{"id":62096,"date":"2020-06-17T09:01:16","date_gmt":"2020-06-17T07:01:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62096"},"modified":"2026-01-27T11:37:01","modified_gmt":"2026-01-27T10:37:01","slug":"armut-unter-arbeitslosen-wovor-politik-und-medien-die-augen-verschliessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62096","title":{"rendered":"Armut unter Arbeitslosen: Wovor Politik und Medien die Augen verschlie\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Bei vielen Abgeordneten in den Parlamenten und bei vielen Journalisten in den Redaktionen der gro&szlig;en Medien gibt es kaum Vorstellungen davon, was es hei&szlig;t, heutzutage in der Bundesrepublik arbeitslos zu sein.&ldquo; Das sagt <strong>Rainer Timmermann<\/strong>, der 30 Jahre in der Sozialberatung t&auml;tig war. Timmermann kennt die Probleme der <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armen<\/a> und Arbeitslosen genau. Im Interview mit den NachDenkSeiten verdeutlicht Timmermann, der als politischer Referent bei der <a href=\"https:\/\/www.erwerbslos.de\/\">Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitsgruppen (KOS)<\/a> arbeitet, dass die Corona-Krise zwar den Druck auf die Armen zus&auml;tzlich erh&ouml;he. Doch bereits unter normalen Bedingungen m&uuml;ssten nicht wenige Betroffene um ihre Existenz k&auml;mpfen. Ein Interview &uuml;ber die Probleme der Armen und wie L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten aussehen k&ouml;nnen. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie real ist <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=armut\">Armut<\/a> unter Arbeitslosen?<\/strong><\/p><p>In der Bundesrepublik galt beispielsweise im Jahr 2017 jede sechste Person als armutsgef&auml;hrdet. Arbeitslose waren besonders gef&auml;hrdet: Rund sieben von zehn Arbeitslosen galten als armutsgef&auml;hrdet. Seitdem hat sich die Situation leider nicht wesentlich verbessert.<\/p><p>Auch die Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat vor Jahren festgestellt, dass Arbeitslose in Deutschland aufgrund von niedrigen Leistungen f&uuml;r sie in besonders hohem Ma&szlig;e der Gefahr von Armut ausgesetzt seien. Das Armutsrisiko Arbeitsloser in Deutschland sei h&ouml;her als das in vielen anderen Industriestaaten.<\/p><p><strong>Sie engagieren sich in einem B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeitslose. Was hat es mit diesem B&uuml;ndnis auf sich?<\/strong><\/p><p>Das B&uuml;ndnis <em>&bdquo;AufRecht bestehen&ldquo;<\/em>, an dem auch die Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen (KOS) beteiligt ist, f&uuml;r die ich arbeite, hat sich vor einigen Jahren als bundesweit handelndes B&uuml;ndnis von vor allem lokal oder regional t&auml;tigen Arbeitslosengruppen und Sozialberatungsstellen gegr&uuml;ndet. Dies geschieht, um &uuml;berregionale Probleme bei der Bewilligung und dem Zugang zu existenzsichernden Sozialleistungen rechtzeitig zu erkennen und ggf. darauf reagieren zu k&ouml;nnen. Es geht im B&uuml;ndnis ferner darum, gemeinsam bundesweite Mitteilungen abgeben oder gemeinsame Anfragen oder Initiativen beispielsweise an die im Bundestag vertretenen Parteien schicken zu k&ouml;nnen. Ebenso geht es um gemeinsame politische Kampagnen.<\/p><p><strong>Wie erleben Sie die Corona-Krise im Hinblick auf die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60786\">Armen<\/a>?