{"id":62334,"date":"2020-06-25T13:01:42","date_gmt":"2020-06-25T11:01:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62334"},"modified":"2020-06-25T14:32:59","modified_gmt":"2020-06-25T12:32:59","slug":"kirgistan-armut-und-instabilitaet-in-der-schweiz-zentralasiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62334","title":{"rendered":"Kirgistan: Armut und Instabilit\u00e4t in der \u201eSchweiz Zentralasiens\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der ehemalige Pr&auml;sident von Kirgistan, Almasbek Atambajew, wurde wegen Korruption zu elf Jahren Gef&auml;ngnis verurteilt. Die Verarmung in Kirgistan f&uuml;hrt zu sozialen Protesten, dabei h&auml;tte Kirgistan genug, um seine B&uuml;rger zu ern&auml;hren. Das Land ist reich an Bodensch&auml;tzen und hat ein gro&szlig;es touristisches Potential. Doch die von neoliberalen westlichen Beratern empfohlene Entstaatlichung Kirgistans f&uuml;hrte nicht zu Wohlstand, sondern zu Armut und einer Herrschaft neuer Oligarchen. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Dienstag hat das Perwomaiski-Gericht in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek den ehemaligen Pr&auml;sidenten von Kirgistan, Almasbek Atambajew, wegen Korruption <a href=\"https:\/\/www.interfax.ru\/world\/714351\">zu elf Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt<\/a>. Seine staatlichen Auszeichnungen wurden dem ehemaligen Pr&auml;sidenten aberkannt und sein Eigentum eingezogen. Zu dem Eigentum geh&ouml;ren ein Medienunternehmen, ein Fernsehkanal, eine Fabrik und Wertpapiere in kirgisischen Banken.<\/p><p><strong>Ankl&auml;ger: Beihilfe bei der Freilassung einer kriminellen &bdquo;Autorit&auml;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Atambajew, der von 2011 bis 2017 Pr&auml;sident Kirgistans war, wird vorgeworfen, er habe &uuml;ber Korruption die Freilassung des bekannten Kriminellen Asis Batukajew erm&ouml;glicht. Atambajew hat die Vorw&uuml;rfe gegen ihn als &bdquo;politisch motiviert&ldquo; zur&uuml;ckgewiesen. Seine Anw&auml;lte wollen das Urteil anfechten.<\/p><p>Der Angeklagte hatte das Schlusswort im Prozess gegen ihn verweigert. Atambajew war der Verhandlung mehrere Male ferngeblieben. Das Strafverfahren gegen ihn bezeichnete er als ein &bdquo;von der Macht gesteuertes&ldquo; Verfahren.<\/p><p>Wegen der Freilassung der kriminellen &bdquo;Autorit&auml;t&ldquo; Batukajew waren 2019 auch der fr&uuml;here Vizepremier Schamil Atachanow und die ehemalige Gesundheitsministerin Dinara Saginbajewa verhaftet worden. Sie und andere hohe Beamte wurden jetzt von dem Gericht in Bischkek zu Geld- und Hausarrest-Strafen verurteilt.<\/p><p><strong>Nach Tschetschenien &uuml;bergesiedelt<\/strong><\/p><p>Der Kriminelle Batukajew war 2006 wegen der Organisierung eines Aufstandes in einem Gef&auml;ngnis in einer Vorstadt von Bischkek zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. 2013 wurde Batukajew auf Bew&auml;hrung freigelassen. Hohe Beamte des Gesundheitsministeriums hatten bei Batukajew Blutkrebs diagnostiziert. Die Diagnose war nach Meinung des Gerichts gef&auml;lscht.<\/p><p>Wenige Stunden <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20200623\/1573365575.html\">nach seiner Freilassung<\/a> bekam Batukajew einen neuen Pass, worauf er in die russische Kaukasusrepublik Tschetschenien &uuml;bersiedelte.<\/p><p><strong>Sturm auf die Villa von Ex-Pr&auml;sident Atambajew<\/strong><\/p><p>Der jetzt wegen Beg&uuml;nstigung eines Kriminellen verurteilte ehemalige Pr&auml;sident von Kirgistan, Atambajew, wurde am 9. August 2019 verhaftet. Das war nicht einfach gewesen, denn Atambajew hatte sich in seiner Villa verschanzt, wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YH9LQ0yT6bU\">dieses Video<\/a> zeigt. Es war zu Schie&szlig;ereien mit den Sicherheitskr&auml;ften gekommen. Hunderte von Dorfeinwohnern hatten um die Villa von Atambajew Barrikaden gebaut, um die Verhaftung zu verhindern. 