoppt. Bei dieser Milit&auml;raktion wurden neun Zivilisten get&ouml;tet und f&uuml;nfzig Menschen zum Teil schwer verletzt. Annette Groth, die Menschenrechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag war an Bord des gekaperten Schiffes. Die NachDenkseiten fragten sie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6193\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[195,175,171],"tags":[302,822],"class_list":["post-6193","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-linke","category-israel","category-militaereinsaetzekriege","tag-gaza","tag-hamas"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6193"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20964,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6193\/revisions\/20964"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6193"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}