<\/strong><\/p><p>In der Corona-Krise sind Lebensmittel und hier vor allem Obst und Gem&uuml;se deutlich teurer geworden. Auch Masken und Desinfektionsmittel kosten Geld. Daf&uuml;r ist in den bestehenden Sozialleistungsgesetzen aber nichts vorgesehen. Bisherige Unterst&uuml;tzungsangebote bei den Lebensmitteltafeln haben ihrerseits ihre Angebote verringert oder sogar eingestellt. Die Mitglieder des B&uuml;ndnisses &bdquo;Aufrecht bestehen&ldquo; fordern deshalb einen sofortigen Zuschlag von 100 Euro auf den Regelsatz.<\/p><p>Dazu kommen Probleme, die aus der fl&auml;chendeckenden Schlie&szlig;ung von Schulen und Kitas resultieren und die f&uuml;r viele Familien im Bezug von Sozialleistungen deutliche Einkommensverluste verursacht haben. F&uuml;r die Betroffenen wird viel zu wenig gemacht.<\/p><p><strong>Welche Probleme armer Familien meinen Sie konkret?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r viele Kinder aus armen Familien &ndash; betroffen ist nach den offiziellen Statistiken der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit jedes f&uuml;nfte Kind in Deutschland! &ndash; ist seit Mitte M&auml;rz das kostenfreie Mittagessen in der Schule oder der Kita entfallen. Aktuell hat die Regierung zwar beschlossen, dass arme Kinder in der Woche auch Schulessen erhalten sollen, wenn der Unterricht an ihrer Schule ganz oder teilweise nur zuhause stattfindet. Die Eltern der Betroffenen sollen das Geld nach dem Willen der Regierung aber offenbar auf keinen Fall direkt ausgezahlt bekommen.<\/p><p>Die Bundesregierung hat sich jedenfalls eine indirekte L&ouml;sung einfallen lassen: Die Caterer der jeweiligen Schule oder Kita sollen den Kindern das Essen in Essensboxen nach Hause liefern oder die Kinder sollen es sich direkt abholen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie soll das denn funktionieren?<\/strong><\/p><p>Das wei&szlig; bisher niemand so genau. Interessant ist auch, dass die Regelung r&uuml;ckwirkend zum 1. M&auml;rz 2020 in Kraft treten soll. Das bedeutet allerdings nicht, dass wenigstens f&uuml;r M&auml;rz oder April Geld an betroffene Familien nachgezahlt wird. Vermutlich zielt es darauf, dass einige wenige St&auml;dte und Gemeinden, die schon vor Inkrafttreten der Lieferdienstregelung M&ouml;glichkeiten geschaffen hatten, damit betroffene Kinder an ihr kostenloses Mittagessen kommen k&ouml;nnen, diese Kosten nun auch &uuml;ber den Topf f&uuml;r Bildung und Teilhabe mit dem Bund abrechnen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit den notwendigen Lernmitteln f&uuml;r Kinder aus? Stichwort: Computer, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60604\">Laptop<\/a>?<\/strong><\/p><p>Da gibt es ein gro&szlig;es Problem. Kindern in armen Familien fehlt oft ein Laptop, sie haben keinen Internetzugang. Wenn Unterrichtsmaterialien und Hausaufgaben von den Lehrern ins Netz gestellt werden, so erreichen diese schulischen Inhalte die betroffenen Sch&uuml;ler und Sch&uuml;lerinnen nicht oder h&ouml;chstens mit erheblicher Verz&ouml;gerung. Mittlerweile hat die Bundesregierung darauf reagiert. Sie will jetzt 150 Euro je bed&uuml;rftigem Kind zur Verf&uuml;gung stellen. Das ist allerdings zu wenig f&uuml;r ein vern&uuml;nftiges Ger&auml;t, das l&auml;nger halten soll. Die am B&uuml;ndnis &bdquo;AufRecht