{"id":62113,"date":"2020-06-17T11:51:24","date_gmt":"2020-06-17T09:51:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62113"},"modified":"2020-07-25T12:11:08","modified_gmt":"2020-07-25T10:11:08","slug":"corona-app-ein-soziales-experiment-mit-risiken-und-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62113","title":{"rendered":"Corona-App \u2013 ein soziales Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Seit gestern ist die viel diskutierte &bdquo;Corona-App&ldquo; der Bundesregierung verf&uuml;gbar. Der mediale Trommelwirbel war eindrucksvoll. Kritische T&ouml;ne fanden da keinen Platz. Das ist bemerkenswert, da Sinn und Zweck einer solchen Tracing-App selbst unter idealen Bedingungen zumindest fragw&uuml;rdig sind. Die App ist jedoch mehr. Sie ist auch ein gro&szlig;es soziales Experiment. Sollte die App tats&auml;chlich von einer Mehrheit der Bev&ouml;lkerung genutzt werden, w&uuml;rde dies zweifelsohne bei der Politik Begehrlichkeiten wecken &ndash; Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7653\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62113-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62113-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200617_Corona_App_ein_soziales_Experiment_mit_Risiken_und_Nebenwirkungen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Datenschutz<\/strong><\/p><p>Das Positive vorweg: Zum Gl&uuml;ck konnte sich Jens Spahn mit seinen urspr&uuml;nglichen Ideen nicht durchsetzen. Die Corona-App ist quelloffen und vergleichsweise transparent. Sie speichert die Daten &ndash; anders als von Spahn geplant &ndash; nicht zentral, sondern dezentral, so dass ein Zugriff der Beh&ouml;rden auf die pers&ouml;nlichen Nutzerdaten &ndash; ebenfalls von Spahn geplant &ndash; technisch nicht m&ouml;glich ist. Hier hat man sich den Kritikern gebeugt. Sogar Instanzen wie der Chaos Computer Club k&ouml;nnen hier keine nennenswerten Risiken erkennen. W&uuml;rde man die App ausschlie&szlig;lich aus Datenschutz-Erw&auml;gungen &uuml;ber die App selbst bewerten, w&uuml;rde das Urteil daher auch &uuml;berraschenderweise positiv ausfallen.<\/p><p>Doch da endet die positive Kritik bereits. Was f&uuml;r die App selbst gilt, gilt n&auml;mlich nicht f&uuml;r die von der App genutzte Schnittstelle (API). Die wurde eilends speziell f&uuml;r die verschiedenen nationalen Corona-Apps von den Betreibern der Smartphone-Betriebssysteme Apple (iOS) und Google (Android) <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/corona-app-google-und-apple-stellen-bluetooth-api-bereit-2005-148637.html\">entwickelt<\/a> und ist weder quelloffen noch transparent. Hier ist man also den beiden Softwaregiganten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und gerade diese beiden Konzerne gelten sicher nicht als vorbildlich in Sachen Datenschutz. Daf&uuml;r kann man freilich die Bundesregierung nicht in Verantwortung nehmen.<\/p><p><strong>Sinn und Zweck<\/strong><\/p><p>Deutlich kritischer f&auml;llt da die Bewertung aus, welchen Zweck eine solche App &uuml;berhaupt haben soll. Die App zeigt dem Nutzer &ndash; so sie denn funktioniert &ndash; im &bdquo;Erfolgsfall&ldquo; an, dass eine Person, in deren unmittelbarer N&auml;he sich der Nutzer in der j&uuml;ngeren Vergangenheit l&auml;ngere Zeit aufgehalten hat, vom Gesundheitsamt positiv auf das Sars-Covid-2-Virus getestet wurde. Und dann? Welche konkreten Auswirkungen hat diese Meldung?<\/p><ul>\n<li>Ist der Nutzer selbst symptomfrei, berechtigt ihn die Warnmeldung der App nicht automatisch, sich kostenlos testen zu lassen. [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] Diese Entscheidung trifft nach wie vor im Regelfall der behandelnde Arzt &ndash; App hin, App her.<\/li>\n<li>Es wird Nutzern, die eine solche Warnmeldung bekommen, empfohlen, sich vorsichtshalber in Quarant&auml;ne zu begeben. Ohne positives Testergebnis ist dies jedoch arbeitsrechtlich problematisch. Die Warnmeldung berechtigt den Nutzer n&auml;mlich nicht, vom Arbeitsplatz fernzubleiben und gem&auml;&szlig; der g&auml;ngigen Praxis reicht ein blo&szlig;er Verdacht &ndash; nichts anderes ist eine solche Warnmeldung &ndash; auch nicht dazu aus, sich krankschreiben zu lassen.