130 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen verletzt.<\/p><p><strong>Um Unterst&uuml;tzung bei Putin nachgesucht<\/strong><\/p><p>Der jetzt verurteilte Atambajew wurde 1956 im kirgisischen Dorf Araschan geboren. Am Moskauer Institut f&uuml;r Verwaltung absolvierte er 1980 eine Ausbildung als Ingenieur. 1989 wurde Atambajew Unternehmer. Nach der kirgisischen &bdquo;Tulpenrevolution&ldquo; 2005 wurde er Minister f&uuml;r Industrie. Viele Jahre war Atambajew Leiter der Sozialdemokratischen Partei von Kirgistan. Vor seiner Verhaftung hatte er noch in Moskau Putin besucht und offenbar um R&uuml;ckdeckung wegen eines Strafverfahrens gehofft. Doch der Kreml hatte schon gute Beziehungen zu dem neuen Pr&auml;sidenten Kirgistans, Sooronbaj Dscheenbekow, aufgebaut.<\/p><p><strong>Die Rolle der westlichen Berater<\/strong><\/p><p>In Kirgistan gab es seit 2005 schwere politische Ersch&uuml;tterungen. Die &bdquo;Tulpenrevolution&ldquo; jagte den Pr&auml;sidenten Askar Akajew aus dem Land. Der Physikprofessor hatte das Land seit 1991 regiert und fand ein Exil in Moskau.<\/p><p>Durch die Tulpenrevolution bekam der Ingenieur Kurmanbek Bakijew das Amt des Pr&auml;sidenten. Doch auch dieser Pr&auml;sident wurde im April 2010 wegen Vetternwirtschaft und offenbar gef&auml;lschter Pr&auml;sidentschaftswahlen im Zuge einer Stra&szlig;enrevolte gest&uuml;rzt. Bakijew fl&uuml;chtete nach Wei&szlig;russland.<\/p><p>Im Juni 2010 kam es im S&uuml;den von Kirgistan zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der ethnischen Minderheit der Usbeken. Hunderte Menschen kamen dabei ums Leben. Hunderttausende Usbeken fl&uuml;chteten aus Kirgistan nach Usbekistan. Warum die Polizei diese Unruhen nicht verhinderte und ob es politische Drahtzieher gab, ist bis heute nicht gekl&auml;rt.<\/p><p><strong>&bdquo;Humanit&auml;re Katastrophe&ldquo;<\/strong><\/p><p>Soviel ist sicher: Die Verarmung in Kirgistan f&uuml;hrt zu sozialen Protesten und Revolten. Dabei h&auml;tte Kirgistan genug, um seine B&uuml;rger zu ern&auml;hren. Das Land ist reich an Bodensch&auml;tzen &ndash; Gold, Uran, seltene Metalle &ndash; und hat ein gro&szlig;es touristisches Potential. Doch die von neoliberalen westlichen Beratern empfohlene Entstaatlichung Kirgistans f&uuml;hrte nicht zu Wohlstand, sondern zu Armut und einer Herrschaft neuer Oligarchen.<\/p><p>Westliche Medien und Berater, die in Kirgistan seit 1991 sehr aktiv waren, priesen das zentralasiatische Land als die &bdquo;Schweiz Zentralasiens&ldquo;. Derartige Lobpreisungen kamen etwa von dem schwedischen &Ouml;konomen Anders Aslund. Er ist Mitglied des Atlantic Council und hat seit 1991 die Regierungen von Russland, der Ukraine und Kirgistan beraten. In einem Jubel-Aufsatz f&uuml;r die Moscow Times schrieb Aslund 2010: &bdquo;Kirgistan ist eines der attraktivsten post-sowjetischen L&auml;nder und das einzige Land Zentralasiens, welches frei ist. Die Bev&ouml;lkerung ist warmherzig und gut ausgebildet, die Zivilgesellschaft und die Offenheit entwickeln sich so wie nirgends sonst in der fr&uuml;heren Sowjetunion.&ldquo; Es g&auml;be zwar eine hohe Korruption, aber die lasse sich mit dem konsequenten Aufbau demokratischer Strukturen stoppen. Vorbild sei der Pr&auml;sident von Georgien, Michail Saakaschwili.<\/p><p><strong>Stromabschaltungen trotz Wasserkraftwerken<\/strong><\/p><p>Der Politologe Nur Omarow von der Kirgisisch-Russischen Universit&auml;t in Bischkek zeigte ein v&ouml;llig anderes Bild. Schon seit 2007 herrschte in Kirgistan eine &bdquo;humanit&auml;re Katastrophe&ldquo;, schrieb der Wissenschaftler im Februar 2009 in einem Aufsatz f&uuml;r die Zentralasien-Nachrichten. Eine Million Menschen litten unter Lebensmittelknappheit. Weil illegal viel Strom abgezweigt wird und die Korruption ein &Uuml;briges tut, musste die Bev&ouml;lkerung 2008 t&auml;glich bis zu zw&ouml;lfst&uuml;ndige Stromabschaltungen hinnehmen. Und das, obwohl Kirgistan zahlreiche Wasserkraftwerke hat.