bestehen&ldquo; beteiligte Initiative Tacheles e. V. fordert zu Recht 500 Euro je Kind. Au&szlig;erdem will die Bundesregierung das Geld daf&uuml;r &uuml;ber die Bundesl&auml;nder an die Schulen vor Ort verteilen, die dann geeignete Laptops anschaffen m&uuml;ssen. &Uuml;ber deren Verteilung sollen die Schulen vor Ort selbst entscheiden, nach ihren Ma&szlig;st&auml;ben. Das alles wird noch Monate dauern und die Schulen vor gro&szlig;e organisatorische Herausforderungen stellen, f&uuml;r die sie eigentlich personell gar nicht ger&uuml;stet sind.<\/p><p><strong>Welche Probleme fallen Ihnen noch auf?<\/strong><\/p><p>Es gibt viele Langzeitarbeitslose. So bekommen etwa sechs von zehn Arbeitslosen seit mindestens zwei Jahren Hartz IV, mit Unterbrechung von allenfalls ein paar Tagen. Das gr&ouml;&szlig;te Problem f&uuml;r alle Bezieher und Bezieherinnen von Hartz IV, vor allem f&uuml;r Langzeitarbeitslose, ist, dass das Geld nicht reicht. Die Leistungen, und hier besonders der Regelsatz, sind einfach zu niedrig.<\/p><p><strong>Wenn Menschen, insbesondere Alleinstehende, l&auml;nger von Hartz IV leben, f&uuml;hrt das zu einem regelrechten &bdquo;Ausbluten&ldquo;. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es an nahezu allem fehlt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Das Leben mit Hartz IV ist unheimlich knapp. Es reicht gerade f&uuml;r das N&ouml;tigste. Jede &uuml;berraschende Mehrausgabe &ndash; beispielsweise, weil der K&uuml;hlschrank kaputt geht und nicht mehr zu vertretbaren Kosten repariert werden kann, die Kinder beim Spielen sich die Hose aufrei&szlig;en oder weil eine Stromnachzahlung f&auml;llig wird &ndash; wird da zu einem riesigen Problem. Sp&auml;testens dann, wenn nach ein, zwei Jahren Arbeitslosigkeit alle R&uuml;cklagen aufgebraucht sind.<\/p><p>Viele Betroffene versuchen sich daher etwas dazuzuverdienen. Andere Betroffene m&uuml;ssen ihr zu niedriges Erwerbseinkommen ohnehin mit Hartz IV aufstocken. Denn um Arbeitslosengeld II zu bekommen, muss man nicht etwa arbeitslos sein, der Begriff ist eine sprachliche Irref&uuml;hrung. F&uuml;r einen Anspruch auf Leistungen reicht Einkommensarmut aufgrund einer mies bezahlten Besch&auml;ftigung aus. Doch Minijobs, Leiharbeit oder befristete Teilzeitstellen sind selbst prek&auml;re Einkommensquellen. Beispielsweise, weil Leiharbeiter nach kurzer Zeit wieder entlassen werden. Oder, weil Arbeitgeber meinen, dass Minijobs Arbeitsverh&auml;ltnisse zweiter Klasse seien, in der bestimmte Rechte, zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, nicht gelten w&uuml;rden. Recht bekommen und Recht haben sind da oft zwei verschiedene Paar Schuhe.<\/p><p><strong>Was bedeuten die verh&auml;ngten Sanktionen f&uuml;r die Betroffenen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich sind diese weitreichend. Im Jahr 2018 sind etwa 9% aller Bezieher und Bezieherinnen von Hartz IV sanktioniert worden. Die ganz &uuml;berwiegende Zahl von ihnen nicht etwa, weil sie eine Arbeitsaufnahme als unzumutbar abgelehnt oder eine bisherige Arbeit aufgegeben haben. Vielmehr haben sie einen der vielen Meldetermine beim Jobcenter verschwitzt. Aufgrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Sanktionen und der Reaktion des Bundessozialministeriums darauf hat es hier jetzt eine Entspannung gegeben. Aktuell finden in der Corona-Krise nur noch Notfalltermine statt. Die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit hat au&szlig;erdem angek&uuml;ndigt, in der jetzigen Situation auf Sanktionen verzichten zu wollen.