{"id":6226,"date":"2010-07-20T17:04:48","date_gmt":"2010-07-20T15:04:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6226"},"modified":"2014-03-05T10:39:19","modified_gmt":"2014-03-05T09:39:19","slug":"die-abstimmung-in-hamburg-ist-auch-ein-erfolg-der-denunziation-gesellschaftspolitischen-engagements-mit-hilfe-des-etiketts-gutmensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6226","title":{"rendered":"Die Abstimmung in Hamburg ist auch ein Erfolg der Denunziation gesellschaftspolitischen Engagements mit Hilfe des Etiketts \u201eGutmensch\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Einordnungsversuch des Vorgangs in Hamburg, auch in Erg&auml;nzung der heutigen Hinweise, und unter B. eine Kritik am Tenor unserer Hinweise und zwei vertiefende Erg&auml;nzungen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><ol type=\"A\">\n<li><strong>Einige Gedanken zur Abstimmung in Hamburg:<\/strong>\n<ol>\n<li>Vor 30 Jahren noch  war es selbstverst&auml;ndlich, dass sich Menschen mit gutem und sehr gutem Einkommen und mit respektablem beruflichen Erfolg Gedanken dar&uuml;ber machen konnten, wie die wirtschaftliche Lage und die Lebenswelt auch der weniger Erfolgreichen und Benachteiligten zum Besseren gewendet werden k&ouml;nnte. Es war einmal selbstverst&auml;ndlich, dass ein betr&auml;chtlicher Kreis von Gutverdienenden in und au&szlig;erhalb der Parteien die Sorge f&uuml;r die Mehrheit der Menschen einschlie&szlig;lich der Benachteiligten zu ihrer eigenen Sache machten. Dann ist das Etikett &bdquo;Gutmensch&ldquo; &ndash; vermutlich gezielt &ndash; erfunden und in die Diskussion eingef&uuml;hrt worden. In Deutschland ist die Agitation von einigen Zynikern aus dem gleichen Milieu der Bessergestellten betrieben worden, mit dem Spiegel als eine Art von Speerspitze. Fortan musste man sich rechtfertigen, wenn man f&uuml;r etwas anderes eintrat als das eigene egoistische Interesse. Die gesellschaftspolitischen Egoisten bestimmten die Tonlage. Ihr Verhalten und ihre Agitation war gesellschaftsf&auml;hig geworden.\n<\/li>\n<li>Selbstverst&auml;ndlich haben die Menschen zu allen Zeiten auch immer darauf geachtet, dass ihre eigenen Interessen von der Politik beachtet werden. Das ist nicht zu bestreiten. Aber diese ich-bezogene Komponente war eben oft begleitet oder konterkariert von einer altruistischen Komponente. Engagement f&uuml;r andere, gesellschaftspolitisches Engagement auch jenseits der Caritas kam bei vielen hinzu.\n<\/li>\n<li>Dass heute in der &ouml;ffentlichen Debatte und in der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung das Eigeninteresse der Menschen eine so dominante Rolle spielt, hat viel mit den Meinungsf&uuml;hrern in der Politik und den Medien zu tun. Man konnte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts beobachten, wie der Freiraum f&uuml;r gesellschaftspolitische und altruistisch gef&auml;rbte programmatische Ideen erweitert wurde. Gut verdienende Wissenschaftler und Politiker haben h&ouml;here Einkommensteuers&auml;tze, eine h&ouml;here Erbschaftssteuer oder die Kappung des Ehegattensplittings gefordert. Die bildungspolitische Debatte war wesentlich gepr&auml;gt von Erw&auml;gungen, das System durchl&auml;ssiger und gerechter zu machen. &bdquo;Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten&ldquo; &ndash; diese Parole zierte Anfang der Siebzigerjahre ein Flugblatt der SPD.