<\/p><p>Der Westen hat mit Wirtschaftshilfe und Beratern f&uuml;r das kleine Land am Pamir-Gebirge nicht gegeizt. &bdquo;Kirgistan erhielt die h&ouml;chste internationale Hilfe pro Kopf der Bev&ouml;lkerung in Zentralasien&ldquo;, hei&szlig;t es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2009. Kirgistan wurde zum Vorzeige-Staat f&uuml;r den besonders schnellen Ritt zur Marktwirtschaft. 1998 wurde das Land Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Der Beitritt f&uuml;hrte zum &bdquo;nachhaltigen Abbau nationaler Produktionsstrukturen&ldquo;, stellt die Studie n&uuml;chtern fest.<\/p><p><strong>&bdquo;Bereicherung einer kleinen Oberschicht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es h&auml;tte hei&szlig;en m&uuml;ssen, die Schocktherapie der westlichen Berater &uuml;berlebte die Bev&ouml;lkerung nur durch die Bestellung der eigenen, kleinen G&auml;rten und &Auml;cker. Das kleine Land, das an Fl&uuml;ssen, Weiden und &Auml;ckern so reich ist, kann seine B&uuml;rger heute nicht ern&auml;hren. Die Privatisierung habe zur &bdquo;Bereicherung einer kleinen Oberschicht&ldquo; gef&uuml;hrt, hei&szlig;t es in der Bertelsmann-Studie von 2009.<\/p><p>Die Konrad-Adenauer-Stiftung fragte 2019 <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/de\/laenderberichte\/detail\/-\/content\/innenpolitische-krise-in-kirgisistan\">in einer Studie<\/a>, &bdquo;ob die Demokratie in Kirgisistan &uuml;bersch&auml;tzt wurde? Nur die Tatsache allein, dass im Land Wahlen und regelm&auml;&szlig;ige Machtwechsel stattfinden, macht es noch nicht zu einer funktionierenden Demokratie. Denn wie die j&uuml;ngere kirgisische Vergangenheit zeigt, brachten Revolutionen und Machtwechsel regelm&auml;&szlig;ig antidemokratische Pers&ouml;nlichkeiten an die Spitze des Staates.&ldquo; Korruption und Islamismus in Kirgistan n&auml;hmen zu. Die kirgisische &bdquo;Vorzeigedemokratie&ldquo; sei wohl &bdquo;nicht mehr als ein Demokratieprojekt gewesen&ldquo;. Was der Westen nun eigentlich Positives in Kirgistan erreicht hat, sagt die Studie nicht.<\/p><p><strong>Goldmine in der Hand einer kanadischen Firma<\/strong><\/p><p>Trotz des politischen Chaos in Kirgistan: Eine westliche Firma hat einen Nutzen. Die kirgisische Goldmine Kumtor wird von der kanadischen Firma <a href=\"https:\/\/www.centerragold.com\/\">Centerra Gold<\/a> betrieben. Die Mine tr&auml;gt heute 40 Prozent des kirgisischen Exports.<\/p><p>Gegen die Mine gibt es immer wieder <a href=\"https:\/\/lenta.ru\/articles\/2013\/05\/31\/gold\/\">Proteste<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/newsticker\/kirgistan-goldmine-besetzt-1.18090812\">Blockaden<\/a>. Arbeiter und Anwohner forderten die Verstaatlichung der Mine, h&ouml;here soziale Leistungen und Infrastrukturma&szlig;nahmen, doch ohne Erfolg.<\/p><p>Lebenswichtig f&uuml;r die Menschen in Kirgistan sind die Einkommen der kirgisischen Arbeitsmigranten in Russland. In Kirgistan leben heute 6,2 Millionen Menschen. 650.000 Kirgisen &ndash; also etwa zehn Prozent der Bev&ouml;lkerung &ndash; <a href=\"https:\/\/www.bfm.ru\/news\/394683\">arbeiteten 2018 als Arbeitsmigranten in Russland<\/a>.<\/p><p><strong>Der Westen f&uuml;hlt sich unschuldig<\/strong><\/p><p>Russische Beobachter bef&uuml;rchten nun, dass das Urteil gegen den ehemaligen kirgisischen Pr&auml;sidenten Atambajew von politischen Kr&auml;ften genutzt werden k&ouml;nne, um Spannungen zu sch&uuml;ren.<\/p><p>Der Westen ist schockiert von den Entwicklungen in Kirgistan, sieht sich aber in keiner Weise mitschuldig, dass die &bdquo;Schweiz Zentralasiens&ldquo; zum &auml;rmsten Land der Region wurde.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/e0076572c9564263a835591805c7a499\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige Pr&auml;sident von Kirgistan, Almasbek Atambajew, wurde wegen Korruption zu elf Jahren Gef&auml;ngnis verurteilt. 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