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit den Jobcentern aus? Kommen diese ihrer Verpflichtung nach, den Armen effektiv genug zu helfen?<\/strong><\/p><p>Man wei&szlig; aus Befragungen, dass zu den rund 6 Millionen Menschen, die in der Bundesrepublik Hartz IV beziehen, noch viele andere kommen, die eigentlich auch Anspruch h&auml;tten, aber ihn nicht geltend machen. Diese &bdquo;Dunkelziffer der Armut&ldquo; ist im Bereich der Grundsicherungssysteme erheblich. Sch&auml;tzungsweise kommen auf drei Personen, die Hartz IV beziehen, zwei bis drei Personen, die eigentlich auch Anspruch haben. Neben Scham ist eine weitere wesentliche Ursache f&uuml;r die hohe Dunkelziffer fehlende Information &uuml;ber die gesetzlichen Leistungen, ihre H&ouml;he und ihre Bedingungen. Dar&uuml;ber wird nirgends vern&uuml;nftig aufgekl&auml;rt, kein Jobcenter macht das. Die Antr&auml;ge sind au&szlig;erdem kompliziert und lang. Unter 16 Seiten gehen Sie da nicht aus dem Amt. Dazu kommen je nach Lebenslage weitere Antragsformulare und Unterlagen, die man bei einem Erstantrag und z. T. auch sp&auml;ter einreichen soll.<\/p><p><strong>Es gibt also eine Hemmschwelle, die dazu f&uuml;hrt, dass Menschen, die eigentlich Anspruch auf Hartz IV haben, die Hilfe nicht beanspruchen?<\/strong><\/p><p>Ja, man k&ouml;nnte auch sagen, dass Angst vor dem Gang aufs Amt vorherrscht. Im Bekanntenkreis kursiert manche b&ouml;se Geschichte, auch in den Zeitungen finden sich entsprechende Berichte. Viele Menschen bef&uuml;rchten, dass das Jobcenter kein Ort ist, an dem nur freundliche Mitarbeiter herumlaufen, die m&ouml;glichst unkompliziert und schnell helfen wollen.<\/p><p><strong>Ist es nicht auch so, dass die Mitarbeiter in den Jobcentern in einer nicht ganz so einfachen Position sind? Sind diese nicht auch einem Druck ausgesetzt?<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Die Jobcenter werden zentral von oben gesteuert. Jedes Jobcenter hat einen Etat, dieser muss nat&uuml;rlich eingehalten werden. Sie k&ouml;nnen davon ausgehen, dass die Sachbearbeiterin mit den h&ouml;chsten Ausgaben pro &bdquo;Zahlfall&ldquo; bei der jeweiligen Jobcenterleitung nicht begeistert betrachtet wird. Die Mitarbeiter in den Jobcentern haben h&auml;ufig genug selbst nur befristete Arbeitsvertr&auml;ge. All das macht sie druckempfindlich. Und nat&uuml;rlich nehmen die Sachbearbeiter auch die gesellschaftliche Stimmung gegen&uuml;ber Arbeitslosen und Armen auf.<\/p><p>Das f&uuml;hrt dann beispielsweise dazu, dass erwerbst&auml;tigen Personen, die einen Antrag stellen wollen, manchmal in sogenannten &bdquo;Ad-hoc-Beratungen&ldquo; am Eingangstresen gesagt wird, sie h&auml;tten keinen Anspruch auf Leistungen. Ein genaues Nachrechnen in einer Beratungsstelle ergibt jedoch, dass die Familie mehrere hundert Euro Arbeitslosengeld II bekommen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Durch die Corona-Pandemie wurde nun einiges vereinfacht.