\n<\/li>\n<li>Dann hat die Politik und mit ihnen die Medien &uuml;ber weite Strecken die programmatische Diskussion und insbesondere die F&uuml;rsorge f&uuml;r die Schw&auml;cheren ausgeblendet. Schon 1973 begann zum Beispiel die SPD als Kanzlerpartei den Schwenk zur Beachtung und Glorifizierung dessen, was nach Abz&uuml;gen in der Lohnt&uuml;te bleibt. Die damals einsetzende &ouml;ffentliche Kampagne f&uuml;r geringere Abz&uuml;ge und &ndash; in der heutigen Sprache &ndash; f&uuml;r mehr netto vom brutto, und die Reaktion der Politik darauf habe ich insbesondere im Kapitel 13 des Buches &bdquo;Meinungsmache&ldquo;(&bdquo;Die Verarmung des Staates als strategischer Hebel&ldquo;) eingehend beschrieben.(Siehe dazu die Ziffer 7. der <a href=\"?page_id=4138\">Leseproben aus &bdquo;Meinungsmache&ldquo; hier in den NachDenkSeiten<\/a> Damals hat die SPD und sp&auml;ter haben die Gr&uuml;nen &uuml;ber weite Strecken (nicht &uuml;berall) ihre meinungsf&uuml;hrende Rolle zu Gunsten der Schw&auml;cheren in unserer Gesellschaft aufgegeben. Es ist deshalb kein Wunder, dass sie jetzt in Hamburg zusammen mit der CDU im Regen stehen. Man kann nicht aus dem Stand die Waffen schmieden, mit denen man eine Kampagne wie jene der Mittel- und Oberschicht Hamburgs zu Gunsten des bisherigen Systems der fr&uuml;heren Trennung von Kindern konterkarieren k&ouml;nnte.\n<\/li>\n<li>Also bleibt, wenn die Verlierer von Hamburg nicht nur Anpasser an den gemachten Zeitgeist sein wollen, nichts weiter &uuml;brig, als langfristig angelegt daran zu arbeiten, wieder mehr Menschen f&uuml;r eine Politik jenseits ihrer eigenen egoistischen Interessen zu interessieren und zu gewinnen.\n<\/li>\n<li>Zu einer Offensive gegen die Dominanz des Egoismus der besser gestellten geh&ouml;rt auch eine deutliche weltanschauliche Auseinandersetzung mit den Propagandisten gegen das Gutmenschentum. Und es geh&ouml;rt dringend dazu, jene Politiker wie Sarazin und so genannte Wissenschaftler wie Baring und Politiker wie Westerwelle, die sich in inhumaner Polemik gegen jene Menschen und Gruppen, die man der Unterschicht zurechnet, gefallen, zu isolieren.\n<\/li>\n<li>Der Vorgang von Hamburg hat &uuml;brigens sehr viel mit der Kernaussage von &bdquo;Meinungsmache&ldquo; zu tun: Die Bessergestellten haben entdeckt, dass sie ihre Minderheitenposition in der demokratischen Gesellschaft dadurch korrigieren k&ouml;nnen, dass sie ihre Interessen mithilfe von Propaganda, mit viel Geld und publizistischer Macht durchsetzen. Diese Aushebelung des Gedankens der Demokratie ist das eigentliche Signal der Bedrohung, das vom vergangenen Sonntag ausgeht.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Drei NDS-Lesermails: <\/strong>\n<ol>\n<li><strong>K.-H. H.:<\/strong>\n<p>ich verfolge die Beitr&auml;ge auf den Nachdenkseiten stets mit gro&szlig;em Interesse und stimme den Inhalten auch weitgehend zu. Es ist sch&ouml;n, eine solche kritische Seite zu haben, die einem immer wieder interessante Links und Stellungnahmen liefert. <\/p>\n<p>Bei Ihren vermehrten Kommentaren zur Volksabstimmung in Hamburg &uuml;ber die Einf&uuml;hrung einer Primarschule kann ich nun allerdings nur mit dem Kopf sch&uuml;tteln, denn hier stimmen Sie genauso in den Chor der Medien ein wie alle anderen und bauschen die Angelegenheit zum Klassenkampf hoch. <\/p>\n<p>Zugegebenerma&szlig;en kann man auch, oberfl&auml;chlich betrachtet, zu diesem Urteil kommen, und mir ist der Initiator der Gegenbewegung auch nicht wirklich sympathisch, allerdings habe ich den Eindruck, dass hier doch auf allen Seiten in erster Linie der Ideologiegaul durchdreht und kopflos losgaloppiert. <\/p>\n<p>Ich