<\/li>\n<li>Schreibt der Arzt den Nutzer dennoch prophylaktisch krank, erfolgt parallel dazu bei einem &bdquo;symptomfreien&ldquo; Verlauf kein Test. Ob die App hier einen konkreten Nutzen hat, bleibt unbekannt &ndash; &Auml;ngste und soziale Nebenwirkungen werden in Kauf genommen.<\/li>\n<li>Hat der Nutzer nicht nur eine Warnmeldung erhalten, sondern auch typische Covid-19-Symptome, ist er nach g&auml;ngiger Praxis daf&uuml;r qualifiziert, sich kostenlos auf das Virus testen zu lassen. Dass trifft jedoch genauso zu, wenn er die App nicht nutzt. Der entscheidende Punkt sind die Symptome und nicht die Warnmeldung der App.<\/li>\n<\/ul><p>Gedacht ist die App vor allem f&uuml;r Szenarien, in denen die Nutzer sich l&auml;ngere Zeit (mehr als 15 Minuten) in der unmittelbaren N&auml;he von Personen aufhalten, die sp&auml;ter positiv getestet werden. Das Vorbeigehen im Supermarkt geh&ouml;rt ebenso wenig dazu wie der kurze Plausch auf der Stra&szlig;e. Denkbare Szenarien sind der gemeinsame Aufenthalt in einem Restaurant oder die Fahrt in einem Zug. Genau f&uuml;r diese Szenarien gibt es aber bereits durch die Sammlung und Speicherung von Personendaten eine L&ouml;sung, die den Gesundheits&auml;mtern eine Nachverfolgung erm&ouml;glicht &ndash; und zwar nicht nur f&uuml;r Nutzer irgendwelcher Apps, sondern f&uuml;r alle Betroffenen. Hier schafft die App wenig bis keinen zus&auml;tzlichen Nutzen.<\/p><p>Ein zus&auml;tzlicher Nutzen ist auch dann nicht erkennbar, wenn es sich bei den Kontakten um Personen handelt, die einem namentlich bekannt sind. Wenn ein Freund oder Nachbar oder auch ein Arbeitskollege erkrankt, mit dem man in j&uuml;ngerer Vergangenheit n&auml;heren Kontakt hatte, f&auml;llt dies in die ganz normale Nachverfolgung der Gesundheits&auml;mter. Auch hierf&uuml;r braucht es keine App.<\/p><p>Bliebe ein Musterszenario, bei dem sich zwei Nutzer der App au&szlig;erhalb der genannten, bereits heute nachzuverfolgenden, Lokalit&auml;ten treffen und sich mehr als 15 Minuten in unmittelbarer N&auml;he befinden und dabei nicht namentlich kennen. Ich muss lange &uuml;berlegen, wann dies bei mir das letzte Mal der Fall war. Wenn man nun noch ber&uuml;cksichtigt, dass es aktuell in ganz Deutschland ohnehin nur rund 5.000 aktiv positiv Getestete gibt, die allesamt von den Gesundheits&auml;mtern erfasst und in Quarant&auml;ne geschickt wurden, sinkt die konkrete Wahrscheinlichkeit f&uuml;r dieses Musterszenario abermals &ndash; selbst wenn man eine h&ouml;here Dunkelziffer annimmt.<\/p><p>Halten wir fest: Die App bringt nur dann etwas, wenn man sich l&auml;ngere Zeit abseits von protokollierten Lokalit&auml;ten wie Restaurants oder der Bahn in unmittelbarer N&auml;he einer der handverlesenen Personen aufh&auml;lt, die infekti&ouml;s, aber noch nicht in Quarant&auml;ne sind und gleichzeitig ebenfalls die App benutzen. Ein Mathematiker h&auml;tte sicher Freude, hier eine Wahrscheinlichkeit auszurechnen. Die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden, d&uuml;rfte h&ouml;her sein.<\/p><p><strong>Fehler der Politik<\/strong><\/p><p>Nun k&ouml;nnte man sagen: Nutzt nichts, kostet aber auch nichts und schadet nicht. Alles halb so wild. Ist das so? Nein! Die gesellschaftlichen Risiken einer solchen App sind nicht zu untersch&auml;tzen. Die Nutzung der App ist zwar &bdquo;freiwillig&ldquo;, aber die Bundesregierung hat auch beharrlich s&auml;mtliche Forderungen ignoriert, diese &bdquo;Freiwilligkeit&ldquo; und das damit verbundene Diskriminationsverbot f&uuml;r &bdquo;Nicht-Nutzer&ldquo; gesetzlich zu garantieren. Wenn nun aber der Arbeitgeber die Nutzung der App vorschreibt oder Restaurants nur Nutzern der App eine Sitzplatzreservierung anbieten, w&auml;re dies eine Diskriminierung und mit der Freiwilligkeit w&auml;re es schnell vorbei.<\/p><p>Wer nun denkt, dies seien unbegr&uuml;ndete Sorgen, t&auml;uscht sich leider. Aus den Reihen der CDU gibt es bereits ganz konkrete Ideen f&uuml;r ein <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/wer-die-corona-app-hat-soll-zuerst-wieder-ins-restaurant-duerfen-16759932.html\">&bdquo;Anreizsystem&ldquo; f&uuml;r App-Nutzer<\/a>, das bei n&auml;herer Betrachtung nichts anderes ist, als eine Diskriminierung von Menschen, die die App nicht nutzen &ndash; wohlgemerkt auch derjenigen, die die App gar nicht nutzen k&ouml;nnen, weil sie kein modernes Smartphone besitzen, auf dem die App l&auml;uft.