<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Allerdings sehen wir nun andere Probleme. Bis auf wenige Ausnahmen ist derzeit die pers&ouml;nliche Vorsprache bei den Beh&ouml;rden nicht gestattet. Nach Erfahrungen der Mitglieder des B&uuml;ndnisses &bdquo;AufRecht bestehen&ldquo; gibt es in einigen Jobcentern Probleme und Verz&ouml;gerungen bei der Bewilligung von Arbeitslosengeld II\/Sozialgeld. Das f&uuml;hrt bei Antragstellenden nicht selten zu existenziellen Notlagen. Zwar funktioniert die Kommunikation per Telefon und E-Mail in einigen Jobcentern tadellos. Andernorts ist es f&uuml;r Leistungsberechtigte kaum m&ouml;glich, die zust&auml;ndigen Sachbearbeiter telefonisch zu erreichen oder Leistungsangelegenheiten per E-Mail zu kl&auml;ren. Schwierig ist h&auml;ufig auch der Kontakt mit der Service-Hotline der Jobcenter. Die telefonischen Ausk&uuml;nfte dort sind meist ungen&uuml;gend und auf den zugesagten R&uuml;ckruf der zust&auml;ndigen Jobcenter-Mitarbeiter warten Betroffene oft vergeblich.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t es f&uuml;r die betroffenen Antragsteller, wenn Jobcenter nicht erreichbar sind oder bei der Bewilligung oder Bearbeitung von Antr&auml;gen nicht schnell genug vorankommen?<\/strong><\/p><p>Das kann im Einzelfall dramatische Folgen haben, besonders wenn schwierige Sachverhalte gekl&auml;rt werden m&uuml;ssen, um erstmals Leistungen vom Jobcenter zu erhalten oder um den laufenden Bezug von Leistungen sicherzustellen. Oft vergehen Wochen und Monate, bis alle Probleme per Telefon, E-Mail oder Briefpost aus dem Weg ger&auml;umt sind und dringend ben&ouml;tigte Leistungen zum Lebensunterhalt gezahlt werden.<\/p><p>Bis dahin m&uuml;ssen die Leute von irgendetwas leben. Wer Gl&uuml;ck hat, kann sich vielleicht etwas von Verwandten oder Freunden leihen, bis das Jobcenter endlich nachzahlt. Aber nicht alle Antragstellenden haben Verwandte oder Freunde mit Geld. H&auml;ufig entstehen so Mietschulden, die schnell zur Wohnungsk&uuml;ndigung f&uuml;hren k&ouml;nnen, besonders wenn der Vermieter auf so eine Gelegenheit nur gewartet hat. Dann droht Obdachlosigkeit. Wer die monatliche Abschlagsrate f&uuml;r Strom oder Gas nicht mehr &uuml;berweist, dem droht eine Energiesperre. Und wer kein Geld mehr auf dem Bankkonto oder im Geldbeutel hat, dem droht Hunger. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Einzelfall, in dem eine verzweifelte Mutter begonnen hatte, das Spielzeug ihrer Kinder zu verkaufen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie den Arbeitslosen helfen?<\/strong><\/p><p>Ich selbst habe insgesamt rund drei&szlig;ig Jahre in der Sozialberatung gearbeitet, wenn ich die ehrenamtlichen Zeiten mitrechne. In dieser Zeit habe ich erfahren, dass man f&uuml;r viele Betroffene Probleme l&ouml;sen kann. Das endet jedoch an den Grenzen der bestehenden Gesetze und F&ouml;rderprogramme. Und die sind, &uuml;ber die drei&szlig;ig Jahre gesehen, in vielen Bereichen immer schlechter geworden, weil man im politischen Raum und in den Medien die Arbeitslosen und die Menschen mit wenig Geld immer st&auml;rker zum Hauptverantwortlichen ihrer Lebenssituation gemacht hat. Das schl&auml;gt sich dann schnell auf das Bewusstsein vieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Beh&ouml;rden vor Ort nieder. Auch die Betroffenen nehmen die &uuml;ber sie kursierenden Bilder wahr und lassen sich oft genug davon beeindrucken.