hab in den 90er-Jahren Lehramt an Grund- und Hauptschulen studiert und konnte somit die Debatte um die Abschaffung der Orientierungsstufe in Niedersachsen sehr direkt verfolgen. Zudem habe ich im Rahmen eines Schulpraktikums Erfahrungen mit Hauptsch&uuml;lern, welche frisch von der OS (=Orientierungsstufe) kamen, machen k&ouml;nnen. Diese waren durch die Bank weg vollkommen frustriert von der Schule, da sie auf der OS so gut wie nichts gelernt haben und in der Regel nur F&uuml;nfen, Sechsen sowie &ldquo;ohne Wertung&rdquo; in Arbeiten und Zeugnissen bekommen haben. Diese Kinder waren nun nicht alle nur Migranten- oder Unterschichtskinder, sondern kamen &uuml;berwiegend aus einer guten bis gehobenen Mittelschicht, was in erster Linie daran liegt, dass die Schule im eher l&auml;ndlichen Ort Stelle in der N&auml;he von Winsen\/Luhe liegt. <\/p>\n<p>Sie ahnen, worauf ich hinausm&ouml;chte: Es gibt nach der vierten Klasse meiner Erfahrung und Einsch&auml;tzung nach bereits einen gro&szlig;en Differenzierungsdruck. Diesen habe ich sogar damals schon als Sch&uuml;ler wahrgenommen, und ich glaube, dass die Schulklassen der Grundschulen heute eher noch pluralistischer vom Leistungsspektrum der Sch&uuml;ler sind als vor gut 30 Jahren. Das mag unsch&ouml;ne Ursachen haben, die bestimmt auch einiges damit zu tun haben, aus welchen materiellen\/sozialen Verh&auml;ltnissen die Kinder kommen, ist aber erst mal nicht so ohne Weiteres wegzudiskutieren. Denn hier liegt m. E. der Hund begraben: Anstatt sich zu &uuml;berlegen, wie es geschafft werden kann, dass diese Unterschiede von vornherein nivelliert werden k&ouml;nnen, soll nun quasi &ldquo;von hinten&rdquo; daran herumgedoktert werden. <\/p>\n<p>Das begabte Arbeiterkind hat also nichts davon, wenn weniger starke Lerner aus der Oberschicht es am Lernen hindern und es &uuml;berwiegend gelangweilt unterfordert im Unterricht sitzt, genauso wie die schwachen Oberschichtskinder nichts davon haben, wenn sie st&auml;ndig schulisch &uuml;berfordert sind. Hier w&auml;re es sinnvoll, den Klassenkampf mal beiseitezuschieben und einfach nur die Situation der Kinder in den Klassen ins Auge zu fassen. <\/p>\n<p>Ma&szlig;nahmen wie Kindergarten f&uuml;r alle (kostenfrei) ab 3 Jahren, kleinere Klassen, besser ausgebildete Lehrer, h&ouml;here Durchl&auml;ssigkeit der einzelnen Schulsysteme (wichtig f&uuml;r &ldquo;Sp&auml;tz&uuml;nder&rdquo;), Ganztagsschulen mit Betreuungs- und Freizeitangeboten usw. w&auml;ren m. E. besser geeignet, um eine in der Breite besser aufgestellte Schulbildung zu erreichen. <\/p>\n<p>Beste Gr&uuml;&szlig;e <\/p>\n<p>K.-H. H.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Mail von G.G.:<\/strong>\n<p>ich sende Ihnen einfach mal meine Meinung zur Volksabstimmung bzgl. der Bildungsreform in Hamburg und bedanke mich bei Ihnen f&uuml;r die Nachdenkseiten!<br>\n&nbsp;<br>\nMich erf&uuml;llen die Jubelschreie der Ministerin Schavan &uuml;ber die Volksabstimmung in Hamburg zur Schulreform mit Unverst&auml;ndnis und mit Zorn! Sie feiert den Fortbestand der schulischen Selektion von Kindern.<br>\nWie erkl&auml;rt sich denn die Frau Ministerin die Tatsache, dass in der ehemaligen DDR 98% aller Sch&uuml;ler mindestens die 10.Klasse abgeschlossen haben, lese-, schreib-, rechenf&auml;hig und ausbildungsf&auml;hig waren? (Nicht wegen, sondern trotz Margot Honecker, trotz politischer Repressalien und politischer Drangsalierungen im DDR-Schulsystem).