{"id":622,"date":"2005-07-06T13:59:23","date_gmt":"2005-07-06T11:59:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=622"},"modified":"2016-03-13T08:41:06","modified_gmt":"2016-03-13T07:41:06","slug":"illusorische-reformitis-dieses-urteil-gilt-auch-fur-die-sympathische-burgerversicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=622","title":{"rendered":"Illusorische Reformitis &#8211; dieses Urteil gilt auch f\u00fcr die sympathische B\u00fcrgerversicherung"},"content":{"rendered":"<p>Von Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler in K&ouml;ln, haben wir gelegentlich Texte &uuml;bernommen, weil sie gut waren. Heute muss ich auf einen Text hinweisen, den ich nicht schl&uuml;ssig finde. Er n&auml;hrt die Illusion, die B&uuml;rgerversicherung w&auml;re umsetzbar.<br>\nUnter dem Titel &ldquo;Wie die Saat aufgeht &ndash; Gr&uuml;ne und SPD pl&auml;dieren f&uuml;r eine B&uuml;rgerversicherung, entscheidend aber ist, wie solidarisch sie ausgestaltet wird&ldquo;, erschien sein Beitrag in der <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=695665&amp;ref=\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/\">Frankfurter Rundschau vom 4. Juli<\/a>.<br>\nDie B&uuml;rgerversicherung wird auch von der SPD und dort vor allem von dem verbliebenen, sich links nennenden Teil, propagiert. Eine solche Reform w&auml;re mit Sicherheit sozialer als die Kopfpauschale der CDU, f&uuml;r die auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger eintritt. Dennoch m&ouml;chte ich in Stichworten einige kritische Anmerkungen dazu machen.<br>\n<!--more--><br>\nErstens: es ist eine Illusion zu glauben, ein solches Projekt w&auml;re gegen die Mehrheit der Union im Bundesrat, mit der wir vermutlich l&auml;ngere Jahre zu rechnen haben, durchsetzbar. Sie wird nicht einmal von einer rot-gelben Konstellation wie zum Beispiel von Rheinland-Pfalz akzeptiert werden. <\/p><p>Zweitens: es gibt rechtliche und praktische Einw&auml;nde. So sollen in der B&uuml;rgerversicherung sowohl die normalen Einkommen aus L&ouml;hnen und Gewinnen als auch Zinsen, Dividenden, Tantiemen, Miet- und Pachterl&ouml;se erfasst werden. Heute ist es nicht einmal m&ouml;glich, sicherzustellen, dass alle Zinseinkommen in der Einkommensteuer erfasst werden. Die Dunkelziffer liegt weit &uuml;ber der H&auml;lfte. Und jetzt will man es schaffen, die Zinseink&uuml;nfte auch noch bei der Krankenversicherung &ndash; bei Butterwegge auch noch in der Pflege- und Rentenversicherung &ndash; einzubeziehen? Damit versch&auml;rft man die G&uuml;ltigkeit der Feststellung: &bdquo;Der Ehrliche ist der Dumme&rdquo;.<br>\nEs wird vermutlich auch nicht m&ouml;glich sein, die Bediensteten des &ouml;ffentlichen Dienstes aus der Beihilferegelung herauszul&ouml;sen. Jedenfalls wird dies ein unheimlich langwieriges Gew&uuml;rge werden. <\/p><p>Drittens: die B&uuml;rgerversicherung ist auf keinen Fall leichter umzusetzen und leichter zu gestalten als der Alternativvorschlag &bdquo;Wertsch&ouml;pfungsabgabe&ldquo;. Butterwegge weist mit Recht daraufhin, dass dieser Vorschlag in fr&uuml;heren Programmen der SPD enthalten war und sp&auml;ter verschwunden ist. Mit der Wertsch&ouml;pfungsabgabe w&uuml;rde man statt der Lohnsumme eines Unternehmens die gesamte Wertsch&ouml;pfung erfassen und darauf zum Beispiel die Leistungen f&uuml;r die Krankenkasse oder auch f&uuml;r die Rentenversicherung festmachen. Das w&uuml;rde tendenziell die arbeitsintensiven Betriebe mit hohem Lohnanteil entlassen und die kapitalintensiven Betriebe leicht mehr belasten. Ein einfache und sinnvolle Regelung. Warum kommt man darauf nicht zur&uuml;ck, wenn man schon unbedingt reformieren will? Die Reformer, so mein Eindruck, denken gar nicht mehr rational. Sie wollen im &ouml;ffentlichen Gespr&auml;ch bleiben und schlagen deshalb immer neues vor, auch wenn es schlechter ist als das schon Andiskutierte. <\/p><p>Beim Thema B&uuml;rgerversicherung haben wir es mit dem gleichen Ph&auml;nomen zu tun, mit dem wir uns in der &ouml;ffentlichen Debatte insgesamt herum zu schlagen haben: die Meinungsf&uuml;hrer und offenbar auch die Wissenschaft genauso wie die Politik haben verinnerlicht, wir litten vor allem unter Reformstau und einem Mangel an Strukturreformen. Einmal auf die Basis dieses Irrglaubens gestellt, marschieren die Reformer los, ohne Blick nach rechts und links. Offenbar muss sich auch ein Wissenschaftler wie Prof. Butterwegge dieser Tendenz beugen. <\/p><p>Nachtrag zum Thema Kopfpauschale: den Krankenkassenbeitrag an Personen festzumachen, w&auml;re vom Prinzip her durchaus rational. Da aber die heutige Krankenversicherungsregelung eine Menge von sozialen und familienpolitischen Ausgleichs-Elementen enth&auml;lt, w&uuml;rde die nackte Kopfpauschale eine Menge neuer Ungerechtigkeiten und sozialen Schieflagen mit sich bringen. Die Vorstellungen der Union und auch die Vorstellungen von Bofinger, man k&ouml;nne dann mit Ausgleichszahlungen ein St&uuml;ck der verlorenen sozialen Gerechtigkeit wiederherstellen, ist angesichts leerer Kassen und angesichts der Schwierigkeiten der Gestaltung solcher Ausgleichszahlungen, mindestens ebenso illusion&auml;r wie die B&uuml;rgerversicherung. <\/p><p>Das Fazit kann in einer solchen Situation nur hei&szlig;en: macht kleinere Reformen an dem bestehenden System und lasst ansonsten dieses Land endlich mal zur Ruhe kommen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler in K&ouml;ln, haben wir gelegentlich Texte &uuml;bernommen, weil sie gut waren. 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