<\/p><p>Inzwischen mache ich selbst keine Beratung mehr. Aber nach allem, was ich von den Kollegen und Kolleginnen von <em>&bdquo;AufRecht bestehen&ldquo;<\/em> h&ouml;re, sind deren Erfahrungen noch immer &auml;hnlich. Das Hauptproblem vieler Ratsuchenden, dass die gesetzlich vorgesehenen Sozialleistungen zu niedrig sind und das Geld deshalb zu wenig ist, das kann auch die beste Beraterin oder der beste Berater nicht l&ouml;sen. Hier hilft nur eines: Die Leute m&uuml;ssen sich selbst organisieren und sich dagegen zur Wehr setzen, wie mit ihnen umgegangen wird.<\/p><p><strong>Warum fordern Sie eine Erh&ouml;hung des Regelsatzes?<\/strong><\/p><p>Als dessen Grundlagen das letzte Mal im Jahr 2016 auf Grundlage der damaligen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) neu festgelegt wurden, hat sich die Bundesregierung statistischer Tricks bedient, um das Existenzminimum kleinzurechnen.<\/p><p><strong>Wie denn das?<\/strong><\/p><p>Man hat es vers&auml;umt, die verdeckt Armen konsequent aus der Gruppe derer herauszunehmen, deren Einkommens- und Ausgabenverh&auml;ltnisse zur Grundlage der Bestimmung des Regelsatzes gemacht worden sind. Das Ergebnis ist ein statistischer Zirkelschluss: Ausgaben von Menschen mit einer Einkommensh&ouml;he, die nicht armutsfest ist, dienen als Grundlage f&uuml;r die Berechnung der angemessenen H&ouml;he des Regelsatzes f&uuml;r arme Menschen. Die Bundesregierung hat das Problem noch zus&auml;tzlich dadurch versch&auml;rft, dass nur noch die Ausgaben der untersten 15 Prozent der Einkommen &uuml;berhaupt in die Berechnung des Eckregelsatzes mit eingeflossen sind. Vorher waren es noch die unteren 20 Prozent der gesamten Einkommen in Deutschland gewesen.<\/p><p>Au&szlig;erdem, und das ist ein weiterer entscheidender Punkt, hat man h&ouml;chst willk&uuml;rlich bestimmte Ausgaben aus der Berechnung herausgenommen &ndash; beispielsweise f&uuml;r Tannenb&auml;ume zu Weihnachten, f&uuml;r Schnittblumen und Gartenpflege, f&uuml;r den Besuch einer Gastst&auml;tte, f&uuml;r Alkohol- und f&uuml;r Tabakwaren. Diese &bdquo;nicht regelsatzrelevanten&ldquo; Ausgaben haben einige der in der EVS erfassten Personen mit niedrigem Einkommen aber tats&auml;chlich get&auml;tigt. Wenn man den Durchschnittswert daraus bei allen Armen streicht, betrifft das auch nicht nur etwa die Trinker von alkoholischen Getr&auml;nken oder die Raucherinnen, auf die man gerne mit moralischer Emp&ouml;rung herabblickt. Auch Personen, die ihr Geld f&uuml;r etwas anderes ausgegeben haben, k&uuml;rzt man so die Leistungen. Denn auch die bekommen aufgrund der Streichung dieser Ausgabenpositionen weniger Geld.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t also: Der Regelsatz ist grunds&auml;tzlich zu niedrig bemessen?<\/strong><\/p><p>Ja, und das hei&szlig;t konkret: Wer heute Hartz IV bezieht, der muss als alleinstehende Person von 432 EUR leben. Sonst, also z. B. in einer Ehe oder als Jugendlicher, von noch weniger. Von dem Regelsatz soll man nicht etwa nur Nahrung kaufen. Sondern laufende Kosten f&uuml;r Mobilit&auml;t und Strom, Kleidung und Hausrat und manches mehr bezahlen. Daf&uuml;r reicht das Geld auch ohne besondere Belastungen kaum aus. Betroffene leben von der Hand in den Mund.<\/p><p><strong>Die Politik zeigt sich bez&uuml;glich der Forderungen, die ja nun schon etwas l&auml;nger von unterschiedlicher Seite artikuliert werden, sehr entspannt.<br>\nWas ist Ihr Eindruck?