<br>\nDiese Tatsache ist keine nachtr&auml;gliche Verherrlichung der DDR! Nein, es ist einfach ein Beweis daf&uuml;r, (und es wird auch in Finnland auch ohne Altkommunisten und ohne Stalinisten st&auml;ndig f&uuml;r jeden sichtbar best&auml;tigt,) dass alle Kinder&nbsp;&uuml;ber die erforderlichen&nbsp;genetischen&nbsp; und&nbsp; geistigen Voraussetzungen f&uuml;r eine erfolgreiche Schulausbildung verf&uuml;gen.<br>\nAuf welcher ethischen Grundlage basiert denn unser dreigliedriges Schulsystem. Das Schulsystem, das Frau Schavan so liebt?&nbsp;Auf der Gnade der reichen Geburt?<br>\n&nbsp;<br>\n&ldquo;Liebe Frau Schavan: Kinder werden nicht doof geboren, sie werden nur im System oft doof gemacht&rdquo;<br>\n&nbsp;<br>\nWie erkl&auml;rt&nbsp;es denn die Frau Ministerin einem B&uuml;rger, einem ehemaligen Lehrer aus Sachsen Anhalt (21 Jahre im DDR-Schulsystem, 16 Jahre im bundesdeutschem Schulsystem), einem Gro&szlig;vater den Sachverhalt, dass&nbsp;unsere Kinder zwar ohne Nachhilfeindustrie und ohne Nachhilfezirkus sowohl den Satz des Pythagoras, das ohmsche Gesetz, die Integralrechnung begriffen haben, dass &nbsp;heute aber 20%&nbsp;unserer Enkel mit der Bruchrechnung &uuml;berfordert sind und ohne Nachhilfezirkus schulisch scheitern&nbsp; und nicht mehr die Ausbildungsreife erreichen w&uuml;rden!<br>\nMacht Sie dies nicht nachdenklich?!<br>\nHaben sich die Gene unserer Enkelkinder innerhalb von 20 Jahren so drastisch&nbsp;&nbsp;verschlechtert?<br>\nSind unsere Kinder wirklich nur noch zum Erbsenz&auml;hlen f&auml;hig?<br>\nOder haben wir ein miserables Schulsystem, in dem Kultusminister stolz darauf sind und sich&nbsp;berufen f&uuml;hlen,&nbsp; Kinder in &ldquo;dumm&rdquo; und in &ldquo;doof&rdquo; zu sortieren, ohne sich zu sch&auml;men!<br>\n&nbsp;<br>\nBrauchen wir wirklich 17 Kultusminister f&uuml;r einen einzigen Satz des Pythagoras?!<br>\nBrauchen wir wirklich 16 verschiedene Schulsysteme, die bei jeder Landtagswahl Verhandlungsmasse sind?<br>\nWie lange d&uuml;rfen noch halbgebildete Politiker, selbst ernannte Bildungsexperten aus machtpolitischen Gr&uuml;nden mit&nbsp; unseren Kindern herumexperimentieren?<\/p><\/li>\n<li><strong>Mail E.S. aus Br&uuml;ssel:<\/strong><br>\nLiebe NDS Macher,<br>\nEs w&uuml;rde sich lohnen, aus diesem Anlass einmal die oft sehr naive Denke im Zusammenhang mit &ldquo;mehr B&uuml;rgerbeteiligung durch Volksentscheide&rdquo; zu thematisieren, was viele unreflektiert f&uuml;r den&nbsp; Ausdruck eines fortschrittlichen, emanzipatorischen Politikansatzes halten.<br>\nWas man aus Hamburg lernen kann ist (u.a.), dass eine gut organisierte, materiell gut aufgestellte Minderheit dieses Instrument gegen die objektiven Interessen der Mehrheit wirkungsvoll in Stellung bringen kann, und das in diesem Falle sogar gegen die Position ALLER in der B&uuml;rgerschaft vertretenen Parteien&hellip;.. (Nur die 4,9% Partei FDP hat das B&uuml;rgerbegehren unterst&uuml;tzt&hellip;..)<br>\nGerade einmal gut 20% aller Wahlberechtigten haben ausgereicht, um das Projekt Prim&auml;rschule zu Fall zu bringen&hellip;&hellip;&hellip;.<br>\nMehr Demokratie? Wohl kaum&hellip;.!<br>\nEin Lehrst&uuml;ck, in vielerlei Hinsicht&hellip;&hellip;&hellip;<br>\nGruss aus Br&uuml;ssel<br>\nE. S.\n<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<ol>\n<\/ol><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Einordnungsversuch des Vorgangs in Hamburg, auch in Erg&auml;nzung der heutigen Hinweise, und unter B. eine Kritik am Tenor unserer Hinweise und zwei vertiefende Erg&auml;nzungen. 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