<\/p><p>Dies ist ohnehin ein wunder Punkt bei der von Politik und Medien transportierten Erfolgsgeschichte. Sicher wird jeder Abgeordnete und jeder Leitartikler &uuml;ber ein modernes Smartphone verf&uuml;gen, das j&uuml;nger als zwei Jahre ist. Wie sieht es aber mit den Millionen Rentnern, prek&auml;r Besch&auml;ftigten oder gar Hartz-IV-Empf&auml;ngern aus? Man hat sich &ndash; das ist verst&auml;ndlich &ndash; mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bluetooth_Low_Energy\">BLE-Technik<\/a> f&uuml;r die technisch beste L&ouml;sung entschieden, die jedoch bei alten Smartphones fehlt und selbst von j&uuml;ngeren Smartphones nur in den aktuelleren Versionen von iOS und Android mit einer Schnittstelle f&uuml;r die App versehen wurde. Damit werden pikanterweise vor allem viele derjenigen ausgeschlossen, die zur Risikogruppe f&uuml;r Covid-19 z&auml;hlen &ndash; die &Auml;lteren, die nicht jedem neusten technischen Gimmick hinterherlaufen.<\/p><p><strong>Freiwilligkeit und Begehrlichkeiten<\/strong><\/p><p>Um aus der freiwilligen eine obligatorische Nutzung zu machen, ist jedoch eine bestimmte Verbreitung der App unumg&auml;nglich. Wenn beispielsweise nur zwei Millionen Bundesb&uuml;rger die App nutzen, hie&szlig;e dies, dass im Umkehrschluss 98% der Bev&ouml;lkerung die App nicht nutzen. Selbst optimistische zehn Millionen Nutzer st&uuml;nden f&uuml;r lediglich 12,5% der Bev&ouml;lkerung und w&uuml;rden im Umkehrschluss bedeuten, dass 87,5% der B&uuml;rger die App nicht nutzen. Solange sich die App nicht auf breiter Basis durchsetzt, ist daher auch eher nicht mit Diskriminierungen der Privatwirtschaft zu rechnen &ndash; welcher Wirt oder Ladenbetreiber w&uuml;rde freiwillig auf 87,5% oder gar 98% seiner Kundschaft verzichten? F&uuml;r den Staat gilt dies jedoch nicht. Und da muss dann auch die Frage gestattet sein, warum die Regierung auf ein Begleitgesetz verzichtet hat.<\/p><p>So traurig es ist &ndash; das Ma&szlig; der Begehrlichkeiten seitens der Politik wird mit der Verbreitung der App steigen. Die App ist vor allem eins &ndash; ein riesiges soziales Experiment. Wie viele B&uuml;rger k&ouml;nnen mit medialer Sch&uuml;tzenhilfe und einem Angstszenario dazu getrieben werden, sich eine von der Regierung projektierte App auf ihrem Smartphone zu installieren? Im &bdquo;Erfolgsfall&ldquo; wird es sicherlich nicht bei der vergleichsweise harmlosen Corona-App bleiben. Wenn die Regierung merkt, dass die B&uuml;rger unter bestimmten Rahmenbedingungen sich freiwillig per App selbst kontrollieren, wird dies nur der Startschuss f&uuml;r weitere Projekte sein; Projekte, die dann auch aus Datenschutzperspektive alles andere als harmlos sind. Hoffen wir, dass es gar nicht so weit kommt, die App floppt und dass das soziale Experiment scheitert.<\/p><p>Titelbild: philippgehrke.de\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Nach der Ver&ouml;ffentlichung des Artikels <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/113891\/Coronaverdacht-Neue-EBM-Leistungen-fuer-Abstrich-und-Laboruntersuchung\">meldet die Kassen&auml;rztliche Bundesvereinigung<\/a>, dass sie zusammen mit den Gesetzlichen Krankenkassen zu einer Regelung gefunden habe, die eine &Uuml;bernahme der Testkosten f&uuml;r solche F&auml;lle regelt. Bleibt abzuwarten, ob dies auch von allen niedergelassenen &Auml;rzten so gehandhabt wird.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/f99f6bd4b9ed4583bc96a35aca952cb5\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit gestern ist die viel diskutierte &bdquo;Corona-App&ldquo; der Bundesregierung verf&uuml;gbar. Der mediale Trommelwirbel war eindrucksvoll. Kritische T&ouml;ne fanden da keinen Platz. Das ist bemerkenswert, da Sinn und Zweck einer solchen Tracing-App selbst unter idealen Bedingungen zumindest fragw&uuml;rdig sind. Die App ist jedoch mehr. Sie ist auch ein gro&szlig;es soziales Experiment. 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