<\/strong><\/p><p>Bei vielen Abgeordneten in den Parlamenten und in den Redaktionen der gro&szlig;en Medien gibt es kaum Vorstellungen davon, was es hei&szlig;t, heutzutage in der Bundesrepublik arbeitslos zu sein. Viele dort haben bis vor kurzem geglaubt, dass das Problem im Grunde genommen gel&ouml;st sei &ndash; trotz mehr als zwei Millionen offiziell bei der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit gemeldeter Arbeitsloser bzw. etwa dreieinhalb Millionen sogenannter &bdquo;Unterbesch&auml;ftigter&ldquo;.<\/p><p>Krisenzeichen wie z. B. die mit rund sechs Millionen Leistungsbeziehenden seit Einf&uuml;hrung von Arbeitslosengeld II im Grunde stabile Gr&ouml;&szlig;e der Hartz-IV-Bezieher und ihrer Angeh&ouml;rigen wurden und werden offenbar nicht zur Kenntnis genommen. H&auml;ufig werden die Probleme von Arbeitslosigkeit und Armut auch nicht als Ausdruck der Krisenhaftigkeit des Arbeitsmarkts in einer kapitalistischen Wirtschaftsform und auch nicht als Problem systematischer L&uuml;cken in den Sozialleistungsgesetzen wahrgenommen. Vielmehr sieht man solche Probleme eher als Ausdruck individuellen Versagens der Betroffenen oder bestenfalls als Ergebnis von Schicksalsschl&auml;gen. Auch die hohe Zahl erwerbst&auml;tiger Armer, deren Einkommen nicht zu einem menschenw&uuml;rdigen Leben reicht, wird nicht als grundlegendes gesellschaftliches Problem erkannt. Stattdessen wird im politischen Raum oft darauf verwiesen, dass die bestehenden Leistungen doch ausreichend seien.<\/p><p><strong>Ein Gedankenspiel: Mal angenommen, Sie w&auml;ren Politiker. Was w&uuml;rden Sie unternehmen, um das Armutsproblem richtig anzugehen?<\/strong><\/p><p>Die Weltformel h&auml;tte ich auch nicht. Es k&auml;me vielmehr darauf an, eine langfristige Strategie zur &Uuml;berwindung des Armutsproblems zu entwickeln.<\/p><p>Im ersten Schritt sollten die Leistungen der Grundsicherungssysteme deutlich verbessert werden. Dazu ist zun&auml;chst eine deutliche Erh&ouml;hung des Regelsatzes erforderlich. Dieser m&uuml;sste fair und transparent bemessen werden und armutsfest seien. Das w&uuml;rde vor allem bedeuten, dass willk&uuml;rliche Streichungen in diesem Bereich entfallen. Die Wissenschaftlerinnen Dr. Irene Becker und Dr. Verena Tobsch haben dazu sehr gute Vorschl&auml;ge gemacht.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus sollte die Erreichbarkeit der &Auml;mter erh&ouml;ht werden. Das Antragsverfahren f&uuml;r Betroffene sollte erleichtert werden und auch formlos m&ouml;glich sein. Leistungsberechtigte m&uuml;ssen eine niedrigschwellige M&ouml;glichkeit haben, ihre Anliegen vorzubringen. Bisherige Einbehaltungen und K&uuml;rzungen bei den Regels&auml;tzen einschlie&szlig;lich der Sanktionsregelungen sind abzuschaffen. Die Kosten der Unterkunft sind, von wenigen Extremsituationen abgesehen, grunds&auml;tzlich in voller H&ouml;he zu bewilligen. Bestehende Leistungsausschl&uuml;sse von Studierenden sind abzuschaffen, die von Arbeitnehmern mit nichtdeutscher Staatsangeh&ouml;rigkeit auch. Alle im Hartz-IV-System bisher nicht regul&auml;r leistungsberechtigten B&uuml;rger der EU und Drittstaatsangeh&ouml;rige sollten zumindest ungek&uuml;rzte &Uuml;berbr&uuml;ckungsleistungen nach &sect; 23 SGB XII erhalten.<\/p><p><strong>Und weiter? L&auml;ngerfristig?<\/strong><\/p><p>Prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse m&uuml;ssten in regul&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse &uuml;berf&uuml;hrt werden, soweit das irgend m&ouml;glich ist. Geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse m&uuml;ssten deshalb m&ouml;glichst abgeschafft werden. Im ersten Schritt sollte die Geringf&uuml;gigkeitsgrenze in der Sozialversicherung drastisch abgesenkt werden. Werkvertr&auml;ge sollten bis auf wenige Ausnahmef&auml;lle untersagt werden. Leiharbeit m&uuml;sste deutlich besser bezahlt werden als bisher, zumal ihre Bedingungen schlechter sind als die in regul&auml;rer Besch&auml;ftigung. Auftragnehmer m&uuml;ssten f&uuml;r die Einhaltung von sozialen und arbeitsrechtlichen Bestimmungen einschlie&szlig;lich derer des Mindestlohns auch in Bezug auf von ihnen beauftragte Subunternehmen haften. Der Mindestlohn muss deutlich erh&ouml;ht werden. Er soll auch in Bezug auf die Honorare von Selbstst&auml;ndigen gelten und die staatlichen Einrichtungen m&uuml;ssen in die Lage versetzt werden, die Einhaltung des Mindestlohns besser zu &uuml;berwachen.<\/p><p>Des Weiteren m&uuml;ssen die bisher den verschiedenen Grundsicherungsleistungen vorgelagerten Sozialleistungssysteme armutsfest gemacht werden. Das w&uuml;rde beispielsweise einen massiven Ausbau der Arbeitslosenversicherung erfordern. Der Arbeitslosengeldbezug sollte wesentlich verl&auml;ngert werden. Auch die H&ouml;he des Arbeitslosengeldes sollte verbessert werden. Sperrzeiten sind abzuschaffen.<\/p><p>Au&szlig;erdem w&auml;re eine deutliche Arbeitszeitverk&uuml;rzung wichtig, damit m&ouml;glichst alle arbeiten k&ouml;nnen, die das wollen. Ebenso m&uuml;sste vermehrt in die nachhaltige Infrastruktur dieser Gesellschaft investiert werden, um notwendige Bed&uuml;rfnisse wie Wohnen, Gesundheit und menschenw&uuml;rdige Pflege f&uuml;r alle Mitglieder der Gesellschaft befriedigen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Titelbild: Alex Mit \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Bei vielen Abgeordneten in den Parlamenten und bei vielen Journalisten in den Redaktionen der gro&szlig;en Medien gibt es kaum Vorstellungen davon, was es hei&szlig;t, heutzutage in der Bundesrepublik arbeitslos zu sein.&ldquo; Das sagt <strong>Rainer Timmermann<\/strong>, der 30 Jahre in der Sozialberatung t&auml;tig war. Timmermann kennt die Probleme der <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armen<\/a> und Arbeitslosen genau. Im Interview<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62096\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":62099,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,140,209,132],"tags":[881,308,2625,859,288,214,307,2909],"class_list":["post-62096","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-existenzminimum","tag-home-office","tag-jobcenter","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-regelsatz","tag-sanktionen","tag-verdeckte-armut"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/shutterstock_52242547.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62096","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62096"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81392,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62096\/revisions\/81392"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62099"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}